Grundeinkommen, Pflegenotstand, Digitalisierung: Viele Problemzonen Deutschlands werden durch die Krise sichtbarer denn je.

Die Coronakrise hat vieles verändert. Sie hat neue Probleme geschaffen, die vor wenigen Monaten undenkbar schienen. Sie hat aber auch bereits bestehende Probleme für eine breitere Öffentlichkeit sichtbar gemacht.

Die Coronakrise verschärft lang bekannte Probleme

Wir haben mit jungen Aktivistinnen und Aktivisten gesprochen, deren Themen durch die Krise mehr Aufmerksamkeit bekommen als zuvor. Wie versuchen sie, diese Aufmerksamkeit für sich zu nutzen? Wie hat sich ihr Aktivismus geändert? Und wie optimistisch sind sie, jetzt wirklich nachhaltige Veränderungen erreichen zu können?

Die Krise der Jungen

Im Alter zwischen 20 und 30 sortiert sich für viele Menschen das Leben: Ausbildungen werden abgeschlossen, erste und zweite Jobs ausprobiert, man investiert Geld in Wohnungen, Autos oder Aktien, findet Freunde oder Partner fürs Leben. Was bedeutet es für eine Generation, wenn dieser Prozess dramatisch verlangsamt wird – weil Corona das Leben lahmlegt? 

In unserem Schwerpunkt "Die Krise der Jungen" sprechen wir mit jungen Menschen, die ihre Jobs verloren haben. Wir fragen eine Zukunftsforscherin, wie sie die Krise überwinden können. Und wir lassen uns von Lobbyistinnen und Aktivisten erklären, wie sie jetzt erst recht versuchen, junge Menschen in Politik und Gesellschaft zu repräsentieren.

Christina Strohm, 29

Mein Grundeinkommen e.V.

Mein Grundeinkommen ist ein Verein, der sich für das bedingungslose Grundeinkommen in Deutschland einsetzt. Um die Auswirkungen zu testen, verlost der Verein regelmäßig durch Crowdfunding finanzierte Grundeinkommen.

(Bild: privat)

"Es gibt gerade einen riesigen Zuspruch für das Thema Grundeinkommen, weil viele Menschen durch Corona in Existenznot geraten. Ich habe noch öfter als sonst den Gedanken: Hätten wir jetzt ein Grundeinkommen, wie geil wäre das eigentlich? Wir freuen uns über den Aufwind für das Thema, die Sehnsucht nach Sicherheit und Solidarität ist bei vielen Menschen spürbar. Es gibt plötzlich viele neue Akteurinnen und Akteure, die Petitionen für ein zeitbegrenztes Grundeinkommen während der Krise starten.

Wir unterstützen das alles total, zum Beispiel mit unserer Reichweite. Aber unser Ansatz geht über die zeitliche Begrenzung hinaus: Wir wollen ein flächendeckendes, bedingungsloses Grundeinkommen, das unabhängig von Krise oder Bedarf ausgezahlt wird.

„Wir verlosen regelmäßig Grundeinkommen von 1000 Euro im Monat – nun haben fast 700.000 Menschen teilgenommen.“

Unser Aktivismus besteht darin, zu zeigen, was ein Grundeinkommen mit dem Leben von Menschen macht, die es bekommen. Deshalb verlosen wir Grundeinkommen von 1000 Euro monatlich über ein Jahr, die wir aus Spenden finanzieren. Auch hier ist das gestiegene Interesse spürbar, sowohl Spenden als auch die Anmeldungen zu den Verlosungen sind in den letzten Wochen stark angestiegen. An einer Sonderverlosung haben fast 700.000 Menschen teilgenommen.

Wir arbeiten jetzt darauf hin, dass dieses große Bedürfnis nach einem Grundeinkommen auch bei der Politik ankommt. Wir organisieren zum Beispiel Onlinetalks mit Expertinnen und Experten, um Menschen zu vernetzen und über mögliche Umsetzungen zu sprechen. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Wir glauben, dass in dieser schlimmen Krise auch die Chance liegt, uns darüber Gedanken zu machen, wie wir als Gesellschaft zusammenleben. Und was wir vielleicht nach der Krise beibehalten wollen, gerade was Solidarität oder Entschleunigung angeht."

Snoopy*, 24 Jahre

Chaos Computer Club Köln

Der Chaos Computer Club ist eine Hackervereinigung, die sich seit den 1980er Jahren mit technologischem Fortschritt, Internet und Digitalpoiltik beschäftigt.

"Unsere wichtigsten Themen sind Datenschutz und Informationsfreiheit, daran hat sich auch durch Corona nichts geändert. Aber die Dringlichkeit hat zugenommen. Viel mehr Menschen kommen auf uns zu und fragen, wie sie jetzt arbeiten können und auf welche Tools sie zurückgreifen sollten. 

Ein Beispiel, bei dem Probleme auftreten, sind Videokonferenzen. Plötzlich kennt jeder Zoom, es wird sowohl privat als auch geschäftlich tausendfach genutzt. Das ist bedenklich. Es gab zum Beispiel Datenweitergaben von Zoom an Facebook. Die wurden zwar inzwischen eingestellt, es bleibt aber ein mulmiges Gefühl. Die Konferenzen dort sind nicht ausreichend gesichert, teilweise konnten dritte Personen beitreten. Außerdem verwendet Zoom veraltete Software. 

„Unser Austausch mit der Politik ist kompliziert: Wir werden zwar als Datenschutz-Experten angehört, trotzdem passiert oft nichts.“

Unser Aktivismus besteht darin, auf solche Probleme aufmerksam zu machen, bei Veranstaltungen oder in Analysen und Stellungnahmen auf unserer Website. Unser Austausch mit der Politik ist kompliziert: Wir werden zwar als Experten etwa im Bundestag angehört, trotzdem passiert oft nichts. Seit 40 Jahren predigt der CCC Datenschutz und Transparenz, etwa durch Software, bei der der Quellcode offengelegt wird. 

