Bild: imago/Antonio Guillem
Plötzlich geht es um Copy-Paste-Sex, Gemüsekisten und Youtube-Haarschnitte

Schulen versuchen plötzlich digitales Lernen, Universitäten starten Online-Seminare, Wohnungen werden zu Büros: Krisen erzwingen in einer Gesellschaft oft Veränderungen.

Als der Corona-Lockdown begann, wollte ich wissen, wie er unser Leben verändert. Unsere Gedanken, unser Verhalten, unseren Alltag. Internet-Suchbegriffe helfen dabei, sich ein Bild davon zu machen.

Unsere Suchanfragen zeigen, was uns wirklich interessiert

Die gesammelten Suchanfragen ganzer Länder oder Kontinente sind oft aussagekräftiger als das, was wir uns im Alltag womöglich selbst vormachen. Wir joggen mehr, wir suchen regionale Lebensmittel – aber wir interessieren uns auch für Copy-Paste-Sexting und oft mehr für Bastelanleitungen als für Nachrichten. 

Wie viele Anfragen genau zu den jeweiligen Themen bei Google auflaufen, verrät der Konzern leider nicht. Die Daten zeigen aber, wie sich das Interesse an bestimmten Themen verändert hat. Der Wert 100 steht dabei für das höchste bislang gemessene Interesse – fällt er in die Corona-Zeit, wissen wir also, dass es noch nie so viele Suchen zu einem Thema gab wie jetzt. Auch nachlassendes Interesse lässt sich nachvollziehen, zum Beispiel beim Thema Fitness. 

Sport wird wohl nie mehr so sein wie vor Corona. Fitnessstudios bleiben wegen der Infektionsgefahr bis auf Weiteres geschlossen. Ins Schwimmbad gehen fällt auch aus. Also weichen wir auf Joggen aus oder machen Yoga, wie man an der Häufigkeit der entsprechenden Google-Suchen sieht: 

Das Wohnzimmer ist das neue Fitnessstudio

Dafür haben wir neue Orte für den Sport entdeckt. Auf YouTube sind Workout-Videos so beliebt wie noch nie: 

Aus Sport, vor Corona oft im Team, wird ein isoliertes Training. Manche laufen schon einen Marathon auf dem Balkon (SPIEGEL).

Die Frisuren der Krise

Auch bei der Körperpflege macht sich Corona bemerkbar: Seit Friseursalons geschlossen sind, hat das Interesse an Video-Tutorials für DIY-Haarschnitte rapide zugenommen.

In den Suchanfragen zeigt sich, was Corona nicht nur in den Köpfen, sondern auch darauf verändert hat.

Unser Interesse an Masken hat sich verändert

An den Google-Suchen sehen wir auch, wie schnell Menschen improvisieren. Ende Februar, als die Nachrichten aus der Lombardei sich häuften, versuchten viele noch verzweifelt, Atemschutzmasken zu kaufen. Das Interesse lässt sich am ersten Anstieg der Kurve ablesen. Bald darauf waren Masken ausverkauft oder überteuert.

Es folgte der Lockdown, für einige Zeit brauchte niemand mehr einen Atemschutz. Als sich in den folgenden Wochen aber immer noch nichts auf dem Maskenmarkt bewegte, begannen Leute einfach nach Schnittmustern zu googlen und selbst Masken zu nähen. 

Einen Höhepunkt erreichte das Interesse kurz nachdem der die Bekleidungsmarke Trigema ankündigte, ebenfalls in das Maskengeschäft einzusteigen: 

Nähen und Basteln haben in unserem Corona-Alltag Spuren hinterlassen: Masken wurde Mode. Etsy, eine Plattform zum Verkaufen von Selbstgemachtem, verzeichnet so viele Google-Suchen wie noch nie.  Und ist plötzlich bei den Suchanfragen auf Augenhöhe mit der altehrwürdigen "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Gleichzeitig zeigt Corona, wie fragil der globale Handel ist und welche Gefahren von ihm ausgehen. Geschäftsreisende haben das Virus auf der Welt verbreitet, Touristen trugen es weiter.

