Bild: Screenshot: bento
PM International wirbt im Netz mit Traumeinkommen – und Immunboostern gegen Corona. Wir haben uns eingeschlichen.

Vor ihrem großen Auftritt übt Tatjana* noch mal das "L". Sie spreizt Daumen und Zeigefinger der rechten Hand in einem rechten Winkel – so dass es wie der Buchstabe aussieht. Dann lächelt sie ins Handy, eine Freundin drückt ab. 

Es ist ein Sonntag im Februar und Tatjana ist auf einer Produktmesse der Firma PM-International im Kongresscenter Dresden. Die Firma selbst nennt es "Business-Akademie". Rund 800 Leute sind gekommen. Die Luft riecht nach süßem Parfüm und Energydrinks, aus den Boxen pumpt Cheerleader-Techno.

Tatjana trägt ein schwarzes Kleid mit gelben und grünen Blüten, die brünetten Haare sind hochgesteckt. Gleich wird sie mit rund 120 anderen Frauen und Männern auf die Bühne des Kongresssaales gehen. Für ein Gruppenbild recken sie ihre gespreizten Finger in die Höhe. Das "L", vielen eigentlich als Zeichen für "Loser" bekannt, hat bei PM International eine andere Bedeutung: Es ist das "L" in FitLine, der Hausmarke der Firma. 

PM International lockt Millennials mit einem fragwürdigen Produkt in ein fragwürdiges Verkaufssystem

Unter dem Label verkauft PM International Nahrungsergänzungsmittel. Es sind  Pülverchen, die man zu Drinks anrühren kann. Die Produkte tragen Namen wie "Activize", "Herbaslim" oder "Restorate". Wer sie nimmt, wird angeblich schöner, schlanker, leistungsstärker – und ist vermeintlich besser vor Corona geschützt, denn "ein starkes Immunsystem ist die beste Unterstützung bei der Form von Virus" verkündete Firmengründer Rolf Sorg vor wenigen Tagen in einem Facebook-Video.

Auch Tatjana schwärmt von den Nahrungsergänzungsmitteln, behauptet, sie gebe sie auch ihrem dreijährigen Sohn. Sie sagt:

„Im Obst und Gemüse sind die Nährstoffe, die der Mensch braucht, schon lange nicht mehr drin, bei 'FitLine' schon.“
FitLine-Verkäuferin Tatjana

Dass Tatjana mit einem bento-Reporter spricht, weiß sie nicht. Ich habe mich unter dem Namen René bei PM International eingeschlichen, unter dem Vorwand, selbst auch Verkäufer werden zu wollen. Ich will rausfinden: Mit welchen Methoden sollen Menschen in das System von PM International gelockt werden? Wer wie Tatjana für PM International arbeitet, verkauft nämlich nicht einfach nur Nahrungsergänzungsmittel. Er verkauft einen Lifestyle. 

"Business-Akademie" von PM International in Dresden: Wer Kritik äußert, ist nicht ehrgeizig genug.

(Bild: Marc Röhlig/bento)

Ich bin über Instagram auf "FitLine" aufmerksam geworden. Junge Frauen und Männer räkeln sich dort in Sport-Outfits an Traumstränden oder auf luxoriösen Yachten. "Du willst auch so glücklich werden", fragen sie in ihren Stories, "schreib mich an!" Immer geht es um Traumreisen, um eigene Autos und um angebliche finanzielle Unabhängigkeit. "Werde auch du dein eigener Chef", schreibt eine Nutzerin in ihre Insta-Story. 

Geht das so einfach? Kann man mit Nahrungsergänzungsmitteln wirklich so viel Geld machen? Oder sind es eigentlich die immer neuen Verkäuferinnen und Verkäufer, die frische Umsätze in die Kasse spülen? Und: Wie gesund sind überhaupt die Pulver, die PM International anpreist?

Um das herauszufinden, hatte ich als René Anfang des Jahres Mike* kontaktiert. Sein Profilbild auf WhatsApp ziert einen Löwen, auf einem Foto sehe ich später einen gut gebräunten jungen Mann, Typ Bodybuilder.

