Wir haben mit dem hörbehinderten TikTok-Star Cindy über ihre Angst gesprochen.

Erst gab es nur die "dringende Empfehlung" der Bundesregierung, jetzt kommt sie doch: die Maskenpflicht. Ab Montag müssen Menschen in allen Bundesländern einen sogenannten Mund-Nasen-Schutz tragen, wenn sie einkaufen gehen oder den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Auch selbstgenähte Masken und über Mund und Nase gebundene Schals oder Tücher erfüllen die Vorgaben. In einigen Ländern wie Sachsen gilt die Pflicht schon seit dieser Woche. (SPIEGEL)

Die Maskenpflicht soll die Verbreitung des Coronavirus weiter verlangsamen, für manche ist sie aber ein Problem. Zum Beispiel für Cindy Klink. Die 22-Jährige ist TikTok-Star, über 550.000 Accounts folgen ihr. 

Vor Kurzem erzählte sie weinend in einem Video, warum sie solche Angst vor der Maskenpflicht hat: Cindy ist seit ihrem dritten Lebensjahr stark hörbehindert. Deshalb ist sie aufs Lippenlesen angewiesen, um Menschen zu verstehen. Wenn aber Münder in der Öffentlichkeit von Masken verdeckt würden, sei sie quasi "verstummt": "Kommunikation ist dann bei mir nicht mehr vorhanden." Über 1,4 Millionen Mal wurde Cindys Video angeschaut, auch auf anderen Plattformen wird es geteilt. 

Wir haben Cindy – per Chat – interviewt und uns mit ihr über Masken, Inklusion und ihre Forderungen unterhalten.

bento: In Kürze gibt es in ganz Deutschland eine Maskenpflicht in Geschäften und im öffentlichen Nahverkehr. Was macht diese Nachricht mit dir?

Cindy Klink: Nur um es gleich klarzustellen: Ich bin nicht gegen die Maskenpflicht. Die Gesundheit geht selbstverständlich vor. Ich finde es aber wichtig, dass auch an die gedacht wird, für die Masken ein großes Problem darstellen. Entweder, weil sie nicht so einfach Masken tragen können, wie zum Beispiel Asthmatiker oder Autisten. Oder eben, weil sie Münder sehen müssen, um zu kommunizieren, wie ich und viele andere Menschen mit Hörbehinderung.

bento: Vor welchen Alltagssituationen hast du wegen der Masken besonders Angst?

Cindy: Vor allem vor Notfallsituationen. Ich traue mich gerade etwa kaum noch, zum Arzt zu gehen. Weil ich weiß, ich werde niemanden verstehen. Ich habe dort in den vergangenen Wochen schon unangenehme Situationen erlebt. Manche nehmen die Maske ab, sind dann aber gereizt und bringen sich ja auch selbst in Gefahr. Andere haben mir zwei Worte auf ein Blatt Papier geschrieben, um zu kommunizieren. Es gibt zwar Onlinedolmetscher, für die braucht man aber eine stabile Internetverbindung. Wenn ich irgendwo einen Unfall baue und kein Netz habe, habe ich Pech gehabt. In der Öffentlichkeit reagieren viele Menschen mit Unverständnis, wenn ich sage, dass ich nicht gut höre. Wenn alle eine Maske tragen, merke ich ja teilweise nichtmal, wenn ich angesprochen werde. 

bento: Wie fallen die Reaktionen auf dein Video aus?

Cindy: Der größte Teil ist positiv. Viele schreiben mir, dass sie gar nicht daran gedacht haben und bedanken sich oder wollen sogar selber umdenken. Aber etwa ein Drittel der Nachrichten oder Kommentare handelt davon, dass ich mich nicht so anstellen soll, dass es gerade andere Probleme gibt. 

bento: Wie gehst du damit um?

Cindy: Das verletzt mich und fühlt sich manchmal so an, als wäre ich ein Mensch zweiter Klasse. Aber ich führe mir dann vor Augen, dass viele einfach nicht wissen, wie es ist, in so einer Situation zu sein und deshalb nicht nachempfinden können, wie groß die Einschränkung ist. Gegenwind wird es immer geben. Umso wichtiger ist es für mich, Aufklärungsarbeit zu leisten. 

bento: Haben sich auch andere Betroffene bei dir gemeldet?

Cindy: Ja. Eine Frau schrieb mir, dass ihre gehörbehinderte Mutter seit 18 Tagen auf der Intensivstation liegt und mit niemandem dort kommunizieren kann, weil alle Masken tragen und die Münder verdeckt sind. Ihre Mutter sei sehr verzweifelt. Es tut mir im Herzen weh, das zu lesen. Auch andere Menschen mit Hörbehinderung haben sich gemeldet, viele teilen meine Angst vor dem Verstummen. 

bento: Du appellierst an Menschen, durchsichtige Masken zu tragen, bei denen der Mund zu sehen ist. Glaubst du, dass sich das durchsetzen kann?

Cindy: Das wichtigste wäre erstmal, dass diejenigen solche Masken mit Fenster tragen, die Kontakt mit hörbehinderten Menschen haben. Auch bei der Gebärdensprache spielt das Mundbild eine wichtige Rolle. Und dass Krankenhäuser und Arztpraxen zumindest darauf vorbereitet sind, dass es Menschen wie mich gibt. 

bento: Wie wird Inklusion aus deiner Sicht in der Krise bisher generell mitgedacht?

Cindy: Inklusion ist ein ständiger Kampf. In anderen Ländern ist es etwa längst weit verbreitet, dass Pressekonferenzen oder politische Interviews von Gebärdendolmetschern übersetzt werden. Hier hat es mal wieder etwas gedauert, bis daran gedacht wurde, dass auch Hörgeschädigte die Informationen mitbekommen sollten. 

bento: Was wünscht du dir von der Politik?

Cindy: Dass Inkluson keine nette Idee bleibt, sondern gelebte Praxis wird. Dass Betroffene gehört und in Entscheidungen miteinbezogen werden, auch in der Krise. Für viele Probleme gibt es Lösungen, die Probleme müssen nur mitgedacht werden. Jeder Mensch ist anders. Es gibt kein "normal". 


Gerechtigkeit

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