Bild: Screenshot bento
Auch wenn fast jeder online ist – wirklich gleichberechtigten Zugang zu Informationen gibt es nicht.

Fast jede und jeder in Deutschland sollte diese Regeln mittlerweile kennen: Bleibt daheim, wascht eure Hände, hustet in die Armbeugen, wenn ihr doch mal nach draußen müsst. Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, appelliert die Bundesregierung seit Tagen an die Bevölkerung, diese simplen Maßnahmen einzuhalten.

Allerdings: Es ist längst nicht sicher, dass sie alle Menschen in Deutschland mitbekommen. Viele Menschen hier sprechen nicht gut genug Deutsch, haben als Obdachlose eventuell keinen Zugang zum Netz oder sind als Gehörlose auf Gebärdensprache angewiesen. 

Beim Gesundheitsministerium weiß man um das Problem. "Wir prüfen permanent, wie wir noch mehr Menschen erreichen können und wie auch Plattformen, die wir bislang nicht nutzen, dafür eingesetzt werden können", sagt eine Sprecherin zu bento. Es gibt Flyer, Merkblätter zum Download und Warnhinweise auf Autobahnschildern. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verbreitet zudem auf Facebook und Twitter unermüdlich News rund um das Coronavirus, auch sein Ministerium selbst hat dort Auftritte. 

Schweiz und Österreich punkten mit Corona-News auf Instagram

Gerade die Generation Z ist dort allerdings eher nicht mehr zu Hause – und immer noch nehmen viele junge Deutsche das Coronavirus nicht ernst. Manche verbreiten über TikTok und Instagram Memes oder witzeln über die Sterblichkeit "alter, weißer Männer" (bento). Andere nutzen ihre Social-Media-Kanäle, um sich trotz erbetenem "Social Distancing" lieber zu "Corona-Partys" zu verabreden (Süddeutsche Zeitung). 

Um dem gegenzusteuern, sind die Gesundheitsressorts in Österreich und der Schweiz entsprechend auf Instagram aktiv, Deutschland tritt dort allerdings noch nicht in Erscheinung. Die Österreicher haben seit gut einer Woche ein Konto, das gezielt über das Coronavirus informiert. Das Schweizer Bundesgesundheitsamt hat bereits seit längerem einen Auftritt dort, in den vergangenen sieben Wochen wurden ganze 39 Beiträge zu Corona hochgeladen – vom Erklärvideo über einfache Piktogramme bis hin zu mehrsprachigen Infotafeln.

Allerdings will das Ressort von Jens Spahn nun nachrüsten: Im vergangenen Jahr hatte das Gesundheitsministerium auf Instagram einen Kanal zu einer Job-Kampagne betreut. Dieser wurde nun als "Bundesgesundheitsministerium" reaktiviert und wird seit Dienstagabend umgerüstet. 

Sehr umtriebig ist das Ministerium bislang im Umgang mit Gebärdensprache. Auf YouTube und Twitter sind in den vergangenen Tagen eine Reihe von Videos erschienen, die über die Krankheit und Maßnahmen zur Eindämmung in Gebärden informieren. Allerdings: Im TV übertragene Pressekonferenzen werden derzeit noch ohne Gebärden ausgestrahlt.

Eine Petition fordert gerade eine rasche Änderung. §Fehlen Informationen in Gebärdensprache, so bedeutet es, dass Gehörlose und auch Schwerhörige, die auf Gebärdensprache angewiesen sind, schlecht bis gar nicht informiert sind über die akute Bedrohungslage", heißt es in der Petition. Das Ziel von 25.000 Unterstützerinnen und Unterstützern ist fast erreicht.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Katarina Bader ist vom Engagement der Regierung auf Social Media "positiv überrascht". Sie forscht zu Fake News und Online-Medien. Fakten rund um Corona würden von der Regierung derzeit schnell und klar vermittelt, und eben auch auf Social Media, sagt Katarina zu bento. Grundsätzlich sei es wichtig, dass klassische Medien Aussagen der Politik immer noch mal einordnen und einschätzen – aber "unter Corona gelten andere Regeln, da kommt es auch einfach auf das Tempo an". 

