Bild: Andrew Milligan/PA Wire/dpa
Saubere Luft, klare Flüsse: Im Lockdown erholt sich die Natur. Doch was passiert, wenn die Wirtschaft wieder brummt?

Ist nach der Krise vor der Krise? Das befürchtet Luisa Neubauer, Aktivistin von "Fridays for Future". Kürzlich hat sie im "Stern" davor gewarnt, den Klimaschutz im Laufe der Coronakrise zu vernachlässigen. Denn wie viele glaubt auch sie: nach der Krise ist vor der Krise. Aber: "Es ist durchaus denkbar, dass wir die beiden Krisen so synchronisieren, dass sie für uns ertragbar werden", schreibt Luisa. 

Auch das Krisenpapier vom Wissenschaftsrat der Leopoldina, die aktuell die Bundesregierung in der Coronakrise berät, rät davon ab, Umwelt- und Klimaschutz zu vernachlässigen. Die Wirtschaft solle wieder auf den Wachstumspfad gebracht werden, allerdings geleitet von "Prinzipien der Nachhaltigkeit" (SPIEGEL).

Hilft der Corona-Lockdown wirklich dem Klima?

Zum Schutz vor dem Coronavirus haben viele Staaten der Erde auf die Pause-Taste gedrückt – mit dramatischen Folgen für die Industrie. In Deutschland gehen Expertinnen und Experten von einem Schrumpfen von minus vier Prozent für das Brutto-Inlandsprodukt aus (SPIEGEL). Viele Unternehmen haben auf Kurzarbeit umgestellt, Restaurants und Geschäfte mussten ganz schließen. Je länger die  Kontakteinschränkungen anhalten, desto eher drohen Firmenpleiten und dauerhafte Arbeitslosigkeit. 

Der Nothalt in der Wirtschaft hat auch Auswirkungen auf den CO2-Haushalt des Planeten. In China schrumpfte der CO2-Ausstoß zwischen Februar und März um 25 Prozent (CNN). In Venedig wird das Wasser in den Kanälen wieder klar, seit Kreuzfahrtschiffe nicht mehr anlegen durften. Und für die USA misst die Nasa passend zum Lockdown ebenfalls einen Rückgang der Schadstoffe in der Luft:

Es scheint, als sei die Erde der große Gewinner der Coronakrise. 

Doch was heißt das für den Klimaschutz von morgen? Lässt der sich mit dem Corona-Maßnahmen kombinieren? Und wenn ja, wäre die Umsetzung überhaupt realistisch?

Karsten Haustein sagt: "Nö." 

Karsten ist Klimaforscher und Meteorologe und forscht am Climate Change Institut in Oxford. Er analysiert den Schadstoffgehalt in der Atmosphäre und welchen Anteil er an der Erderhitzung hat. Dass Unternehmen auch in Zeiten von Corona Klimaschutz weiterverfolgen, hält er für dringend notwendig – aber er ist skeptisch, ob das auch geschehen wird.

„Die aktuelle Zwangspause ist eine Once-in-a-Lifetime-Chance in Sachen Nachhaltigkeit, aber ob sie genutzt wird, ist fragwürdig.“
Klimaforscher Karsten Haustein

Aktuell könne man zwar einen leichten Rückgang der Emissionen sehen, aber das sei nicht genug. Schon jetzt habe die Schadstoffbelastung in China wieder 80 Prozent des Vor-Corona-Wertes erreicht. Karsten befürchtet, dass es sogar schlimmer wird: Wenn Unternehmen ihre Verluste wettmachen wollen und die Menschen wieder in Konsum- und Reiselaune kommen, könnten die Emissionen noch stärker ansteigen.

Seine Skepsis ist begründet: In einer Analyse zeigt die britische Zeitung "The Economist", wie bisher während verschiedener Wirtschaftskrisen der CO2-Verbrauch der Welt sank – um danach rapider zu steigen. Und schon jetzt kündigen Länder unterschiedliche, CO2-intensive Schritte an, um ihrer Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen. (The Economist)

Corona zeigt: Die Politik hört doch auf die Wissenschaft 

Chancen sieht Karsten daher an zwei Stellen: Zum einen zeige die Coronakrise, dass die Politik prinzipiell gewillt sei, auf die Wissenschaft zu hören, wenn es darauf ankäme. Zum anderen würden Unternehmen gerade lernen, Mobilität neu zu denken – da könne man ansetzen. Konferenzen finden im Videocall statt, Tagungen und Meetings werden virtuell bestritten. Allerdings: "Die größten Klimakiller sind der Energiesektor und die Fleischproduktion – beide sind vom aktuellen Lockdown kaum betroffen." 

Es sei daher nicht damit getan, auf das Wohlwollen der Unternehmen zu hoffen. Es brauche neue politische Richtlinien. An den aktuellen CO2-Grenzen müsse festgehalten werden, der Ausbau erneuerbarer Energien vorangetrieben werden. Vor allem aber: Die Politik müsse Klimaforscherinnen und Klimaforscher endlich ernst nehmen. Wie gerade die Virologen:

„Die Virologen haben Modelle errechnet, wie eine Pandemie verläufen könnte – und zack, handeln jetzt alle danach.“

Ähnlich wie die Klimaforscher seien auch Infektionsforscherinnen und Forscher lange weitgehend ignoriert worden, eben weil es keine akute Gefahr gab. Mit Corona ist die nun da. Mit der Erderhitzung sei es ähnlich, nur dass es die Bedrohungen einer ferneren Zukunft sind "und kein Virus, dass dich in drei Wochen ins Grab bringen könnte", sagt Karsten. 

