Ein Interview über die Wirkung von Zukunftsbildern – und was diese vom reinen Wunschdenken unterscheidet.

Die Wirtschaft rutscht in die Krise, die Arbeitslosenzahlen steigen, Handelsketten brechen zusammen. Der Klimaschutz und die Rettung Geflüchteter geraten in den Hintergrund, das soziale Miteinander wird auf die Probe gestellt. Die Coronakrise erschüttert unsere Gesellschaft in noch nie dagewesenem Ausmaß – und das nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. 

Die Krise der Jungen

Im Alter zwischen 20 und 30 sortiert sich für viele Menschen das Leben: Ausbildungen werden abgeschlossen, erste und zweite Jobs ausprobiert, man investiert Geld in Wohnungen, Autos oder Aktien, findet Freunde oder Partner fürs Leben. Was bedeutet es für eine Generation, wenn dieser Prozess dramatisch verlangsamt wird – weil Corona das Leben lahmlegt? 

In unserem Schwerpunkt "Die Krise der Jungen" sprechen wir mit jungen Menschen, die ihre Jobs verloren haben. Wir fragen eine Zukunftsforscherin, wie sie die Krise überwinden können. Und wir lassen uns von Lobbyistinnen und Aktivisten erklären, wie sie jetzt erst recht versuchen, junge Menschen in Politik und Gesellschaft zu repräsentieren.

Wie gestalten wir unsere Welt nach Corona neu?

In welcher Welt werden wir also am Tag eins nach dem Ende der Krise leben? Wird es so einen Tag überhaupt geben? Und wird dann wieder alles normal sein?

Antworten auf solche Fragen können Zukunftsforscherinnen und Zukunftsforscher liefern. In der Zukunftwissenschaft wird mit zwei verschiedenen Ansätze nach vorne geblickt: 

  1. Im konstruktiven Ansatz werden Daten, Fakten und Zahlen aus der Vergangenheit betrachtet und in Annahmen für eine mögliche Zukunft verwandelt. Es entstehen Prognosen. 
  2. Im rekonstruierenden Ansatz wird hingegen wird aus einer möglichen Zukunft zurückgedacht. Und man fragt sich, mit welchen Weichenstellungen Politik und Gesellschaft dorthin gelangen könnten – und wie realistisch das ist. Die Zukunftsforschung bezeichnet das als "Regnose".

Aileen Moeck ist Zukunftsforscherin – und Anhängerin der zweiten Methode. Über die Coronakrise sagt sie: Nein, wir kehren nicht zur Normalität zurück. Und das sei auch gut so. (LinkedIn)

Ein Interview über das, was uns erwartet – und wie wir es gezielt beeinflussen können.

Die Interviewpartnerin: Aileen Moeck

Die 28-jährige hat an der Freien Universität Zukunftsforschung studiert und am Kopenhagener Zukunftsinstitut gearbeitet. Sie berät Unternehmen und Staaten in der Zukunftsgestaltung – also in der Frage, wie man Zukunft denken und beeinflussen kann. Gemeinsam mit anderen hat sie das Start-up "Die Zukunftsbauer" gegründet, das es sich zum Ziel macht, Zukunft an Schulen zu bringen. 

aileenmoeck.com

bento: Aileen, wie sieht unsere Welt aus, wenn die Coronakrise vorbei ist?

Aileen Moeck: Das kann ich dir nicht sagen. Ich kann dir nur sagen, dass wir nicht mehr zu dem zurückkehren, was wir bisher unseren Alltag nannten. 

bento: Warum nicht? Die Leute sehnen sich doch nach Normalität.

Aileen: Zukunft wird oft fälschlich sehr linear gedacht. Aber es gibt viele Faktoren, die immer wieder alles über den Haufen werfen. Manchmal gibt es einzelne Ereignisse, die alles verändern – der 11. September oder Tschernobyl zum Beispiel. 

