Bild: Ruben Gerczikow
Und warum die Mythen so gefährlich sind

Seit Beginn der Pandemie begegnen uns im Netz immer häufiger dubiose Thesen zum Coronavirus: Manche glauben zu wissen, dass das Virus Teil eines großen Komplotts sei. Oder dass die Regierung uns manipuliere, um eine Diktatur zu errichten. Andere stellen ganz grundsätzlich die Frage in den Raum: Gibt es das Virus überhaupt?  

Diese Verschwörungsmythen tauchen nicht nur in Kommentarspalten auf Social Media auf, sondern werden inzwischen sogar von Promis und Influencern verbreitet, wie etwa Sänger Xavier Naidoo, YouTuberin Anne Wünsche oder Star-Koch Attila Hildmann. 

Die Schuld für die Coronakrise suchen die Verbreiterinnen und Verbreiter unter anderem bei korrupten Staatsapparaten, Bill Gates – oder pauschal bei "den Juden". 

Für Ruben Gerczikow sind solche Debatten nichts Neues. Er ist 23 Jahre alt und selbst Jude. Sein ganzes Leben lang wurde er mit antisemitischen Verschwörungsmythen konfrontiert. Sie begegnen ihm im Alltag oder bei seiner Tätigkeit als Vorstand der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD), die die Interessen von jungen Jüdinnen und Juden vertritt. 

Er hat uns erzählt, wie er mit den Verbreitern solcher Verschwörungsideologien umgeht, wie Menschen sich schützen können, die anfällig für solche Mythen sind, und warum es so wichtig ist, dass man nicht müde wird, Gegenrede zu leisten. 

bento: Ruben, mit welchen Verschwörungsmythen bist du schon konfrontiert worden?

Ruben Gerczikow: Ein Klassiker ist die Ideologie des Großen Austausches des rechten französischen Philosophen Renaud Camus. Er behauptet, dass die sogenannte Flüchtlingskrise von 2015 ein Teil des Großen Austausches ist und hinter ihr der Gedanke steckt, die weiße europäische Rasse mit arabischen und afrikanischen Migranten vermischen zu wollen, um sie zu schwächen. Dahinter steckten "die Globalisten", "die Eliten", Institutionen wie die Europäische Union oder die Vereinten Nationen. Oder es werden direkt jüdische Personen verdächtigt, wie George Soros oder die Familie Rothschild.

Der aus Ungarn stammende US-Milliardär George Soros steht häufig im Fokus von Verschwörungstheorien. 

(Bild: Getty Images/ Sean Gallup)

bento: Warum George Soros und die Familie Rothschild?

Ruben: Weil sie als Code für eine jüdische Weltverschwörung benutzt werden. Es ist schwieriger, jemandem zu vermitteln, dass "die Juden" hinter den Banken oder der Filmindustrie die Strippen ziehen. Es ist einfacher zu sagen: Da ist diese jüdische Großfamilie, die angeblich Wirtschaftskrisen inszeniert hat und für alles Schlimme in der Welt verantwortlich sein soll.

bento: Welche Gemeinsamkeiten erkennst du zwischen den Verschwörungsmythen, die du dir als Jude immer wieder anhören musst, und denen, die seit Beginn der Corona-Pandemie verbreitet werden?

Ruben: Grundsätzlich sind es dieselben. 

„Verschwörungsideologien und Verschwörungsglauben passen sich in gewisser Weise den aktuellen Zuständen an.“

bento: Was genau meinst du damit?

Ruben: In Chatgruppen und unter YouTube-Videos habe ich in letzter Zeit oft etwas über den Mythos des Großen Austausches gelesen. Da heißt es dann: Die beschlossenen Corona-Maßnahmen seien ein Deckmantel der "globalistischen Eliten", um den Großen Austausch voranzutreiben, die Meinungsfreiheit einzuschränken, die Demokratie auszuhebeln und die europäische Rasse zu zerstören. Diese ganze Pandemie werde vom Staat dafür genutzt, die Bevölkerung mundtot zu machen.

bento: Wie reagierst du, wenn du mit diesem Verschwörungsglauben konfrontiert wirst?

