Bild: Eduardo Parra/Europa Press/dpa
Viele junge Pflegerinnen und Pfleger kommen an ihre Belastungsgrenze – und werden allein gelassen.

Als Alexander Jorde vor einigen Tagen erstmals vom neuen Epidemiegesetz-Entwurf in Nordrhein-Westfalen gehört hat, dachte er nur, die Idee könne nicht echt sein. "Ich habe einfach nicht für möglich gehalten, dass sich Politiker so was ausdenken", sagt der Krankenpfleger zu bento. Die Landesregierung in Düsseldorf plant ein Gesetz, welches das pflegerische und medizinische Fachpersonal im Notfall zum Einsatz verpflichten kann. Für Alex ist das nicht anderes als: "Zwangsarbeit".

Der 23-Jährige ist Deutschlands bekanntester junger Krankenpfleger. 2017 konfrontierte er Angela Merkel mitten im Wahlkampf mit den miesen Zuständen im deutschen Pflegesystem, anschließend hat er darüber das Buch "Kranke Pflege" geschrieben (bento). Jetzt arbeitet er in Niedersachsen auf einer internistischen Intensivstation.

Schon vor der Coronakrise war das System am Ende

Nun – mitten in der Coronakrise – sind seine Mahnungen aktueller denn je. Gerade junge Pflegerinnen und Pfleger schieben gerade Dauereinsätze auf den Intensivstationen. Sie gehören nicht zur Risikogruppe und sie sind belastbar. Zum symbolischen Dank stehen viele Menschen allabendlich auf Balkonen und klatschen für ihren Einsatz, auch der Bundestag applaudierte bereits und Bundeskanzlerin Angela Merkel dankte den Pflegekräften in ihrer Ansprache an das Volk explizit. Aber über den weniger symbolischen Dank, zum Beispiel in Form von finanzieller Mehrvergütung, wird nicht geredet. Zumindest nicht in der Politik. 

Krankenpfleger Alex: "Die Corona-Politik ist nur Augenwischerei vom Gesundheitsminister"

(Bild: Annette Hauschild/ cc by)

Das Gesetz in NRW ist für Alex daher Ausdruck eines Systems der Geringschätzung. Eigentlich planen CDU und FDP ein Gesetzespaket, dass der Landesregierung ein schnelles Handeln erlauben soll. 

Doch Paragraf 15 hat es in sich: Wer eine Ausbildung in einem Gesundheitsberuf hat, soll zur Arbeit gezwungen werden dürfen. Die Kontaktdaten aller medizinisch geschulten Kräfte sollen ausgehändigt werden. Die Grundrechte zu körperlicher Unversehrtheit und Freiheit der Person "können eingeschränkt werden", heißt es im Gesetz. 

Am Mittwoch war das Gesetz in der ersten Lesung, jetzt geht es in die Ausschüsse, kommende Woche soll es verabschiedet werden. Auch, falls es nicht so durchkommt –  dass Politikerinnen und Politiker überhaupt darüber nachdenken, ist für den Krankenpfleger Alex ein Skandal:

„In anderen Ländern werden Fachkräfte nun mit Sonderzahlungen dazu animiert, in der Coronakrise zu helfen – Deutschland versucht es mit Zwang.“
Alexander Jorde

Diese Haltung sei kein Ausdruck der Krise – "das war auch schon vor Corona so", sagt Alex. Genauso wichtig wie gerechte Löhne sei ihm dabei eine Debatte über den Zustand des deutschen Gesundheitswesens. Kliniken würden sparen, die Politik sich nicht ausreichend für bessere Personalschlüssel einsetzen. 

Sparrunden vor der Pandemie

Ein Beispiel für sparende Kliniken kam vor wenigen Tagen aus Kassel: In den Lokalnachrichten machte eine Meldung die Runde, in der Coronakrise solle beim Klinikpersonal gespart werden, die Belegschaft müsse sich auf Urlaubsstreichungen gefasst machen. Das sei so nicht richtig – die Maßnamen seien vor der Krise diskutiert und mittlerweile verworfen worden, heißt es von Seiten der Klinik. 

Ein mulmiges Gefühl sei bei der Belegschaft dennoch geblieben, sagt Dominik Semler. 

Der 27-Jährige arbeitet seit vier Jahren in einem Klinikum in Kassel und teilt als "Der Krankenbruder" auf Instagram Bilder aus seinem Alltag.

In Deutschland kommen 18 Pflegekräfte auf 1000 Patienten

Gerade haben die Kliniken in Deutschland für schwere Covid-19-Fälle nachgerüstet: Es gibt jetzt 40.000 Betten, in denen Patienten beatmet oder anderweitig intensivmedizinisch betreut werden können (SPIEGEL). Doch es mangelt an ausreichend Pflegepersonal, um auch alle Kranken zu betreuen, wenn diese Betten alle belegt sein sollten.

