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Die Coronakrise könnte Deutschlands größten Lieferdienst noch länger beschäftigen.

Wenn Noel* bei seiner Arbeit geschützt sein möchte, geht er davor oft noch einkaufen. Seit Wochen wartet der 21-jährige Lieferando-Fahrer darauf, dass sein Arbeitgeber ihm Desinfektionsmittel zur Verfügung stellt. In den Medien kündigte das Unternehmen bereits im März an, den Mitarbeitern in der Coronakrise zu helfen. Doch interne Nachrichten zeigen, dass viele Fahrer bis heute vergeblich warten. Noel und einige Kollegen bunkern deshalb seit einiger Zeit Desinfektionsmittel. Sie schützen sich auf eigene Rechnung. 

Weil derzeit viele Deutsche viel Zeit zu Hause verbringen, könnten die Lieferdienste eine der wenigen Branchen sein, die von der Pandemie profitieren. Noel und seine Kollegen bringen das Essen vor die Haustür – aber sie fahren eben auch von einem Menschen zum nächsten.

Ihr Auftraggeber, Lieferando, ist der deutsche Marktführer für Essen, das nach Hause geliefert wird. In den vergangenen Jahren übernahm der Mutterkonzern TakeAway die Konkurrenz, das Unternehmen soll bald 10 Milliarden Euro wert sein (OMR).

Coronakrise belastet Lieferando offenbar stärker als bekannt

In Deutschland hat Lieferando seit der Coronakrise nach eigenen Angaben mehr als 2500 Restaurants neu hinzugewonnen. Doch gleichzeitig sollen auch Tausende Restaurants wegen Corona den Betrieb eingestellt haben. Fahrerinnen und Fahrern wurde von Lieferando angeboten, kurzfristig Urlaub einzureichen, weil man "die Sorge" der Fahrerinnen und Fahrer verstehe. In einer internen Mail, die bento vorliegt, ist allerdings auch von "gravierenden Einbrüchen bei den Orderzahlen" die Rede. 

Schutz für die Fahrer, die unterwegs sind, gibt es von Unternehmensseite her kaum.

Bereits Mitte März berichtete "Business Insider" über fehlende Desinfektionsmittel. Damals versprach das Unternehmen, seine Büros und Lager ausreichend zu versorgen: "Unsere Hubs in den betroffenen Gegenden wurden mit Hygieneausrüstung ausgestattet. Dazu gehört Seife und antibakterielles Desinfektionsmittel wie es beispielsweise in Krankenhäusern verwendet wird."

Viele Mails, wenig Schutz

Allgemein bemüht sich das Unternehmen, in der Krise Verantwortungsbewusstsein zu demonstrieren. Sollte einer der Kuriere das Virus unbeabsichtigt in seiner Stadt verteilen, wäre der Image-Schaden wohl fatal. Fahrer berichten, in den vergangenen Monaten regelrecht mit Informationsmails überschüttet worden zu sein. "Wie man seine Hände ordentlich wäscht, wissen jetzt vermutlich alle", sagt eine Fahrerin spöttisch. "Aber Rundmails allein schützen nicht."

In Köln, so erzählt eine 22-jährige Fahrerin, stehe aktuell sogar weniger Ausrüstung zur Verfügung als vor der Krise. "Ich hatte in den vergangenen vier Wochen kein einziges Mal Desinfektionsmittel, wenn ich meine Ausrüstung abgegeben habe." Ob die vom Unternehmen zur Verfügung gestellten Jacken, Transportboxen und Fahrräder abends desinfiziert oder zumindest gereinigt werden, werde bislang nicht überprüft. Andere Kollegen bestätigen diese Darstellung.

