In einem offenen Brief fordern mehr als 60 europäische Jugendorganisationen Coronabonds. Wir haben eine Initiatorin gesprochen

Das Coronavirus ist besonders gefährlich für die älteren Generationen Europas. Doch die Krise nach Corona könnte die Jungen besonders hart treffen. 

Das zumindest befürchtet ein Zusammenschluss von mehr als 60 Jugendorganisationen aus 14 europäischen Ländern. In einem offenen Brief wenden sie sich an die europäischen Finanzminister, sie fordern Solidarität – und finanzielle Unterstützung für geschwächte Länder in Form von Coronabonds. "Wir sind in einem vereinten Europa aufgewachsen und wollen als gleiche Bürger*innen behandelt werden", schreiben sie. "Die Jugend war schon stark von der europäischen Schuldenkrise betroffen, in der die Jugendarbeitslosigkeit dramatisch anstieg."

Bis heute ist zum Beispiel jeder dritte junge Mensch in Spanien arbeitslos, in Griechenland sind es noch mehr. Die Befürchtung der Verfasser des Briefes: Wenn sich der Sparkurs wiederholt, bleibt von der europäischen Zukunft nicht mehr viel übrig, von dem unsere Generation profitieren könnte. 

Das Konzept der Euro- oder Coronabonds ist allerdings umstritten – auch junge Politikerinnen und Politiker haben sich schon gegen die Haftung einiger europäischer Länder für andere ausgesprochen. 

Wir haben Henrika Meyer gefragt, warum sie den Brief mitinitiiert hat.

bento: Ihr wendet euch als "europäische Jugend" an die Finanzminister. Was haben Coronabonds mit jungen Menschen zu tun?

Henrika Meyer: Viele von uns fühlen sich als Europäerinnen und Europäer. Als Anfang letzter Woche die Debatten um Coronabonds anfingen, hat uns das an die Diskussionen in der Eurokrise erinnert. Bestimmte Staaten brauchen Unterstützung, die zum Beispiel Deutschland und die Niederlande geben könnten, aber verweigern. Wir hatten das Gefühl, dass diese Situation das kaputtmacht, was uns wichtig ist – nämlich Europa.

bento: Wie unterscheidet sich euer Bild von Europa von dem älterer Generationen?

Henrika: Viele junge Menschen haben zum Beispiel Erasmus gemacht und haben Freunde aus anderen Ländern. Durch das Internet ist es viel einfacher als früher, im Austausch zu bleiben und wir bekommen viel mit, was die anderen beschäftigt, vielleicht mehr als ältere Generationen. Dadurch gibt es, glaube ich, ein stärkeres Wir-Gefühl und den Wunsch, das zu machen, was aus europäischer Perspektive am besten ist.

bento: Woran machst du das fest?

Henrika: Ich mache die Erfahrung zum Beispiel in der Uni. Ich studiere im Moment in Holland. Wenn Lehrende sagen, dass etwa Gemeinschaftsanleihen aus holländischer Perspektive keinen Sinn machen, dann denke ich: Aus holländischer Perspektive kann man das vielleicht diskutieren, aber aus europäischer Perspektive macht es total viel Sinn. Und das ist die Perspektive, die mir relevanter erscheint. 

bento: Eine Alternative zu Coronabonds wären Kredite aus dem ESM-Rettungsschirm mit deutlich schwächeren Auflagen als in der Eurokrise. Auch das sehen viele als Zeichen europäischer Solidarität. Reicht euch das nicht?

Henrika: Den ESM haben wir bei uns in der Gruppe kontrovers diskutiert, unter der Annahme, dass leichtere Konditionen möglich wären. Für viele junge Menschen aus südeuropäischen Ländern ist der ESM ganz stark mit den harten Konditionen der Eurokrise verbunden und sehr negativ konnotiert. Aus administrativen Gründen wiederum könnte der ESM vielleicht sinnvoll sein, weil die Strukturen schon bestehen. Gleichzeitig ist es schwierig, damit ein Zeichen der Solidarität zu setzen.

bento: Ihr habt also ein Gefühl berücksichtigt, es geht gar nicht so sehr ums Ökonomische? 