„Die Coronakrise ist so ein globales Zukunftsbeben – darin liegt eine große Chance.“

Wir nennen solche Ereignisse in der Forschung "Zukunftsbeben". Die Coronakrise ist so ein Ereignis in noch nie dagewesenen globalen Ausmaßen. Aber darin liegt eine große Chance.

bento: Die Krise hat alles auf Null gesetzt. Meinst du das?

Aileen: Ja. Und die Frage ist nun, wie wir danach neu starten. Es ist jetzt ein guter Zeitpunkt, aktiv die Zukunft zu gestalten. 

bento: Dann lass uns loslegen! Die junge Generation ist stark von der Krise betroffen, ihre befristeten Verträge werden gerade nicht verlängert, ihre Start-ups gehen als Erstes pleite. Was können wir tun?

Aileen: Zuerst braucht es die Erkenntnis, dass diese Krise überwunden werden wird. Auch unsere Eltern und Großeltern hatten schon schwere Zeiten zu meistern. Dann kommt es ganz darauf an, was ich im Leben erreichen will – und wie ich dafür einstehe. Werde aktiv, gestalte dein Leben, deine Arbeit. Und sei mutig, für eine Ideen einzustehen.

bento: Das klingt sehr optimistisch.

Aileen: Eher realistisch. Die Arbeitswelt ist schon seit einiger Zeit mitten in einem Strukurwandel, die Krise ist jetzt für viele Themen ein Beschleuniger: Dass digitaler und mobiler gearbeitet wird, ist etwas, dass sich die junge Generation schon länger wünscht. Aber nicht alle hatten vorher eine Offenheit und Lust sich auf das Neue einzulassen und eher Angst vor Veränderung. Und nun führen sie Videokonferenzen und es war doch nicht so schmerzhaft wie gedacht. 

bento: Ein anderes großes Zukunftsthema: der Klimawandel. Was sagt deine Regnose zur Zukunft dieser Krise?

Aileen: Ich finde, wir sollten nicht von Krise sprechen, weil uns diese Negativität und Angst des Worts Krise so lähmt. Stattdessen sollten wir das Augenmerk auf positive Beispiele legen, nur so schafft man Begeisterung, selbst aktiv zu werden. 

Also klar, es ist eine große Bedrohung – aber die Politik sollte beim erneuten Hochfahren der Wirtschaft dafür sorgen, die Fortschritte im Kampf gegen den Klimawandel hervorzuheben. So wie wir bei der Umstellung in der Arbeitswelt gerade merken, was möglich ist, kann es auch beim Klima klappen. Viele hätte vorher nicht gedacht, dass es so einfach ist, auf den Flug zum Meeting zu verzichten.

bento: Das ist jetzt noch sehr allgemein. Lass uns von einem konkreten Ziel sprechen: In meiner Zukunft haben wir es 2025 geschafft, die Erderhitzung unter zwei Grad zu drücken. Wie kommen wir dahin?

Aileen: So funktionieren Regnosen nicht. Die zwei Grad sind ein Fakt und noch kein Zukunftsbild. Das arbeitet mehr mit Emotionen und Imaginationen. Wenn ich in Workshops mit Schülerinnen und Schülern Zukunftsbilder entwerfe, fragen wir uns zum Beispiel, wie Headlines von Morgen aussehen könnten. In einem Workshop titelte dann die BILD im Jahr 2070: "Erstmals wieder Eisbären gesichtet!"

bento: Aber wo ist jetzt der Unterschied zum Wunschdenken?

Aileen: Bei der Frage, mit welchen realistischen Maßnahmen wir dorthin kommen. Und dafür brauchen wir mehr als nur die zwei Grad, sondern Ideen, was diese zwei Grad ermöglicht. 

„Schaut, was gerade passiert und schaut, wie eure Roadmap aussehen könnte, um die Zukunft zu gestalten.“

bento: Okay, dann ist hier mein Zukunftsbild: Die Fleischindustrie gehört zu den größten CO2-Sündern. Im Jahr 2025 ernährt sich die halbe Welt vegetarisch oder vegan, Massentierhaltung ging massiv zurück.