"Wer sich bei Lieferando vor Corona schützen will, muss selbst aktiv werden", sagt auch Noel. Fahrer, die wie er bislang mit eigenem Rad Essen ausfahren, sollen in den kommenden Wochen zumindest teilweise für die Instandhaltung ihrer Ausrüstung entschädigt werden. Die versprochene Hilfe ist jedoch auf 44 Euro im Monat gedeckelt und soll nur in Form eines Amazon-Gutscheins ausgezahlt werden. Ende Mai läuft die Unterstützung wieder aus. "Mit diesem Geld kann ich mein Rad unter den aktuellen Umständen kaum reinigen", sagt Noel.

Fahrer urinieren seit Corona im Park

Damit die Mitarbeiter sich nicht an Haustüren oder in Restaurants mit dem Coronavirus infizieren, setzt Lieferando derzeit auf kontaktlose Lieferungen. Fahrer sollen in den Restaurants auf Abstand bleiben, bei den Kunden wird das Essen jetzt bereits vor der Tür abgestellt. Kunden sollen jetzt verstärkt online bezahlen. 

Doch der Abstand, den die Fahrer in den Restaurants einhalten sollen, führt zu weiteren Problemen: Seit der Coronakrise fielen Hygiene-Möglichkeiten während der Arbeitszeit weg, sagt Noel. In vielen Restaurants werde den Fahrern aktuell der Zugang zu Waschmöglichkeiten und Toiletten verwehrt, sagt Noel. "Wir gehen in den Park, wenn wir aufs Klo müssen."

Andere Fahrer bestätigen das Problem. In verschiedenen Chats berichten Fahrer, in welchen Restaurants abseits der Lieferrouten noch Toiletten zugänglich sind. "Bei Hans im Glück" empfiehlt ein Kollege. "Burger King geht auch", schreibt ein anderer. Entstanden sei die Situation vor allem dadurch, dass anstelle der geschlossenen Restaurants in den Innenstädten vor allem Imbisse oder Lokale am Stadtrand hinzugekommen seien. "Ich verkneife mir das Pinkeln, bis die Schicht vorbei ist", berichtet eine Fahrerin, die in Teilzeit arbeitet, am Telefon. "Wenn ich dafür extra durch die Stadt radle, ist meine Schicht vorbei."

Bis heute fehlt Desinfektionsmittel

Eine Anfrage, ob bei neuen Restaurants der Zugang zu sanitären Einrichtungen geprüft wird, ließ Lieferando unbeantwortet. Auf der Internetseite des Unternehmens heißt es zu Desinfektionsmöglichkeiten während der Schicht lediglich: "Diese Entscheidung wird vom Restaurant getroffen, wir haben hier keine Weisungsbefugnis. Allerdings haben wir die kontaktlose Lieferung eingeführt und alle Restaurants schriftlich gebeten, dir auch ihre Waschräume zur Verfügung zu stellen."

Auch die Versorgung mit Desinfektionsmitteln sei "in allen Hubs" gewährleistet. Für Fahrer ohne Zugang zu den Büro habe man Verteilaktionen organisiert. In einer internen E-Mail eines Teamleiters, die bento vorliegt, hieß es jedoch noch am vergangenen Mittwoch, dass Lieferungen ausstünden: "Wenn diese angekommen sind werde euch erneut informieren und wer möchte kann sich eine Flasche kostenlos in der Hub abholen." 

Auf Nachfrage räumte Lieferando ein, dass "etwa 15 Prozent" der Fahrer bislang noch kein Desinfektionsmittel erhalten haben. 

Wie die Corona-Schutzmaßnahmen für die Fahrer dauerhaft umgesetzt werden sollen, ist bislang unklar. Nach eigenen Angaben prüft das Unternehmen derzeit den "optimalen Prozess". 