In Deutschland kümmern sich nach einer Zählung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK im Schnitt nur knapp 18 Pflegekräfte und Hebammen um insgesamt 1000 Patienten. Andere Industrienationen sind deutlich besser aufgestellt, mit im Schnitt 52 Pflegekräften in Japan oder 44 in Norwegen (Krankenhaus-Report 2017). 

Es mag deshalb schön und gut sein, dass Betten rangeschafft werden, sagt Alex, "aber solange die Patienten darin nicht betreut werden können, ist das nur Augenwischerei vom Gesundheitsminister". Immer wieder müssten Krankenhäuser Patienten abweisen, weil zwar Betten und Beatmungsgeräte da seien – aber eben keine Pflegenden.

„Es war schon vor Corona so, dass Menschen starben, weil nicht ausreichend Pflegepersonal zur Verfügung stand und Intensivbetten nicht belegt werden konnten.“
Alexaner Jorde

Entsprechend würden sich derzeit viele jungen Pflegerinnen und Pfleger überlegen, wie es für sie nach Corona weitergeht. "Einige Kolleginnen und Kollegen sagen mir, sie wissen nicht, wie lange sie diese Bedingungen noch ertragen, spätestens nach Corona wollen sie den Job verlassen oder die Arbeitszeit drastisch reduzieren." In den vergangenen Jahren hätte sich die Situation zu sehr verschärft, viele würden einfach nur noch verheizt. "Viele haben schon vorher gesagt, sie können nicht mehr", sagt Alex, "und nun kommt noch diese Krise obendrauf." 

Diesem Frust hatte auch die Krankenpflegerin Nina Magdalena Böhmer auf Facebook Ausdruck verliehen. "Eigentlich sollten genau jetzt alle Pflegekräfte ihren Job kündigen!", schrieb sie in einem Post, der mehr als 75.000 Mal geteilt wurde. 

Fassen wir mal zusammen. Erst sollen wir einen Mundschutz und Schutzkittel für mehrere Patienten benutzen. Wir sollen...

Geplaatst door Nina Magdalena Böhmer op Maandag 23 maart 2020

Ein klassischer Teufelskreis: Pflege wird als Beruf unattraktiver, je größer der Personalmangel ist. Und je größer der Personalmangel ist, dest mehr junge Pflegende werden sich nach anderen Berufsfeldern umsehen.

Neuer Zusammenhalt beim Klinikpersonal

Trotzdem sieht Dominik, der Krankenbruder, die aktuelle Lage nicht so negativ wie Alexander Jorde. "Ich bin sehr positiv überrascht", sagt Dominik mit Blick auf vom Gesundheitsministerium umgesetzte Sofortmaßnahmen, "wie schnell man in Deutschland reagiert hat."

Auch er arbeitet wie Alex auf einer Intensivstation, die Lage hält er für "angespannt", aber nicht dringlicher als sonst. "Wir waren auch schon vor Corona damit beschäftigt, Viren zu isolieren und Menschen zu versorgen", sagt Dominik. Wenn sich etwas verändert habe, dann der Zusammenhalt in der Klinik: "Von der Geschäftsleitung zu den Ärzten bis zu uns gehen gerade alle sehr respektvoll miteinander um." 

Applaus vom Balkon ist willkommen – aber nicht von jedem

Was Dominik dieser Tage schätzt, ist die große Anerkennung von vielen Teilen der Bevölkerung. Ein lokaler Fußballfanclub rollte Dankes-Banner vor der Klinik aus, im Netz sieht er Videos von Menschen, die vom Balkon aus applaudieren. "Wer auf dem Balkon steht und klatscht, ist keiner, der die Macht hat, in Deutschland Dinge zu verändern", sagt Dominik. Er glaubt, es sind eher Menschen, die selbst Einschränkungen hinnehmen müssen und einfach ihre Dankbarkeit ausdrücken wollen.

„Applaus vom Balkon ist ein schönes Zeichen und das sollten wir dankend annehmen.“
Krankenpfleger Dominik

Dominik hofft, dass diese Stimmung in die Zeit nach der Coronakrise weitergetragen wird – und sie Politikerinnen und Politiker zum Umdenken bewegt. "Ich hoffe, es gibt nach all dem hier eine Debatte über den Wert unserer Arbeit."

Sein Kollege Alex aus Niedersachsen bleibt skeptisch. Auch er finde Applaus dieser Tage gut und motivierend – aber nicht von jedem: "Wenn ich Politikerinnen und Politiker im Bundestag sehe, die aufstehen und für uns klatschen, dann frage ich mich, ob die uns für dumm halten oder einfach nur zynisch sind." 


Uni und Arbeit

Abschlussarbeit_final.docx: Phillip hat einen Podcast über die Kölner Fetischszene gestartet
Hier erzählt er, wie er darauf gekommen ist – und was er herausgefunden hat.