Bild: MediaPortal Daimler AG
Junge Angestellte erzählen uns von ihren Erfahrungen mit "Zentrum Automobil".

Was die Rechten hier treiben, müsse man ernst nehmen, sagt Jonas – und ihrer Hetze "mit aller Stärke begegnen". Er weiß nur leider nicht so richtig, wie. Hier, das ist das Daimler-Stammwerk Untertürkheim. Und die Rechten, das sind die Mitglieder von "Zentrum Automobil", einer kleinen Splittergewerkschaft, die seit einiger Zeit versucht, deutsche gegen zugezogene Mitarbeiter auszuspielen.

Jonas macht bei Daimler in Untertürkheim gerade seine Ausbildung zum Elektroniker. Und nun hat er die Rechten vor sich. 

Wer etwas gegen sie sage, werde massiv bedroht, sagt Jonas. "Einem Kollegen haben sie eine tote Ratte in den Briefkasten gelegt", behauptet der 21-Jährige. Da ein Drohbrief dabei war, sei die Verbindung zum "Zentrum" unmissverständlich gewesen. Jonas will daher hier auch nicht seinen richtigen Namen lesen, zum Schutz. "Es gibt einfach schon zu viele, die terrorisiert wurden."

"Zentrum Automobil" erhielt bei den letzten Betriebswahlen im Frühjahr 2018 insgesamt 13,2 Prozent der Stimmen – und damit sechs der 47 Sitze (Deutschlandfunk). Die Belegschaft eines der größten Daimler-Standorte Deutschlands wird damit auch von Rechten vertreten. Und mehr als jeder zehnte hat sie gewählt.

"Zentrum Automobil" vertritt den Hass am Fließband von Daimler. 

Und junge linke Gewerkschafter und Angestellte mit nicht-deutschen Wurzeln fragen sich, was das für ihre Zukunft bedeutet. bento hat mit mehreren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Stuttgarter Stammwerk telefoniert. Alle sagen: "Zentrum Automobil" habe zwar keinen spürbaren Einfluss im Betriebsrat, aber dass sie gewählt würden, schockiere trotzdem. Die Mini-Gewerkschaft, so berichten sie, mache Stimmung und sähe Unzufriedenheit unter den Angestellten. 

Ali, 24, arbeitet in Untertürkheim in der Gießerei. Als er zum ersten Mal die rechte Gewerkschaft im Betrieb wahrgenommen hat, war er vor allem überrascht. "Das ist hier Deutschland im Jahr 2019", sagt er, "manche Kinder von Gastarbeitern arbeiten hier in vierter Generation." 

Zwar ist Ali überzeugt, dass er in einem weltoffenen Unternehmen arbeitet. Aber auch er will seinen richtigen Namen lieber nicht veröffentlicht wissen: "Man weiß nie, welche Feinde man sich macht."

Tatsächlich organisieren sich Rechtsextreme mittlerweile verstärkt in eigenen Gewerkschaften, um so Einfluss auf das Unternehmensklima zu nehmen. 

"Zentrum" hat sich bereits 2009 gegründet, kurz darauf wurden die ersten Mitglieder in Betriebsräte gewählt. Vertreter sitzen unter anderem bei Daimler in Untertürkheim, bei Opel in Rüsselsheim, außerdem bei BMW und Porsche in Leipzig. 

Lange hatten die Rechten kaum Einfluss, nun machen sie vermehrt mit Aktionen auf sich aufmerksam. Und sorgen für Unruhe im Betrieb. Vor allem in Untertürkheim gelingt das: Am Rande von Vorstandssitzungen soll es zu zahlreichen rechtsextremen Ausfällen gekommen sein, berichten Insider dem ARD-Magazin "Report Mainz". In WhatsApp-Chats werden Hitler-Bildchen geteilt, die Wehrmacht verherrlicht. 

