Bild: imago/Seeliger
Von Pop-Up-Fahrradwegen und neuen Spielstraßen

Lou Töllner inszenierte vergangene Woche vor dem VW-Werk in Wolfsburg einen Tatort. Täter ist in dieser Darbietung die Autoindustrie – zum Opfer wird das Klima. Gemeinsam mit anderen Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future protestierte Lou damit gegen mögliche Kaufprämien für Autos, die der Industrie durch die Coronakrise helfen sollen. Diese Prämie, angelehnt an die Abwrackprämie aus der Finanzkrise 2009, wünschen sich die Autokonzerne und auch die Ministerpräsidenten der drei Autoländer Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen von der Regierung. (DER SPIEGEL)

"Wir haben die Aktion 'Tatort Klimamord' genannt", sagt Lou, "weil hier das Klima ein weiteres Mal verletzt wird." 

"Tatort Klimamord"-Inszenierung der Fridays for Future Aktivistinnen und Aktivisten vor dem VW Werk in Wolfsburg.

(Bild: Fridays for Future)

Die Coronakrise hat viele Geschäfte und Fabriken dazu gezwungen, mindestens eine Zeit lang zu schließen. Sie nehmen weniger Geld ein, manchen droht sogar die Insolvenz. Die deutsche Regierung gibt gerade Milliarden aus, um die angeschlagene Wirtschaft zu stabilisieren. Als Teil dieser Hilfen werden die Kaufprämien für die Autoindustrie verhandelt. Noch ist nichts entschieden. Das Kabinett um Kanzlerin Angela Merkel will erst wissen, wie sich die Kaufprämie mit dem Klimaschutz vereinbaren lässt. (DER SPIEGEL)

Die Politik kann jetzt klimafreundliche Technologien fördern

Diese Entscheidung könnte wegweisend sein, denn die gegenwärtige Situation ist auch eine Chance: Die Politik kann finanzielle Hilfen an Bedingungen knüpfen und damit klimafreundliche Technologien fördern. 

Es geht um nichts Geringeres als die Zukunft der Mobilität, um die Frage, wie schnell wir den Verkehr in Deutschland klimaneutral machen können. Denn nicht nur in der Autoindustrie, auch in anderen Bereichen könnten Politik und Gesellschaft gerade Weichen für die Verkehrswende stellen. Weert Canzler, Mobilitätsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) formuliert es so: 

„Wir können die jetzige Situation ausnutzen, um neu über die Verteilung des Verkehrsraums zu reden.“

Wie kann die Situation uns also helfen, den Verkehr in Deutschland klimaneutral zu machen?

Pop-Up-Fahrradwege, Spielstraßen, Tempo-30-Zonen

Gerade sieht man in einigen Städten was möglich ist, wenn weniger Autos unterwegs sind: Berlin hat einige Pop-Up-Fahrradwege eingerichtet (Tagesspiegel). Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg gibt es sonntags temporäre Spielstraßen (Tagesspiegel). Und vor Kurzem hat die Stadt Mailand angekündigt, auch nach dem Lockdown den Autoverkehr reduzieren zu wollen. Insgesamt 35 Kilometer alter Straßen will die Stadt umbauen: in neue Fahrradstreifen, breitere Fußwege, mehr Tempo-30-Zonen (The Guardian).

Für Lou Töllner sind Städte wie Mailand oder auch Brüssel – dessen Innenstadt wegen des Coronavirus nun zur Fußgängerzone erklärt wurde – Vorbilder: "Diese Städte haben endlich angefangen, den Radverkehr stark zu fördern. Das zeigt, wie sehr Deutschland hinterherhinkt, wenn man sieht, dass hier über Kaufprämien für Autos diskutiert wird", sagt sie. 

Nick Heubeck, der bei Fridays for Future für die bundesweite Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, hofft, dass auch deutsche Städte Veränderungen wie temporäre Radwege nach Corona beibehalten. "In den Städten merken die Leute, dass es guttun kann, wenn weniger Autos unterwegs sind", sagt Nick. "Sie erobern gerade die Straßen zurück, es gibt weniger Luftverschmutzung. An diese Erfahrungen kann man nach der Corona-Krise anknüpfen."

