Bild: Rolf Vennenbernd/dpa
Wenn nicht mit Rap, dann mit der flachen Erde

"Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren", zitierte Fler kürzlich US-Gründervater Benjamin Franklin in seiner frisch gegründeten Telegram-Gruppe. Darunter postete er das Einmaleins der Verschwörungsmythen zur Coronakrise: Videos der bekannten Verschwörungsideologen Ken Jebsen und Oliver Janich. Letzterer etwa behauptet, dass die Pandemie von Microsoftgründer Bill Gates geplant ist, um Menschen durch Impfungen zu töten und dann "die neue Weltordnung" zu errichten. Einen Link zu einem YouTube-Clip, in dem zwei angebliche Doktoren erklären, dass Gesichtsmasken ein "Maulkorb" seien. "Alle mal abchecken", schreibt Fler dazu. Er ist einer der erfolgreichsten Rapper Deutschlands.

Screenshot aus Flers Telegramgruppe "Maskulin"

Fler ist bei weitem nicht der einzige in der Deutschrapszene, der gerade mit verschwörerischen Beiträgen auffällt. Sido plaudert im Interview mit Ali Bumaye über Kinder, die "auf unerklärliche Weise" verschwinden und von "sehr reichen, sehr mächtigen Leuten", die damit etwas zu tun haben könnten – offensichtlich eine Anspielung auf die auch von Xavier Naidoo geteilte Adrenochrom-Verschwörungstheorie und klassische antisemitische Erzählungen. (NTV

Der Rapper B-Lash verbreitet in seinem mit Kollege MC Bogy betriebenen "100% Realtalk Podcast" immer wieder Verschwörungstheorien. Sponsor des Podcasts und zuletzt auch Gast: Der vegane Koch Attila Hildmann, der in den vergangenen Wochen zum martialischen Kämpfer für die angebliche Wahrheit rund um Bill Gates, Corona und die "Neue Weltordnung" mutierte. Im Podcast der befreundeten Rapper konnte er seine finsteren Verschwörungsszenarien ungestört ausbreiten.

Die Deutschrap-Szene mischt munter mit im aktuell immer lauter werdenden Verschwörungsgebrüll rund um sogenannte Hygiene-Demos und den selbsterklärten "Widerstand2020". Und könnte als aktuell größte Jugendkultur Deutschlands gerade für junge Menschen einen Einstieg in diese Welt bieten. In der aktuellen Krise eine gefährliche Mischung.

"Deutschrap hat ein Verschwörungstheorien-Problem", sagt Till Arndt aka Skinny, Chefredakteur von rap.de. Dieses sei nicht neu, in der Coronakrise aber noch sichtbarer geworden. "In erster Linie äußern sich die, die das vorher auch schon gemacht haben. Sie sind nur viel lauter geworden", sagt Skinny. 

Till Arndt aka Skinny, Chefredakteur von rap.de

(Bild: privat)

Warum sind gerade Rapper so empfänglich für Verschwörungserzählungen?

"Verschwörungsideologien sind Teil einer Selbstinszenierung", sagt Jakob Baier. Der Politikwissenschaftler beschäftigt sich in seiner Dissertation mit Antisemitismus und Verschwörungsdenken im Deutschrap. "Verschwörungsideologen gerieren sich als Helden, die die Welt verstanden und den Mut haben, unbequeme Wahrheiten auszusprechen", sagt er. Diese Selbstwahrnehmung passe hervorragend in das Männlichkeitsbild, das vor allem im Gangsta-Rap vorherrsche. Dass Männer anfälliger für Verschwörungsglauben sind als Frauen, bestätigte kürzlich auch die Soziologin Pia Lamberty in einem SPIEGEL-Interview.

Verschwörerische Tendenzen im Rap seien bereits seit den 1990er Jahren in den USA zu beobachten gewesen, sagt Jakob. Prominente US-Rapper wie 2Pac, Mobb Deep, Nas, Busta Rhymes oder Jay-Z hätten Illuminaten und Freimaurer in ihren Texten erwähnt. Im Deutschrap seien Verschwörungsideologien innerhalb der letzten zehn Jahre verstärkt aufgetreten, häufig antisemitisch aufgeladen, sagt Jakob. "Kulminiert ist das Ganze in der Echo-Debatte um Kollegah und Farid Bang." Die Verleihung des Musikpreises an die beiden Rapper sorgte 2018 für einen Skandal – wegen antisemitischer und verschwörungstheoretischer Zeilen. Kurz darauf wurde der "Echo" ganz abgeschafft. (bento)

Flache Erde und unmenschliche Pyramiden

"Der Dammbruch war, als Leon Lovelock angefangen hat, dafür eine Bühne anzubieten", sagt Rap-Journalist Skinny. "Er hat gemerkt, dass das funktioniert und niemand hat ihm das Handwerk gelegt." Lovelock ist ein YouTuber, der häufig Rapper interviewt. In den Gesprächen geht es oft um besonders absurde Verschwörungsmythen: Mit PA Sports diskutierte er, dass die Pyramiden nicht von Menschen erbaut sein könnten, mit Kianush darüber, dass die Erde keine Kugel sei. Auch bei den Coronaskeptikern ist Lovelock an vorderster Front. Schon im März veröffentlichte er ein inzwischen gelöschtes Video mit dem Titel "Die Corona Verschwörung". Neben vielen Klicks gab es dafür aber auch Gegenwind aus der Szene: Bushido bezeichnete Lovelocks Aussagen als "irrwitzig" und "weltfremd". (Stern)

Skinny glaubt, dass auch aktuelle Marktstrukturen dazu beitragen, dass Rapper sich offener über ihren Verschwörungsglauben äußern. Immer mehr Künstler haben eigene Labels und sind so unabhängiger. "Wenn du keine finanzielle Abhängigkeit hast, bietet dir das den Freiraum, sowas zu erzählen. Du darfst nur dein Publikum nicht vergraulen."

