Und was passiert, wenn Fans und Follower anfangen, das Gesagte ernst zu nehmen?

Die Influencerin Anne Wünsche ist sich derzeit nicht so sicher, ob hinter dem Coronavirus nicht doch mehr steckt, als man wisse. Vor ein paar Wochen fragte die 28-Jährige in einer Instastory, "ob Corona wirklich der Grund dafür ist, dass Länder dicht gemacht werden und man nicht mehr auf die Straße darf?" Vielleicht stimme da etwas nicht, vermutet sie vor ihren 800.000 Followerinnen und Followern. Dann stellte sie einen neuen Teekocher vor.

So wie Anne Wünsche scheint es derzeit einigen mehr oder weniger prominenten Menschen in Deutschland zu gehen: Sie zweifeln an Gutachten von Virologinnen und Virologen, vermuten düstere Pläne der Regierung – oder teilen gar unverholen antisemitische Verschwörungstheorien, mit denen sie zu erklären glauben, was in Deutschland und der Welt gerade passiert. Es scheint: Je länger die Coronakrise unseren Alltag auf links dreht, desto mehr drehen auch C-Prominente und Influencerinnen frei. 

Attila Hildmann geht in den "Untergrund", Xavier Naidoo sucht nach Atlantis

Der Showveganer Attila Hildmann behauptet auf seiner Facebookseite, in Kürze werde in Deutschland die Demokratie abgeschafft und von bösen, geheimen Kräften eine "Neue Weltordnung" installiert. Bill Gates stecke hinter allem. Da man versuche, ihn – Attila – zu ermorden, lebe er ab sofort "im Untergrund". Seinen Fans empfiehlt er den bewaffneten Widerstand.

Verschwörungsveganer Attila Hildmann: Großes Sendungsbewusstsein trifft auf relative Bedeutungslosigkeit.

Der ehemalige "Popstars"-Juror Detlef D! Soost behauptet auf Facebook, die Bundesregierung führe Mitte Mai eine "Impfpflicht" ein – obgleich es noch gar keinen Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus gibt. Und auch der geschasste RTL-Juror Xavier Naidoo, der seit Jahren rassistische Äußerungen verbreitet, teilt über seine Kanäle neben dem geheimen Standort der versunkenen Stadt Atlantis nun auch Corona-Absurditäten. 

Andere, wie die Influencerin Ava Louise, lecken im Protest gegen Hygienevorschriften demonstrativ ihre Klobrille ab:

Wenn sich diese Verkündungen auf fragwürdige Challenges im heimischen Bad beschränken, mag man das noch lustig finden. Doch was Attila Hildmann oder Xavier Naidoo derzeit teilen und behaupten, geht darüber hinaus. Sie sind Prominente und Influencer, mit denen wir in Reality-TV-Formaten groß wurden und denen wir heute auf Instagram durch den Alltag folgen. 

Promis in der Coronakrise: Großes Selbstbewusstsein trifft auf relative Bedeutungslosigkeit

Bisher waren sie für unsere Unterhaltung da, sollten kochen, tanzen, singen. Mit den gegenwärtigen Kontaktsperren, Reisebeschränkungen und Schließungen ändert sich das: Nicht nur viele Angestellte und Studierende bleiben daheim, sondern auch Prominente. Plötzlich trifft ein großes Sendungsbewusstsein auf eine aktuell relative Bedeutungslosigkeit – es scheint, nicht alle kommen damit gut zurecht.

Die Psychologin Pia Lamberty forscht zu Verschwörungstheorien. Sie hat beobachtet, dass Narzissmus und Einzigartigkeitsgefühle ein Antrieb für Verschwörungstheoretiker sind. "Wenn man selbst der Verkünder der Wahrheit ist, fühlt sich das gut an", sagt sie zu bento. Entsprechend könne es gut sein, dass einige Promis, die es in normalen Zeiten gewohnt sind, immer Aufmerksamkeit zu bekommen, nun über das Verbreiten von Absurditäten neue Zielgruppen suchen.

Auch wenn es noch nicht genügend Belege gebe, spreche viel dafür, dass die Coronakrise gerade für einen Anstieg von Verschwörungsglauben führe. "Viele erleben gerade einen Kontrollverlust", sagt Pia zu bento, "einige suchen dann Halt bei möglichst simplen Erklärungen".

Schwierige Fragen, einfache Antworten

Verschwörungsmythen liefern genau solche einfachen Antworten: Das Virus und seine massiven Folgen für jeden Einzelnen lassen sich nur schwer erklären und greifbar machen. Auf vieles haben wir noch keine Antworten, und die, die wir schon haben, mussten mühsam erarbeitet und oft korrigiert werden. Virologinnen und Virologen sind es gewohnt, so zu arbeiten: Erkenntnisse in der Wissenschaft leben vom Zweifel. Alle anderen können diese Zweifel, nun ja, verzweifeln lassen. Viele suchen nach schnellen und einfachen Antworten. Und manch einer wird bei Verschwörungstheoretikern fündig. 