Er meldete sich direkt am nächsten Morgen mit einer Sprachnachricht. Er habe fünf Mails geschickt, in denen alles stehte, sagt Mike in der Sprachnachricht. Dann könne man telefonieren und direkt loslegen.

Anwerbemail von PM International: Schnell Kunden finden und reich werden.

(Bild: Screenshot: Mail)

Die versprochenen Mails bejubeln PM International, die "FitLine"-Produkte und das Verkaufssystem: 

  • "Unsere Produkte sind nach meiner Erfahrung die Besten und Wirksamsten auf dem Markt und von keinem anderen Unternehmen kopierbar."
  • "Vermehren Sie Ihre Zeit, indem Sie sich die Leistungen anderer Menschen zunutze machen und sich verschiedene Einkommensquellen schaffen."

Wir vereinbaren einen Termin, um mich als "Teampartner" zu registrieren, so werden die Subverkäufer genannt.

Um Verkäufer zu werden, sollte ich ein Starter-Kit bestellen, das korrekt wohl "Optimal-Set" heißt. Es kostet 89 Euro. Zugeschickt wird mir gleich die dreifache Ausfertigung, mit zusätzlichen Gebühren werden direkt 254 Euro fällig, zu zahlen in Raten. Darauf hat mich Mike beim Registrieren nicht hingewiesen. Er hat mir auch nicht gesagt, dass ich auch schon mit einem "Demo BAG Starter-Kit mit Unterlagen" für 18,90 Euro Verkäufer hätte werden können, "ohne Investitionsrisiko" wie PM International später mitteilte. Mike sagt, ich solle die Produkte regelmäßig nehmen, um mich selbst "vom raschen Erfolg" zu überzeugen.  

Ein System der "sektenähnlichen Abhängigkeit"

Mike sei schon seit über einem Jahr bei PM International, sagt er bei einem Telefonat, gut eine halbe Stunde investiere er täglich. Demnächst schaffe er die 5000 Euro Nettoeinkommen im Monat. Im normalen Leben arbeite er sonst als Aktienhändler, "aber wenn ich dann die 10.000 Euro bei PM geknackt habe, mache ich Trading nur noch nebenbei". 

Innerhalb weniger Tage schickt er immer wieder Videos und Sprachnachrichten per WhatsApp, sein Teameiter schreibt mir Mails. Nach vier Wochen habe ich insgesamt 42 Mails von PM International im Postfach. Die Hamburger Handelskammer warnt, Netzwerke wie die von PM International, basieren auf einer "sektenähnlichen Abhängigkeit".

Mike lädt mich ein, mich doch aus nächster Nähe von PM International zu überzeugen – bei der "Business-Akademie" in Dresden. 

Geleitet wird sie vom PM-Vertriebschef Sven Palla. Als er fragt, wer neu dabei sei, meldet sich rund die Hälfte der Besucher. Die anderen – wie Tatjana – arbeiten schon länger für PM International. Einige werden später auf der Bühne für ihre Leistungen ausgezeichnet.

Die Firma agiert im Direktvertrieb. Wer einsteigen will, kauft die Produkte ab und versucht, sie weiter zu verkaufen. Vor allem versucht er oder sie aber, weitere Verkäuferinnen und Verkäufer anzuwerben. Experten bezeichnen das Verkaufsmodell als Multilevel-Marketing oder Netzwerk-Marketing.

Der Unterschied zwischen Schneeballsystem und Multilevel-Marketing

Vom Schneeballsystem spricht man, wenn ein Geschäft darauf beruht, dass immer neue Teilnehmer angeworben werden müssen, damit das System weiterbesteht. Wer sich neu einkauft, finanziert die Gewinne der Älteren und ist auf weitere Neukunden angewiesen, um selbst zu verdienen. Oft gibt es dabei gar kein Produkt, dass verkauft wird, sondern nur das Versprechen auf Gewinne. Der Begriff kommt vom Schneeball, der den Hang herabrollt und dabei immer größer wird – bis er im Tal zerplatzt.

