Väter werden fett, Mütter werden fitter: Warum der MomBod die eigentliche Aufmerksamkeit verdient

Die Zeiten des identitätsstiftenden Stahlkörpers scheinen passé – zumindest bei Männern. 2016 soll lieber alles so hängen, wie es der natürliche Zustand verlangt. Was früher als Zeichen der eigenen körperlichen Verwahrlosung galt, ist im neuen Video von Palina Rojinski die goldene Vorsorge für schlechtere Zeiten. Doppelkinn? Rückenfell? Bierbauch? Trägt man seit vergangenem Sommer wieder mit Stolz.

Ladies, seht ihr diesen Bauchumfang?

"DadBod" – Vaterkörper heißt der charmante Begriff, wenn man ihn in die deutsche Sprache übersetzt. Getragen wird er hauptsächlich vom Mittelschichtsmann, der wie sein weibliches Pendant lange Zeit mit verheißungsvollen Angeboten (nur 19,99 €) in die Arme von Low-Budget Fitnesscentern getrieben wurde – ohne jemals sichtbare Erfolge zu erzielen.

Schnell durchschaute der selbstbewusste DadBod-Besitzer das Prinzip solcher Orte. All jene, die dem gängigen Schönheits- und Schlankheitsideal nicht entsprechen, werden als alternde, überforderte oder abgekämpfte Individuen abgeschrieben, die auf dem Laufband besser zu gehorchen haben.

Dabei reichen die Schönheitsbaustellen des Mannes theoretisch von Haarausfall, wachsenden Bierbäuchen und scheinbar unterentwickelten Bauchmuskeln bis hin zu Tränensäcken, Sorgenfalten und Penisgrößen.

Fitness no more

Heute säuft der postindustrielle Vollbartträger genüsslich sein eigens gebrautes Craft-Beer und scheißt auf neoliberale Körpernormen. In ökonomisch mageren Zeiten wie diesen kann es nur gut sein, etwas zum Anfassen zu haben. Ein männlicher Bauch, der steht für Wohlstand und Luxus.

Umso schöner, dass das neue Video von Moderation Palina Rojinski mit Comedian Olli Schulz ein Zeichen gegen Bizeps und Waschbrettbauch setzt. Das Video ist Teil der Sendung "Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von...", die am 5. März im WDR läuft. Hinter dem Format steckt die Produktionsfirma Bildundtonfabrik, die auch das Neo Magazin und Schulz & Böhmermann produziert.

DadBod Jackpot

Dickbäuchige Männer tanzen selbstbewusst mit dem Wischmopp und haben offensichtlich kein Problem damit, ihre speckigen Hüften in viel zu enge Badehosen zu pressen. Königin Palina sitzt als Normalgewichtige anmutig auf ihrem Thron. Die Botschaft lautet: Dick sein, das ist bei Männern zwar auch nicht schön, aber immerhin nicht so hässlich wie bei Frauen.

(Bild: YouTube / WDR )

Man stelle sich das Video einen Moment mit umgekehrten Geschlechterrollen vor. Wie viele selbstbewusste dickleibige Frauen würden sich finden, die ihre Körper einseifen lassen und anschließend die Bäuche aneinander klatschen? Die Antwort liegt auf der Hand und lässt sich historisch begründen:

Während der Mann unabhängig von seinem Körper für seine Arbeit geschätzt und wegen seiner Macht respektiert wurde, musste die Frau ihr Aussehen zum Kapital machen, um einen geeigneten Ehemann zu finden. Die Optik des Mannes erfährt seit jeher eine andere Bewertung als jener der Frau.

(Bild: YouTube / WDR )

Die Hemmschwelle, über den eigenen, dicken Körper zu lachen und diesen öffentlich in die Kamera zu halten, ist zwar auch für Männer hoch – aber immer noch niedriger als für Frauen. Es ist schlichtweg geläufiger, über weibliche als über männliche Körper zu urteilen.