Wo du Informationen zum Coronavirus findest / Where to find information on Corona virus

Neben Deutsch sind Türkisch, Polnisch, Russisch und Arabisch die meistgesprochenen Sprachen in Deutschland. Die Integrationsbeauftragte des Bundes hat eine Übersichtsseite mit Corona-Infos in mehreren Sprachen zusammengestellt, auf Polnisch gibt es leider nur Basisinfos. 

Next to German the most spoken languages in Germany are Turkish, Polnish, Russian and Arabic. The Federal Inegration Officer compiled a site map with corona information in multiple languages here, though there is only basic information in Polnish.

Hier sind die allgemeinen Corona-Informationen / This is general corona information:

Türkçe 

русский

عربي

Und hier sind die 10 wichtigsten Hygiene-Tipps / And here are the 10 most important tips on hygiene:

Türkçe 

русский

عربي

In Gebärdensprache informieren Behörden, Verbände und Medien unter anderem hier / Information in sign language is provided by the government, NGOs and media:

Gesundheitsministerium auf YouTube

Landesverband der Gehörlosen Baden-Württemberg

WDR Cosmo


DER SPIEGEL also offers some reporting in turkish / DER SPIEGEL bietet auch einige Artikel zu Corona auf Türkisch an.


Wer kein Muttersprachler ist, hat es in Deutschland mit Corona-News schwer

Das gelte allerdings nicht uneingeschränkt: Die Bundesregierung müsse dringend ihr Angebot an schnellen und sauberen Informationen für Nicht-Muttersprachler erweitern, sagt Katarina. Noch fehle ein gleichberechtigter Zugang zu Corona-Informationen für alle.

"Es gibt viele Menschen im Land, die hier leben und arbeiten, aber kaum Deutsch können", sagt Katarina. "Die sind jetzt stark verunsichert und fühlen sich allein gelassen." Wer sich bei den Medien seines Herkunftslandes informiere, erfahre eventuell zu wenig, was für Deutschland relevant ist. Wer sich bei deutschen Behörden informieren will, muss lange suchen, um fündig zu werden. 

Die Integrationsbeauftragte des Bundes bündelt zum Beispiel hier, welche Corona-Infos in welchen Sprachen verfügbar sind. Ein einfacher Zugang sieht allerdings anders aus. Vor allem auf Türkisch, Polnisch, Russisch und Arabisch müssten Infos unkompliziert zugänglich gemacht werden, sagt Katarina.

WhatsApp wird zur Fake-News-Schleuder

Die Kommunikationswissenschaftlerin spricht Polnisch und wurde in den vergangenen Tagen so zur Anlaufstelle für viele Freunde und Bekannte. Seither übersetzt sie fleißig und warnt vor Fake News. "Viele Migranten sind stark untereinander vernetzt und tauschen sich natürlich aus", sagt Katarina. "Leider kursieren viele Falschmeldungen im Netz und auch in privaten Messenger-Gruppen, die sie dann oft nicht einordnen können". 

Gerade auf WhatsApp kursiere "viel Mist". Doch was noch vor einer Woche als Verschwörungstheorie durchgegangen wäre, sei heute manchmal ein realer Regierungsbeschluss, so rasch ändere sich die Lage. "Entsprechend ist es schwer, die Übersicht zu behalten, was nun Fakt ist und was nur Gerücht", sagt Katarina. Aber während deutsche Muttlersprachler zumindest die Chance hätten, den Wahrheitsgehalt via Google schnell aufzuklären, können Migrantinnen und Migranten mit schwachen Deutschkenntnissen die Fakes mitunter nicht einordnen.


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