Bild: Berliner Stadtmissison/Breuer
Nele, 19, betreut Wohnungslose in der Not: "Durch das Kontaktverbot sind nun viele einsam, ihnen fehlt Sicherheit."

Noch vor wenigen Wochen hatte Nele-Marie Suhr Zeit und Raum für ein bisschen Small Talk. Sie hörte der älteren Dame zu, die so gerne von ihrer schönen Hochzeit erzählte. Oder lachte mit dem jungen Kerl, der auch in den trostlosesten Momenten einen Witz parat hatte.

Nun – seit der Coronakrise – ist alles anders. Nele arbeitet bei der Bahnhofsmission am Berliner Bahnhof Zoo. Seit vergangenem September macht die 19-Jährige dort ihr Freiwilliges Soziales Jahr, danach will sie in Berlin Soziale Arbeit studieren.

Täglich hilft Nele derzeit bei der Essensausgabe für Obdachlose. Noch bis vor wenigen Wochen trafen sich alle in einer großen Kantine, konnten an Tischen essen und miteinander ins Gespräch kommen. Nun verteilt Nele die Speisen durch ein Fenster, die Berliner Stadtmission hat sich selbst strenge Schutzregeln auferlegt.

Nele bei der Essensvorbereitung: "Neben unseren Stammgästen kommen deutlich mehr Neue"

(Bild: Berliner Stadtmissison/Breuer)

Was Nele macht, ist jetzt weniger intim, aber umso wichtiger: Vor allem ältere Menschen haben bislang ehrenamtlich in der Obdachlosenhilfe gearbeitet. Sie müssen nun daheim bleiben – die Betreuung der Hilfsbedürftigen hängt in der Bahnhofsmission nun von den Jüngeren ab.

Hier erzählt Nele, worauf es in der Obdachlosenhilfe in Zeiten der Coronakrise ankommt:

"Berlin schottet sich gerade ab. Ich kann es sehen, wenn ich früh von meiner WG in Potsdam zur Arbeit fahre. In der S-Bahn Richtung Bahnhof Zoo sitzt fast niemand, auch die Straßen sind leer. Aber während sich viele Zuhause einrichten können, bleiben Menschen ohne Obdach auf der Straße. 

Unter den Wohnungslosen, die zum Bahnhof Zoo kommen, gibt es überdurchschnittlich viele Männer. Es kommen genauso viele 19- oder 20-Jährige wie 60-Jährige. Trotzdem sind viele Teil der Risikogruppe, weil sie Vorerkrankungen haben. Sie laufen jetzt besonders Gefahr, sich anzustecken. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass sich viele durch das Coronavirus bedroht fühlen. 

Klar, einige erzählen schon, dass sie Angst haben – aber die meisten beschäftigt, wie nun ihr Alltag mit all den Maßnahmen aussieht. Ich glaube, dass viele die Coronakrise nur als eine weitere Hürde in ihrem Leben wahrnehmen:

„Wer schon so viel Elend erlebt hat, den haut so eine Ausnahmesituation nicht mehr um.“

Trotzdem ändert sich für die Obdachlosen gerade vieles: Ämter schließen oder stellen ihre Betreuung auf Schriftverkehr um – für Menschen ohne Wohnanschrift ist es da natürlich schwer, an Sozialleistungen zu kommen. Wer will, kann aktuell unsere Bahnhofsmission als Anschrift angeben. 

Sozialberatung in Zeiten von Corona: "Durch das Kontaktverbot sind viele einsam"

(Bild: Berliner Stadtmissison/Breuer)

Dann ist es verboten, sich draußen in Gruppen aufzuhalten, das können einige Wohnungslose nur schwer umsetzen. Sie sind gewohnt, in Gruppen an einem Ort zu schlafen oder ihre Sachen zu lagern – das bietet, glaube ich, vielen einfach ein Gefühl von Sicherheit. Durch das Kontaktverbot sind nun viele einsam.

Was nun noch hinzu kommt: Ende März schließt in Berlin eigentlich die Kältehilfe, also die meisten Orte, an denen Wohnungslose im Winter übernachten können. Mal sehen, ob das verlängert wird. Doch schon jetzt machen immer mehr Anlaufstellen für Obdachlose zu, die bislang tagsüber offen hatten. In der Bahnhofsmission merken wir das. Neben unseren Stammgästen kommen deutlich mehr Neue zu den Essensausgaben. Die Ausgabe lief bisher so ab, dass wir nachmittags eine Ausgabestelle hatten und sich jeder mit seinem Teller in unseren Gastraum hinsetzen konnte. 

Nun stehen wir hinter einem Fenster und reichen Essenspakete hinaus. Draußen warten die Bedürftigen in sicherem Abstand zueinander. Da bleibt nun natürlich wenig Raum für Gespräche und das Zwischenmenschliche, was ich schade finde. Mir selbst fehlt der Kontakt auch. Es gibt Wohungslose, die mir sofort ihr ganzes Leben erzählt haben, andere sind eher zögerlicher. Aber alle schildern mir Momente aus ihrem Leben, an die sie sich gerne erinnern, die einfach schön waren. Das vermisse ich.

Ich mache mein Freiwilliges Soziales Jahr in der Berliner Stadtmission jetzt seit einem halben Jahr. 

„Bisher war ich zwei Tage die Woche am Zoo, jetzt komme ich jeden Tag hin. Ich werde hier gebraucht.“

Wir mussten mehrere ältere Ehrenamtliche zu ihrer und der Sicherheit der Wohnungslosen heimschicken, gleichzeitig gibt es zu wenig junge Menschen, die sich beispielsweise in der Bahnhofsmission engagieren. Wir haben fünf FSJler, die aber nicht alle die ganze Woche hier sind, eine Praktikantin und ein paar jüngere Ehrenamtliche. Also helfe ich jetzt jeden Tag.

Wenn ich mit meiner Familie daheim in Stralsund oder mit Freundinnen über meine Arbeit spreche, bestärken mich ausnahmslos alle. Sie finden es gut, dass ich nicht daheim bleibe. Ich werde auch so lange weitermachen, wie es gesetzlich erlaubt bleibt. Ich finde es einfach extrem wichtig, jetzt zu helfen."


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