Bild: Markus Schreiber/dpa
Davos zeigt, wer im Ringen um die Zukunft echte Macht hat – und wer nur gefühlte.

Greta Thunberg resigniert gleich zu Beginn ihrer Rede. Die Klimaaktivistin ist 17, Begründerin der größten Jugendbewegung unserer Zeit und spricht vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos – wie schon im Jahr zuvor. Wieder hat sie gewarnt, unser Planet stehe in Flammen und es sei nun wirklich die Zeit für Panik – wie schon im Jahr zuvor.

Was anders ist: Greta Thunberg wirkt erschöpft. Und das liegt nicht nur an ihrer Erkältung. Sondern auch an ihren Worten. Sie reflektiert, was seit ihrer Rede vor einem Jahr geschehen ist. Damals habe man sie gewarnt, das Wort "Panik" zu benutzen, sei gefährlich: "Glaubt mir, ich habe das schon mal gemacht und ich kann euch versichern, es führt zu nichts." Ihr Alarmismus hat nicht gezündet.

Seit anderthalb Jahren geht Greta Thunberg demonstrieren. Das Mädchen mit dem Protestplakat hat mittlerweile Millionen aus aller Welt hinter sich versammelt. Schülerinnen, Schüler und junge Erwachsene gehen bei "Fridays for Future" regelmäßig für den Klimaschutz auf die Straße, treffen sich mit Wirtschaftsbossen, sind zu Streitgesprächen mit Politikerinnen und Politikern geladen. 

Vor zwei Jahren hätte man all das noch für unmöglich gehalten. Und doch passiert in Augen der Aktivistinnen und Aktivisten: zu wenig. Und das zu langsam.

Ihnen fehlt es am radikalen Umdenken und am politischen Willen: Die USA haben ihren angekündigten Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen durchgezogen, Deutschland sein Klimapaket verschleppt. Die CO2-Emissionen steigen – trotz aller "Awareness" – weltweit weiter an (Süddeutsche Zeitung).

Der Frust von Greta Thunberg spiegelt die Erschöpfung einer Bewegung. 

Viele junge Menschen wollen den Klimaschutz so schnell wie möglich. Sie fürchten um ihre Zukunft. Doch die Welt reagiert auf diese Angst in ihren Augen nicht schnell genug. 

Bei nahezu jeder ihrer Reden wiederholt Greta Thunberg gebetsmühlenartig Zahlen zur Klimakrise: Die Weltgemeinschaft müsse ihr im Pariser Klimaabkommen vereinbartes Ziel, unter 1,5 Grad Celsius Erderwärmung zu bleiben, einhalten. 

Dafür brauche es ein Umdenken in unserer Art zu wirtschaften, zu handeln, zu leben. 

Fast jede Bewegung erlebt irgendwann einen Moment der Ermüdung, hat nach einem raschen Start erste Verschleißerscheinungen. Klimaaktivisten fragen sich: Bringt das überhaupt was, was wir hier machen? Muss ich mir die nächste Greta-"unser Haus brennt"-Rede überhaupt noch anhören – oder kenne ich sowohl Inhalt wie die Reaktionen vieler bereits vorher? Und speziell mit Blick auf all die Warnungen: Wie lange kann ich Dringlichkeit beim Klimaschutz einfordern, ohne selbst irgendwann unglaubwürdig zu werden?

Viele Jugendliche und junge Erwachsene haben den Klimaschutz im Kleinen begonnen. Wir organisieren unsere Hygieneartikel möglichst plastikfrei. Wir fahren mit der Bahn in den Urlaub oder kompensieren wenigstens unsere Flüge. Wir haben uns den Demos angeschlossen und streiten uns mit unseren Vätern darüber, ob es den Zweitwagen wirklich braucht. Aber wir alle wissen: Das reicht nicht. Wir brauchen eine andere Dimension des Klimaschutzes. 

Und dabei hilft nur Überzeugungsarbeit. Ob diese so sinnlos ist, wie es Greta Thunberg und vielen Aktivistinnen und Aktivisten erscheint? Wahrscheinlich nicht. 

Im Januar 2019 war Greta Thunberg erstmals da, nun, bei ihrer Rückkehr, nach nur einem Jahr, sprechen beim Weltwirtschaftsforum plötzlich alle über den Klimawandel. Viele der 300 Veranstaltungen drehen sich unter dem Schlagwort "How To Save the Planet" um Klimaschutz, Müllvermeidung und Emissionsvermeidung (WEF Programm). Die Initiatoren versprechen, die gesamten CO2-Emissionen der Veranstaltung zu kompensieren, inklusive der Privatjetflüge und Shuttlebusse. Das Wasser kommt nun aus der Leitung – und am Mittwoch ist in Davos sogar Veggietag (T-Online). 

