Warum ich mich bei dem Gedanken schäme, demnächst durch Europa zu reisen.

In einigen Wochen soll es wieder losgehen. Deutsche am Strand von Palma, Deutsche beim Wandern in den Pyrenäen oder in der Innenstadt von Dubrovnik. Europa, so wird es vielen vorkommen, ist plötzlich wieder ganz nah. Schon jetzt wirbt Ryanair mit Mallorca-Flügen für 34 Euro, die gleich daneben stehende Aufforderung "Entdecke Bergamo!" wirkt fast, als hätte es die Coronakrise außerhalb unserer Fernseher nie gegeben. 

Vor ziemlich genau einem Jahr fotografierten sich viele Menschen mit blauen Pullis mit gelben Sternen. Der "Europa-Hoodie" war für einige Wochen so etwas wie die Uniform der aufgeklärten, proeuropäischen Deutschen. Selbst Einrichtungsgeschäfte, die sonst Grillbesteck und Badematten verkaufen, hatten ihn wenige Wochen vor der Europawahl im Angebot. Philipp Amthor posierte mit EU-Sonnenbrille. SPD-Spitzenkandidatin Katharina Barley plakatierte ihre Pulli-Porträtbilder sogar, verbunden mit dem Slogan "Europa ist die Antwort!". Es klang nach einer Freundschaft, auf die man sich verlassen konnte. Und auf den ersten Blick scheint das richtig:

Vor wenigen Tagen versprachen die europäischen Staatschefs, die Krise mit einem milliardenschweren Hilfsprogramm bekämpfen zu wollen. Es ist historisch groß, von hunderten Millionen Euro ist die Rede (Süddeutsche Zeitung). "Wenn wir jetzt zögern, droht ein zweiter Brexit in Italien", mahnte Bayerns CSU-Ministerpräsident Markus Söder (FAZ). Es klingt, als würde Deutschland für Europa einstehen. Als könne man sich auf die Schultern klopfen und sich über gelebte europäische Solidarität freuen. Aber stimmt das?

Europa rief um Hilfe und wir hörten weg

Denn von Europa als Antwort auf irgendetwas war in den vergangenen Wochen wenig zu hören. Auch nicht von den Menschen unter 30, unserer Generation, die sich dem Kontinent angeblich so verbunden fühlt, weil sie ihn immer nur grenzenlos und offen erlebt hat. Wo waren die Hoodies, als Europa uns um Hilfe bat?

In den Tagesthemen ging es um Ministerpräsidenten und streitende Virologen. Die Lage in Bergamo erschien oft wie eine Naturkatastrophe. Schrecklich, klar. Aber eben auch weit weg. Vielleicht waren es die Militärlastwagen, die den Eindruck verstärkten, es sei ein Naturereignis, was südlich der Alpen stattfand. Die deutsche Strategie: Betroffen gucken und ansonsten lieber schauen, dass es "bei uns" nicht so wird – denn auf einmal war die zuvor angeblich so bedeutungslose innereuropäische Grenze wieder eine.

Tatsächlich hätten wir auch da schon über Europa reden können. In einem Brief riefen die Bürgermeister von Venedig, Genua, Ancona, Bologna, Mailand, Padua, Bergamo und Sirakus dazu auf, Italien und die anderen besonders schwer von der Corona-Pandemie betroffenen Länder nicht im Stich zu lassen. Sie baten um konkrete Hilfe und erinnerten an die europäische Geschichte. Es war ein Hilferuf, mitten im Überlebenskampf ganzer Regionen. Der Brief erschien bereits vor zwei Monaten, Ende März. Haben wir je wirklich über ihn diskutiert? 

Damit der Hilferuf der italienischen Bürgermeister überhaupt in Deutschland erscheinen konnte, mussten sie – mitten in der dramatischen Krise vor ihrer Haustür – eine Anzeige in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung buchen. Ein peinliches Procedere. Gebracht hat es dennoch nichts. 

Haben wir wirklich alles getan?