Das Multilevel-Marketing (MLM) unterscheidet sich vom Schneeballsystem vor allem in einer Tatsache: Es gibt ein Produkt, das tatsächlich verkauft wird. Allerdings gibt es das Produkt weder im Handel noch beim Onlineversand, sondern nur im Direktvertrieb. Die Firma Tupperware arbeitet so – und bleibt dabei seriös.

Viele Mitglieder der MLM-Firmen verkaufen allerdings nicht nur das Produkt, sondern werben vor allem neue Mitglieder an, motivieren diese und verdienen an deren Umsätzen. Genau das mahnen Verbraucherschützer als unseriös an. (Handelskammer Hamburg/Fakten-Direktvertrieb.de)

Multilevel-Markting ist in Deutschland nach Gesetzen gegen unlauteren Wettbewerb so lange legal, wie die Firma dahinter keine irreführende Werbung verbreitet und nicht den Eindruck vermittelt, dass man vor allem nur dann verdienen kann, wenn man weitere Teilnehmer in das System holt. (§ 3 Abs. 3 UWG)

Genau das scheint jedoch das eigentliche Geschäftsmodell von Firmen wie PM International zu sein: Immer wieder neue Menschen finden, die sich mit ihnen selbstständig machen wollen. 

In internen Dokumenten wie auch in Schulungsgesprächen, die ich geführt habe, wurde mir immer wieder klargemacht: Erfolgreich ist nur, wer neue Verkäuferinnen und Verkäufer unter sich anwirbt und ein eigenes "Team" aufbaut. Und immer wieder die Produkte selbst nachkauft.

In einem Dokument, dass das ideale Kundengespräch durchspielt, wird den Vertrieblern gezielt geraten, Druck aufzubauen, immer wieder nachzuhaken. In nur drei Wochen soll man neue Kunden überzeugen, immer wieder das Produkt zu nehmen – und gleichzeitig selber Vorräte anhäufen:

Nun muss jeder "selbstständige Verkäufer" natürlich selbst entscheiden, wie viel Risiko er oder sie eingeht – also, wie viele Produkte er selbst kauft – oder ob es nicht einfacher ist, zu verdienen, in dem man möglichst viel von dem Risiko weitergibt. An neue Händler.

Tatjana wurde durch ihre Tante angeworben, "zu einem Zeitpunkt, wo es mir nicht so gut ging im Leben", sagt sie heute. Dann habe sie losgelegt und fast ihren ganzen Freundeskreis angeworben. Ein anderer Verkäufer schwärmt, dass man schnell 2000 Euro verdienen könne. "Es ist wichtig, dass du immer wieder Freunde und Bekannte mitbringst", sagt er, "sodass es immer mehr werden und dein passives Einkommen wächst." 

In solchen Systemen macht man entweder Geld – oder Schulden

PM International richtet seine Strategie ganz auf diese Rekrutierung aus. Die Firma wurde 1993 von Rolf Sorg gegründet. Jährlich vermeldet Sorg Umsatzrekorde und ist angeblich in mehr als 45 Ländern aktiv. Die Firma selbst beschäftigt nur wenige Angestellte, die meisten Verkäufer arbeiten als selbstständige Subunternehmer. 

Für jedes neue "Teammitglied", das man unter sich hat, gibt es Punkte. Wer mehr Punkte sammelt, steigt auf – wird mit Umsatzbeteiligungen, Firmenwagen und exklusiven Fernreisen geködert. Das Starter-Kit oder Optimal-Set, das Vertriebler Neuen empfehlen, ist für 80 Prozent des Gesamtumsatzes der Firma verantwortlich, verkündet Sven Palla, der Vertriebsdirektor von PM International, auf der Akademie in Dresden. Wenn das wahr wäre, dann hätte das Unternehmen nur verdammt wenige Kunden, die dauerhaft von seinem Produkt überzeugt sind – und wahrscheinlich sehr viele neue Menschen, die Interesse daran hätten, Verkäufer zu werden. 

