Wo könnten Menschen, die eine Covid-19-Viruserkrankung hinter sich haben, am besten helfen?

Sie könnten extrem wertvoll für unsere Gesellschaft werden: Menschen, die gegen Covid-19 immun sind, weil sie die Krankheit schon hatten.

Laut SPIEGEL-Informationen wird derzeit eine große Studie vorbereitet, die aufklären soll, wie viele Menschen die Krankheit bereits hatten – teils, ohne es zu merken.  

Forscher gehen davon aus, dass Covid-19 in mindestens 80 Prozent der Fälle sehr mild verläuft, mit Halsschmerzen, Husten, leichtem Fieber oder auch komplett ohne Symptome. Gerade Jüngere haben oft einen leichten Verlauf. Viele junge Menschen haben sich also wahrscheinlich infiziert und sind immun, ohne es zu wissen.

Wer könnte schon immun sein?

Und es werden immer mehr.  "Wenn wir davon ausgehen, dass sich während der jetzigen Infektionswelle bis zum Herbst vielleicht zehn oder 15 Millionen Menschen in Deutschland anstecken, dann haben wir bald auch sehr viele Leute mit Antikörpern. Personen, die immun sind", sagt der Virologe Christian Drosten im Interview mit der Zeit. "Da wird es dann Pflegekräfte und Ärzte geben, die ohne Maske arbeiten."

Das Virus kann zwar mutieren, aber Drosten geht davon aus, dass Menschen zumindest für ein paar Jahre immun sind. Sie stecken sich selbst nicht mehr an – und sind dann auch keine Gefahr für andere.

Nach den Daten der Johns Hopkins University gibt es in Deutschland 5673 Menschen, die Covid-19 hatten und wieder gesund sind (Stand: 27. März, 10.30 Uhr). Das sind noch nicht viele – aber das kann auch daran liegen, dass Menschen ohne Symptome nie getestet wurden. 

Um die genauen Zahlen herauszufinden, bräuchte man also verlässliche Antigentests. Ein Team um den Virologen Florian Krammer hat zum Beispiel einen Test entwickelt, mit dem man Antikörper im Blut nachweisen kann. Allerdings müsse vor einer Massenproduktion der Tests deren Genauigkeit von anderen Laboren bestätigt werden, schreibt die FAZ.

Aber wenn wir einmal wissen, wer immun ist, wo könnten wir diese Menschen sinnvoll für die Gesellschaft einsetzen? Studierende etwa, könnten bald deutlich mehr Zeit haben, um sich zu engagieren: Unis diskutieren gerade, ob man im Sommersemester zumindest die Prüfungen ausfallen lassen sollte. Wo könnten sie das System entlasten?

Wo es um Menschen geht

"Potentiell überall dort, wo Kontakt mit Menschen unerlässlich ist. Im medizinischen Bereich, im Pflege- und im sozialen Bereich", sagt die Soziologin Martina Franzen vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Auf dem Blog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie beschäftigt sie sich mit den Auswirkungen der Coronakrise auf unser Zusammenleben. Natürlich könnten Freiwillige keine Ärztinnen oder Pfleger ersetzen, sagt Franzen, aber sie könnten sie unterstützen.

Schon jetzt lassen sich zum Beispiel in Koblenz Freiwillige schulen, um im Gesundheitsbereich auszuhelfen. Etwa 360 Menschen haben sich gemeldet, die Stadt lädt sie jetzt nach und nach zu Lehrgängen ein. In zweitägigen Schulungen lernen sie unter anderem, was sie im Umgang mit der Krankheit beachten müssen, wie sie Menschen dabei helfen, sich zu waschen und wie sie die Vitalzeichen von Menschen kontrollieren.

Martina Franzen weist allerdings darauf hin, dass man sich freiwillige Arbeit auch leisten können muss: "Ehrenamtliches Engagement setzt voraus, dass die Menschen die Zeit und genügend Geld für den Familienunterhalt haben", sagt sie. Wer arbeiten muss, um den Lebensunterhalt zu verdienen, kann sich möglicherweise nicht zusätzlich engagieren. 

Es muss kein Ehrenamt sein

Für Eltern, die auf ihre Kinder aufpassen müssen, weil Schulen und Kitas geschlossen sind, ist es auch schwierig. Franzen gefallen daher Projekte wie das der Einstein-Stiftung: Dort erhalten etwa 100 Studierende der Charité, die in der Pflege in Krankenhäusern mithelfen, 1000 Euro im Monat.

Außerdem könnte Hilfe in der Betreuung von pflegebedürftigen Menschen im eigenen Zuhause bald dringend gebraucht werden. Der Verband für häusliche Betreuung und Pflege befürchtet einen Notstand, weil immer weniger Personen aus Osteuropa nach Deutschland kommen. Sie haben Angst, sich hier zu infizieren oder sind abgeschreckt, weil sie lange an der Grenze warten müssen, bis sie einreisen können.

