Wie der Assistenzarzt versucht, Corona mit Effizienz zu bekämpfen

Max Schons, 26, ist Assistenzarzt in der Infektiologie der Kölner Uniklinik – weil er mit einer Pandemie gerechnet hat. Gemeinsam mit seiner Forschungsgruppe hat Max eines der größten Covid-19-Register mit dem Namen "LEOSS" initiiert. (Deutsche Gesellschaft für Epidemologie) Hier werden Patientendaten  gesammelten, die helfen, das Coronavirus besser zu verstehen und schneller zu bekämpfen.

Es ist allerdings nicht so, als hätte Max die außergewöhnliche Fähigkeit, in die Zukunft zu schauen. Max ist einfach nur Effektiver Altruist.  

"Effektiver Altruismus" ist eine Philosophie und zugleich eine soziale Bewegung. Seine Anhänger richten ihr Leben gezielt nach einer Frage aus: Wie kann ich mit meinen Entscheidungen möglichst viel Gutes bewirken? 

Effektivität bestimmt das Handeln

Nachdem Max sich mit der Theorie beschäftigt hatte, war ihm klar, dass er seine Karriere sehr rational würde planen müssen, um in seiner Lebenszeit die Möglichkeit zu haben, viele Leben zu retten. Er hat Karriereguides von Effektiven Altruisten gelesen, und sich mit der Frage beschäftigt, welche Probleme auf der Welt besonders dringend angegangen werden müssen. "Ich habe viel Zeit damit verbracht und viele Gespräche geführt. Das war zum Teil ziemlich nerdy," sagt Max, "Ich habe ein großes Spreadsheet gemacht, wo ich dann unterschiedliche Karrieremöglichkeiten gegeneinander abgewogen habe.“

Sehr geholfen habe ihm unter anderem der 80.000 Hours Karriereguide – ein Blog und Podcast, der sich der Frage widmet, was man mit den durchschnittlich 80.000 Stunden eines Berufslebens am besten anstellt. (SPIEGEL)

Effektiver Altruismus ist als Philosphische Schule relativ jung, sie hat sich vor allem in den vergangenen zehn Jahren entwickelt. Die Anhänger richten sich nach Statistiken, Big Data oder experimenteller Feldforschung, um zu beurteilen, was "fühlenden Lebewesen" möglichst viel Gutes tut. Keinen besonders guten Ruf haben dagegen: Gefühle. Emotionen hinderten uns oft daran, rational gut zu handeln, sagen Effektive Altruisten.

Um "Gutes Tun" von den Gefühlen zu lösen, haben sie ein Modell entwickelt, mit dessen Hilfe sich herausfinden lassen soll, bei welchen globalen Problemen unserer Zeit geballte Brainpower am meisten bewirken kann. Dabei bewerten sie drei Kategorien: Neglectedness, Scale, Solvability — also Vernachlässigung, Ausmaß und Lösbarkeit. 

Der Klimawandel hat beispielsweise riesige Ausmaße, ließe sich vom Menschen lösen und ihm ist erst in den vergangenen Jahren mehr Aufmerksamkeit geschenkt worden. Deshalb ist der Klimawandel eines der Felder, in denen sich Effektive Altruisten betätigen.

In der Medizin chronisch vernachlässigt, mit potentiell riesigem Ausmaß und vom Menschen lösbar sind hingegen: Pandemien. Das ist der Grund, weshalb Max sich für die Infektiologie entschieden hat – obwohl ihn Neurologie eigentlich mehr interessierte.

Gutes besser tun

"Extrem viele Menschen werden von Pandemien beeinflusst", sagt Max. Nicht nur wir, die jetzt auf der Welt leben, sondern auch zukünftige Generationen seien betroffen. "Unabhängig davon, ob man an dem Virus stirbt, sind die Schäden für die gesamte Gesellschaft gigantisch."

Durch den Effektiven Altruismus hat Max sich schon früh mit Pandemien auseinandergesetzt: "Ich glaube, ich hatte deswegen eher eine Public Health Perspektive auf das Ganze." Max ging es also nicht darum, Pandemien auf der individuellen Ebene, von Arzt zu Patient, anzugehen – sondern das Gesundheitssystem so gut er kann zu unterstützen und zu beeinflussen. 

Aus Sicht von Effektiven Altruisten ist in die Erforschung von Pandemien viel zu wenig Geld geflossen. Vor allem wenn man bedenkt, dass sogar unsere ungeborenen Enkel zu den Leidtragenden zählen, weil die Auswirkungen so lange anhalten. Zwar wird derzeit viel Geld in  Forschung zur Bekämpfung von Covid-19 gesteckt. Max sagt aber: "Natürlich bekommen Forschungsprogramme gerade jetzt mehr Geld. Aber was passiert, wenn man eine langfristigere Infrastruktur aufbauen will?" 

Es reicht noch nicht

Es ist nicht so, dass Deutschland komplett unvorbereitet auf eine potentielle Pandemie gewesen wäre. Dokumente wie der nationale Pandemieplan des Robert Koch-Instituts oder der Pandemic Influenza Risk Management Plan der WHO, sind laut Max wichtige erste Schritte.

