Bild: Marco Alpozzi/dpa
Die Bewegung hat einige Großdemos spontan abgesagt – aber neue Ideen in der Schublade.

Die bayerischen Kommunalwahlen am Sonntag hätten für "Fridays for Future" eine Art Saisonauftakt werden sollen. Die vergangenen Winterwochen boten – abseits der Wahl in Hamburg – nur wenig Raum für Großdemos, die Wahl am Sonntag haben die Aktivistinnen und Aktivisten daher zur "Klimawahl" erklärt. Sammelt euch, geht raus auf die Straßen und zeigt der Politik, dass die Klimakrise ernst ist!

Doch dann kam der Coronavirus dazwischen.

Eilig hatten Bayerns "Friday for Future"-Vertreterinnen daher am Dienstag eine Pressekonferenz anberaumt. Die für Freitag geplanten Großveranstaltungen im Freistaat seien abgesagt, man sei sich der Verantwortung bewusst und wolle keine unnötigen Menschenansammlungen zusammenbringen. 

Auch auf Bundesebene zog "Fridays for Future" nach. In einem Tweet erklärte die Bewegung, den Protest erst mal ins Netz verlagern zu wollen:

Für die Klimaschutz-Bewegung steht nun viel auf dem Spiel. Seit mehr als einem Jahr dominierten "Fridays for Future" und Greta Thunberg fast durchgehend die Schlagzeilen, egal, ob es um komplizierte Zugreisen hin zu Konferenzen oder Klimademonstrationen mit Millionenpublikum ging. Die von den Aktivistinnen empfundene Dringlichkeit im Umgang mit der Klimakrise spiegelte sich in der medialen Aufmerksamkeit wieder. 

Für Ende April ist ein globaler Klimastreik geplant – trotz Corona

Seit der Coronavirus aus China seinen Weg nach Europa gefunden hat, fehlt diese Präsenz. Der Protest – der immer noch da ist – wird unsichtbar. Wie sie dieses Dilemma lösen wollen, wissen die Aktivistinnen und Aktivisten selbst noch nicht. Für Ende April ist eigentlich ein globaler Klimastreik geplant, der in vielen Städten wieder Zehntausende und Hunderttausende zusammenbringen soll. 

"Es ist noch völlig unklar, wie es bei uns weitergeht", sagt die deutsche "Fridays for Future"-Mitgründerin Carla Reemtsma zu bento. "Wir beobachten die Entwicklungen, sprechen mit Expertinnen und Experten und werden entsprechend reagieren." Nur eines sei sicher: Es müsse längerfristiger durchdacht werden, sagt die 21-Jährige.

„Die Entscheidung in Bayern war spontan und kurzfristig – so soll es bei kommenden Demos nicht mehr laufen.“
Carla Reemtsma

Intern ist Corona bei den Klimaschützern bereits zum wichtigen Thema geworden. Eine Arbeitsgruppe wurde gegründet, die sich mit der Frage beschäftigt, welche Auswirkungen Corona auf den weiteren Klimaprotest habe. Die Gruppe stehe im Austausch mit Virologen der Berliner Charité, sagt Carla. 

Konkrete Ergebnisse habe der interne Thinktank bisher nicht geliefert, dafür seien die Entwicklungen in Deutschland noch zu frisch und unüberschaubar. Einig sei man sich jedoch darin, keinen Aufmerksamkeitskampf provozieren zu wollen: "Nur weil die Klimakrise von der Politik kaum angegangen wird, heißt das nicht, dass wir sie gegen die Coronakrise ausspielen wollen", sagt Carla. In den internen Chats spüre sie ein großes Verantwortungsbewusstsein für die aktuelle Situation.

"Fridays for Future" will kreativer werden – und digitaler

Während die Lage in Deutschland in der Schwebe ist, sieht es für Klimaaktivistinnen in anderen Ländern Europas anders aus. Italien hat sich abgeschottet, alle Großveranstaltungen sind abgesagt. Eine Protestbewegung gibt es dort aktuell nicht. Österreich hingegen hat vergleichsweise wenig Corona-Infizierte, aber Outdoor-Veranstaltungen ab 500 Personen verboten (Kurier). Die dortige "Fridays for Future"-Bewegung hält bislang trotzdem an ihren aktuellen Demos – unter anderem in Wien und Klagenfurt – fest (FFF).

Auch in Deutschland wolle man grundsätzlich auf der Straße bleiben, sagt Carla. Nur die jüngsten Großdemos seien abgesagt, die Entscheidungen zum globalen Klimastreik Mitte April stehen noch aus. In den wenigen Wochen bis dahin sind aber kleinere Demos, Aktionen und Mahnwachen geplant. "Die werden wir nutzen, um Bilder zu generieren", sagt Carla. So hofft "Fridays for Future" vor der Bayernwahl wieder sichtbarer zu werden. 

Bilder generieren – das kennt man bislang vor allem von der umstrittenen "Extinction Rebellion"-Bewegung. Wo "Fridays for Future" auf Masse setzt, besetzen die Klimarebellen nur mit wenigen Aktivistinnen und Aktivisten Straßenzüge, verschütten Kunstblut oder ketten sich an Gebäuden fest. Ähnlich drastische Bilder wird es von "Fridays for Future" aber eher nicht geben, sagt Carla. Auch wenn noch nichts konkret sei, sie könne sich ausgelegte blaue Bänder vorstellen, die den Anstieg des Meeresspiegels versinnbildlichen sollen. Oder "Die-Ins" – bei dem sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf den Boden legen und tot stellen. 

Neben den Minidemos will "Fridays for Future" vor allem im Netz präsenter werden. Shitstorms gegen Unternehmen sind nicht geplant, sagt Carla. Bilderstürme schon eher: Schülerinnen und Schüler sollen sich und ihre Streikschilder daheim beim Klimastreik fotografieren. Ob "Fridays for Future" damit auf Twitter und Instagram gegen die aktuellen Corona-Meldungen ankommt, wird sich spätestens am Freitag zeigen.


Fühlen

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