Bild: Sebastian Gollnow/dpa
In Greiz steigen die Infiziertenzahlen, in Gera demonstrieren sie ohne Schutz – Gedanken über meine Heimat.

Die erste Verschwörungstheorie auf meiner Pinnwand kam von einem Bekannten aus meiner Heimatstadt Gera. Auf Facebook teilte André die Info, dass der "Impfzwang" beschlossene Sache sei, angeblich aus "offizieller Quelle". Diese "offizielle Quelle" war das mittlerweile berüchtige Video von dem Verschwörungsideologen Ken Jebsen. Darin behauptet der ehemalige Radiomoderator, die Coronakrise sei nichts weiter als eine von "Eliten angezettelte Masche", um die ganze Welt mit "Zwangsimpfungen" zu überziehen. Drahtzieher sei vor allem der US-Milliardär Bill Gates. (bento)

Diese Erzählung kann man als lächerlich abtun, man kann sie anhand von Fakten widerlegen. Eines aber kann man seit gut einer Woche nicht mehr: ihr entkommen. In ganz Deutschland gehen Impfgegner, Esoteriker und Rechte auf die Straße, oft mit dem Grundgesetz in der Hand, um ihre Rechte gegen eine angebliche "Corona-Diktatur" zu verteidigen.

Ich bin in Gera in Ostthüringen groß geworden. Meine Familie wohnt noch dort, auch viele Freundinnen und Bekannte. Gleich zwei Mal war meine Heimat in der vergangene Woche bundesweit in den Schlagzeilen. Zuerst schüttelten viele über den Nachbarlandkreis Greiz die Köpfe: Er umschließt die Stadt Gera fast vollständig, seit längerem wird dort die kritische Grenze von Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner überschritten. Die Landrätin will aber keine härteren Schutzmaßnahmen ergreifen, viele halten das für leichtsinnig. (SPIEGEL)

Nun bestimmt Gera selbst die Headlines. Auf einer "Spaziergang" genannten Demo liefen gut 750 Geraerinnen und Geraer durch die Innenstadt (OTZ). Das Wort "Spaziergang" nutzt sonst vor allem die islamfeindliche Pegida, um ihren Protesten einen unschuldigen Anstrich zu geben. Der Ex-Kurzzeit-Ministerpräsident Thomas Kemmerich war als Redner geladen, auf Bildern und Videos im Netz sieht man ihn neben Hunderten Menschen ohne Masken und Mindestabstand durch die Innenstadt laufen. Was man auch sieht: Protestplakate, die vor "Zwangsimpfungen" warnen, oder "Mundschutz = mundtot" titeln. Einer trägt ein Shirt mit der Aufschrift "Gib Gates keine Chance". Es sind Anlehnungen an die Verschwörungstheorie von Ken Jebsen. Was, bitte, ist da wieder los?

Diese Frage höre ich auch von Freunden oft, wenn es um meine Heimat geht. Ich stelle sie mir selbst oft. Wenn kleine Dörfer mit nahezu sozialistischen Prozentwerten die AfD wählen, wenn Gera nur knapp einen rechten Bürgermeister verhindern kann, wenn sich Thomas Kemmerich als Liberaler vom Rechtsextremen Björn Höcke zum Ministerpräsidenten wählen lässt

Ich bin auf einem Grundstück genau entlang der Kreisgrenze zwischen Gera und Greiz aufgewachsen. Das Ortsausgangsschild von Gera stand neben unserer Einfahrt, die Strommasten hinterm Haus, die man bei Windstille knistern hören kann, gehörten schon zu Greiz. Wäre ich jetzt da, ich könnte mit wenigen Schritten ins "Risikogebiet" laufen. 

Die hohen Infektionszahlen in Greiz lassen sich auf wenige lokale Überträger zurückführen. Ein Freund, mit dem ich telefoniere, kann daher nicht verstehen, wieso man alles abriegeln sollte. "Würde es in einem Hamburger Krankenhaus einen Ausbruch geben, schnellen auch die Zahlen in die Höhe", sagt er. "Aber deshalb würde man doch nicht alle Stadtteile wieder abgeriegeln, oder?"

Ich kann ihn verstehen. Greiz nicht abzuriegeln, hat erst mal wenig mit Widerstand zu tun – sondern viel mehr mit dem Wunsch, dieser Krise irgendwie rational begegnen zu können. Sie irgendwie logisch einordnen zu können, um die einzelnen Belastungen ertragbar zu machen. Da sind Geraerinnen und Greizer nicht anders als Hamburgerinnen oder Kölner. 

Wut als das Erbe der Wendezeit

Wo sich Hamburgerinnen und Kölner vielleicht sagen, das muss ich jetzt halt aushalten, sagen sich Geraerinnen und Greizer: Da muss ich gegen vorgehen. Es ist das Erbe der Wendezeit.