Geschäftsführer Frederic Seebohm sagt: "Wenn noch mehr Betreuungspersonen aus Osteuropa wegfallen, dann werden wir möglicherweise Freiwillige aus Deutschland brauchen, die für den Zeitraum einspringen." Man brauche dafür keine berufliche Qualifikation, sagt Seebohm. Es gehe darum, sich so um die Menschen zu kümmern, wie man sich auch um pflegebedürftige Angehörige kümmern würde.

Das bedeutet allerdings auch: Es ist ein Vollzeitjob, kein Ehrenamt, das man nebenbei machen kann. Man zieht dann für einige Wochen oder Monate bei den Menschen ein und wird für sie zur wichtigen Bezugsperson. Auch hier wären immune Menschen besonders hilfreich, denn gerade für alte Menschen ist es wichtig, nicht angesteckt zu werden. Seebohm bezweifelt allerdings, dass es so viele Arbeitswillige geben werde, dass man sich auf die immunen beschränken könnte – schließlich arbeiten Deutsche ja auch heute selten in dem Bereich. Das könne sich jedoch ändern, wenn durch eine Wirtschaftskrise die Arbeitslosenzahlen in Deutschland steigen würden.

Ausfälle in Landwirtschaft und Transport

Es gibt auch andere Möglichkeiten gleichzeitig Geld zu verdienen und in der Krise etwas Nützliches für die Gesellschaft zu tun. Auch Landwirtinnen und Landwirte suchen Menschen, die bei der Ernte aushelfen und dabei Geld verdienen – hier spielt die Immunität eine kleinere Rolle als im medizinischen und im Pflege-Bereich.

Und ganz generell gilt natürlich: Jede und jeder kann sich einbringen. Aktuell sind wir noch in der Situation, dass nur wenige Menschen wissen, dass sie immun sind. Trotzdem können junge Menschen zum Beispiel für Risikogruppen einkaufen und die Einkäufe vor der Tür abstellen. Und es gibt auch Möglichkeiten, sich von zuhause zu engagieren, zum Beispiel in der Telefonseelsorge.


Fühlen

Schwangerschaftsabbruch in der Corona-Krise: "Die Frauen haben Angst, keinen Termin zu bekommen"
Sind Beratungen weiter möglich und genügend Arztpraxen geöffnet? Fragen und Antworten.

Isabel Otto, 31, kennt die Sorgen von Frauen, die ungewollt schwanger geworden sind. Sorgen, die jetzt, in der Corona-Krise, noch größer werden. Sie arbeitet in einer Beratungsstelle von Pro Familia in Stade, Niedersachsen. "Die Frauen kommen mit der Befürchtung, nicht mehr rechtzeitig einen Termin zu finden, oder überhaupt eine Klinik, die in der gegenwärtigen Situation noch Schwangerschaftsabbrüche durchführt", sagt Isabel Otto am Telefon zu bento.

Angst, nicht mehr beraten zu werden, Angst vor dem Jobverlust oder ums Finanzielle haben auch die Klientinnen von Berivan Güler, 31. Sie ist ebenfalls Beraterin und Psychologin bei Pro Familia, aber in Hamburg. "Viele sagen jetzt: Die Situation ist mir einfach zu unsicher, da erwäge ich eher einen Abbruch", erzählt sie ebenfalls am Telefon. 

Sind diese Ängste begründet?

Nicht, wenn man Isabel Otto fragt. Sie ist sich sicher, dass derzeit noch genug Praxen und Kliniken Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Trotzdem gibt sie zu bedenken: "Auch die Kliniken müssen Schutzmaßnahmen einrichten, sie können nicht zu viele Patientinnen auf einmal behandeln." Wartezeiten für einen Termin würden schnell etwas länger – für ungewollt Schwangere ein großes Problem. Die Pflichtberatung bei einer zertifizierten Beratungsstelle, anschließend drei Tage Wartezeit, dann eine gynäkologische Untersuchung und schließlich der Abbruch selbst: All das muss bis zur zwölften Schwangerschaftswoche geschehen. Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland im Strafgesetzbuch geregelt. Nur wer alle Vorgaben fristgerecht einhält, bleibt straffrei.

Es fehlt an Schutzausrüstung

Einen Aufwärtstrend bei Abbrüchen erkenne sie bislang nicht, sagt Alicia Baier, 28, Vorsitzende des Vereins "Doctors for Choice". Sie hätten allerdings mehrere Berichte von geschlossenen Frauenarztpraxen und Kliniken erreicht, die aufgrund der Corona-Krise keine Abbrüche mehr durchführten. "Der letzte Arzt, der in Niederbayern noch Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt hat, hat jetzt die Praxis geschlossen, weil er selbst zur Risikogruppe gehört. Und Niederbayern ist ein großes Gebiet", sagt sie am Telefon (Tagesschau, taz).