Als Zeichen des guten Willens nahm Deutschland schließlich Corona-Patienten aus Italien auf. Ganze vier Personen kamen Ende März beispielsweise mit Militärmaschinen in Sachsen an. Nur einer von ihnen überlebte. Noch heute ist er in Behandlung, immer wieder hat er sich inzwischen bei den Deutschen bedankt. Doch seine Ärzte wirken teilweise eher beschämt. "Rückblickend muss man sagen: Hätte man zwei Wochen vorher angefangen, hätte man die Situation zum Beispiel in Bergamo besser unterstützen können", sagte der Direktor der Klinik für Intensivtherapie am Leipziger Universitätsklinikum im SPIEGEL. In vielen deutschen Krankenhäusern wurden die reservierten Corona-Betten bis heute nicht benutzt – auch nicht für Menschen aus unseren Nachbarländern. 

Wirklich wichtig wurde Europa in unserem Alltag erst wieder, als der Spargel auf den Feldern lila zu werden drohte. Plötzlich ging die Zusammenarbeit in Europa ganz schnell. Innerhalb weniger Tage wurde in einem absurden Schauspiel ermöglicht, 40.000 Saisonkräfte aus Rumänien, Bulgarien und anderen ärmeren EU-Ländern einzufliegen. Mitten in der Pandemie drängten sich plötzlich Menschen an Flughäfen, um in Deutschland das Mittagessen zu retten. (SPIEGEL)

Wir holten Zehntausende Arbeitsmigrantinnen und schützten nicht einmal ihr Leben

Nicht einmal vier Wochen später ist klar, dass es nicht um das teilweise bizarr beschworene Fachwissen der osteuropäischen Arbeitskräfte ging. In der Fleischindustrie, auf Erdbeerhöfen und beim Spargelstechen werden Menschen ausgebeutet, die sich nicht wehren können. Pässe werden einbehalten, Arbeitszeiten überzogen, Löhne nicht ausgezahlt. (SPIEGEL) In mehreren Schlachtbetrieben waren die Hygienemaßnahmen so schlecht, dass sich gleich hunderte Personen gegenseitig mit dem Coronavirus infizierten. (SPIEGEL) Es wäre das Mindeste gewesen, die Leben von Arbeitsmigrantinnen und -migranten inmitten einer Pandemie zu schützen. Keine Leistung, sondern das Allernötigste. Doch selbst hier hat Deutschland versagt. 

Es ist ein Irrtum zu glauben, dass in anderen Ländern nicht registriert wird, wie wir uns verhalten. Auch in Rumänien wird gesehen, dass es nicht normal ist, Menschen mitten in der Krise aufs Spargelfeld zu schicken und hinterher hunderte Euro für ein Sechsbettzimmer abzukassieren (Vice). Auch in Spanien wissen die Menschen, wie ihre blonden Urlaubsgäste über sie reden, wenn konkrete Krisenhilfe gefragt ist. In Italien misstraut schon jetzt eine Mehrheit den Deutschen (Welt). Wie wollen wir den Menschen künftig begegnen? Was wollen wir ihnen sagen, wenn sie erzählen, wie ihre Großeltern erstickten, während wir über die “Schuldenunion” diskutierten? 

Was sollen wir Gleichaltrigen aus Spanien oder Italien sagen?

Wie viel ist eine Gemeinschaft wert, die uns immer nur dann zu interessieren scheint, wenn die Strände geöffnet sind und das Erasmus-Geld pünktlich kommt? "Millennials", hieß es in den vergangenen Jahren in fast jedem Artikel dazu, reisten gern und seien aufgeschlossen. Ideale seien der Generation "Y" wichtiger als Geld und Karrieren. Doch in der Coronakrise gibt es bislang wenig Hinweise, dass wir wirklich anders sind als unsere Boomer-Eltern. Wir Deutschen sind offensichtlich die #richkidsofeurope. Es ist eine beschämende Vorstellung, in wenigen Wochen wieder durch Europa zu reisen, als wäre nichts gewesen.

Wenn wir es auch nur halbwegs ernst meinen mit unserem Gerede von Zusammenhalt, Austausch und Verständigung, sollten wir uns selbst fragen, wie Europa künftig eigentlich aussehen soll. Und wie wir es selbst gestalten können. Was können wir Gleichaltrigen aus Spanien oder Italien sagen, die jetzt vor dem Nichts stehen? Wer gehört eigentlich zu Europa, wenn plötzlich die Grenzen dicht sind? Und wie wollen wir in Zukunft miteinander umgehen? Nur mit einem blauen Pullover im Gepäck durch die Gegend fliegen, reicht in der Welt nach der Coronakrise nicht mehr. Der Europa-Hoodie ist nicht die Antwort.


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