Bild: bento/Maximilian Senff
Ein Ortsbesuch in der Social Media Lounge

Zwei Sofas, Polsterung eher hart, dafür reichlich mit blau-weißen CSU-Kissen bestückt. Sechs graue Sitzsäcke, drei weiße Stehtische mit CSU-Print auf der Tischplatte und ein Hochtisch aus Holz umringt von vier Hockern – so sieht die Social Media Lounge beim Parteitag der CSU in München am Freitagnachmittag aus. Dazu eine Bar mit zwei Kühlschränken, die ausnahmslos mit verschiedenen Geschmacksrichtungen eines großen Energydrink-Herstellers gefüllt sind.

Vor der Werbewand steht ein Rednerpult. Am rechten äußeren Rand wurde Markus Söders Kopf schief auf den Hintergrund gephotoshopt. Es sieht aus, als würde er nur kurz vorbeischauen und "Hi" sagen wollen, der Parteivorsitzende, der ein paar Stunden später wiedergewählt werden wird.

(Bild: bento/Maximilian Senff)

Viel war in den vergangenen Tagen über die ominöse Influencer-Lounge der CSU gesprochen worden. 

Wie sieht sie aus? Was passiert dort? Werden massenweise Influencerinnen und Influencer gelangweilt mit ihren Handys in der Hand auf einen Bildschirm starren und die Outfits der Rednerinnen und Redner beurteilen? Wird es vegane Häppchen geben?

17 Uhr! Es passiert: nichts. Niemand sitzt auf den Sofas oder lümmelt auf den Sitzsäcken. Vor zweieinhalb Stunden hat der Parteitag begonnen. Influencer, wie man sie sich vorstellt – geschäftig am Handy tippend und Selfies machend –, haben sich noch nicht blicken lassen. In der Olympiahalle hält gerade Markus Söder seine große Rede. In der Social Media Lounge hört man sie nur dumpf. 

Seit der vom Youtuber Rezo ausgerufenen Zerstörung der CDU und ihrer Schwesterpartei im Mai versucht die CSU auch öffentlichkeitswirksam, sich jungen Menschen anzunähern. Im September veröffentlichte die CSU das erste Video ihres hauseigenen blonden, flippigen Rezo-Klons Armin. Das CSYou-Video war ein Flop, ein Shitstorm folgte. Anstatt die Youtube-Zielgruppe konkret anzusprechen, produzierte die Berliner CSU-Landesgruppe ein Video, das an Satire grenzt. Unter anderem zieht Moderator Armin über Greta Thunberg her. Mittlerweile gibt es drei Episoden, die letzte gemeinsam mit Philipp Amthor. Ob die Partei sich traut, noch mehr Videos zu machen, ist unklar.

Ein junger Mann betritt die Lounge! Hornbrille, gestylte Haare, Schuhe sauber wie neu gekauft, T-Shirt in die Hose gesteckt. Endlich. Ein Influencer. Was wird er tun? Macht er einen schiefen Söderkopf-Selfie? Wird er live auf Instagram streamen, wie er sich einen Energydrink holt? Spannend.

Er dreht sich um. "Social Media Lounge" steht auf seinem Shirt. Mist, nur ein Helfer. Diese Influencer, die sollen noch kommen, sagt er, um 19 Uhr. Dann sei ein Speeddating geplant. Soll heißen: Hochrangige Politikerinnen und Politiker sollen mit den Netzstars diskutieren, ganz kurz, völlig ungezwungen. Wie Influencer das eben so machen. Welche jungen Meinungsmacher erscheinen werden, wisse er nicht.

Journalist Tilo Jung hatte seine Einladung im Vorfeld bei Twitter gepostet – und direkt abgesagt. Die restliche Einladungsliste wurde nicht öffentlich. 

Kurz vor 19 Uhr. Markus Söder ist als Parteivorsitzender bestätigt, gerade gehen die Abstimmungen über den Vorstand zu Ende. Auf den CSU-Stehtischen in der Social Media Lounge wird aufgerüstet. Biergläser mit Bayernfahnen stehen nun darauf. Noch mehr Kissen liegen auf den Sofas. Häppchen gibt es leider keine. 