Spätestens als ein von "Zentrum" lanciertes YouTube-Video die Runde machte, begann in den Pausenräumen in Untertürkheim das Munkeln. Der Propagandafilm war eine Antwort der Gewerkschaft auf die Kündigung von zwei Kollegen: Die beiden wurden gefeuert, weil sie einen türkischstämmigen Kollegen über Monate massiv rassistisch beleidigten. Ein Gericht bestätigte in einem Urteil die Kündigung. Chatprotokolle belegen, wie sie dem türkischstämmigen islamfeindliche und fremdenfeindliche Memes geschickt haben. Eines davon zeigt ein Maschinengewehr und den Spruch: "Das schnellste deutsche Asylverfahren, lehnt bis zu 1400 Anträge in der Minute ab!" Ein Arbeitsgericht hat die Rechtmäßigkeit der Kündigung bestätigt.

Aber in dem Video von "Zentrum Automobil" behaupten die beiden, keine Rassisten zu sein – sondern Opfer einer Verschwörung. 

"Zentrums"-Gründer Oliver Hilburger im Propagandafilmchen "Der Vertrauensmann".

(Bild: Screenshot YouTube)

Die rechten Täter werden, mit rührseliger Musik unterlegt, zu Opfern stilisiert, das echte Opfer wird zum Täter. Der Film hat im Netz mittlerweile mehr als 100.000 Klicks gesammelt – und sei in Untertürkheim "sehr unterschiedlich" aufgenommen worden, sagt Serkan Senol. Der Daimler-Mitarbeiter ist im Stammwerk als Betriebsrat für die Azubis zuständig. Mehrere Mitarbeiter seien zu ihm gekommen, um mehr über die Hintergründe zu erfahren. "Am Anfang hatten einige schon Mitgefühl für die Entlassenen", sagt Senol. "Ich habe denen dann gesagt: Schaut euch alle Fakten an, lest in Ruhe die Urteile des Arbeitsgerichts." Dann sei rasch wieder Ruhe gewesen, sagt der Betriebsrat.

Doch auch unabhängig vom Propagandafilmchen mache die Mini-Gewerkschaft Stimmung im Werk, sagt Senol: 

„Die verhalten sich taktisch schlau, sticheln eher im Kleinen.“
Serkan Senol über die Strategie von "Zentrum Automobil"

Es gehe den Akteuren darum, Unfrieden unter der Belegschaft zu stimmen, allerdings ohne dabei allzu viel Aufmerksamkeit auf sich selbst zu ziehen, behauptet Senol.

Das bestätigt auch Paul. Der 21-Jährige ist in Untertürkheim im Bereich Getriebe tätig. Er glaube zwar nicht, dass die wenigen "Zentrums"-Betriebsräte Dinge wirklich verändern können, sagt er zu bento, aber er registriere, wie sie in den Pausenräumen Themen setzen. Wie sie Geschenke am Fließband verteilen. Wie sie vor den Werkstoren Flyer verteilen. 

Gerade der YouTube-Propagandafilm habe eingeschlagen. Auch wenn Daimler ein weltoffenes Unternehmen sei, hätten das Video erst mal viele Leute geglaubt. "Die AfD-Wähler fühlten sich direkt erst mal gestärkt", sagt Paul. Erst ein Schreiben von der Unternehmensleitung selbst habe die Stimmung in der Belegschaft wieder gedreht. 

Für Daimler eher ungewöhnlich hatte sich der Vorstand in einem offenen Brief selbst zu dem YouTube-Video positioniert – und klar gegen Rassismus im Unternehmen gestellt. 

Dass die Vorwürfe aus dem Video eher erfunden sind, war Paul auch schon vorher klar. Als "Zentrum" zum ersten Mal Werbeplakate im Unternehmen aufgehangen hatte, habe er sich bereits über die Akteure informiert:

„Jeder, der die Typen googelt, sieht sofort ihre tiefbraune Vergangenheit.“

Chef und Gründer der rechten Gewerkschaft "Zentrum Automobil" ist Oliver Hilburger. Hilburger war rund 20 Jahre Gitarrist der Neonazi-Kult-Band "Noie Werte", der Verfassungsschutz attestiert ihm Verbindungen zur rechtsextremen Szene (Handelsblatt). Seinen Verein nennt Hilburger eine "alternative Gewerkschaft". 

Tatsächlich ist die Gewerkschaft ein Sammelbecken für nationalistische Propaganda. Die Mitglieder würden weniger die Interessen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern vertreten, sagt der Extremismusexperte Matthias Quent, "sondern vielmehr von rechtsradikalen Netzwerken im Hintergrund". Denn die Gewerkschaft sei eingebunden in ein rechtsradikales Netzwerk rund um das rechte Crowdfundingportal "Ein Prozent", die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Identitären und insbesondere den national-sozialistischen AfD-Flügel um Björn Höcke. 