(Bild: gettyimages.de / Scott Barbour )
Nach der Geburt werden Väter fett und Mütter fitter

Frauenbäuche sind gesellschaftlich vor allem dann akzeptiert, wenn sie natürlich reifen: beispielsweise während der Schwangerschaft. Zu dieser Zeit lassen sich prominente Frauen gerne bis auf die Unterhose entkleidet für die Cover der Hochglanzmagazine ablichten.

Fotostrecke: Frauen mit Bauch

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Nach der Geburt heißt es wieder: zurück zum Ursprung. Gerade mal sieben Wochen nach der Geburt von Sohn Henry lief die Topmodel-Mutter für die Dessous-Show von Victoria's Secret. Promis wie Heidi Klum und Adriana Lima machen es vor. Sie werden für ihre purzelnden Kilos gelobt und bewundert.

Männer dürfen sich nach dem anstrengenden Geburtsvorbereitungskurs erstmal ein Bier holen. Brav waren sie, beim Zuschauen. Während der Körper der Frau nach der Geburt wieder schnellstmöglich in seinen “natürlichen” Zustand zurücksoll, genießt der Körper des Mannes gesellschaftliche und mediale Unkommentiertheit. Ins Fitness-Center schickt sie höchstens die Neo-Mutter.

(Bild: gettyimages.de / Alexander Tamargo )

Selbst wenn es sich bei den genannten Beispielen um Models und Prominente handelt, spiegeln sie geschlechtsabhängige Anforderungen wider, die via Massenmedien an uns herangetragen werden. Frauen - ob Mütter oder nicht - die ihre verletzten, malträtierten und ausgezehrten Körper zeigen, findet man höchstens in ausgewählten Fotokatalogen renommierter Kunstverlage. Und nicht in der Mitte der Gesellschaft

MomBods? Für den geschundenen Körper nach der Geburt interessiert sich kein Fashion-Label. Dehnungsstreifen, hängende Brüste oder Bauchmuskelspalten gehören im Gegensatz zum männlichen Wohlstandsbauch nicht zum trendy Lifestlye. Immerhin: Keines der hier genannten Attribute fällt unter die Kategorie “Schönheitsnorm”, auch behaarte Plauzen nicht. Selbst wenn sie ein gewisses Maß an Männlichkeit suggerieren.

Die Bloggerin Haddas Ancliffe versucht andere Frauen zu ermutigen, indem sie ihren MomBod auf Instagram zelebriert: Trotz Dehnungsstreifen. "Mein Körper ist gedehnt, unebenmäßig und hängt durch - aber ich bin immer noch attraktiv", schreibt sie unter eines der Fotos.

Versuch’s mal mit Gemütlichkeit

Ständig mit der Optimierung des eigenen Körpers beschäftigt zu sein, macht schlechte Laune.

Es scheint, als ob sich Frauen und Männer, Väter wie Mütter gleichermaßen nach Entspannung sehnen würden. Am schönsten wäre es doch, wenn die "gemütlichen" Dad und MomBods medial keine Ausnahme mehr von der Regel darstellen würden.

Statt ausschließlich den Bier- und Fastfood-bedingten DadBod zu feiern, sollte man anerkennen, welchen Strapazen der weibliche Körper während einer Geburt ausgesetzt wird. Oder wie Journalistin Tracey Moore auf Jezebel schreibt:

"If we can’t all stop being vicious aesthetes, then we can all at least be a little gross and imperfect together—mombods, dadbods, all of it. The real luxury for women would be the same luxury men have enjoyed for years, whether economically, politically, or aesthetically: to make mistakes, to be bad at something, to be ugly, to be imperfect—and to still be considered as desirable."

Bitte seid weniger streng mit jenen, die keine Lust haben, die nächste Fitness-Challenge mit einem Säugling auf dem Arm zu starten. Den Luxus, unperfekt zu sein, sollten wir gemeinsam genießen.

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