Gegenüber bento behauptet PM International später, das stimme nicht. Das Starter-Kit mache "aktuell lediglich 0,6 Prozent des Gesamtumsatzes aus", schreibt eine Unternehmenssprecherin auf meine Anfrage, wobei sie anders als Mike aber vermutlich das "Demo BAG Starter-Kit mit Unterlagen" meint. Oder sie widerspräche damit dem eigenen Vertriebsdirektor, der auf den Akademien mit den Umsätzen von "Activize" und anderen "FitLine"-Produkten prahlt.

Den Vorwurf, vor allem auf neue Vertriebler aus zu sein, weist die Unternehmenssprecherin ebenfalls zurück. Nur ein Fünftel der Kundinnen und Kunden würde selbst in den Verkauf einsteigen. Welchen Anteil diese am Gesamtumsatz haben, wollte die Sprecherin jedoch nicht verraten. Auch, was ein Vertriebler im Schnitt verdient, wird mir nicht beantwortet: "Ein Durchschnittswert zum Gewinn würde die Vielfalt unserer Vertriebspartnerinnen und Vertriebspartner nicht sachgerecht widerspiegeln."

In Vorträgen und Schulungsvideos wirbt PM-International damit, dass Vertriebler den größten Gewinn machen können, in dem sie neue Vertriebspersonen anwerben. Experten sehen darin ein Anzeichen für ein klassisches Schneeballsystem. Auch zu diesem Vorwurf wollte sich die Sprecherin nicht äußern.

Angebliche Einkommenspyramide bei PM International: Belohnungsreisen nach Mauritius und Thailand.

(Bild: Screenshot: bento)

"Beim Multilevel-Marketing verdient man immer an den Neuen, nie am Produkt", sagt Sonja, "es ist alles scheinheilig." Sonja stieg vor vier Jahren selbst bei mehreren Firmen ein, die nach der gleichen Methode wie PM International operieren. Mal bekam sie Geld, wenn sie Werbung schaute und andere Werbeschauende vermittelte, mal verkaufte sie Schlankmachdrinks, mal Zahnputzöle. Mittlerweile hat sie den Firmen den Rücken gekehrt.

Ich habe sie gefunden, weil sie über ihre Erfahrungen gebloggt hat, Sonja ist nicht ihr richtiger Name. Sie war damals eine junge Mutter – und als solche die ideale Kandidatin gewesen, sagt sie heute. "Du kannst halt von zu Hause bequem dazuverdienen", sagt Sonja, "das suggerieren sie dir". Am Anfang stehe ein angeblich tolles Produkt, dann gehe es schnell darum, seine eigene Chefin zu werden, andere Verkäufer unter sich zu scharen. Das Produkt gerät in den Hintergrund, die Vergrößerung der Firmenpyramide in den Vordergrund. "Das Getrickse empfand ich bald nur noch als ekelerregend", sagt Sonja.

Anwerbemasche auf Social: Der Feed ist eine einzige Erfolgsgeschichte.

(Bild: Screenshot Instagram: bento)

Es ist ein System, in dem man theoretisch Geld machen kann – oder bei dem man ganz schnell Schulden anhäuft und auf den Produkten sitzenbleibt. Sonja sagt, sie habe bei einer der Firmen um die 1000 Euro Schulden gemacht. PM International weist allerdings darauf hin, dass man schon seit über zwanzig Jahren unveränderte und sehr kulante Rückgabegarantie zusichere. Wer Produkte nicht verkauft bekomme, könne diese zurückgeben, ohne Begründung, wenn sie noch verkehrsfähig seien, sogar noch nach mehr als 90 Tagen. Auch ich konnte die Produkte zurückgeben. Und laut PM International ist es auch möglich, Produkte an Endkunden zu vermitteln, ohne sie vorher selber kaufen zu müssen.