„"Zentrum" ist der symbolische Versuch von rechts außen, die soziale Frage auf Betriebsebene zu thematisieren.“
Matthias Quent

Der Verein selbst beteuert, nicht durch andere neurechte Vereine und Geldgeber getragen zu werden. Man finanziere sich ausschließlich über Mitgliedsbeiträge, sagt "Zentrum" auf Anfrage von bento. Zumindest beim Promovideo hat sich die Mini-Gewerkschaft jedoch Hilfe geholt: von den rechten Kampagnenmachern von "Ein Prozent".

Um rechtspopulistische Gewerkschaftsarbeit allein geht es "Zentrum" jedoch nicht. Wer Betriebsrat ist, macht sich unkündbar. Und darauf zielen auch die "Zentrums"-Anführer – auch wenn sie das anders verkaufen. 

In einem früheren Wahlkampfspot behauptete "Zentrum", deutsche Angestellte würden gefeuert, einfach nur, weil sie beim islamfeindlichen Bündnis Pegida mitlaufen oder AfD wählen. Andere Gewerkschaften seien zu "Gesinnungswächtern" und "Gedankenpolizisten" geworden und würden mit den Vorstandsetagen paktieren – mit der neuen Gewerkschaft wehre man sich vor Kündigungen.

Tatsächlich ging es aber in den Kündigungsfällen, die die Gewerkschaft publik macht, nicht um Demo-Teilnahmen oder politische Einstellungen – sondern um konkrete rassistische Beleidigungen gegen andere Mitarbeiter. Genau das ist Kalkül der Neuen Rechten: Rassismus zu freier Meinung umdeuten.

Wirklich groß ist "Zentrum Automobil" bislang nicht. Von bundesweit rund 180.000 Sitzen in den Betriebsräten kommt die Mini-Gewerkschaft nur auf wenige dutzend gewählte Vertreter. Auf Anfrage will die Gewerkschaft nicht verraten, wie viele Mitglieder sich engagieren, weil die Einzelnen sonst "kündigungsbedroht oder diskriminierungsgefährdet" seien. Auch die Vorwürfe, Drohbriefe oder gar tote Ratten in Briefkästen zu deponieren, weist die Gewerkschaft auf Nachfrage zurück. Mit dem gleichen Duktus plustern sich die "Zentrum"-Anhänger auch im Netz auf, nennen andere Gewerkschaftler "Arbeiterverräter" und schüren Hass unter der Belegschaft. 

Für die Neue Rechte sind die Gewerkschafter so auch als Zwerg symbolisch wichtig.  

Jonas, der Azubi aus Untertürkheim, glaubt jedoch nicht, dass sich die "Zentrums"-Leute lange halten werden: "Viele Anhänger sind eher Leute des älteren Semesters", sagt Jonas, unter den Auszubildenen finde sich niemand, der ihre Parolen glaubt. 

„Ich habe noch nie mitbekommen, dass bei den Azubis jemand wegen seiner Herkunft angegriffen wurde.“
Jonas über den Zusammenhalt bei Daimlers Nachwuchs

Und auch Ali aus der Gießerei glaubt nicht, dass sich die rechte Gewerkschaft im Unternehmen langfristig etablieren kann. Sie würden versuchen, immer wieder populistische Themen zu setzen und Aufmerksamkeit bei den Beschäftigten zu erhaschen. "Aber am Ende haben die hier in all den Jahren nichts gerissen", sagt Ali, weder in ihren Rollen im Betriebsrat noch als Stimmung machende Kollegen. 

In seiner Abteilung würden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus sieben Ländern zusammenarbeiten, sagt Ali. Im ganzen Stammwerk sind laut Daimler mehr als 100 Nationalitäten vertreten. Rassisten hätten da keine Chance, sagt Ali. Entsprechend sei auch die Position von "Zentrum Automobil" einzuordnen: "Ich würde die nicht Gewerkschaft nennen. Ich nenn die lieber das Grüppchen."


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