Also müsse es die Klimaforschung schaffen, den Moment zu nutzen, um auch ihre Warnungen ins Gedächtnis zu rufen. 

Was er sich für das Ende der Coronakrise wünscht, ist daher ein gleichbleibender Ernst bei den Entscheiderinnen und Entscheidern für die anstehende Klimakrise. Und bei den großen Wirtschaftsunternehmen: "Autobauer und Airlines müssen innovativer werden", sagt Karsten, "die Menschen sehen ja gerade, dass es auch ohne viel Pendeln geht."

Deutsche Unternehmen bleiben bei ihren Klimazielen – oder schweigen lieber

Ob viele Firmenchefinnen und Vorstände das auch so sehen, ist derzeit jedoch noch unklar. bento hat mehrere große deutsche Unternehmen gefragt, was sie im Zuge der Coronakrise ändern mussten – und wo sie Chancen sehen, bei einer Rückkehr zur Normalität neue Klimaschutz-Maßnahmen einzuführen. Einige Firmen, darunter BMW, äußerten sich nicht. Andere hingegen, wie BASF, Bosch, Siemens oder die Allianz-Gruppe, berichteten von schon vor Corona gesteckten Klimazielen, an denen man weiter festhalten wolle. Viele orientieren sich an der "Science Based Targets initiative", einer zentrale Initiative zur Verifizierung von Emissionsreduktionszielen.

So will der Chemie-Riese BASF bis 2030 "klimaneutral wachsen", schreibt ein Firmensprecher – also die Treibhausgasemissionen auf dem Niveau von 2018 halten. Viele Meetings würden derzeit nur virtuell stattfinden – die Krise sei nun ein Anlass, "mobiles Arbeiten, wo betrieblich möglich, weiter zu fördern". Auch beim Versicherer Allianz arbeiteten derzeit drei Viertel der Belegschaft im Homeoffice, heißt es vom Unternehmen. Die Digitalisierung habe man schon vor Corona vorangetrieben. Wie umfangreich sie später erhalten bleibt, ist aber unklar: Es sei zu früh, Entscheidungen zu neuen Klimaschutzzielen für die Zeit nach der Coronakrise zu treffen. 

Ambitioniert sind hingegen die Klimaziele des Technikunternehmens Bosch. Vor knapp einem Jahr verkündete Bosch, bis Ende 2020 alle 400 Standorte auf der Welt klimaneutral zu betreiben (FAZ). Aktuell musste jedoch die Produktion stark zurückgefahren werden, erst langsam soll sie wieder hochgefahren werden. Am Klimaziel werde man trotz Corona festhalten, schreibt eine Unternehmenssprecherin. Man sei zuversichtlich, die Ziele "ökonomisch durchhalten zu können".

Insgesamt halten vor allem all jene Unternehmen am Klimaschutz fest, die sich auch schon vor der Coronakrise konkrete Ziele gesteckt hatten. Andere – wie Volkswagen – haben erst mal andere Sorgen. Der Umstieg auf Telefonkonferenzen laufe zwar "sehr gut", sagt ein VW-Sprecher, aber ob die virtuellen Meetings in Zukunft beibehalten werden, sei unklar. "Wichtiger ist jetzt, die Produktion wieder hochzufahren." Die Werke in China seien bereits wieder angelaufen, bis zum Sommer hofft man, dort wieder so viele Autos zu bauen wie vor der Coronakrise.


Fühlen

"Humor gibt mir Macht zurück": Helene Bockhorst über Witze und Depression
Im Interview spricht die Kabarettistin über ihren ersten Roman.

Helene Bockhorst, 33, macht beruflich Witze, ihre Themen sind dabei nicht immer komisch. Ihre Texte kreisen um Sex, Dating, Alkohol – und ihre Depression. Mit ihrer Show "Die fabelhafte Welt der Therapie" tourte die Kabarettistin zuletzt durch Deutschland. Jetzt ist ihr erster Roman "Die beste Depression der Welt" erschienen. 

Im Interview spricht Helene Bockhorst über Selbstzweifel und darüber, wie es ist, während der Coronakrise mit Depressionen zu leben.

bento: Die Protagonistin deines Romans, Vera, sagt zu Beginn, wenn sie sich ihre Krankheit hätte aussuchen können, hätte sie was Cooleres gewählt als eine Depression. Wie kann eine Krankheit denn cool sein?

Helene Bockhorst: Vera ist immer etwas neidisch auf Leute, die eine körperliche Krankheit haben. Sie hat das Gefühl, dass Depressionen als Krankheit nicht zählen und zögert deswegen lange Zeit auch, sich wirklich Hilfe zu holen. Ich denke, dass sich viele Betroffene tatsächlich manchmal eine Krankheit wünschen, die man direkt sieht, weil dann niemand sagt: "Vielleicht stellst du dich auch nur ein bisschen an."