Aileen: Das klingt schon besser! Aber du könntest noch kreativer und positiver formulieren. Wichtig ist es, mit diesen Bildern die Brücke zum Einzelnen zu bauen, ihn einzubeziehen und zu berühren. Aber zurück zu einem Zukunftsbild: Was könnte nun für so eine drastische Änderung sorgen, dass Menschen massiv ihre Ernährung umstellen? Es gibt zum Beispiel neue Gesetze, die Massentierhaltung stark einschränken. Oder die EU könnte Fleischimitate subventionieren, um sie beim Verbraucher attraktiver zu machen.

Mit solchen Handlungsoptionen geht die Zukunftsforschung an die Politik: Schaut, was gerade passiert und schaut, wie eure Roadmap aussehen könnte, um die Zukunft zu gestalten. Generell gilt dabei: weniger Verbote, mehr Anreize. Viele Menschen haben Ängste, sich auf etwas Neues einzustellen. Man spricht ja nicht umsonst von Zukunftsangst. Also liegt es an der Politik, diese Unsicherheiten aufzufangen und in einen positiven Gestaltungswillen umzuwandeln.

bento: Bei dir klingt die Coronakrise wie ein großer, toller Neubeginn.

Aileen: Corona ist eine schlimme Extremsituation. Aber wir sind keine starren Wesen, wir lernen und verändern uns unser Leben lang – auch ohne solche extremen Ereignisse. In einer Langzeitstudie wurden in Großbritannien Männer und Frauen mit 18 Jahren und dann wieder mit 70 interviewt. Es waren komplett andere Menschen. Das sollte sich jeder für den Zeitpunkt nach der Coronakrise verinnerlichen.

bento: Aber als Einzelner kann ich doch nicht die Gesellschaft komplett ändern?

Aileen: Nein, natürlich ist unser Werdegang auch von äußeren Einflüssen geprägt. Aber vieles liegt in unseren Händen. Ich glaube, der Beruf ist eine der wichtigsten Stellschrauben: Arbeite ich so, wie ich es will? Kann ich mit meinem Job einen Beitrag für jene Welt leisten, von der ich träume? Das sollte sich jeder ehrlich beantworten.


Uni und Arbeit

Der Studentenjob gekündigt, der Berufseinstieg vereitelt: Wie Corona die Existenzen junger Menschen bedroht
Soforthilfen kamen schnell – aber sie helfen den Jungen nicht.

Eigentlich hatte Alexander, 25, Student aus der Nähe von Frankfurt, einen Plan. Im Januar hat er seinen Sportmanagement-Bachelor beendet, im Herbst möchte er einen Master beginnen, irgendwas mit Wirtschaft oder Medien. Die Zeit dazwischen wollte er nutzen, um sich für einen Studiengang zu entscheiden – und um zu arbeiten. "Mein Plan war, in den kommenden sechs Monaten Geld für den Master beiseite zu legen", sagt Alexander. "Ich war deshalb total dankbar, als ich wenige Tage nach Abgabe meiner Bachelorarbeit einen Job auf 20-Stunden-Basis fand." Alexander sollte als Kundenmanager bei einer Vertriebsagentur arbeiten – mit einem "ziemlich guten Stundenlohn", wie er sagt. Doch dann kam Corona.

Wegen des Virus brachen der Agentur Aufträge weg, wie viele andere Unternehmen musste sie sparen, und zwar schnell. Mitte April, zwei Monate, nachdem er angefangen hatte, verlor Alexander seinen Job wieder. Er war noch in der Probezeit, seine Kündigungsfrist betrug also nur zwei Wochen (SPIEGEL). "Es war ein unglücklicher Zeitpunkt", sagt er. "Die Firma hatte gerade alles ins Homeoffice verlegt, mein Chef hatte mir gesagt, er sei sehr zufrieden mit mir. Doch dann kamen die wirtschaftlichen Probleme – und mir wurde am Telefon gekündigt."