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Eine Geschichte über die Fleischindustrie und den Alltag der Arbeiter.

Der Arbeitstag von Antonio Ciobanu beginnt für gewöhnlich um 4 Uhr morgens. Dann zerteilt er acht Stunden lang Rinderhälften, mit dreimal 30 Minuten Pause dazwischen. Oder er kümmert sich um die Innereien oder schneidet Koteletts, sagt Antonio. Die Tierkadaver heben und herumtragen, das Zerschneiden der Fleischstücke: "Ich würde lügen, wenn ich sage, dass es leichte Arbeit ist."

Antonio arbeitet eigentlich auf einem Schlachthof des Konzerns Vion im schleswig-holsteinischen Bad Bramstedt. Doch seit Anfang Mai ist dort der Betrieb eingestellt. Jeder Fünfte der insgesamt 260 Angestellten hatte sich laut einer Stellungnahme von Vion mit dem Coronavirus angesteckt. Die hatten es dann in ihre Familien getragen. In kurzer Zeit seien rund 140 Menschen aus dem Umfeld des Schlachthofes infiziert gewesen, berichtete der NDR.

Corona macht die Bedingungen in der Fleischindustrie sichtbar

Gut die Hälfte der Erkrankten sind rumänische Arbeiter und ihre Familien (SPIEGEL). Einer davon ist Antonio. Den Brief, in dem er vom Kreis Segeberg informiert wurde, dass er den Virus Sars-CoV-2 trägt, schickt er bento per WhatsApp. 

Patienteninformation für Antonio: Jeder Fünfte im Schlachthof hat sich angesteckt.

Was in Bad Bramstedt geschah, ist kein Einzelfall. Mehrere Hundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Schlachtbetrieben in ganz Deutschland haben sich in den vergangenen Wochen auf der Arbeit mit dem Coronavirus infiziert. Oft sind es Leih- und Werkvertragsarbeiter aus Osteuropa. Arbeitsrechtler und Gewerkschaften führen an, dass viele unter hygienisch fragwürdigen Bedingungen in Sammelunterkünften leben müssen – und sich das Virus wohl dort so rasch verbreiten konnte.

bento hat in den vergangenen Wochen mit mehreren rumänischen Angestellten des Vion-Schlachthofes in Bad Bramstedt Kontakt aufgenommen. Alle bis auf Antonio lehnten ein Gespräch ab, aus Angst vor Repressionen vom Arbeitgeber. Antonio selbst wollte nur unter der Bedingung reden, dass wir nicht seinen echten Namen veröffentlichen. Am Telefon erzählt er seine Geschichte, eine Dolmetscherin übersetzt. Er sei 2017 mit 16 Jahren seinen Eltern nach Deutschland hinterhergereist. "Sie haben mich geholt, damit ich daheim keinen Unfug mache." Beide hätten schon länger in der Fleischindustrie gearbeitet, nun sollte auch er anfangen. 

Sammelunterkunft für Arbeitende aus Osteuropa: Hygienisch fragwürdige Bedingungen.

(Bild: DGB/dpa)

Bilder im Netz zeigen einen schmächtigen jungen Mann mit nach hinten gegelten Haaren. Obwohl Antonio seit mittlerweile drei Jahren in Deutschland lebt, spricht er kaum Deutsch. Er habe noch keine Ausflüge unternommen, auch sonst wenig Kontakt zu anderen. "Ich gehe angeln, spazieren und in den Puff", sagt er über seine Freizeitgestaltung. 

Träume, Zukunftspläne – dazu fällt ihm nichts ein. Er will einfach noch seine letzte Woche Quarantäne absitzen. Vor der Schließung war Kurzarbeit angeordnet worden. Antonio hofft, dass die wieder aufgehoben sein wird, wenn er zurück an die Schlachtbank kann. Von seiner kleinen Wohnung sind es nur ein paar Minuten Fahrtzeit bis zum Schlachthof.

Menschen nach Bedarf anstellen – und wieder loswerden

Antonio ist über die "Deutsche Schlacht- und Zerlegung" (DSZ) angestellt, ein Subunternehmen, das ausländische Arbeitende nach Deutschland weitervermittelt (NDR). Die DSZ betreut auch die übrigen rumänischen Angestellten von Vion in Bad Bramstedt. Anders als Antonio sind die meisten in einer ehemaligen Kaserne in Kellinghusen untergebracht und werden jeden morgen mit einem Bus zur Arbeit gekarrt. Die Unterbringung wird ihnen vom Lohn abgezogen.