Ruben: Ich glaube, gerade in sozialen Medien ist es wichtig, diesen Aussagen in eigenen Kommentaren mit Fakten zu widersprechen und damit Gegenrede zu betreiben. Man könnte zum Beispiel zu den Seiten von Correctiv verlinken, weil das gemeinnützige Recherchezentrum Verschwörungsmythen aus sozialen Medien aufgreift und faktenbasiert aufklärt. Nicht wegen der Leute, die diese Verschwörungsmythen verbreiten, sondern wegen derer, die mitlesen. Wenn Nutzer einfach ohne Widerrede und Gegenargumente Verschwörungsmythen rezipieren, dann können sie viel empfänglicher dafür sein.

bento: Sollte man in manchen Fällen die Verbreiter von Verschwörungsideologien nicht besser ignorieren, um ihnen keine Plattform zu bieten?

Ruben: Ich glaube, das kommt auch auf die Größe des Accounts an. Je nachdem, wie groß der eigene Account ist, kann man die Sache eher noch größer machen und ihr mehr Relevanz verschaffen. In dem Fall wäre es sinnvoller, die Kommentare, Posts und Tweets zu melden. Wenn sie strafrechtlich relevant sind, sollte man sie auch screenshoten. Eindeutig antisemitische oder diskriminierende Inhalte kann auch an die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, RIAS, schicken.

bento: Verschwörungsmythen und populistische Aussagen können ja auch verführerisch sein, weil sie einfache Erklärungen liefern. Wie können sich Menschen schützen, um dieser Verführung nicht zu verfallen?

Ruben: Ganz oft kann es helfen, die Quellen zu prüfen. Allein ein Blick ins Impressum – wenn ein Impressum vorhanden ist – kann schon dafür sorgen, dass man merkt: "Okay, das ist keine seriöse Quelle." 

„Es ist einfach wichtig, kritisch zu hinterfragen, was man sieht und liest.“

bento: Du wirst immer wieder aufs Neue mit Verschwörungsmythen konfrontiert. Resigniert man nicht irgendwann?

Ruben: Für mich ist das inzwischen wirklich Normalität geworden. Manchmal muss ich sogar schmunzeln, weil es so abstrus und fantasievoll ist, was im Netz geschrieben und veröffentlicht wird. Aber es ermüdet mich schon ein wenig, dass immer wieder Verschwörungsideologien verbreitet werden und es immer noch genügend Leute gibt, die daran festhalten. 

Basierend auf Verschwörungsideologien können Attentate und Terrorangriffe geplant werden, wie es in Christchurch, Halle und Hanau bereits geschehen ist. Die Täter dieser Angriffe bezogen sich alle auf Verschwörungsideologien, die schon in verschiedenen Blogs, Online-Foren und Imageboards kursierten, wie etwa 4chan und 8chan. Dieses Gedankengut ist so gefährlich, weil es ein Motor für Hass oder sogar Mord sein kann. Deshalb dürfen wir nicht müde werden, darüber zu sprechen.


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Laetitia Ky kämpft für Frauenrechte – mit ihren Haaren
Die 23-jährige Künstlerin aus der Elfenbeinküste im Interview über ihre Frisuren und Feminismus in Westafrika.

In Abidjan in der Elfenbeinküste hat es gerade geregnet, die Internetverbindung ist schlecht. Immer wieder stockt das Bild. Laetitia Ky sitzt in einem großen weißen Raum, ihre langen geflochtenen Haare hängen herunter. Ausnahmsweise. Auf ihren Social-Media-Kanälen präsentiert sich die 23-Jährige eher selten mit einer so unspektakulären Frisur. Dort zeigen ihre Posts zum Beispiel einen aus Draht und Haar geformten Frauenkörper auf ihrem Kopf. Die Figur reckt einen Arm in die Höhe, die Faust ist geballt. Andere Posts zeigen Laetitias Haare als Brüste, Uterus, Megafon oder Baby. Alles macht sie selbst, aus Draht und ein paar zusätzlichen Extensions.