Für eine Pandemie, wie wir sie gerade erleben oder darüber hinaus, seien wir damit aber nicht genügend vorbereitet: "Am Anfang der Krise habe ich noch viel im Infektionsschutzzentrum der Uni Köln gearbeitet. Da hat ganz viel Verwirrung geherrscht und man wusste nicht, wie man mit der ganzen Situation umgehen sollte", erzählt Max. "Anfangs war man hier planlos, hat aber mit Hochdruck daran gearbeitet, die Situation zu verbessern. Leider hat das länger gedauert, als es mit guter Vorbereitung nötig gewesen wäre."

Auf einmal hätten vor der Infektionsschutzambulanz der Kölner Uniklinik 600 Menschen am Tag gestanden, die alle einen Abstrich wollten. Viele wurden wieder nach Hause geschickt, da sie die Kriterien für einen Abstrich nicht erfüllten.

Der Effektive Altruismus gibt Max in solchen Situationen eine andere Perspektive: "Ich versuche, 'out-of-the-box' zu denken, wenn ich mir die Frage stelle, wie ich mit meiner Arbeit möglichst viel Gutes tun kann." 

Max hat deshalb kurzerhand ein Onlinetool programmiert, mit dessen Hilfe die Patientinnen und Patienten von zu Hause aus herausfinden können, ob sie einen Abstrich bekommen würden oder nicht. "Alle waren überrascht, egal wo", sagt Max, "Aber da jeder ein Smartphone hat, sollten wir diese Ressourcen viel mehr nutzen." 

Wichtige Fragen früher beantworten

Dabei sind Probleme, die Pandemien mit sich bringen, aus der Sicht Effektiver Altruisten verhältnismäßig leicht lösbar. Natürlich kann nicht für jede mögliche Variation an Krankheitserregern präventiv ein Impfstoff entwickelt werden. Viele Fragestellungen ließen sich aber schon im Vorfeld einer möglichen Pandemie beantworten, sagt Max.

"Was machen wir, wenn ein großer Anteil unserer Ärzte an dem Krankheitserreger infiziert ist und nicht mehr arbeiten kann? Wo bekommen wir zusätzliches Personal her? Welche Gebäude können wir zusätzlich nutzen?", sagt Max. Einfache Entscheidungen und Pläne, die vor einer Pandemie getroffen werden, könnten einen enormen Unterschied machen.

Als Effektiver Altruist ist man eher daran gewöhnt, in Wahrscheinlichkeiten zu denken, sagt Max: "Sehr viele Leute lieben zum Beispiel das Buch Superforecasting." Hierin beschreibt der Psychologe und Politikwissenschaftler Philip Tetlock, wie man Prognosen in unsicheren Zeiten treffen kann.

Auch Max hat sich im Zuge der Coronakrise die Frage gestellt, wie er seine begrenzten Ressourcen am besten einsetzen kann: "Ich habe dann bewusst in die Rekrutierung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für unsere Arbeitsgruppe investiert, um die zukünftige Arbeit überhaupt stemmen zu können."

Für die Zeit nach Corona wünscht sich Max, dass wir auf die Zeit der Krise zurückblicken und festhalten, was wir gelernt haben. Sollte in Zukunft noch einmal ein coronaähnlicher Virus ausbrechen, würden die Reaktionen angemessener ausfallen, als zu Beginn der derzeitigen Krise. Zumindest für die nächsten ein bis zwei Generationen.

Aber er fürchtet dennoch: "Ich glaube nicht, dass wir auf Krankheiten wie die Pest oder die Spanische Grippe vorbereitet wären. Wenn so etwas noch einmal auftreten würde, weiß ich nicht, was dann gesellschaftlich passieren würde."

Jeder Beitrag kann den Unterschied machen

Vielleicht wird die Coronakrise aber auch mehr Menschen dazu bewegen, sich in Zukunft mit Pandemien auseinanderzusetzen. Max jedenfalls ist froh, sich für den Weg in die Infektiologie entschieden zu haben: "Mein Team ist spitze, ich lerne viel dazu und meine Fähigkeiten ergänzen die Gruppe. Häufig unterschätzt man, wie schnell man als Individuum einen wichtigen Beitrag leisten kann." 


Fühlen

Natalie hat das Downsyndrom und setzt sich für Corona-Infos in Leichter Sprache ein
Natalie hat an einer Webseite mitgewirkt, die das Coronavirus einfach erklären will.

Das Coronavirus bestimmt aktuell die Nachrichten. Nicht für jeden sind die Informationen gleich zugänglich: Als die ersten Pressekonferenzen der Bundesregierung ausgestrahlt wurden, kritisierten Gehörlose die fehlende Bereitstellung von Infos in Gebärdensprache (Change.org). Die Journalistin Nalan Sipar machte auf sprachliche Barrieren von Menschen mit Migrationsgeschichte aufmerksam und forderte entsprechende Angebote auf offiziellen Seiten (Twitter). 

Auch für Menschen mit kognitiver Einschränkung fehlt es an Informationen, die für sie verständlich formuliert sind. Nach anfänglicher Kritik bemüht sich die Bundesregierung, auf ihren Webseiten für mehr Barrierefreiheit zu sorgen. Wichtige Informationen gibt es nun in Gebärdensprache, Leichter Sprache und ausgewählten Fremdsprachen. Auch einzelne Medienseiten erweiterten ihr Angebot (taz, WDR Cosmo, NDR).