Neu im Portfolio: Pastinaken und Kohlrabi

Die Idee kürzerer Handelswege und lokaler Versorgung scheint gerade einige zu begeistern. Statt iPhone-Kopfhörer aus China interessiert uns plötzlich Gemüse aus der Nachbarschaft. Noch nie haben so viele Menschen Hofläden gegoogelt: 

Sex in Zeiten der Krise

Und es gibt natürlich auch Dinge, die man mit Google-Daten beobachten kann und von denen man hofft, dass sie keine Zukunft haben. Die Zahl der Suchanfragen im Zusammenhang mit Fernbeziehungen ist angestiegen. Menschen suchen Auswege aus der Einsamkeit – und aus dem sexuellen Lockdown. 

Auch Suchanfragen wie "sexting messages copy and paste" haben jedoch zugenommen. Genauer gesagt: Noch nie wurde danach so stark gesucht wie in den vergangenen Wochen. Das klingt wiederum wenig nach Romantik – und sehr stark nach verzweifelten Paaren oder schnellem Dauer-Tindern mit Hoffnung auf einen Zufallstreffer. Irgendjemand wird ja vielleicht antworten?

Ob solche Verhaltensmuster auch nach der aktuellen Krise eine Chance haben, wird jedoch nicht an Corona oder Google liegen. Sondern einfach an uns selbst.

Gemüse, Sport, Atemschutz, Sex: Es gibt zu fast jedem Aspekt der Krise überraschende Zahlen. Doch die berechtigte Frage ist natürlich: Wie repräsentativ sind diese Daten? Und können diese Zahlen uns wirklich etwas über die Zukunft sagen?

Was Google-Daten wirklich erklären können

Tatsächlich versuchen Wissenschaftler mit Google-Daten schon länger, Prognosen zu erstellen, etwa zur Entwicklung der Arbeitslosigkeit oder von Epidemien. Der Ansatz ist allerdings von Rückschlägen geplagt. Bereits 2008 versuchte Google, anhand von Symptome-Suchen Grippewellen zu prognostizieren. Kurz schien es zu funktionieren. Doch sobald eine größere Grippewelle in den Nachrichten war, googelten auch Gesunde die Grippe – die Prognose ging schief. Das Projekt wurde inzwischen eingestellt.

Datenanalysten wie Seth Stephens-Davidowitz, Autor des Buches "Everybody Lies", lassen sich davon nicht beirren. Während der Corona- Krise suchen sie nach Google-Anfragen, die darauf schließen lassen, dass jemand tatsächlich Symptome hat. Wer "Geschmacksverlust Corona" googelt, will vielleicht einfach mehr darüber erfahren; wer "ich kann nichts mehr schmecken" googelt, leidet vielleicht wirklich an Geschmacksverlust. Untersucht man dann, was Leute sonst noch suchen, stößt man womöglich sogar auf neue Symptome.


Fühlen

Mein erster Schuss: Selbstversuch auf dem Schießstand
Schusswaffen machen mir Angst. Wird sich das ändern?

Mit Waffen habe ich nicht viel zu tun. Ich war noch nie auf einem Schießstand, habe noch nie geschossen. Ich – und auch die Menschen in meinem Umfeld – verbinden mit Waffen vor allem eins: Gewalt, Tod und Leid.

Doch Waffen sind nicht nur in den Händen von Mafia-Bossen und SEK-Polizisten, sondern auch bei ganz normalen Menschen zu finden: Die Anzahl der Kleinen Waffenscheine in Deutschland steigt. Wer den besitzt, darf zum Beispiel mit einer Schreckschusspistole auf Schießständen oder auf einem privaten Grundstück schießen. Ende 2019 waren etwa 665.000 dieser Scheine im Nationalen Waffenregister eingetragen. Damit hat sich die Anzahl in fünf Jahren mehr als verdoppelt. (SPIEGEL