„Für mich war das Geld weniger schmerzhaft als das schlechte Gewissen, andere mit reingezogen zu haben.“
Aussteigerin Sonja

Lange Zeit zielten die Hersteller vor allem auf ältere Kundschaft, Rentnerinnen und Rentner, die ihre Wehwehchen mit Rührdrinks heilen sollen. Beworben wurden die Wundermittel in Fernsehzeitschriften und Postwurfsendungen. Doch das Geschäft hat sich verändert: Firmen wie PM International, Herbalife oder Juice+ umwerben nun aktiv Millennials auf Instagram und Facebook. 

Schlankheits-Jubel auf Instagram: Viele fragwürdige Aussagen.

Nur ein Prozent der Verkäufer erreichen die angepriesenen Gewinne

Susanne Umbach von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz beobachtet die Methoden und Produkte von PM International schon länger. Das eigens eingerichtete Portal "Klartext Nahrungsergänzung" trägt die Ergebnisse zusammen. Neu sei, wie die zum Teil seit Jahrzehnten bestehenden Firmen sich via Instagram umorientieren: "Lifestyle und Wohlbefinden sind die neuen Marketinginstrumente der Branche." 

Auf Instagram finden sich mittlerweile Hunderte junge Menschen, die wie Tatjana auf ihren Fotos die Finger zum "L" spreizen. Was sich aber auch im Netz findet: Dutzende Stimmen von Ausgestiegenen, die in Foren von Schuldenbergen erzählen und ihren Ex-Arbeitgeber mit einer Sekte vergleichen. 

Die Forscherin Claudia Groß, die seit Jahren Schneeballsysteme untersucht, attestiert PM International erhebliche Intransparenz, was die Offenlegung von Umsatz, Startkapital und tatsächlichen Gewinnspannen angeht (Fakten Direktvertrieb). 

Viele Firmen, die mit Multilevel-Marketing arbeiten, behaupten, man könne schnell um die 2000 Euro im Monat verdienen. Expertin Groß schätzt, dass nur etwa ein Prozent der Mitglieder das tatsächlich erreiche. Nicht mit eingerechnet seien: anfallende Kosten für Verkaufstouren, Werbematerial und Schulungen wie die "Business-Akademie" in Dresden. 

Rechtlich clean, ethisch fragwürdig

Bei der Akademie lernen die Neuen auch die Do's und Dont's im Verkauf: Nahrungsergänzungsmittel sind in Deutschland als Lebensmittel deklariert – nicht als Medizin. Entsprechend unterliegen sie keinen strengen Qualitätsprüfungen. Sie müssen nicht heilen, sie müssen nicht helfen. Es reicht, wenn sie nicht direkt schaden. 

"Ob und wie gut die Nahrungsergänzungsmittel wirken, müssen die Hersteller entsprechend nicht beweisen", sagt Verbraucherschützerin Susanne Umbach. Allerdings: Ihre Mittelchen als Medikamente bewerben dürfen sie auch nicht. PM International weiß das und warnt seine Vertriebler entsprechend:

Screenshot einer PM-Broschüre: Warnhinweise für die Verkäufer

Viele "FitLine"-Verkäufer tun allerdings genau das. Auch Mike. Bei Telefonaten behauptet er mehrmals, die Pulver würden gegen Kopfschmerzen helfen. "Das 'Activize' ist ein Topprodukt gegen Migräne! Da werden die Zellen aufgefüllt und es geht dem Körper gleich besser." Außerdem sei es besser als ein Medikament, weil "nicht verschreibungspflichtig und ohne Nebenwirkungen". 

Verkäufer bewerben FitLine als Hilfe gegen den Coronavirus

Als das Coronavirus nach Deutschland kommt, will er mich animieren, damit Kundinnen und Kunden zu überzeugen. Man soll mit einem "FitLine"-Produkt sein Immunsystem stärken, um sich so zu schützen. Lieferengpässe gebe es übrigens keine, im Gegenteil: "Dank der Finanzstärke von PM [...] sind wir bestens gerüstet und [...] können wir beispielsweise eine erfolgte Verdreifachung der Zellschutzzahlen abwickeln." Es sind die gleichen Jubelsätze, die sein Chef Rolf Sorg benutzt.

