Bild: Jean-Christophe Bott/KEYSTONE/dpa
Wir haben mit Menschen auf dem Balkan und in Nordafrika über ihre Lage gesprochen.

Zied Abdellaoui kann die Europäische Union (EU) sehen. Er sei gerade im "letzten muslimischen Örtchen des Balkans", schreibt er bento auf Facebook. Der Ort heißt Velika Kladuša und liegt im Nordosten von Bosnien-Herzegowina. Er grenzt direkt an Kroatien, und damit direkt an die EU. 

Von der Moschee im Stadtzentrum sind es genau 930 Meter bis zur Grenze – und doch bleiben diese 930 Meter für Zied unüberwindbar. Eine Grenzpolizei hält jeden zurück, der hinüber will.

Kroatien ist EU-Mitglied, Bosnien-Herzegowina jedoch nicht. Zied kommt aus Tunesien und will in einem EU-Land Asyl beantragen, seine Aussichten: schlecht. Denn seit Europa sich wegen der Corona-Pandemie abschottet, sind gleich zwei Dinge schwieriger geworden: 

  1. Nach Europa zu kommen
  2. An der Außengrenze zu überleben

Zied im Zentrum von Velika Kladuša – sein Gesicht möchte er nicht zeigen.

(Bild: Zied Abdellaoui)

Zum Schutz vor dem neuartigen Coronavirus hat die EU Anfang der Woche beschlossen ihre Grenzen dicht zu machen. 

Unter anderem dürfen nun nur noch Deutsche nach Deutschland einreisen, das verkündete Innenminister Horst Seehofer (CSU) am Dienstag. Menschen aus Drittstaaten brauchen ein längerfristiges Visum oder einen "dringenden Einreisegrund", heißt es beim Innenministerium (BMI). Und der müsse mit Nachweisen belegt werden.

Durch das Coronavirus ist das Asylrecht in der EU faktisch ausgesetzt

Ob Asyl noch ein solcher Grund ist – und welche Nachweise nötig sind – klärt das Innenministerium nicht. Ein Sprecher betonte zwar, Menschen könnten weiterhin Asylanträge an den EU-Außengrenzen stellen. Unklar ist aber, wie lange das so bleiben wird (SPIEGEL). Faktisch müssen viele Schutzsuchende schon jetzt vor den Grenzen ausharren und sind auf sich allein gestellt. Schutzsuchende wie Zied.

"Ich sehne mich einfach danach, in der EU in der Zivilisation anzukommen", sagt er am Telefon. Zied kommt aus Tunesien und gibt an, dort aufgrund seines politischen Engagements verfolgt worden zu sein. Er sei für eine linke Partei aktiv gewesen, den Islamisten der Regierungspartei sei er damit ein Dorn im Auge.

„Wenn ich zurückgehe bringen sie mich um.“
Zied Abdellaoui

Seit knapp drei Jahren sei er auf der Flucht, kam erst mit dem Flugzeug nach Istanbul, schlug sich dann über den Grenzfluss nach Griechenland durch. Antrag auf Asyl habe er dort nicht gestellt. Zied gibt zu: Er will nach Österreich, Deutschland oder Frankreich. Um voranzukommen, arbeitete er einige Zeit illegal auf Olivenplantagen. Vor einem Jahr startete Zied dann seinen Weg nach Norden, durchwanderte den Balkan und versuchte mehrmals, in die EU zu kommen. So erzählt er es. 

Die EU schottet sich ab, Moscheen und Geschäfte schließen

Gemeinsam mit anderen hause Zied derzeit in einer Ruine am Stadtrand von Velika Kladuša. Ihre Lage verschärft sich nun, denn auch Bosnien-Herzegowina erhöht im Zuge der Coronakrise die Schutzmaßnahmen. Zied muss dann ohne geöffnete Geschäfte und Unterkunft überleben. Noch bis vor wenigen Tagen konnten die Geflüchteten im Ort Wasser und Lebensmittel kaufen, jetzt seien die Läden aufgrund der Coronakrise geschlossen. "Auch der Brunnen ist versiegelt", sagt Zied. Und die Moschee, in der er sich waschen durfte – ebenfalls zwangsgeschlossen. Während sich die Menschen mit festem Wohnsitz überall auf der Welt in ihren Häusern verbarrikadieren, steht Zied auf der Straße.

Der Balkan ist nicht der einzige Ort, an dem es Menschen auf der Flucht derzeit schwer haben. Sara arbeitet als Sozialarbeiterin für "No Name Kitchen", eine NGO, die in Grenzorten Lebensmittel an Menschen auf der Flucht verteilt. Derzeit ist sie in Melilla, der spanischen Exklave neben Marokko. Der Ort in der Nähe der Meerenge von Gibraltar ist ein Hotspot für Menschen aus Afrika, die einen Weg nach Europa suchen.

"Die Situation für die Menschen hier ist schrecklich", sagt Sara zu bento. Hunderte Schutzsuchende lebten auf der Straße, die Stadtverwaltung lasse sie im Stich. In den vergangenen Monaten hätten sich viele mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen und ihr Essen auf den Märkten von Melilla gekauft. Nun herrscht in Spanien eine Ausgangssperre. Wie Zied auf dem Balkan, kommen auch die Menschen in Melilla nun kaum noch an Lebensmittel, Wasser und Medizin. 

