Bild: Vanessa Carvalho/dpa
Was die schwammige Richtlinie der Politik mit uns macht.

Am Tag eins nach der Verlängerung der Kontaktsperren bis in den Mai ist alles wie immer. Die Straßen sind fast leer, wenige Fußgänger weichen sich in Bögen aus. Und Masken? Tragen die wenigsten.

Müssen sie ja auch nicht.

Am Mittwoch haben sich Bund und Länder auf einen neuen Fahrplan im Umgang mit der Coronakrise geeinigt. Es ist eine Art Sowohl-als-auch: Schulen und Geschäfte sollen unter bestimmten Bedingungen wieder öffnen, die strengen Hygieneregeln und Kontaktsperren bleiben aber bestehen. (SPIEGEL)

"Dringende" Empfehlung, aber keine Maskenpflicht

Was ebenfalls bestehen bleibt: die Masken-Nichtpflicht. Im neuen Beschluss zu den Corona-Regeln scheut die Regierung die Einführung eines Maskenzwangs, ringt sich aber dazu durch, das Maskentragen besonders in Bussen, Bahnen und engen Supermärkten "dringend" zu empfehlen.

Es gibt also eine dringliche Empfehlung, aber keine Verpflichtung. Ratschläge, keine Regeln. Kurzum: Nichts Konkretes sagt man nicht. Das liegt wohl vor allem daran, dass zu wenig Masken für alle da sind – und eine Verpflichtung an der Umsetzung scheitern würde. (Tagesschau) Die Bundesregierung gibt die Verantwortung entsprechend an die Bürgerinnen und Bürger ab. Nicht der Markt, sondern die Öffentlichkeit regelt.

Doch was wird die Maskennichtpflicht mit Deutschland machen? Zeigt, wer Mundverschleierung trägt, bald mit dem Finger auf jene, die es weiterhin nicht für nötig halten? Oder spotten die Maskenlosen über diejenigen, die sich bei ihren täglichen Besorgungen korrekt verhüllen?

Die Deutschen genieren sich bei der Atemwegsverschleierung

Auf den Straßen in Hamburg, zumindest in meinem Viertel, halten sich bisher die wenigsten an die "dringende" Empfehlung. Nur etwa jeder Fünfte trägt Maske, es sind meist ältere Menschen. Die Jüngeren – auch ich – verzichten bisher lieber. 

Wenn ich mit meiner anderthalb Jahre alten Tochter im Park Enten beobachte, machen wir einen großen Bogen um andere. Das eine Mal, als wir einfache Wegwerf-Masken aufzogen, zerrupfte sie die Dinger sofort. Ich denke nun, es reicht, sich einfach fernzuhalten. Trägt dann nicht eine Mitschuld, wer bewusst uns mich zusteuert? 

Auf Twitter zeichnen Nutzerinnen und Nutzer unter #maskeauf ein ähnliches Bild. Es gibt mehr Ab als Auf:

In Deutschland untersucht die Universität Erfurt im Projekt "Cosmo" mit wöchentlichen Befragungen die psychologische Lage der Bevölkerung. In der Risikoeinschätzung glauben vor allem Menschen unter 30, weniger anfällig für das Virus zu sein – und es deutlich besser wegzustecken, falls sie sich doch infizieren. (Risikobefragung Cosmo)

Herrscht bei den Jungen "Maskenscham"?

Nun ist Lässigkeit – oder Fahrlässigkeit – keine Frage des Alters. Aber der Glaube an die eigene Unverwundbarkeit könnte ein Grund sein, dass weniger Millennials mit Maske durch die Gegend laufen. 

Vielleicht herrscht bei vielen der jungen Generation schlicht "Maskenscham". Ja, die einen zeigen auf Instagram stolz ihre selbstgenähten Exemplare oder machen Masken-Selfies, doch die anderen ignorieren das Thema peinlich berührt. Notfalls postet man den Masken-Emoji. 

Eine Freundin erzählt mir, sie kam vor wenigen Wochen mit dem Flieger aus der Schweiz zurück. Corona rückte da gerade als echte Bedrohung ins Bewusstsein der Europäer, fast alle Passagiere im Flugzeug trugen Mundschutz. Kaum landete die Maschine in Deutschland, lüpften viele die Maske. Am Gepäckband, dicht an dicht gedrängt, trug sie keiner mehr.

Amüsieren wir uns bald maskentragend über unsere anfängliche Zögerlichkeit?