Gegen die neuen Entwicklungen im Verkehr spricht sich der ADAC aus: "Der temporäre Rückgang des Pkw- und übrigens auch des Radverkehrs darf nicht dazu genutzt werden, dauerhafte Umverteilungen des Verkehrsraumes durchzusetzen, denn das würde außerhalb der aktuellen Sondersituation kaum Aussicht auf öffentliche Akzeptanz haben", heißt es in einer Pressemitteilung. Auch die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg fordern, die temporären Radwege so schnell wie möglich wieder zurückzubauen. Der Ausbau der Radwege müsse Teil eines durchdachten Verkehrskonzepts sein.

E-Mobilität statt Verbrennungsmotoren, Bahn statt Dienstauto

Doch nicht nur die Verteilung des Raumes ist ein Aspekt der Verkehrswende – sondern auch die Frage, mit welchen Antrieben Busse und Autos fahren. Mobilitätsforscher Weert schlägt vor, die Kommunen so zu fördern, dass sie ihre Flotten elektrifizieren können – sowohl die Dienstautos der Stadt als auch Busse. "Außerdem brauchen die Kommunen Unterstützung, um die Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge zu verbessern", sagt Weert, "und um Radschnellwege zu bauen."

Nick Heubeck, bei Fridays for Future für die bundesweite Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig

(Bild: Tim Heubeck)

Ähnliche Forderungen stellt Fridays for Future. Nick Heubeck sagt: "Wir fordern ein ganzheitliches Konzept. Über die bestehende Förderung von Autos hinaus, müssen wir deshalb auch Carsharing, E-Busse oder E-Fahrräder stärker bezuschussen."

Kaufprämien für Autos müssen an CO2-Ausstoß gekoppelt werden

Kaufprämien für die Autoindustrie hält Weert dagegen zum jetzigen Zeitpunkt für die falsche Idee. "Aber es kann sein, dass man nicht drumherum kommt, wenn die Krise monatelang anhält und die Autoindustrie zusammenzubrechen droht", sagt er. Dann halte er es allerdings für sinnvoll, die Höhe der Prämien an den CO2-Ausstoß der Autos zu koppeln – und Prämien überhaupt nur für Autos zu zahlen, die besonders wenig Emissionen verursachen. 

Die Entschleunigung, zu der Corona uns gezwungen hat, wirft neben der Frage, wie wir uns künftig fortbewegen wollen, noch eine weitere auf: Wie viel Mobilität brauchen wir – vor allem in Unternehmen – eigentlich wirklich? 

In den letzten Wochen und Monaten sind ganze Firmen ins Homeoffice umgezogen, es wurden keine Dienstreisen unternommen, Treffen mit Kundinnen und Kunden wurden in virtuelle Räume verlegt. Jessica Le Bris, die Kommunen für den Wandel hin zu nachhaltiger Mobilität berät, spricht von einem "Möglichkeitsfenster", das sich in einem Umbruchsmoment öffne (Zeit Online). Wenn sich etwas verändert, kommen wir aus der Gewohnheit heraus und fangen wieder an, bewusste Entscheidungen zu treffen. 

Wie viel Fortbewegung brauchen wir wirklich?

Moblitätsforscher Weert schlägt vor, auch für Unternehmen gezielte Anreize zu setzen: Statt des Dienstwagens könnte die BahnCard 100 steuerlich bevorzugt oder ganze Mobilitätspakete gefördert werden, etwa mit einer BahnCard, einem Ticket für öffentliche Verkehrsmittel und Taxi-Gutscheinen. Klar ist allerdings auch: Gerade jetzt, in Zeiten von Corona, sind öffentliche Verkehrsmittel weniger attraktiv geworden. 

Doch die Home-Office-Erfahrung, die gerade viele Menschen und Firmen machen, könnte auch die Frage aufwerfen, wie viel wir uns überhaupt fortbewegen müssen. Wenn sie dazu führt, dass Unternehmen ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern künftig mehr Home-Office-Tage erlauben und Videocalls verstärkt Geschäftsreisen ersetzen, könnten wir Wege einsparen. Verkehrswende kann auch bedeuten zu erkennen, dass wir so viel Verkehr vielleicht gar nicht brauchen. 


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Die sechste Folge unserer Serie "Mein erstes Jahr im Job"

Franziska*, 27, hat einen Bachelor in Medizintechnik und einen Master in Maschinenbau. Trotzdem suchte sie neun Monate nach einem Job. Sie sagt: Als Frau Ende 20 ist das im MINT-Bereich nicht so leicht.