Bild: imago images/Jannis Große
Wie wichtig ist uns Europa wirklich?

Schon jetzt zeigt sich, dass die Corona-Krise nicht nur unsere Gesundheit aufs Spiel setzt, sondern auch unseren Zusammenhalt. Junge, Alte, hoch qualifizierte Fachkräfte, Niedriglöhner, Migrantinnen, Studenten – für alle ändern sich gerade die Umstände, doch die Krise trifft eben nicht alle gleich. 

Die Krise zeigt uns die Unterschiede 

Die kleinen Unterschiede sieht man im Alltag. In der U-Bahn am Morgen fehlen plötzlich die Anzugträger, abends auf dem Balkon klatschen nur diejenigen, die bereits zu Hause sein können.  

Die schlimmste Phase der Pandemie steht uns in Deutschland vermutlich erst noch bevor. Berichte aus Frankreich, Italien und Spanien zeigen eine Realität, die vor kurzem in unserem Leben kaum vorstellbar schien. Doch schon jetzt gibt es Diskussionen, wie weit die Solidarität gehen soll. Es klingt wie eine einfache Frage: Was sind wir bereit, für die Krise zu opfern? 

Wohin einen der Drang, die Wirtschaft nur möglichst schnell wieder "hochzufahren", führen kann, zeigte kürzlich Dan Patrick, der republikanische Vize-Gouverneur von Texas (SPIEGEL). In einem Fernseh-Interview erklärte er, dass viele Großeltern bereit seien, für ihre Enkel zu sterben. Und forderte vom Rest: "Lasst uns zur Arbeit zurückkehren!"

Der Vorschlag, die Alten notfalls ersticken zu lassen, damit die Jungen weiterarbeiten können, mag bislang eine zynische Ausnahmeposition sein. Doch Mischkalkulationen aus Gesundheit und Bruttoinlandsprodukt gibt es längst nicht nur in den USA. 

Ginge es zum Beispiel nach Bundestagsvizepräsident Hans-Peter Friedrich (CSU), säßen die meisten jungen Deutschen bald wieder im Büro. "Je konsequenter wir jetzt Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen umsetzen und je schneller wir Risikogruppen identifizieren und isolieren", twitterte der CSU-Politiker am Mittwoch, "umso schneller kann das System wieder hochgefahren werden."

Alte und Kranke isolieren, damit die Jüngeren und Fitten arbeiten können. Es ist eine Idee, von der viele Experten derzeit sagen, dass sie wohl nur schwer funktionieren wird. Und die viele Fragen aufwirft: Wer soll trotz Pandemie weiter arbeiten? Und wer gehört zu den Risikogruppen und wird im Zweifel isoliert? 

Auf diese Fragen hat der 63-jährige CSU-Politiker bislang keine Antworten gegeben.

Bereits heute arbeiten viele am Limit

Die Frage nach den möglichen Opfern übersieht, wer bereits heute seine Unversehrtheit aufs Spiel setzt, damit unsere Gesellschaft nicht kollabiert. Pfleger, Erzieherinnen, Kassierer und Kurierfahrerinnen arbeiten schon jetzt weiter, obwohl sie unter den aktuellen Umständen ihre Gesundheit akut gefährden. Vielerorts ist nicht nur das Virus eine Herausforderung, sondern auch fehlender Schutz.

Manche mögen es freiwillig tun, viele wohl eher, weil sie sich verpflichtet fühlen, eine Kündigung fürchten oder es sich schlicht nicht leisten können, unbezahlt zu Hause zu bleiben. 

Schnelltest für die Gesellschaft

Dass es inzwischen oft mehr um die Kosten des Stillstandes geht, als um den notwendigen Schutz am Arbeitsplatz, lässt erahnen, was uns erwartet, wenn die Corona-Krise medizinisch erst einmal bewältigt ist. 

Mittlerweile rechnen Ökonomen mit einer Wirtschaftskrise, die ähnlich schlimm wie die von 2009 sein könnte (ARD). Die Bundesregierung stellt Milliarden bereit, doch am Ende könnten dennoch Hunderttausende ihren Job verlieren, Millionen um ihre wirtschaftliche Zukunft bangen. Es wird ein Schnelltest für unseren Zusammenhalt.