Es kann passieren, dass die Maske schon in wenigen Tagen eine Selbstverständlichkeit ist. Und wir alle, die sie bisher nicht trugen, wundern uns dann über uns selbst, wie naiv wir noch vor Kurzem waren. Wer heute zurückschaut zum Beginn der Coronakrise, wird sich über viele Verhaltensmuster wundern, die er "damals" noch an den Tag legte. 

In Deutschland wurde lange um den Nutzen von Mundschutz gestritten. Erst gab es Versorgungsengpässe, im Netz witterten schon früh windige Unternehmer das große Geschäft.

Dann wurde der Effekt für die Privatperson kleingeredet, zum Selbstschutz sind die Alltagsmasken ungeeignet. Mittlerweile empfiehlt das Robert Koch-Institut das Tragen doch, aber nun vor allem, um andere zu schützen. (RKI)

Wir atmen mikroskopisch kleine Partikel aus – und können so das Coronavirus verbreiten, vor allem, wenn wir gar nicht wissen, dass wir es haben. Wer ungeschützt auf die Straße geht, ist eine potenzielle Keimschleuder. Wer Mund und Nase bedeckt, leistet hingegen seinen Beitrag zum Kleinhalten der Kurve. (SPIEGEL)

Jogger – die Partikel-Schleudern dieser Tage

Ein Experte für Luftströmungen der TU Eindhoven hat vor einigen Tagen simuliert, wie es aussieht, wenn Luftpartikel aus Nase und Mund beim Joggen in die Gegend gepustet werden. Das Video zeigt, dass der hintere Läufer – trotz Mindestabstand – eine volle Ladung abbekommt. 

Die Simulation lässt mich voll Ekel zurück. Und entfacht in mir eine ungeahnte Wut auf Joggerinnen und Jogger. Erst neulich kam eine Nachbarin prustend von ihrem Auslauf zurück. Sie schimpfte im Vorbeihuschen, man müsse die Polizei rufen, so eng, wie hier viele im Innenhof stünden. Welche unsichtbaren Partikel sie dabei verteilte, war ihr wohl nicht klar. Obwohl ich selbst keine Maske trug – ich ärgerte mich über sie, darüber, dass sie so unvernünftig war, keine zu tragen.

Andere Länder und einzelne Städte haben die Maskenpflicht längst

Wäre es nicht also besser, Atemschutzmasken einfach zur Maßnahme zu erheben? Andere tun genau das: Österreich hat eine Maskenpflicht landesweit eingeführt (ORF), die französische Stadt Nizza und zwei Kommunen in Thüringen ebenfalls. (FAZ/MDR)

In Deutschland hingegen schützt jeder für sich allein. Oder eben nicht.

Ganz ehrlich, ich mag es so lieber. Dass die Regierung die Verantwortung abgibt, ist ein Zugeständnis an unsere Freiheit – und ein Vertrauen darauf, dass wir das geregelt bekommen. Es ist so, als ob man die Kinder zum Spielen rausschickt: 

„Habt Spaß, aber benehmt euch!“

Es heißt, eine Krise holt immer das Beste und Schlechteste im Menschen hervor. Der Zusammenhalt in der Gesellschaft ist gerade enorm, das Pflichtbewusstsein, auf sich und andere Acht zu geben, ebenso. Zugleich steigt die Wut, sei es auf manche Jogger, die gerade nicht so viel Rücksicht nehmen, wie wir es uns wünschen – oder auf Nachbarn, die uns erklären wollen, wie wir uns an Regeln zu halten haben. 

Das wirklich Beste würden wir aus uns herausholen, wenn wir versuchen, jetzt wenige persönliche Freiheiten für uns in Anspruch zu nehmen – und gleichzeitig entspannt darüber hinwegsehen lernen, wenn ein anderer anders handelt. Vielleicht hat der Jogger, der gerade prustend an dir vorbeizieht, schon elf Mal angehalten. Nun war er das eine Mal in Gedanken? Ihn zu verurteilen zaubert in dem Moment auch keine Maske in sein Gesicht.

Diese Krise meistern wir nicht mit Fingerzeigen, sondern mit Gelassenheit. Und mit Einsicht. Am Wochenende werde ich mir eine Maske nähen.


Uni und Arbeit

Beauty-Assistentin: "Mein Gehalt habe ich mir mit zwei Studienabschlüssen anders vorgestellt"
Die zweite Folge unserer Serie "Mein erstes Jahr im Job"

Alina*, 27, arbeitet als Beauty-Assistentin in einem Verlag und kümmert sich dort um mehrere Frauenmagazine. Trotz Masterabschlusses verdient sie nur 2000 Euro brutto. Und steht deshalb am Wochenende zusätzlich in einer Bar hinter dem Tresen.