Fürs Geschäft sind krude Theorien kaum eine Gefahr

Anzeichen dafür, dass Rapper finanzielle Verluste erleiden, weil sie Verschwörungsmythen verbreiten, gibt es bisher wenige. Die Podcasts von B-Lash und MC Bogy wurden zwar nach der Hildmann-Folge von YouTube gelöscht, vorher konnten sie aber monatelang damit Klicks sammeln. Gerade B-Lash habe damit deutlich mehr Aufmerksamkeit erzielt, als durch seine Musik, sagt Jakob. 

Jakob Baier, Politikwissenschaftler

(Bild: Nora Heinisch)

Steckt teilweise sogar Geschäftssinn hinter den verbreiteten Verschwörungserzählungen oder glauben alle das, was sie da erzählen? Das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Besonders die lautesten Verschwörungsrapper wirken aber meist sehr überzeugt von dem, was sie erzählen. 

Ob sich Fans von Verschwörungsmythen vergraulen lassen oder eher anfangen, selbst daran zu glauben, lässt sich momentan schwer feststellen. Jakob will genau das in einem weiteren Forschungsprojekt untersuchen. Das steht jedoch noch am Anfang. "Ein Blick in die Kommentarspalten zeigt aber, dass es durchaus die Gefahr gibt, dass das bei den Fans verfängt", sagt Jakob. Gerade jungen Menschen werde in den Verschwörungsmythen der Rapper ein attraktives Weltbild des unbequemen Wahrheitskämpfers vermittelt. So könne die extrem große Reichweite der Rapper zu einem großen Problem werden. Auch Skinny sieht diese Gefahr, merkt aber an, dass es auch viele Rapfans gibt, die sich gegen Verschwörungstheorien stellen und sich darüber lustig machen: "Je mehr es die jeweilige Bubble verlässt, desto mehr Gegenwind gibt es."

Wer ist in der Verantwortung, etwas zu ändern?

Das Ziel könne nicht sein, verschwörungsliebende Rapper mit Fakten zu überzeugen. "Man muss ihnen Grenzen aufzeigen", sagt Jakob. Er sieht Streaming-Anbieter, Konzertveranstalter, Sponsoren und Labels in der Pflicht. Außerdem sei es wichtig, jugendliche Rapkonsumenten über die Inhalte aufzuklären. "Sie müssen lernen, zwischen verschwörungsideologischen Argumentationen und legitimer Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen zu unterscheiden."

Flers Telegramgruppe dürfte dafür der falsche Ort sein. 


Uni und Arbeit

Maximilian und Colin mussten ihr Kino wegen Corona schließen – und haben ein Autokino eröffnet
Die Coronakrise zwingt junge Unternehmer, kreativ zu werden

Seit knapp zwei Monaten sind die Kinos in Deutschland wegen des Coronavirus geschlossen. Die wirtschaftlichen Folgen sind enorm: Dem Hauptverband Deutscher Filmtheater zufolge verliert die Kinobranche gerade pro Woche Einnahmen in Höhe von 17 Millionen Euro. Eine Umfrage unter den Mitgliedern des Verbands ergab, dass mehr als die Hälfte davon ausgeht, in den kommenden Monaten Insolvenz anmelden zu müssen, sollte sich nichts an der Situation ändern.

Ende Mai wollen Bund und Länder ein Konzept zur Wiedereröffnung der Kinos vorlegen. Spätestens im Herbst müsste das Kinogeschäft laut Betreibern wieder normal laufen, sonst stünde die ganze Branche vor dem Ruin. Zur Überbrückung testen viele Kinobesitzerinnen und -besitzer gerade andere Konzepte: Das Projekt "Window Flicks" beispielsweise macht Berliner Innenhöfe zu Kinoleinwänden (bento).

Renaissance der Autokinos

Und auch Autokinos feierten in den vergangenen Wochen ein Comeback. Vor der Coronakrise gab es deutschlandweit nur fünf, die dauerhaft geöffnet hatten. Jetzt werden es immer mehr. (SPIEGEL)

Eines dieser Autokinos haben Maximilian Meynigmann, 23, und Colin Germesin, 24, eröffnet. Die beiden betreiben seit gut einem Jahr ein Kino, die Loe Studios in Marl in Nordrhein-Westfalen. Mitte März mussten sie es wegen des Coronavirus schließen. Die jungen Unternehmer reagierten schnell und eröffneten Anfang April ein mobiles Autokino.