Bild: Jakob Gruber/dpa
Junge Ski-Heimkehrer erzählen von überforderten Hotlines und entnervtem Klinik-Personal.

Die Rückkehr aus dem Skiurlaub, vom Auslandssemester oder Festival haben sich viele vorher wahrscheinlich anders vorgestellt. Erholt und motiviert zurück in Deutschland an die Uni oder den Arbeitsplatz, damit hat es sich erst einmal erledigt. 

Nicht nur, weil mittlerweile in Deutschland Unis, Schulen und Kitas geschlossen sind und das öffentliche Leben teils eingeschränkt ist. Das Gesundheitsministerium empfiehlt allen, die sich in Risikogebieten aufgehalten haben, eine freiwillige Quarantäne von zwei Wochen (BMG). Dazu gehören unter anderem Italien, die Schweiz, Teile Österreichs, Fankreichs und Spaniens (RKI).

Wer wieder nach Deutschland reist, sorgt sich aber womöglich nicht nur, in den kommenden Tagen nicht die eigene Wohnung verlassen zu dürfen – sondern auch darum, selbst mit dem Coronavirus infiziert zu sein. Wer sich testen lassen wollte, dem wurde es in den vergangenen Tagen und Wochen allerdings sehr schwer gemacht. 

Wir haben mit jungen Menschen gesprochen, die sich nach ihrer Rückkehr unsicher waren, Symptome zeigten, und sichergehen wollten, nicht mit dem Virus infiziert zu sein. Die Gespräche mit ihnen haben gezeigt: Damit wir auf die kommenden Wochen noch besser vorbereitet sind, bleibt viel zu tun – es sind Protokolle von überlasteten Hotlines, entnervten Ärztinnen und Ärzten und überfordertem Klinik-Personal.

Felix, 21, aus München, war auf einem Festival in Belgien und ist nun Corona-positiv.

Felix hat seinen Corona-Trip auf Jodel geteilt.

(Bild: privat)

"Bei mir ging es vor einer Woche los. Ich wachte erst mit Kopfschmerzen auf, dachte mir noch nichts dabei. Dann ging es mir rasch immer schlechter. Ich bekam Husten und starkes Fieber, habe die ganze Nacht durchgeschwitzt. Das Thermometer hat 39,5 Grad gezeigt. 

Am Mittwoch dann bin ich in meiner Wohnung kollabiert. Ich hatte Durchfall, Erbrechen und fand mich irgendwann auf dem Boden liegend wieder. Mir war schwarz vor Augen, wahrscheinlich war ich ohnmächtig. Es hat sich sehr gruselig angefühlt. 

„Ich habe den Notdienst gerufen, die haben sich dann vor der Tür Mundschutzmasken aufgezogen.“

Im Krankenhaus in Schwabing kam ich auf ein Isolierzimmer. Dann wurde ich getestet, auf Influenza. Der Test fiel negativ aus. Die Ärzte sagten zwar, alle Symptome deuteten auf den Coronavirus hin, aber wenn sie den testen würden, müssten sie mich stationär aufnehmen. 

Mir wurde dann empfohlen, zum Drive-In-Test zu fahren. Dort bin ich mit dem Bus hin, wie auch sonst. Da ich nach 18 Uhr ankam, wurde ich nicht mehr behandelt. Außerdem bräuchte ich eine Bescheinigung vom Arzt, hieß es da. Ich bin dann wieder ins Krankenhaus und habe eine Notlüge erfunden: Ein Freund sei mittlerweile positiv getestet worden. Erst dann haben sie auch mich getestet. 

Den Test bekam er im Krankenhaus nur gegen eine Notlüge.

(Bild: privat)

Dem Ergebnis musste ich zwei Tage hinterhertelefonieren, seit Freitag weiß ich, dass ich den Virus habe. Gestern, drei Tage später, hat sich dann auch erstmals das Gesundheitsamt gemeldet.

Ich bin froh, dass ich meine Eltern in der Zeit nicht getroffen habe. Aber ich hatte mit Freunden Kontakt, die sind nun auch alle in Quarantäne – wir können uns also nicht mit Einkäufen unterstützen. Nun ist jeder für sich in der Wohnung eingesperrt. Der Staat lässt dich echt allein." 

Lasse, 35, aus Braunschweig – war mit Freunden in Ischgl 

"Ich habe mehrere Tage lang versucht, mich testen zu lassen. Aber egal, bei welchem Arzt oder welcher Stelle ich angerufen habe, alle haben mich erst einmal abgewiegelt. 'So lange sie keinen bestätigten Kontakt zu einem Infizierten hatten, ist alles okay', meinte einer. Ich dachte mir nur: Was ist damit, die Infektionsketten zu unterbrechen? 

In meinem Fall ist das wichtig: Ich war mit Freunden vergangene Woche in Ischgl. (Anm. de. Red.: Mittlerweile ist bekannt, dass sich in dem Skigebiet sehr viele Touristen infiziert haben, siehe DER SPIEGEL). Insgesamt waren wir 17 Leute, wir waren Skifahren, wir hockten in der Gondel zusammen, wir waren zum Après-Ski. Als die ersten Meldungen kamen, dass das Skigebiet nicht mehr sicher ist, wurde die Gruppe von Tag zu Tag kleiner. 

