Bild: Roman Striga/Hackerspace Minsk
Wie Nadzeya, Anton und Daniil eigene Coronahilfen organisieren.

In Weißrussland ist die Welt noch die alte. Zumindest, wenn es nach Staatschef Alexander Lukaschenko geht. Seit Beginn der weltweiten Coronakrise setzt er auf Verharmlosung und Verleugnung, bezeichnete die Angst vor der Pandemie als "Psychose" und riet zu Wodka, Sauna und Traktorfahren.

Tatsächlich wurden in Weißrussland mittlerweile 146 Coronatote und 25.825 Infizierte gemeldet (Stand 14. Mai, Worldometer). Trotzdem gibt es in dem kleinen osteuropäischen Land weder Quarantäneverordnungen noch Verbote für Massenveranstaltungen. Die Fußballspiele der unterschiedlichen Ligen fanden bis Mitte Mai weiter statt, die Grenzen des Landes sind offen, ebenso Cafés oder Kinos. Ende April, während des kollektiven Frühjahrsputzes "Subbotnik", an dem samstags freiwillig und unentgeltlich gearbeitet wird, versammelten sich fast 2,3 Millionen Menschen (BBC). Die Militärparade am 9. Mai zum Tag des Sieges über Nazideutschland wurde zur landesweiten Machtdemonstration Lukaschenkos (SPIEGEL).

Das Regime in Weißrussland behauptet, alles im Griff zu haben

Diese Sorglosigkeit hat Folgen. Menschen werden infiziert und brauchen medizinische Hilfe. Obwohl die Regierung bei offiziellen Briefings behauptet, dass der Schutz von Ärzten Priorität habe und Mediziner über genügend Schutzmittel verfügten, sieht die Realität anders aus. Es gibt selbst in Krankenhäusern nicht genügend Masken oder Antiseptika.

Junger Aktivist mit Maskenlieferung: "Wir können nur auf uns zählen"

(Bild: BYCOVID-19)

Junge Aktivistinnen und Aktivisten aus Weißrussland widersetzen sich nun dem Regime von Lukaschenko – und organisieren ehrenamtlich Covid-19-Schutzmaßnahmen. "Wir können nur auf uns zählen", sagt Daniil Garkavy, Freiwilliger bei "BYCOVID-19". Die Initiative sammelt Pakete mit Masken und Atemschutzgeräten und gibt sie an Krankenhäuser weiter. Daniil ist seit April bei "BYCOVID-19" dabei, er kümmert sich um Lagerung und Logistik. Unter anderem habe die Galerie für zeitgenössische Kunst ihre Räume zur Verfügung gestellt, erzählt er, statt Kunst stünden dort nun Versorgungspakete. 

Ärzte waren gezwungen, eigene Masken zu nähen

Der 28-Jährige wurde in der Hauptstadt Minsk geboren und ist dort aufgewachsen. Im Februar verlor er seinen Job bei einer Werbeagentur, die Coronahilfe ist nun von früh bis spät seine Beschäftigung. "Es nimmt mein ganzes Leben in Anspruch. Ich denke nur noch daran", erzählt Daniil. Falls nötig, kümmere er sich auch online von zu Hause aus um Aufgaben, manchmal bis zwei oder drei Uhr nachts.

Um Hilfe von ihm und seinen Mitstreitenden zu bekommen, können Ärztinnen und Ärzte Anträge über ein spezielles Formular auf der Webseite der Initiative einreichen. Daniil sagt, er habe allein im April mehr als 1000 Anfragen erhalten – von praktisch allen medizinischen Einrichtungen des Landes. Die Medizinerinnen und Mediziner würden vor allem nach persönlicher Schutzausrüstung fragen. Masken, Atemschutzgeräte, Schuhe, Handschuhe. Daniil sagt, viele müssten ihre Masken selbst nähen. "Es ist psychisch nicht einfach für die Ärzte, dass sie keine Unterstützung vom Staat bekommen, obwohl sie an vorderster Front stehen."

Mit 3D-Druckern gegen den Mangel

Auch Anton Tryfanau berichtet von überfordertem Krankenhauspersonal und hoher Nachfrage nach Schutzausrüstungen. Der 30-Jährige engagiert sich im Hackerspace Minsk. Vor der Corona-Pandemie war der Hackerspace ein Ort, an dem die Nerds der Hauptstadt zusammenkamen. Es ging um Drohnen, 3D-Drucker, Smart-Home-Projekte. Im Hackerspace gibt es nicht nur den nötigen Platz, sondern auch Werkzeuge, Strom und Internet, und eben größere Maschinen wie 3D-Drucker oder Laser-Cutter.

Arbeit im Hackerspace Minsk: alles auf Medizinprodukte umgestellt.

(Bild: Hackerspace Minsk)

Seit Anfang April werden die 3D-Drucker jetzt genutzt, um Adapter für Schnorchelmasken zu produzieren, die Ärzte später als improvisierte Beatmungsgeräte verwenden können. Die Laser-Cutter werden für die Herstellung von Gesichtsvisieren aus Kunstoff benutzt. Nach Antons Angaben wurden innerhalb von vier Wochen landesweit mehr als 40.000 Gesichtsvisiere, 1200 Schnorchelmasken mit Adaptern und fast 8600 Kittel für medizinisches Personal übergeben.