Für junge Menschen dürfte die Krise nach der Corona-Krise besonders schwer werden. Keine andere Gruppe ist so häufig befristet angestellt, wie die unter-35-Jährigen. Anders als von der Großen Koalition ursprünglich geplant, sinkt die Zahl nicht, sondern ist in den vergangenen Jahren sogar weiter angestiegen

Wer zum aktuellen Abiturjahrgang gehört, weiß zur Zeit nicht einmal, auf welchen Noten der Abschluss basieren wird. Wer einen Haupt- oder Realschulabschluss macht, muss sich in einigen Monaten womöglich inmitten der Nach-Corona-Krise einen Ausbildungsplatz suchen. Wer in den sogenannten "systemrelevanten Berufen" arbeitet, darf gespannt sein, was nach dem Applaus kommt. 

Wird sich nach der Pandemie wirklich etwas verändern oder bleibt unsere abendliche Begeisterung nur Clapitivism, der sich allein an sich selbst berauscht und die triste Wirklichkeit in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen schnell wieder verdrängt?

Wie politisch ist unsere Generation wirklich?

Seit einigen Jahren heißt es, die Generation der Millennials und die darauffolgende seien besonders politisch interessiert. Für ihre Interessen, so wird oft gesagt (auch bei bento) gingen viele junge Leute gerne auf die Straßen. Für Seenotrettung, gegen den Klimawandel und Überwachung im Netz. 

Doch was passiert, wenn die Krise ganz plötzlich und unmittelbar uns selbst betrifft? Die Folgen des Klimawandels, so schlimm sie sein werden, lassen sich bislang noch in einer abstrakten Zukunft verorten. Für drohende Arbeitslosigkeit und erneute Dauer-Befristung gilt das nicht.

Wo stehen wir in der Krise?

Es könnte die Nach-Corona-Krise sein, in der sich zeigt, wie unsere Generation die Dinge wirklich angeht. Die große Frage wird sein, ob wir es schaffen, gemeinsam Veränderungen einzufordern. Wir werden uns daran messen lassen müssen, ob wir uns auch dann noch für die Arbeitsbedingungen von Pflegekräften und Niedriglöhnern interessieren, wenn wir selbst um unseren Arbeitsplatz fürchten. Wie sehr wir uns für Europa einsetzen, wenn es Menschen in anderen Ländern nach der Corona-Krise noch einmal schlechter geht als uns.

In unserem Umgang mit der Krise wird sich zeigen, wie sehr es das viel beschworene "Wir" der politisch engagierten jungen Menschen wirklich gibt. Oder ob das gesellschaftliche Interesse bei manchen von uns doch nur eine Nebenbeschäftigung war, mit der sich nach dem Studium im Assessment-Center punkten lässt.

Nicht zuletzt wird unsere Reaktion zeigen, ob wir auch an diejenigen denken, die nicht zu unserer Generation gehören und vielleicht dennoch unsere Unterstützung benötigen. Vor allem dann, wenn Risikogruppen mal nicht mehr nur als Opfer wahrgenommen werden – sondern auch als Störfaktor fürs "Hochfahren" der Wirtschaft.


Fühlen

Appell an die arbeitenden Großeltern: Oma, Opa, seid vernünftig!
Sie arbeiten noch täglich in der Bäckerei – dabei gehören sie längst nach Hause

Meine Großeltern sollten jetzt eigentlich zu Hause sein. 

Mein Opa ist Diabetiker, meine Oma hat's am Herz. Er ist 84, sie 80. Für die beiden ist die Gefahr besonders hoch, dass eine Infizierung mit dem Coronavirus tödlich endet. Sie gehören längst in häusliche Isolation. Experten dürften sich da einig sein. Aber meine Großeltern pfeifen drauf. 

Stattdessen tun sie etwas, das sie auch in normalen Zeiten von den meisten ihrer Altersgenossen unterscheidet: Sie gehen arbeiten, im Familienbetrieb, einer Bäckerei, wo jeden Tag mehrere hundert mögliche Virenträger ein- und ausgehen. Mein Opa arbeitet in der Backstube, meine Oma hinter der Theke. Sie ignorieren damit jede Warnung der Virologen. Aber sie kennen es nun mal nicht anders.