(Bild: imago images/Arnulf Hettrich)

Petition fordert mehr Schutz

Der Schutz vor Corona beschäftigt mittlerweile auch die Initiative "Liefern am Limit" der Gewerkschaft NGG. In einer Petition, die in dieser Woche veröffentlicht wurde, fordern der ehemalige Fahrradkurier Orry Mittenmayer und weitere Mitstreiter, dass Lieferando die Fahrerinnen besser schützt. "Die Rider riskieren ihre Gesundheit für euren Profit", sagt Orry. "Es ist das absolute Minimum, zuzulassen, dass sie ein Recht darauf haben mitzubestimmen, ob und wie sie ihre Gesundheit riskieren."

Die Auseinandersetzung um den Corona-Schutz könnte die Arbeitsatmosphäre beim größten deutschen Lieferdienst auch nach der Krise prägen. Am Montag sollen in mehreren Städten neue Betriebsräte gewählt werden. Gegen die gewerkschaftsnahen Fahrer, die teils schon beim aufgekauften Konkurrenten Foodora aktiv waren, kandidieren auch Mitarbeiter aus den Lieferando-Büros. 

Eine Fahrerin, die erst seit kurzem für Lieferando arbeitet, beschreibt die Stimmung im Unternehmen als gereizt. Vom beschworenen Lifestyle der Fahrradkuriere sei gegenwärtig wenig zu spüren. Das Unternehmen kommuniziere viele Dinge vor allem in Rundmails, Rückmeldungen seien jedoch selten erwünscht. 

Noel fordert, zumindest die Rechnungen für bislang privat gekaufte Desinfektionsmittel einreichen zu können. Dass das kurzfristig passieren werde, glaubt er aber nicht.

*Name auf Wunsch geändert, der tatsächliche Name ist der Redaktion bekannt


Fühlen

"Immerzu fehlt mir einer der beiden": Polyamorie in der Coronakrise
Wie soll man sich zu dritt treffen, wenn man nur zu zweit raus darf?

"Vielleicht können wir übermorgen mal eine Runde spazieren gehen – mit zwei Metern Abstand, natürlich", sage ich am Telefon zu meinem Freund und lege auf. Dann gehe ich rüber in die Küche, wo mein Freund gerade Abendessen macht. 

Klingt verwirrend, ist es derzeit auch: Ich führe eine Beziehung mit mehr als einer Person. Mit meinem langjährigen Freund, der gerade kocht, lebe ich zusammen, nennen wir ihn Oskar. Seit bald zwei Jahren haben in unserer Beziehung auch andere Personen einen Platz – mal mehr, mal weniger regelmäßig.

Eine dieser Personen ist Mael*, den wir seit ein paar Monaten treffen, mal gemeinsam, mal ich allein. Er wohnt zwei Straßen von uns entfernt und verbringt im Normalfall viel Zeit mit uns. "Im Normalfall", weil seit einigen Wochen beziehungstechnisch unser Leben ziemlich Kopf steht. Wie soll man zu dritt eine Beziehung führen, wenn man sich nur zu zweit treffen darf?

Herausforderungen einer offenen Beziehung 

Ein offenes Beziehungskonzept kann auch ohne Coronavirus und Kontaktverbot schon kompliziert sein. Eine Herausforderung ist zum Beispiel Eifersucht. Auch ich habe schon mal im Nachhinein gemerkt, dass es mich trotz meiner vorherigen Zustimmung doch sehr getroffen hat, als Oskar mit einer Freundin von uns geschlafen hat. Auch Oskar war schon verletzt, zum Beispiel als er nach einer Reise zurückkam und ich nicht wie abgesprochen zu Hause auf ihn wartete, sondern noch mit Mael im Restaurant war. Immer wieder müssen wir uns fragen: Wie fühlen wir uns gerade? Was ist für alle Beteiligten okay, was geht nicht? Wie teilen wir unsere Zeit auf? Kommunikation ist dabei bedeutend wichtiger als in der klassischen Paarbeziehung – und noch einmal wichtiger, wenn aufgrund der Corona-Ansteckungsgefahr gerade nicht alle Partnerinnen und Partner die gleiche Möglichkeit haben, sich zu sehen.