Einige junge Leute stehen in der Lounge herum. Die Influencer von der Gästeliste? Nein. Die meisten von den vielleicht 50 Anwesenden sind von der Jugendpartei, der Jungen Union. Zufall sei das, sagen sie. Ein paar Parteigrößen sollen gleich vorbeikommen, hätten sie gehört.

Auch Wiebke Hönicke, 26, Soldatin und Mitglied der Jungen Union Oberbayern, ist da. Knapp über 3600 Follower hat sie auf Instagram. (Zählt das schon als Influencerin? Naja.)

Ihre Seite sei ein persönlicher Blog über die Bausteine ihres Lebens, erzählt sie: Beruf, Lifestyle, Sport und natürlich die Partei. "Ich wurde nicht als Influencerin eingeladen", sagt sie. "Von der Social Media Lounge habe ich im Vorfeld auch gar nichts mitbekommen." Eine Story vom Parteitag hätte Wiebke ohnehin gepostet, das mache sie immer so, wenn sie auf Parteiveranstaltungen sei. Sie wolle wissen, was ihre Followerinnen und Follower zu den Inhalten sagen. 

"Vom Speeddating habe ich vorher ganz spontan erfahren", erzählt sie. Als sie gehört habe, dass es für jeden die Möglichkeit gebe, mit den Politikern zu sprechen und sie sogar vor die Handykamera zu holen, wollte sie sich das nicht entgehen lassen. Jetzt sei sie quasi auf Abruf hier und wolle mal ihr Glück versuchen.

Das Event geht los. Wiebke kann jetzt live gehen und den Politikerinnen Fragen stellen, die sie nachmittags von ihren Followern als Antwort auf ihre Instagram-Story bekommen hat. Wiebke steht auf, stellt sich vor die hellblaue CSU-Werbewand. Instagram: läuft. Haare: sitzen. Eine Freundin filmt die Szene aus dem Hintergrund: check.

Nach und nach kommen einige Politikerinnen und Politiker zum öffentlichen Speeddating in die Lounge. Das Gedränge um sie ist nicht groß. Wer da ist, nutzt aber die Chance für ein Foto. Einige machen Boomerang-Aufnahmen für ihre Storys. Eine Liveübertragung wie Wiebke macht fast keiner.

Generalsekretär Florian Hahn wird von Wiebke zu Social Media befragt, mit der bayerischen Landtagsabgeordneten Ulrike Scharf spricht sie über die Frauenquote, Manfred Weber äußert sich zum Wegbleiben der großen Influencer. Oder überhaupt der Influencer. Er hätte sich auf die Debatten gefreut, erzählt er im Livestream, wolle aber niemand einen Vorwurf machen, dass er oder sie nicht gekommen sei. Als Wiebke die Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig befragt, reicht ihr ein Marketingmitarbeiter sein Smartphone. Wiebke streamt jetzt live mit dem CSU-Account.

Als letztes spricht sie mit der deutschen Digitalministerin Dorothee Bär, 41. Es geht um die eigenen GIFs der Politikerin. Die Ministerin macht kurz einen Dab, erzählt aber, ihre Tochter finde das schon nicht mehr zeitgemäß.

(Bild: Giphy)

Wiebke bleibt an diesem Tag die einzige, die den CSU-Account übernimmt. Viele in der Lounge sprechen einfach nur so mit den Politikern.

 "Ich finde es gut, dass wir bei der Akkreditierung keinen Unterschied zwischen Journalisten und Influencern gemacht haben“, sagt Doro Bär anschließend im Gespräch mit bento. Dass die großen Influencer an diesem Tag nicht gekommen sind, könne sie verstehen. Sie haben vielleicht Berührungsängste mit der Partei und fürchten einen möglichen Imageschaden. "Die kleinen Accounts, mit deren Betreibern ich hier sprechen kann, sind politischer und ihre Follower wollen interagieren", sagt die Digitalministerin. "Viele kleine Accounts haben deshalb eine ganz andere Macht, als ein einzelner großer." 

