Bild: Sebastian Gollnow/dpa

In Nürnberg feierten sie unter einer Brücke. In Berlin mit Schutzanzügen verkleidet im Park. In Neuruppin auf einem Parkplatz. Und in Stuttgart-Mitte bei der "SARS-CoV-19/Houseparty" – zumindest laut Aushang im Treppenhaus.

In ganz Deutschland soll es in den vergangenen Tagen zu sogenannten Corona-Partys gekommen sein. Feiern, bei denen gegen alle Empfehlungen und Verordnungen Menschen zusammen tranken, tanzten und womöglich ein gefährliches Virus übertrugen. 

"Es ist nicht sinnvoll, anstatt in einen Club zu gehen, zu einer großen Party zu sich nach Hause einzuladen oder zu anderen Festen zu gehen", warnte Lars Schaade, der Vizepräsident des Robert Koch-Instituts, am Montag. "Ich sage das deshalb, weil es inzwischen offenbar bereits sogenannte Corona-Partys gibt."

Die Hinweise des RKI haben in Deutschland zurzeit viel Gewicht. Bei Auftritten der Bundesregierung sitzen Vertreter des Instituts oft neben den Ministern. Der Virologe Christian Drosten ist mit seinem Corona-Podcast so etwas wie das Gesicht der Krisenbewältigung geworden. Was er und seine Kolleginnen sagen, hilft vielen bei der Orientierung. Die Politik wiederum beruft sich auf die Hinweise der Experten, wenn es darum geht, neue Maßnahmen zu begründen.

Doch wie viele Corona-Partys gab es in den vergangenen Tagen wirklich? Die Antwort auf diese Frage bleibt überraschend unklar, wenn man bei den zuständigen Behörden nachhakt.

Viel Hörensagen, wenige dokumentierte Fälle

Schon der Appell des RKI-Vizepräsidenten deutet an, dass die Berichte zumindest teilweise eher auf Hörensagen beruhen. "Offenbar bereits" – so klingen auch viele Postings, die derzeit in den sozialen Netzwerken zu lesen sind. 

Doch in Berlin, wo Kneipen und Clubs aufgrund einer Verordnung des Senats bereits am vergangenen Samstag schließen mussten, weiß die Polizei fast nichts von möglichen Corona-Partys. "Wir können das Phänomen so nicht bestätigen", sagt ein Sprecher auf Nachfrage. In der Nacht auf Donnerstag habe man in der gesamten Stadt zwölf Verstöße gegen die Verordnung registriert, in der Nacht darauf deutlich mehr, meist in Restaurants. Im Zusammenhang mit Partys in Parks habe es dagegen seit Samstag in Berlin keine einzige Anzeige wegen der Corona-Verordnung gegeben.

In anderen Großstädten klingen die Berichte ähnlich. In Hamburg hat die Polizei nach eigenen Angaben seit Montag bereits "eine untere vierstellige" Zahl von Kontrollen durchgeführt. Auch hier sind größere Ansammlungen oder Barbesuche untersagt. Doch bislang habe man, so ein Sprecher am Donnerstag, "keine Corona-Party aufgelöst". 

Vereinzelt seien Jugendliche auf Spielplätzen nach Hause geschickt worden. Feiern mit Musik und vielen Menschen habe man jedoch nicht registriert. "Ab 22 Uhr ist es abends sehr ruhig geworden." Weil momentan keine Großveranstaltungen wie Fußballspiele stattfinden, seien zusätzliche Beamte im Streifendienst.

"Aus den Medien erfahren"

Bei der Münchner Polizei heißt es, bei 700 Kontrollen in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch habe man etwa 40 Gespräche geführt. In wenigen habe man Jugendliche und Rosenverkäufer nach Hause geschickt. Der Betreiber eines Lokals sei angezeigt worden. Corona-Partys als neues Phänomen seien aber auch hier nicht bekannt.

In Köln sollen am vergangenen Wochenende gleich mehrere Corona-Partys stattgefunden haben, mit mehreren hundert Teilnehmern. Das berichtete der "Kölner Stadt-Anzeiger" und berief sich dabei auf Aussagen des Stadtdirektors. Auch wegen des unbelehrbaren Partyvolks habe die Stadt entschieden, alle Diskotheken, Bars und Clubs sofort zu schließen. Doch auf Anfrage teilt die Stadt mit, dass "sogenannte Corona-Partys seitens des Ordnungsamts nicht dokumentiert" worden seien. 

Es habe auch keine Hinweise aus der Bevölkerung gegeben. Man habe nur "aus den Medien" von entsprechenden Festen "in privaten Wohnungen" erfahren. Dort soll nach dem Motto gefeiert worden sein: "Wir trotzen dem Virus!" 

Aus welchen Medien die Stadt von Corona-Partys erfahren haben will, kann der Sprecher nicht sagen. Man habe lediglich "sensibilisieren" wollen.

Viele Partys fanden vor einer Woche statt

Dort, wo Partys dokumentiert sind, fanden sie oft am vergangenen Wochenende oder Anfang der Woche statt – also bevor Verfügungen und Verordnungen verkündet wurden und kurz nachdem Schulen geschlossen wurden.