Mittlerweile warnt sogar das Bundesernährungsministerium in einer Bekanntmachung vor den Maschen von Firmen wie PM International: Kein Nahrungsergänzungsmittel könne vor dem Coronavirus schützen. "Man spielt nicht mit der Angst der Menschen", mahnt Ernährungsministerin Julia Klöckner, "diese Geschäftemacher dürfen keinen Erfolg haben!"

"Wir setzen auf Prävention", erklärt die Unternehmenssprecherin das Video gegenüber bento. Rolf Sorg äußere sich gemäß der EG-Verordnung 1924/2006. Diese legt fest, welche Gesundheits-Behauptungen Hersteller über ihre Produkte verbreiten dürfen. Erlaubt ist vieles, nur eben nicht, medizinische Nutzen direkt zu versprechen.

Sollte ein Vertriebler das doch tun, werde er abgemahnt und gebeten, "die Äußerungen binnen 48 Stunden zu entfernen", sagt die PM-Sprecherin. Ihr sei "kein Fall bekannt, in dem die Partnerinnen und Partner nicht entsprechend reagiert hätten".

Wenn ich gegenüber Mike Bedenken am Produkt äußere, weicht er aus und schwärmt davon, wie gut bei ihm alles funktioniere. Ich müsse alles einfach länger einnehmen. Er balanciert dabei genau auf dem schmalen Grat, den PM International vorgibt. Mike sagt niemals, dass die "FitLine"-Produkte Medikamente seien. Aber er verknüpft sie mit Krankheiten und überlässt anderen die Interpretation, dass die Produkte helfen könnten.

In Chats und persönlichen Gesprächen würden Vertriebler auch Grenzen überschreiten, ist sich Susanne Umbach von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz sicher: "Verbraucher melden uns, dass in geschlossenen Gruppen oder Privatchats einzelne Produkte mit vielen fragwürdigen Aussagen beworben werden." Nur PM International selbst könne man die irreführende Werbung nicht nachweisen: 

„Der offizielle Webauftritt von PM ist clean – und wir können nicht einsehen, was die selbstständigen Verkäufer auf Social Media in der Mund-zu-Mund-Propaganda versprechen.“
Verbraucherschützerin Susanne Umbach

Mike erklärt mir seine Verkaufsmasche später bei einem Coaching: "Du musst einfach deinen Freunden und Bekannten genau zuhören. Dann weißt du, wo die Probleme haben. Es gibt drei Stellschrauben: Haben sie was mit der Gesundheit – dann empfiehlst du die Produkte. Und wollen sie eher mehr Zeit oder mehr Geld – dann kannst du das Business empfehlen." 

Am besten sei es natürlich, wenn man beides angehe. 

Falscher Name, echte Besuche – wie wir uns bei PM International eingeschlichen haben:

Video: Inken Dworak

* Alle Namen von im Text vorkommenden "FitLine"-Verkäufern haben wir geändert. Auf Screenshots haben wir sie unkenntlich gemacht, in Aufnahmen ihre Stimmen nachgesprochen.


Gerechtigkeit

Die Wut auf Corona-Partys wächst – doch wie viele Feiern gibt es wirklich?

In Nürnberg feierten sie unter einer Brücke. In Berlin mit Schutzanzügen verkleidet im Park. In Neuruppin auf einem Parkplatz. Und in Stuttgart-Mitte bei der "SARS-CoV-19/Houseparty" – zumindest laut Aushang im Treppenhaus.

In ganz Deutschland soll es in den vergangenen Tagen zu sogenannten Corona-Partys gekommen sein. Feiern, bei denen gegen alle Empfehlungen und Verordnungen Menschen zusammen tranken, tanzten und womöglich ein gefährliches Virus übertrugen. 