Es gäbe viele Influencer, insbesondere junge Frauen, deren Konzept und Erfolg sie beeindruckten. Shirin David habe sie neulich in Berlin getroffen, erzählt Bär. Über ihre Texte könne man streiten, aber als Frau fände sie sie großartig. "Ob die Präsenz solcher Masseninfluencer hier beim Parteitag auch das Richtige gewesen wäre, bezweifle ich." Wer sich für Politik interessiere, auch mit weniger Followern, der sei hier am besten aufgehoben.

Wenn das so ist, dann kann die Abwesenheit der Influencer also als voller Erfolg gewertet werden. Wenn das Ziel des Events war, die Inhalte der CSU im Netz unter jungen Leuten zu streuen, dann eher nicht: Wiebkes Post hat mit knapp 500 Likes die größte Reichweite erzielt. 

Dass große Namen wie Rezo entweder nicht eingeladen wurden oder auch einfach abgesagt haben, schwebt wie eine Wolke über der Social Media Lounge. Die Anwesenheit der Influencer hätte Schlagzeilen gebracht. Ob diese ausschließlich positiv für die CSU gewesen wären, ist fraglich. Was die Partei aber, auch ohne Starauflauf, mal wieder deutlich gemacht hat, ist, dass man neue Wege gehen muss, um junge Menschen politisch zu begeistern. Ob die Social Media Lounge einer davon ist, sei dahingestellt. 

Samstagvormittag um elf gibt es nochmal ein Speeddating. Eine Stunde später spricht Annegret Kramp-Karrenbauer in der großen Arena nebenan. Wiebke ist wieder dabei. Als morgens die ersten Reden im Saal beginnen, füllen sich die Plätze der Parteimitglieder auf den Rängen. Auf den Sitzsäcken der Social Media Lounge sitzt niemand.


Gerechtigkeit

Der Schlepper, der gern Friseur wäre: Warum setzt dieser Mann Menschen in Boote?
Wir haben mit einem Schlepper über seine Arbeit gesprochen.

10.385, allein im September. So viele Migrantinnen und Migranten kamen in einem Monat über das östliche Mittelmeer nach Europa. So viele wie seit 2015 nicht mehr. 66 Menschen sind bei der Überfahrt in diesem Jahr bereits ertrunken (IOM). Die meisten Geflüchteten stammen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Wegen des türkischen Militäreinsatzes gegen die syrischen Kurden rechnen viele mit steigenden Opferzahlen. Denn wenn die Menschen heimlich nach Europa wollen, dann setzen sich viele an der türkischen Küste in unsichere Schlauchboote. 

Vermittelt werden die Überfahrten durch Schlepper. Aktivisten fordern, die Europäische Union (EU) müsse mehr tun, um Migranten in Seenot zu helfen und ihnen legale Fluchtrouten ermöglichen. Die EU sieht es hingegen als ihre Aufgabe, den Schleppern das Handwerk zu legen. Die Schlepper selbst sagen nichts. Ihr Geschäft funktioniert im Verborgenen.

Abu Hisam ist ein Schlepper. Er verdient mit der Not von Migranten sein Geld. 

Wir haben ihn in einer arabischsprachigen Facebook-Gruppe entdeckt, in der er seine Dienste bewirbt. Wir verwickelten ihn in ein Gespräch. Am Anfang wollte er nicht reden. Dann forderte er 100 Dollar je Viertelstunde Telefongespräch. Schließlich ließ er sich ohne finanzielle Gegenleistung auf ein Gespräch ein. Wir hatten ihn damit konfrontiert, dass er dafür sorge, dass Menschen sich in tödliche Gefahr begeben. Das wollte er so nicht stehen lassen.

Abu Hisam sagt, er sei 24 Jahre alt und gebürtig aus dem Irak. Er organisiere Flüchtlingsboote in der türkischen Küstenstadt Izmir. Von einigen Stränden in der Umgebung sind es nur drei bis vier Kilometer bis zu den ersten griechischen Inseln.