Vor allem auf dem Messenger Telegram wachsen viele entsprechende Kanäle rasant an. Einige rechtsextreme Kanäle kommen dort auf bis zu 80.000 Abonnentinnen und Abonnenten, mittlerweile gibt es auch esoterische und linkspropagandistische Gruppen. Rechte, Verschwörungstheoretiker, Influencer und Hippies – auf Telegram verbünden sie sich in ihrer Furcht vor dem Staat. Solche ideologieübergreifenden Schulterschlüsse gebe es in der Szene immer wieder, sagt Psychologin Pia, "auch unter den Impfgegnern verbrüdern sich schon seit Jahren Rechte und Alternativmediziner". Aber Corona mache die ungewöhnliche Querfront sichtbarer denn je.

Was vielen Corona-Verschwörern außerdem gemein ist: die Erzählung, dass hinter allem eine geheime Weltregierung stecke. Am häufigsten teilen die Zweifelnden als "Beweis" YouTube-Videos des Publizisten Ken Jebsen. 

Vielen Verschwörungstheorien gemein: Antisemitismus made by Ken Jebsen

Der ehemalige Radiomoderator behauptet von sich, kein Antisemit zu sein, teilt aber in seinen Videos auf "KenFM" regelmäßig viele bekannte antisemitische Verschwörungstheorien. Unter anderem glaubt er, Politiker bastelten heimlich an der "Schaffung eines israelischen Großreichs" (Tagesspiegel). 

Seine Videos werden von Attila Hildmann empfohlen, Til Schweiger lobt sie als "der Knaller". Auch die Influencerinnen Sarah Foxx (100.000 Follower) und Senna Gammour (1 Millionen Follower) empfahlen das neuste Video von Ken Jebsen. Er behauptet darin, Bill Gates habe Regierungen gekauft, um via Corona Impfprogramme weltweit durchzusetzen. Wenn das stimme, "sind wir am Arsch", orakelt Ex-Monrose-Sängerin Senna Gammour daraufhin. Auf YouTube empfehlen die Influencer Luna Darko und Ardy (500.000 Follower) "KenFM" ihren jungen Abonnentinnen und Abonnenten.

YouTuber Luna Darko und Ardy: "Ein Nazi ist nicht nur ein schlechter Mensch."

Der antifaschistische Twitter-Account 4lert4 beobachtet seit Längerem die Verschwörungspostings von Influencerinnen und YouTubern – und sieht auch fehlende Medienkompetenz als Problem. Die eigene Identität will 4lert4 zum Selbstschutz geheim halten.

"Die wissen zwar, wie man einen Stream aufzeichnet oder ein Video schneidet", schreibt 4lert4 im Chat mit bento über Influencer wie Luna Darko, "aber häufig nicht, woran man seriöse Quellen erkennt". Durch ihre enorme Reichweite werden solche kritischen Inhalte normalisiert und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht – ohne jede journalistische Einordnung. Es besteht die Gefahr, dass bei den Fans der Promis etwas hängen bleibt. Der kleine Zweifel, das bisschen Frust.

Rechtsextreme wollen die Corona-Stimmung für ihren "Tag X" nutzen

Spätestens wenn sich unbedarfte Theorien jedoch mit Agitationen von Rechtsextremen vermischen, wird es gefährlich. Wo die einen "nur" von der angeblichen Abschaffung von Grundrechten oder Zwangsimpfungen raunen, basteln die anderen aktiv am Umsturz unserer Gesellschaft. "Verschwörungstheoretiker teilen die Welt klar in Gut und Böse", sagt Psychologin Pia, "und haben entsprechend klare Feindbilder". Das könne einzelne zu tatsächlichen Übergriffen motivieren. 

Für Rechtsextreme ist der Staat dieses Feindbild. Sie fiebern schon länger auf den "Tag X" hin, an dem sich der rechte Rand gegen ihn erheben und kämpfen soll. Durchverschwörte wie Xavier Naidoo und Attila Hildmann steigen auf die Rhetorik ein: Auf Telegram behauptet der Veganer, mit dem Sänger telefoniert zu haben – man sei bereit, "für die Sache Kopfschüsse zu kassieren".

Post aus Hildmanns Telegram-Kanal: Rechtspopulistischer Wunsch nach Widerstand. 