Warum müssen sich Menschen wie Anton oder Daniil um all das kümmern, warum erledigt das nicht die Regierung? Die weißrussische Regierung bemühe sich um humanitäre Hilfe, sagt Anton, zum Beispiel aus China, könne aber, wie viele andere Länder auf der Welt, gerade nicht schnell genug alle Ressourcen mobilisieren: "Das gilt umso mehr, da wir ein konservatives und unvorbereitetes Gesundheitssystem mit zu viel Bürokratie haben. Die Krankenhäuser sind chronisch unterfinanziert und stark von Korruption durchsetzt." Alles funktioniere langsam, etablierte Logistikketten seien festgefahren. "Dieses System kann nicht einfach in ein bis drei Monaten geändert werden", sagt Anton.  

Auch im Bezug auf die ausgebliebene Quarantäne sieht Anton seine Regierung nicht in der Verantwortung. Von zu Hause aus oder im Büro zu arbeiten, in seiner gemütlichen Wohnung zu sitzen oder rauszugehen – das will Anton selbst entscheiden. "Jedes Land hat ihre eigenen Methoden und Wege, und wir können erst später sagen, welche am besten sind." 

Die mit den wenigsten Möglichkeiten leisten am meisten

Nadzeya Sedun frustriert es, dass sie sich alle Informationen selbst zusammensuchen muss. Die 19-Jährige absolviert einen Freiwilligendienst beim Hackerspace Minsk. Darüber hinaus studiert sie Marketing und arbeitet als Kellnerin, um eigenes Geld zu verdienen. "Als die Epidemie begann, fühlte ich mich abscheulich", sagt Nadzeya. "Ich konnte als junge Frau, die noch keine Ausbildung und keinen Job hat, nichts gegen die Situation tun, obwohl ich eigentlich etwas tun müsste." Nadzeya fing deshalb an, sich im Internet zu informieren, fand Freiwillige, die Geld sammelten, und stieß so auf den Hackerspace.  

Aktivistin Nadzeya: "Als die Epidemie begann, fühlte ich mich abscheulich."

(Bild: Roman Striga/Hackerspace Minsk)

Sie hilft nun bei der Herstellung von Gesichtsvisieren. Die eigentlich aufwendige Herstellung hat das Hacker-Kollektiv in viele, zum Teil automatisierte Schritte unterteilt, um im Team schneller und effektiver zu arbeiten. An einem Tag schaffen die Freiwilligen so etwa 1000 Visiere, alle handgemacht. "Unsere Ärzte und Pflegedienstträger benötigen möglichst schnell viel Schutzausrüstung. Als Dankeschön schicken sie uns Fotos und Bilder, auf denen sie lächeln. Sie kennen uns nicht, wir kennen sie nicht. Aber man steckt ein Stück von sich selbst hinein, deshalb fühlt sich das gut an", sagt Nadzeya.

Über die Coronapolitik der weißrussischen Regierung kann Nadzeya nur den Kopf schütteln: "Ich finde es ekelhaft." Nadzeya erzählt, dass viele Menschen von selbst mit der sozialen Distanzierung begonnen hätten. Sie gingen kaum mehr in Cafés, kauften seltener ein, würden Ansammlungen meiden und nutzten seit zwei Monaten keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr.

"Ja, wir Belarussen sind politisch nicht sehr aktiv. Doch dieses Engagement der Bürger während der Coronakrise ist etwas anderes", sagt sie. Die Menschen hätten es geschafft, sich unabhängig vom Staat zu organisieren. Für viele gelte nun eine einfache Erkenntnis: "Wenn uns der Staat nicht schützt, müssen wir uns und unsere Ärzte eben selbst schützen."


Uni und Arbeit

Warum Auszubildende wie Berat doppelt unter der Coronakrise leiden
Dass die Berufsschulen geschlossen sind, ist nur ein Problem.

Unter normalen Umständen würde Berat seine Tage jetzt, Anfang Mai, in der Berufsschule verbringen, mit Englisch, Geschichte und Wirtschaft, und seine Abende und Wochenenden beim Fußballspielen oder auf WG-Partys. Stattdessen verbringt er die Tage auf einer Baustelle, Hunderte Kilometer von zu Hause entfernt, und die Abende in einem Hotelzimmer, alleine, mit Fast Food und Serien.

Als im März die Schulen wegen der Corona-Pandemie geschlossen wurden, betraf das nicht nur Grundschülerinnen, Realschüler, Gymnasiastinnen. Es betraf auch 1,3 Millionen Auszubildende in ganz Deutschland. Junge Menschen wie Berat, deren Pläne plötzlich durcheinandergeworfen wurden. Auch jetzt, fast zwei Monate später, ist ihre Situation noch immer doppelt unklar: Wie geht es mit der Schule weiter – und wie im Betrieb?