Arbeiten, egal was kommt – selbst Corona

Vor zwanzig Jahren haben meine Großeltern ihr Hauptgeschäft an meine Eltern abgegeben und eine der Filialen an meine Tante. Weil die damals aber alleinstehend war und jede Unterstützung brauchen konnte, haben meine Großeltern einfach nie aufgehört zu arbeiten. Sieben Tage die Woche. Vollzeit. Bis heute. 

Beide klagen so gut wie nie über körperliche Beschwerden. Sie gehören einer Generation an, der man gerne nachsagt, robuster zu sein als alle nachfolgenden. Dabei macht das Alter auch ihnen zu schaffen: Bei Opa ist es ein Taubheitsgefühl in den Fingern. Brezeln knotet er unter viel größerer Anstrengung als früher. Bei Oma sind es die Knie, das komme vom vielen Arbeiten, sagt sie nicht ohne Stolz. Trotzdem haben die beiden nie gesagt, dass ihnen die Arbeit allmählich schwer falle, oder gar vom Aufhören geredet.

Früher haben meine Eltern und ich, wenn auch mehr zum Spaß, gesagt: Wenn meine Großeltern irgendwann mal nicht mehr arbeiten, werden sie krank. Je älter sie werden und je länger sie weitermachen, desto sicherer bin ich, da ist was dran.

Seit Corona ist aber auch das Gegenteil richtig: Die Arbeit ist gerade keine Überlebensstrategie mehr, sondern könnte das Leben meiner Großeltern sogar gefährden.

Großeltern fühlen sich unverwüstlich

Von klein auf besuche ich meine Großeltern, so oft es geht. Jetzt nicht mehr, denn auch ich bin in diesen Tagen eine potenzielle Gefahr für sie. Stattdessen rufe ich sie täglich an. Wenn ich Opa nach möglichen Covid-19-Symptomen frage, sagt er: "Nur ein unstillbarer Durst"; er meint nach Bier. Frage ich, ob er regelmäßig seine Hände wasche, sagt er, dass er sich hauptsächlich "innerlich desinfiziere", mit Schnaps. In normalen Zeiten liebe ich meinen Opa für solche Sprüche. Gerade finde ich sie ziemlich anstrengend. Über die Unbedarftheit meiner Oma muss ich manchmal noch lachen, wenn sie vom "Corinna"- statt vom Corona-Virus spricht.

Dass eine Pandemie auch ihn betrifft, merkte mein Opa, als alle Veranstaltungen ab 100 Personen verboten wurden. Es traf auch die Jubiläumsfeier der Bäckerinnung, der er noch immer als Obermeister vorsteht. Er war empört. Welche Gefahr die Feier für ihn bedeutet hätte, sah er nicht. 

Seine 84 Lebensjahre und die damit verbundenen Erfahrungen geben meinem Opa sogar das Gefühl von Unverwüstlichkeit. Wer die Hongkonggrippe von 1968 überstanden hat, bei der weltweit eine Million Menschen starben, sei immun gegen Corona, sagt er. Obwohl er diese Grippe nie hatte. Das hat er irgendwo aufgeschnappt, wahrscheinlich im Hallenbad. Bevor es geschlossen wurde, hat er sich nicht davon abhalten lassen, nach der Arbeit dort seine Bahnen zu ziehen. "Chlor tötet ab", solche vermeintlichen Weisheiten hat er tausendfach parat.

Früher waren meine Großeltern für mich da, sie haben mich mit dem Auto überall hingefahren, Oma hat mich bekocht, Opa hat mir Schwimmen beigebracht. Jetzt will ich etwas für sie tun, will sie beschützen, aber das ist gar nicht so einfach. Auch meine Tante und meine Eltern scheitern daran. Deutschland hat sich in den vergangenen Wochen über Jugendliche empört, die sich bis zuletzt in großen Gruppe in Parks trafen oder Corona-Partys schmissen. Doch ein leichtsinniger Umgang mit dem Virus ist keine Frage des Alters und der Lebenserfahrung.