Sowohl in Nürnberg und Berlin als auch Neuruppin feierten Abiturienten nach Ende des Unterrichts im Freien. Teilweise verkleidet und mit Musik. Auch aus anderen Städten gibt es entsprechende Berichte, sie dürften die Grundlage für viele Meldungen sein. Das Verkleiden mit Atemmasken mag in einer Zeit, in der andere um ihr Leben fürchten, unpassend sein. Doch waren die Zusammenkünfte nach der Schule wirklich gefährlicher als die Tage auf dem Pausenhof davor?

Dass es grundsätzlich einen Zusammenhang zwischen Pandemie und Party gibt, ist unbestreitbar. Bereits im Februar infizierten sich im Kreis Heinsberg, Nordrhein-Westfalen, zahlreiche Jecken beim Karneval. Im österreichischen Skiort Ischgl folgten Anfang des Monats wohl Hunderte Neuinfektionen, als auf engem Raum weiter Aprés-Ski gefeiert wurde. Von dort aus verbreitete sich das Virus anschließend weiter, quer durch Europa. 

Bilder, die später die Runde machten, zeigen, wie zuvor in den Aprés-Ski-Hütten noch mit Corona-Bier angestoßen wurde. 

Bauchgefühl und Bier passen nicht mehr zusammen 

Dass auch danach noch gefeiert worden sein soll, empört viele. Offenkundig gibt es eine Lücke zwischen Moralempfinden und amtlichen Anweisungen. Feiern im privaten Rahmen mag noch erlaubt sein – den RKI-Empfehlungen entspricht es nicht.

Fast täglich verlangt die Pandemie neue Verhaltensänderungen. Was bereits untersagt wurde und was nicht, unterscheidet sich oft von Bundesland zu Bundesland. Verbindend scheint für viele der Wunsch nach Klarheit und Rücksichtsnahme – beides wird zurzeit täglich erneut auf die Probe gestellt. Die Bürger sind gefordert, sich zurücknehmen, abzuwarten, auch wenn manches unverständlich bleibt. 

In dieser Neuordnung gesellschaftlicher Regeln scheinen Corona-Partys wie Klopapier-Hamsterkäufe zu einem Symbol geworden zu sein, das aufzeigt, wie es nicht laufen sollte. Es geht längst nicht mehr nur um Vorschriften, sondern auch um neue Normen, die nicht nur ein Wochenende, sondern viele Monate den Alltag verändern werden. Die Kritik an offensichtlichen Exzessen scheint diese Veränderung gelegentlich erträglicher zu machen.

Doch während Ministerpräsidenten und Minister seit Tagen vor den Folgen weiterer Partys warnen, bleibt die Faktenlage abseits einzelner Exzesse dünn. Ob die viel diskutierten Ausgangssperren so oder so vielleicht unvermeidbar sind, ist unklar. Sind die Corona-Partys eher Begründung oder Grund?

"Wir können hier nicht alles untersagen, was manche Menschen aufregt", sagt ein Polizist, der nicht namentlich genannt werden möchte. "Diese Situation wird noch Wochen oder Monate anhalten. Wir müssen hinnehmen, dass wir in einer Demokratie nicht alles sofort einschränken können."

Am Wochenende zeigt sich, wie es weitergeht

Wie schnell weitere Einschränkungen nötig sind, darüber wird gestritten. In Bayern wurde am Freitag bereits eine Ausgangssperre angekündigt, in Hessen und Rheinland-Pfalz werden Treffen außerhalb der Familie mit mehr als fünf Personen untersagt. In Baden-Württemberg bereits ab drei. Ob es dabei bleibt, ist unklar.

In den kommenden Tagen könnten Gewohnheit und Gemeinwohl erneut auf eine Probe gestellt werden. Dann wird sich zeigen, wie gut Appelle von Ärzten, Virologen und der Bundesregierung fruchten, wie gut die neuen Regeln akzeptiert werden. Ob es derzeit wirklich ein anhaltendes Problem mit sogenannten Corona-Partys gibt.

"Wir werden uns das Verhalten der Bevölkerung an diesem Wochenende anschauen", sagte Kanzleramtschef Helge Braun am Freitag. "Samstag ist ein entscheidender Tag, den haben wir besonders im Blick."


Gerechtigkeit

Corona-News für Migranten oder Gehörlose: Erreicht die Bundesregierung jeden?
Auch wenn fast jeder online ist – wirklich gleichberechtigten Zugang zu Informationen gibt es nicht.

Fast jede und jeder in Deutschland sollte diese Regeln mittlerweile kennen: Bleibt daheim, wascht eure Hände, hustet in die Armbeugen, wenn ihr doch mal nach draußen müsst. Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, appelliert die Bundesregierung seit Tagen an die Bevölkerung, diese simplen Maßnahmen einzuhalten.

Allerdings: Es ist längst nicht sicher, dass sie alle Menschen in Deutschland mitbekommen. Viele Menschen hier sprechen nicht gut genug Deutsch, haben als Obdachlose eventuell keinen Zugang zum Netz oder sind als Gehörlose auf Gebärdensprache angewiesen. 

Beim Gesundheitsministerium weiß man um das Problem. "Wir prüfen permanent, wie wir noch mehr Menschen erreichen können und wie auch Plattformen, die wir bislang nicht nutzen, dafür eingesetzt werden können", sagt eine Sprecherin zu bento. Es gibt Flyer, Merkblätter zum Download und Warnhinweise auf Autobahnschildern. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verbreitet zudem auf Facebook und Twitter unermüdlich News rund um das Coronavirus, auch sein Ministerium selbst hat dort Auftritte.