"Es ist nicht sinnvoll, anstatt in einen Club zu gehen, zu einer großen Party zu sich nach Hause einzuladen oder zu anderen Festen zu gehen", warnte Lars Schaade, der Vizepräsident des Robert Koch-Instituts, am Montag. "Ich sage das deshalb, weil es inzwischen offenbar bereits sogenannte Corona-Partys gibt."

Die Hinweise des RKI haben in Deutschland zurzeit viel Gewicht. Bei Auftritten der Bundesregierung sitzen Vertreter des Instituts oft neben den Ministern. Der Virologe Christian Drosten ist mit seinem Corona-Podcast so etwas wie das Gesicht der Krisenbewältigung geworden. Was er und seine Kolleginnen sagen, hilft vielen bei der Orientierung. Die Politik wiederum beruft sich auf die Hinweise der Experten, wenn es darum geht, neue Maßnahmen zu begründen.

Doch wie viele Corona-Partys gab es in den vergangenen Tagen wirklich? Die Antwort auf diese Frage bleibt überraschend unklar, wenn man bei den zuständigen Behörden nachhakt.

Viel Hörensagen, wenige dokumentierte Fälle

Schon der Appell des RKI-Vizepräsidenten deutet an, dass die Berichte zumindest teilweise eher auf Hörensagen beruhen. "Offenbar bereits" – so klingen auch viele Postings, die derzeit in den sozialen Netzwerken zu lesen sind. 

Doch in Berlin, wo Kneipen und Clubs aufgrund einer Verordnung des Senats bereits am vergangenen Samstag schließen mussten, weiß die Polizei fast nichts von möglichen Corona-Partys. "Wir können das Phänomen so nicht bestätigen", sagt ein Sprecher auf Nachfrage. In der Nacht auf Donnerstag habe man in der gesamten Stadt zwölf Verstöße gegen die Verordnung registriert, in der Nacht darauf deutlich mehr, meist in Restaurants. Im Zusammenhang mit Partys in Parks habe es dagegen seit Samstag in Berlin keine einzige Anzeige wegen der Corona-Verordnung gegeben.

In anderen Großstädten klingen die Berichte ähnlich. In Hamburg hat die Polizei nach eigenen Angaben seit Montag bereits "eine untere vierstellige" Zahl von Kontrollen durchgeführt. Auch hier sind größere Ansammlungen oder Barbesuche untersagt. Doch bislang habe man, so ein Sprecher am Donnerstag, "keine Corona-Party aufgelöst". 

Vereinzelt seien Jugendliche auf Spielplätzen nach Hause geschickt worden. Feiern mit Musik und vielen Menschen habe man jedoch nicht registriert. "Ab 22 Uhr ist es abends sehr ruhig geworden." Weil momentan keine Großveranstaltungen wie Fußballspiele stattfinden, seien zusätzliche Beamte im Streifendienst.

"Aus den Medien erfahren"

Bei der Münchner Polizei heißt es, bei 700 Kontrollen in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch habe man etwa 40 Gespräche geführt. In wenigen habe man Jugendliche und Rosenverkäufer nach Hause geschickt. Der Betreiber eines Lokals sei angezeigt worden. Corona-Partys als neues Phänomen seien aber auch hier nicht bekannt.

In Köln sollen am vergangenen Wochenende gleich mehrere Corona-Partys stattgefunden haben, mit mehreren hundert Teilnehmern. Das berichtete der "Kölner Stadt-Anzeiger" und berief sich dabei auf Aussagen des Stadtdirektors. Auch wegen des unbelehrbaren Partyvolks habe die Stadt entschieden, alle Diskotheken, Bars und Clubs sofort zu schließen. Doch auf Anfrage teilt die Stadt mit, dass "sogenannte Corona-Partys seitens des Ordnungsamts nicht dokumentiert" worden seien. 

Es habe auch keine Hinweise aus der Bevölkerung gegeben. Man habe nur "aus den Medien" von entsprechenden Festen "in privaten Wohnungen" erfahren. Dort soll nach dem Motto gefeiert worden sein: "Wir trotzen dem Virus!"