Die Entwicklung der Corona-App beobachten wir sehr aufmerksam. Die Bundesregierung hatte zuletzt den Plan verfolgt, die Daten der App zentral an einer Stelle zu sammeln. Das sehen wir sehr kritisch, deshalb haben wir das mit anderen Gruppierungen zusammen in einem offenen Brief kritisiert. Die Regierung hat auf diese Kritik reagiert und verfolgt nun einen dezentralen Ansatz. 

Ich glaube, dass diese Krise im digitalen Bereich Chance und Risiko zugleich ist: Auf der einen Seite gibt es eine unglaubliche Schaffenskraft, die zu kreativen Problemlösungen führt und die Entwicklung von Software vorantreibt. Auf der anderen Seite haben große Anbieter wie Zoom leichtes Spiel, weil viele Menschen schnell eine Lösung brauchen und Datenschutz dann teilweise zweitrangig wird." 

Lisa Wolter, 24 Jahre

AG Junge Pflege im Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe

Die Arbeitsgruppe Junge Pflege vertritt die Interessen angehender und junger Pflegender im größten Berufsverband für Pflegeberufe in Deutschland.

(Bild: privat)

"Auf einmal gibt es große Aufmerksamkeit für die Bedingungen in Pflegeberufen. Das ist eine Chance, die wir aber auch nutzen müssen. Die Anerkennung und die Wertschätzung sind schön, von Applaus können wir uns aber nichts kaufen. Zudem gibt es aus der Politik auch jetzt schon andere Signale: Pflegende müssen weiterarbeiten, auch wenn sie Kontakt zu Infizierten hatten, alle anderen gehen in Quarantäne. Manchmal fühlt es sich an, als sei man Mensch zweiter Klasse.

Die ganzen Probleme, die jetzt schonungslos aufgedeckt werden, sind nicht neu. Wir hatten auch vor Corona schon zu wenig Personal. Ich denke mir oft: I told you so.

„Eine höhere Bezahlung wäre gut, aber Geld schützt nicht vor Burn-out“

Es wird immer gesagt, Deutschland habe das beste Gesundheitssystem. Beim Thema Pflege hinken wir im europäischen Vergleich aber meilenweit hinterher. Es ist ein großes Problem, dass hier mit der Gesundheit der Menschen Geld verdient werden muss. Eine höhere Bezahlung wäre zwar gut, ist aber nicht unsere Hauptforderung. Die Arbeitsbedingungen müssen besser werden, Geld schützt nicht vor Burn-out.

Ich sehe durch die Krise auch die Gefahr, dass die Nachwuchsprobleme in der Pflege noch größer werden. Das Ansehen ist zwar gerade da, aber teilweise wird einfach noch schlechter mit angehenden Pflegenden umgegangen. In vielen Bundesländern haben neue Auszubildende begonnen. An manchen Schulen wurde der Start verschoben oder der Unterricht ins Internet verlegt, aber an machen werden die Neulinge aus Mangel direkt in die Praxis geschickt und verheizt. Bei solchen unverantwortlichen Maßnahmen darf sich niemand über hohe Abbruchquoten wundern.

Wir arbeiten daran, dass die Aufmerksamkeit auf unseren Beruf für eine wirkliche Verbesserung genutzt wird. Mir ist es wichtig, dass die Politik uns hört und in Entscheidungen miteinbezieht. Ich appelliere auch an die Berufsgruppe, dass wir laut werden und gemeinsam für Verbesserungen kämpfen. Wir sind über eine Million Pflegekräfte, wir sitzen am längeren Hebel."

*Snoopy wollte unter diesem Pseudonym auftreten.


Uni und Arbeit

Aufschieberitis der Bildungsministerin: Corona-Darlehen für Studierende lösen keine Probleme – sie schaffen neue
Anja Karliczek handelt an der Lebensrealität junger Leute vorbei. Ein Kommentar.

Wochenlang wurde auf Bundesebene über Unterstützung für Studierende diskutiert, die in der Coronakrise ihren Nebenjob verloren haben. Am Donnerstagmorgen trat Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) endlich mit einem konkreten Plan vor die Kameras: zinslose Darlehen, die ab dem 8. Mai beantragt werden können. Bis März 2021 können Studierende bis zu 650 Euro im Monat erhalten. Die Maßnahme soll von der KfW-Bank umgesetzt werden, die sich auch um die Studienkredite kümmert, die es vor Corona schon gab. Zusätzlich werden die Studierendenwerke mit 100 Millionen Euro für Notfallhilfen unterstützt.

Ab wann die Studierenden die beantragten Hilfen dann erhalten, diese Frage einer ARD-Reporterin konnte Karliczek bei der Pressekonferenz nicht genau beantworten. "Ab 8. Mai können Anträge gestellt werden", sagte sie lediglich. Die Journalistin fragte nach, ob es denn nicht konkreter gehe. Der Pressesprecher des Bildungsministeriums flüsterte Karliczek zu, sogar hörbar über den Livestream: "Ab Juni." Karliczek sagte nur: "Das wird dann ganz schnell gehen."

Die Hilfe für Studierende kommt zu spät

Genauso schnell, wie die Hilfe für die Studierenden kam? Hoffentlich nicht. Bereits seit einem Monat gibt es Corona-Soforthilfen für kleine Unternehmen, Selbstständige und Freiberufler. 50 Milliarden Euro sollen insgesamt zusammenkommen (Bundesministerium der Finanzen). Ein Fünfzigstel dieser Summe für Studierende auf den Weg zu bringen, hat einige Wochen länger gedauert.