Skiurlaub in Ischgl: Am Anfang war für Lasse die Welt noch in Ordnung.

(Bild: privat)

Ich selbst bin vergangenen Donnerstag abgereist. Am Freitag verwies mich mein Hausarzt an das Gesundheitsamt Gifhorn, die verwiesen mich ans Amt in Braunschweig und die wieder an den Hausarzt. Der notierte dann meine Daten.

Am Samstag bin ich dann auf eigene Faust zum Bereitschaftsdienst, mittlerweile war ja Östereich offiziell Risikogebiet. Auch dort wurde ich weggeschickt. Am Abend fuhr dann plötzlich ein Testmobil vor. Ich musste auf die Straße kommen, dort wurde ein Abstrich gemacht. Am Sonntag riefen noch zweimal Ärzte an, die zum Test vorbeikommen wollten. 

Nun warte ich seit zweieinhalb Tagen auf mein Ergebnis. Und ein Kumpel, der noch vor mir aus Ischgl abgereist ist, wartet mittlerweile seit sechs Tagen."

Nesrin*, 21, aus Münster – war zum Studium in Italien

"Noch bis Ende Februar war ich in Modena zum Auslandssemester, also genau dort, wo heute der Krisenherd ist. Als ich nach Deutschland zurückkam, war Corona hier noch kein großes Thema – obwohl Italien da schon im Chaos versank.

Ich wollte mich dann direkt testen lassen, um keine Gefahr für meine Eltern zu sein. Ich habe eine Woche lang rumtelefoniert, ohne ernst genommen zu werden. Meine Hausärztin meinte, ohne Symptome sei das nicht nötig. Als ich bei zwei Kliniken anrief, konnte ich durch den Hörer erahnen, wie ich belächelt wurde. 

„Bei der Corona-Hotline hing ich jeden Tag drei Stunden in der Warteschleife.“

Mittlerweile ist auch Deutschland aufgewacht und meine Hausärztin sagte doch einem Test zu. Ein Bekannter sollte in die Praxis und zwei Stäbchentests für mich abholen, einmal auf Grippe, einmal auf Corona. Die durfte ich dann zu Hause selbst durchführen. 

Die Ergebnisse sind zum Glück negativ. Und ich verstehe schon, dass niemand ohne Grund die teuren Tests durchführen will. Aber dass sich alle widersprechen und es keine bundesweite Regel gibt, wer wann getestet werden darf, das finde ich schon schlimm."

Die Ärztin selbst wollte dann aber keine Tests durchführen. Es gebe bereits einen Mangel an Abstrichen. Der Besuch im Risikogebiet reiche als Verdacht nicht aus. Wir müssten gleichzeitig noch starke Symptome nachweisen. Da wir schon vor einer Woche zurückgekommen seien, sei auch keine Quarantäne mehr notwendig. 

Sie widerspricht damit der Empfehlung des RKI, zwei Wochen daheim zu bleiben. Mittlerweile husten wir alle, auch die Kleine. Aber das kommt hoffentlich nur vom langen Warten in der Kälte."

Julie, 25, aus Hamburg – hatte zu einem Corona-Infizierten Direktkontakt

"Meine Mutter wohnt in einer WG. Ihr Mitbewohner war zum Skiurlaub in Österreich und wurde am Sonntag positiv auf das Coronavirus getestet, seine Tochter auch. Da ich in den vergangenen Tagen mehrmals zu Besuch in der WG war, besteht nun die Gefahr, dass auch ich das Virus habe. 

Ich habe direkt versucht, die Hotline anzurufen. Da war aber am Sonntag dauerbesetzt. Ich habe noch eine zweite Bereitschafts-Hotline gefunden und dort nach 40 Minuten jemanden ereicht. 

„Die Frau am Telefon war völlig überfordert. Mir war, als sei ich die Erste, die dort anruft.“

Wir sind einen Fragenkatalog durchgegangen, meine Daten wurden aufgenommen. Dann wurde alles an das Gesundheitsamt weitergeleitet. Die haben dann am Montag per Mail geantwortet, dass sie nun auch nicht wissen, was zu tun sei. Dabei habe ich klar geschildert, dass ich mit einem Corona-Infizierten Kontakt hatte.

Screenshot von Julies Mail-Account: Ratlosigkeit beim Gesundheitsamt.

Es ist traurig, dass die Behörden nicht aus dem Knick kommen. Ich habe das Gefühl, die sind total überfordert. Mir ist eigentlich egal, ob ich mit oder ohne Virus zu Hause sitze. Aber ich dachte, für die Behörden ist es vielleicht ganz wichtig, einen Überblick über Infizierte zu haben.

Am Dienstag haben sie angerufen. Sie empfehlen mir eine Quarantäne, ordnen sie aber nicht an. Zu meiner Mutter soll ich möglichst keinen Kontakt haben. Getestet werde ich nicht."

*Die markierten Personen möchten in diesem Text anonym bleiben.  


Fühlen

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