Im Osten sitzt das Bewusstsein, dass sich Systeme ändern können, tiefer. Egal, wie sehr du ackerst, egal, was du dir aufbaust – von heute auf morgen kann das weg sein. Die Coronakrise bringt das gerade sehr vielen Menschen ins Bewusstsein. Existenzen stehen vor dem Aus, Alltagsrhythmen wurden durchgeschüttelt, Familien müssen Belastungsproben meistern. Doch wo das für viele Menschen im ehemaligen Westen der Republik neu ist, greifen Menschen in Ostdeutschland auf eigene Erfahrungen zurück. Vielleicht ist es das, was viele nun im Umgang mit dieser Krise rigoroser macht – bis hin zur Annahme von Verschwörungstheorien oder einer sich steigernden Wut auf "die da oben".

Diese Haltung wirkt auch auf die junge Generation im Osten. Es gibt in Gera und anderen ostdeutschen Städten wahnsinnig viele junge Menschen, die sich für die Demokratie engagieren, Initiativen gründen, Start-ups aufbauen, mitmachen. Und die nichts von den Coronaskeptikern halten. Ein Kumpel, Stephan, war irgendwann so entnervt, dass er auf Facebook die Notwendigkeit von Mundschutz mit Hosen verglich: Wer eine trägt, mag sich zwar einnässen, aber wenigsten niemand sonst anpinkeln. 

Aber es gibt eben auch viele, die die Biografien ihrer Eltern auf sich selbst übertragen. Sich als Wendeverlierer sehen, ohne die Wende wirklich miterlebt zu haben. 

Die Jungen übernehmen die Wende-Biografien ihrer Eltern

Bekannte schreiben, wie "stolz" sie auf Gera seien, dass es sich "zur Wehr" setze. Andere wollen alle "in den Westen schicken", die in Gera gegen die Demo seien. Vor Corona hörte ich solche Sprüche nur von Freunden, bei denen ich mir es denken konnte. Nun bin ich überrascht, wie anschlussfähig diese "Wir gegen die anderen"-Mentalität auch in die Mitte der Gesellschaft ist. 

Wie tief die DDR noch in den Menschen klemmt, sieht man auch am "Spaziergang" in Gera. Der Unternehmer Peter Schmidt, der sie dazu aufgerufen hatte, schrieb auf Facebook: "Zeigt, dass die Geraer seit 89 nicht vergessen haben wie man für seine Rechte einsteht!!!" Als ginge es eben nicht um die durchaus wichtige Diskussion über Lockerungen und Gesundheit, sondern um den Sturz einer Diktatur. Als man ihm vorwarf, hier am rechtspopulistischen Rand zu zündeln, empörte sich Peter Schmidt über die "Nazi-Keule".

Die "Nazi-Keule" als gegenteiliger Effekt

Immer wieder muss sich der Osten als Dunkeldeutschland beschimpfen lassen, immer wieder müssen sich seine Bürgerinnen und Bürger für AfD-Erfolge rechtfertigen – obgleich sie in der großen Mehrheit eben nicht rechts wählen. Diese Gängelungen, so scheint es mir, haben auf einige im Osten einen gegenteiligen Effekt. 

Es ist nicht immer so einfach, zu erkennen, wo Regierungskritik aufhört und wo Populismus anfängt. Im Zweifel driften dann manche ab. Sie teilen die typischen rechtspopulistischen Narrative, dass man hier seine Meinung nicht frei äußern dürfe, dass Deutschland eine Diktatur sei und die Bürgerinnen und Bürger nicht mehr frei. Echte Neonazis und Rechtspopulisten wissen das geschickt zu nutzen. 

Gera war eine Hochburg des Rechtsrock – das rächt sich

Gera war in den 2000ern eine Hochburg für Rechtsrockkonzerte und den Nazi-Versandhandel. Franzi, eine Bekannte und Bundessprecherin der Linksjugend, schreibt mir, die Stadt habe nie etwas gegen diese Strukturen unternommen. Heute fehle der Gegenpol zu den Rechten: "Früher wurden auf Schulhöfen Nazi-CDs verteilt und der Aufschrei blieb aus, heute darf der Faschist Björn Höcke ohne Gegenproteste in den Gebäuden der Stadt auftreten." In Franzis Augen war der Rassismus in Gera nie weg, er habe nur "geschlummert".

Auch Peter Schmidt, der Initiator des Geraer Spaziergangs, ließ sich wohl von Rechtsextremen vor den Karren spannen:

Zwei seiner Mitarbeitenden, David und Vanessa, sind ein stadtbekanntes Szenepärchen. Er sammelt auf Facebook Spenden für einen Reichsbürger, der in Haft sitzt, nachdem er im April 2019 auf einen Polizisten geschossen hatte. Sie lief auf der Demo mit einem umgehängten Davidstern mit, auf dem "nicht geimpft" stand. Auf Facebook posierten beide mit Demo-Anmelder Peter Schmidt.

Nach der bundesweiten Kritik an der Demo schrieb dieser auf seinem Profil, weitere Demos müssten aus der Mitte kommen. Er selbst habe nur den "Funken" gezündet, die "Flamme" müssten nun andere weitertragen. David und Vanessa haben das dankend angenommen. Gemeinsam mit einem selbsterklärten Reichsbürger werben sie auf Facebook bereits für den nächsten samstäglichen "Spaziergang".


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