Henrika: Da kommt beides zusammen. Wir halten zum Beispiel Coronabonds für ökonomisch sinnvoll und ökonomische Stabilität ist sehr wichtig, auch weil in den letzten Jahren in vielen Ländern die Jugendarbeitslosigkeit so hoch war. Aus deutscher Perspektive kann man sich das vielleicht nicht vorstellen, aber für junge Leute aus ganz vielen Ländern ist das Thema total präsent. Das andere ist das Gefühl, dass es für uns wichtig ist, als eine europäische Gemeinschaft zu denken.

bento: Junge Menschen werden von Wirtschaftskrisen oft hart getroffen, weil sie am einfachsten zu kündigen sind – und dann niemand mehr einstellt oder ausbildet. 

Henrika: Genau. Jetzt sieht es so aus, als würde es wieder eine große Rezession geben. Deshalb haben wir Sorge, dass die Jugendarbeitslosigkeit steigt, wenn es keine starken wirtschaftliche Maßnahmen gibt. Oder dass sie zumindest nicht sinkt. Das ist ein Problem, weil sie noch immer hoch ist.  

bento: Wie beeinflusst das die jungen Menschen aus den anderen Ländern?

Henrika: Bei den Leuten aus Ländern, die von der Eurokrise stark betroffen waren und harte Sparauflagen hatten, ist die Wut größer. Ich habe zum Beispiel lange mit jemandem aus Portugal geredet und er hat gesagt: Viele Jugendliche dort haben den Eindruck, dass ihre Regierung sich strikt an Sparauflagen gehalten hat und trotzdem immer mehr Auflagen kamen und die Wirtschaft kaputtgespart wurde. Da ist schon viel aufgestaute Wut und die kommt jetzt wieder hoch. Ein starkes Gefühl von: Wir wollen das nicht nochmal.

bento: Es gibt auch junge Menschen, die sich ganz klar gegen Coronabonds aussprechen, zum Beispiel vor Kurzem der Vorsitzende der Jungen Union Bayern. Ist es nicht eher eine Frage der politischen Einstellung als des Alters?

Henrika: Ich glaube, es gibt einen Unterschied bezogen auf das Alter: dass es mehr Verbindungen über Ländergrenzen hinweg gibt und dass Europa stärker Teil unserer Alltagserfahrung ist. Aber natürlich gibt es auch junge Leute, die anderer Meinung sind und wir müssen auch als junge Generation untereinander ins Gespräch kommen. In unserer Gruppe hatten wir auch Kontroversen. Es war gar nicht so einfach, den gemeinsamen Brief zu verabschieden.

bento: Wie ist das abgelaufen? 

Henrika: Eine Kerngruppe hat einen ersten Entwurf geschrieben mit ganz vielen Optionen und offenen Gedanken. Dann hatten wir einen Zoom mit ungefähr 15 Leuten aus ganz unterschiedlichen EU-Ländern und haben Satz für Satz über den Brief diskutiert.

bento: Gibt es neben dem Europabild noch andere Gründe, warum ihr es wichtig findet, hier für die Jugend zu sprechen? 

Henrika: Gerade in Deutschland wurde immer wieder das Argument der Generationengerechtigkeit ins Feld geführt. Es heißt dann: Die Regierung soll keine Schulden aufnehmen, weil die jungen Leute das später zurückzahlen müssen. Aber ich habe den Eindruck, dass ältere Leute unsere Generation mit dem Argument ein bisschen instrumentalisieren. Denn es ist doch fraglich, ob uns weniger Schulden etwas bringen, wenn es keine EU mehr gibt. 


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Clara*, 26, arbeitet seit Februar 2019 im Onlinemarketing eines mittelständischen Unternehmens. In ihrem ersten Berufsjahr verdiente sie zwar immerhin 2800 Euro brutto, hatte aber kaum noch Zeit für Freunde und Freizeit.