Das gilt zumindest für jene, die aus Afrika kommen und hoffen, über die Exklave weiter nach Spanien zu gelangen. Sie halten sich oft illegal in Melilla auf, es gibt den Vorwurf, dass es für Schwarze sehr viel schwieriger sei, Asyl zu beantragen (Deutsche Welle). Der Europäische Gerichtshofs für Menschenrechte in einem Fall bestätigt, dass Spanien illegal Eingereiste direkt wieder abschieben darf (Tagesschau). Entsprechend können sie in Melilla nicht auf Unterstützung hoffen und harren nun auf leeren Straßen vor geschlossenen Läden aus.

"Immerhin die Minderjährigen hat die Polizei nun aufgesammelt", sagt Sara. Dutzende seien in den vergangenen Tagen nach La Purísima gefahren worden: In ein Jugendheim, eingerahmt vom EU-Grenzzaun und dem Flughafen von Melilla. Die spanische Zeitung "El Pais" berichtet von katastrophalen Zuständen im Heim, knapp 900 Kinder und Jugendliche würden derzeit in der für 350 Menschen gebauten Unterkunft ausharren. Ein Foto zeigt Jugendliche, die sich in einem dunklen Zimmer auf Metallbetten drängen.

Auch wer besonders schutzbedürftig ist, hängt wegen Corona nun fest. Mit Resettlement-Verfahren werden Betroffene eigentlich direkt aus Flüchtlingslagern in die EU geflogen. Dem Platz im Flieger geht eine langwierige, umfangreiche Auswahl voraus – und die Zusage eines EU-Staates, Schutzsuchende im Rahmen eines Resettlings aufzunehmen. 

UNHCR will weiterarbeiten – trotz gestoppter Asylverfahren

Organisiert werden die Verfahren vom UNHCR. Doch da die EU nun dicht gemacht hat, stellt auch das UNHCR das Resettlement-Verfahren praktisch ein. Noch sei unklar, wie lange die Flüge ausgesetzt werden, sagte Chris Melzer, Sprecher von UNHCR Deutschland, zu bento. 

"Die Menschen, die sozusagen schon ihr Flugticket in der Hand hatten, werden auch reisen. Aber danach wird es erst einmal keine Ausreisen geben. Das Resettlement geht aber weiter." Es würden weiter die verletzlichsten und bedürftigsten Flüchtlinge identifiziert, es würden auch weiterhin Flüchtlinge den Aufnahmestaaten vorgeschlagen, sagt Chris. "Es werden auch weiter Anträge geprüft, damit wir nach einer Normalisierung sofort wieder loslegen können."

Die Hilfe gilt allerdings nur für jene Schutzsuchenden, die sich in einem der UNHCR-Lager befinden. Menschen wie Zied in Bosnien-Herzegowina sind auf sich allein gestellt. 

Während er mit bento redet, leert sich der Akku seines Smartphones. "Ich bin jetzt bei 25 Prozent", sagt Zied. Der Shop, bei dem er immer sein Handy aufladen durfte, hat zu. Supermärkte, die noch öffnen, lassen ihn nicht vor. "Es gibt hier nur sehr wenige Menschen, die Migranten gegenüber wohlgesonnen sind", sagt Zied.

Über sein Handy liest er Updates zum Coronavirus und Nachrichten über die Lage für Asylsuchende. Wenige Stunden nach dem Telefonat mit bento reagiert er nicht mehr auf Nachrichten, sie werden als ungelesen angezeigt.


Uni und Arbeit

Warum drei Professorinnen fordern, das Sommersemester nicht zu werten
Was für ein solches Nichtsemester spricht, erklären sie im Interview.

Wegen der Coronakrise haben viele Hochschulen den Start des Sommersemesters bereits nach hinten verschoben. Jetzt fordern drei Professorinnen in einem offenen Brief, es zu einem "Nichtsemester" zu machen. 

Die Lehre solle zwar wo möglich stattfinden, aber das Sommersemester dürfe nicht wie sonst gezählt werden, schreiben Paula-Irene Villa Braslavsky von der Ludwig-Maximilians-Universität München, Andrea Geier von der Universität Trier und Ruth Mayer von der Leibniz Universität in Hannover. Für Studierende, die wegen der Coronakrise keine Studienleistungen erbringen könnten, dürften keine Nachteile entstehen. Und auch Forschende und Lehrende sollten nicht unter der aktuellen Situation leiden. Das bald beginnende Semester sei durch die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen schließlich kein "business as usual". 

So sehen es auch Hunderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Universitäten und Hochschulen in Deutschland. Bis jetzt wurde der Brief von weit mehr als 1000 Menschen unterzeichnet, sagen die Initiatorinnen. Am Montag haben sie ihn unter anderem an die Kultusministerkonferenz und die Hochschulrektorenkonferenz geschickt.

Wir haben via Skype mit ihnen gesprochen.