Der Flüchtlingssommer 2015 zeigt, wie sich die Coronakrise entwickeln kann

Im "Tagesspiegel" warnt ein Experte der Sicherheitsbehörden, die Unruhe im Netz sei "ein Vorspiel auf das, was zu erwarten ist". Die "Anschlussfähigkeit" von Extremisten könne zunehmen und damit "mittelfristig auch die Radikalisierung von Teilen der Bevölkerung". Im schlimmsten Fall drohe ein Szenario wie im Herbst 2015: Neben anderen schürte die AfD massiv Vorurteile gegen Geflüchtete – schon bald brannten vielerorts Flüchtlingsunterkünfte.

Die Coronakrise stellt unser Miteinander nun in ähnlicher Form auf die Probe. Wir leben in einer Zeit der Uneindeutigkeit. Die Wissenschaft hinterfragt täglich ihre Erkenntnisse – die Öffentlichkeit sollte in gleichem Maße hinterfragen, ob und welche politischen Entscheidungen gerade gerechtfertigt sind. Doch das ist kein Freibrief zum Freidrehen. Die Coronakrise ist keine Zeit für einfache Antworten. 

Bei unserem täglichen Blick in Instastorys und auf YouTube-Videos sollte daher klar sein: Ein Koch ist ein Koch, und kein Virologe. 


Uni und Arbeit

"Die Leute schauen auf dich herab": Wie junge Arbeitslose unter dem Druck der Gesellschaft leiden
Isabella, 23, hat keinen Job. Das wirkt sich auch auf ihre Psyche aus.

Es gibt diese Sätze, die Isabella umhauen. Neulich wieder: Bei Twitter habe jemand geschrieben, die Arbeitslosen sollten sich in der Coronakrise um die Kinder kümmern, erzählt sie. Die hätten doch so viel Zeit. Und: "Wenn die sich dann infizieren, ist es wenigstens nicht so schlimm." 

Isabella ist gelernte Konditorin, seit Mai vergangenen Jahres ist sie arbeitslos. Die 23-Jährige wohnt in einer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung im Süden von Schleswig-Holstein. Ihre Stimme zittert in der Telefonleitung, wenn sie erzählt, manchmal schluchzt sie: "Die Leute schauen auf dich herab. Sie denken, du bist wie die Schauspieler im Nachmittagsprogramm von RTL." Ihren richtigen Vornamen will sie deshalb in diesem Artikel nicht nennen.

Isabella ist immer wieder in Psychotherapie, mit ihrem Leiden steht sie für viele junge Arbeitslose in Deutschland

Seit sie arbeitslos geworden sei, spüre sie den Druck und die Vorurteile der anderen, sagt Isabella. "Sitzt du dann nur faul auf der Couch?", fragten Menschen, die sie erst seit Kurzem kennt. "Nein", antworte sie – und schweige dann meistens. Früher habe sie versucht, sich zu rechtfertigen, heute mache sie das nicht mehr.

Trotzdem quält sie diese Abneigung. Isabella ist immer wieder in Psychotherapie, immer wieder krankgeschrieben. Mit ihrem Leiden steht sie für viele ausgegrenzte, junge Arbeitslose in Deutschland.

Der aktuelle Gesundheitsreport der Betriebskrankenkassen zeigt, dass Arbeitslose deutlich länger wegen psychischer Erkrankungen krankgeschrieben sind als Berufstätige. Besonders betroffen seien junge Menschen, sagt der Psychologe Karsten Paul von der Universität Erlangen-Nürnberg: "Bei ihnen gehört der Job zum Ritual des Erwachsenwerdens dazu." Mit einer Arbeitsstelle sehe man sich als Leistungsträger der Gesellschaft, ohne Job sinke das Selbstwertgefühl drastisch.

Isabella ist qualifiziert, arbeitet gern kreativ. Nach ihrer Ausbildung zur Konditorin schloss sie eine weitere Ausbildung zur Hotelfachfrau an. Sie sagt, sie sei mit ihrem Chef in der Konditorei nicht klargekommen und habe sich auf die vielen Menschen im Hotel gefreut. Doch nach eineinhalb Jahren brach sie ab und meldete sich arbeitslos. Auch ihr Chef im Hotel sei schlimm gewesen, erzählt Isabella heute. Er hätte sie gemobbt, nicht ernst genommen, Mitarbeiter gegeneinander ausgespielt.

Für Isabella war klar: Sie will nie wieder als Konditorin oder im Hotel arbeiten. Das sei allerdings zum Problem geworden, sagt sie. Denn in den ersten Monaten habe sie nur Jobangebote aus diesen Branchen bekommen. Immer wieder hadert Isabella mit ihren Entscheidungen: "Ein paar Mal war ich kurz davor, doch eine Stelle in einer Konditorei oder einem Hotel anzunehmen. Dann habe ich Panikattacken bekommen und wusste, dass es nicht richtig ist."