Forumschef Klaus Schwab warnte in seiner Eröffnungsrede ganz in Greta-Thunberg-Manier, die Zeit zu handeln sei knapp:

„Die Welt befindet sich in einem katastrophalen Zustand.“
WEF-Chef Klaus Schwab, SRF

Er legte damit den Ton für die gesamte Konferenz. Expertinnen und Experten definieren in Davos alle Jahre wieder die ihrer Meinung nach fünf größten Gefahren für die Menschheit – von Krieg und Terror über Cybersicherheit bis hin zur Klimakrise. In den vergangenen Jahren waren die Sorgen stets breit gestreut. Dieses Jahr geht es erstmals ausschließlich um Umweltbelastungen.

Davos hat sich schon immer als Ort der Weltverbesserer verkauft – war aber lange Symbol für eine zügellose alte, weiße Macht-Elite. 

Und kaum jemand repräsentiert diese so sehr wie Donald Trump. Sein Auftritt verdeutlicht, warum sich Greta Thunberg so resigniert gibt, warum sich all das Engagement der Jungen so nutzlos anfühlt: Macht ist nicht gleich Macht.

Thunberg mag vom "Time"-Magazine zur Person des Jahres gewählt worden sein, als bislang jüngste Person und ganz ohne Titel wie Kanzlerin oder US-Präsident (bento). Sie mag eine riesige Jugendbewegung inspiriert haben. Sie mag die Klimadebatte auf die Titelseiten und an die Kabinettstische gehoben haben. Aber sie ist keine Entscheiderin, keine Amtsträgerin. Ihre Macht ist emotionaler Natur.

Menschen wie Donald Trump haben hingegen reale Macht. Er kann als US-Präsident Klimaabkommen zerpflücken, Kohlekraft fördern, neue Ölgebiete erschließen – und sich dann über Wirtschaftserfolge auf Kosten der Umwelt freuen. 

Trotz all ihrer Erfolge bleibt die Stimmung in der Klimabewegung deshalb angespannt: Niemand weiß, ob es reichen wird. Ob die Welt schnell genug umsteuert. Ob sie es schaffen, genug Entscheider auf ihre Seite zu bringen. 

Greta Thunberg schloss ihre Rede mit einem Versprechen: 

„Anders als ihr wird meine Generation nicht kampflos aufgeben.“
Greta Thunberg

Es wird eine der Kraftproben dieser Generation sein: Die Energie immer weiter aufzubringen, sich nicht zerrreiben zu lassen, sondern dran zu bleiben. Und vielleicht hilft es dabei, anzuerkennen, was man erreicht hat. 


Gerechtigkeit

Zwischen Preisdruck und Bauernbashing: Was können junge Landwirte verändern?
Katharina und Johannes berichten von ihrem Alltag auf dem Hof und ihren Forderungen an die Politik.

Katharina und Johannes lieben ihren Beruf. "Wenn die Keimlinge hochgehen, nachdem man ein paar Wochen vorher etwas gesät hat, ist das ein großartiges Gefühl", sagt Johannes. "In unserem Beruf sieht man die Natur wachsen", sagt Katharina. Darum haben sich der Jungbauer und die Jungbäuerin entschieden, die Höfe ihrer Familien zu übernehmen. Beide bewirtschaften einen Milchviehbetrieb mit Ackerbau.

Gründe, dies nicht zu tun, gäbe es genug. Erst im November zeigte sich wieder, wie sehr es in der Branche brodelt, als Tausende protestierende Bauern mit ihren Treckern Berlin lahmlegten (SPIEGEL). Auch zur Agrarmesse Grüne Woche gab es wieder Proteste (Tagesschau).

Die Bauern stehen unter Druck. 

Besonders auf der jungen Generation lastet die Herausforderung, den Preiskampf in der Branche mit mehr Umweltschutz in Einklang zu bringen. Der Bund der Deutschen Landjugend schlug im Oktober Alarm: "Nicht der Unmut treibt die Landwirte auf die Straße, sondern die Sorge, dass die Landwirtschaft in Deutschland keine Zukunft mehr hat." (BDL)