„Sie gucken, dass die Frauen nicht so schwere Sachen heben müssen.“
Schlachtarbeiter Antonio

Die Art der Beschäftigung ist Kalkül: Fast kein osteuropäischer Arbeitnehmer ist direkt bei den Betrieben angestellt, sondern über Werksverträge. Die Menschen arbeiten so nicht dauerhaft im Schlachthof, sondern werden kurzfristig beordert, um eine bestimmte Aufgabe zu übernehmen, also zum Beispiel das Zerteilen von Rindern. Es ermöglicht den Arbeitgebern in Deutschland, Menschen nach Bedarf zu beschäftigen, ohne sie anzustellen – und ohne Sozialversicherungen zu zahlen – und dann schnell wieder loszuwerden. 

Antonio möchte sich trotzdem nicht beschweren: "Würden die mich schlecht behandeln, würde ich doch nicht seit Jahren für die arbeiten." Er habe zwar keine Ausbildung, aber sein Vorarbeiter schaue, dass er ihm immer mehr beibringe. Generell werde darauf geachtet, wer wo eingesetzt wird. "Sie gucken, dass die Frauen nicht so schwere Sachen heben müssen", sagt Antonio. Er sei von Anfang an gut betreut worden, sei über seine Firma krankenversichert und habe gerade erst eine Lohnerhöhung bekommen. 1700 Euro bekommt Antonio seit Anfang diesen Jahres für eine 40-Stunden-Woche, er liegt damit wenige Cent über dem Mindestlohn. 

Kein Lohn, keine Entschädigung

Vicentiu Popa sieht das alles weniger rosig. Im Chat mit bento bezeichnet er seine Zeit in Deutschland als "Katastrophe", seine Arbeitgeber bezichtigt er der Ausbeutung. Auch Vicentiu will seinen echten Namen nicht veröffentlicht wissen. Er war bis März auf einem Schlachthof in Mecklenburg-Vorpommern angestellt, schreibt er. Nun sei er wieder in seiner Heimatstadt, einem kleinen Ort nördlich von Bukarest. 

Geschlossener Vion-Schlachthof in Bad Bramstedt: Rund 140 Menschen mit Sars-CoV-2 angesteckt.

(Bild: Gregor Fischer/dpa)

Vicentiu war über eine rumänische Subfirma angestellt. Er hätte arbeiten müssen, ohne Geld zu sehen, "nonstop zapp-zarapp", nennt er es. Plötzlich habe man mehrere rumänische Arbeiter kurzfristig entlassen, ohne Entschädigung, "nach Mafia-Art". Ob die Entlassung mit der beginnenden Coronakrise zusammenhängt, ist unklar. Auf weitere Nachfragen reagiert Vincentiu nicht mehr. Zuvor schrieb er noch, er glaube, deutschen Angestellten würde so etwas nicht passieren: "Die großen deutschen Firmen lassen die Kontraktorfirmen die Drecksarbeit machen."

Branchenverbände gehen davon aus, dass etwa die Hälfte der rund 130.000 Arbeiter im Fleischsektor über Werkverträge beschäftigt ist. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) schätzt jedoch, dass es tatsächlich etwa 80 Prozent sind.

In einem Brandbrief an Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) forderte die NGG daher, endlich gegen die Werksverträge vorzugehen. So wie es aktuell sei, hätten Firmen massive Freiräume für "fragwürdiges bis kriminelles unternehmerisches Handeln."

"Sklavereisystem" Fleischindustrie

NGG-Ge­werk­schafts­se­kre­tär Marcel Mansouri spricht gegenüber bento von einer "Verkettung der Verantwortlichkeiten": Die Fleischindustrie habe durch die Werksverträge "ein System der modernen Sklaverei" kreiert, der Lebensmittelhandel erhalte dieses durch radikales Preisdumping aufrecht und die Politik blieb in der Vergangenheit bei allen Versuchen, dem Einhalt zu gebieten, "zahnlos". 

Aktuell gibt es einen neuen Kabinettsbeschluss zur Regulierung von Werkverträgen. Marcel Mansour hält ihn für richtig, ist sich aber unsicher, ob er durchkommt. "Die Fleischbarone schicken bereits ihre Lobbyistenarmee in den Bundestag, um das Gesetzgebungsverfahren zu verwässern", sagt er. "Dieses Mal müssen die Abgeordneten hart bleiben!"

„In der Fleischbranche ist Schummeln eher Regel als Ausnahme.“
Gewerkschaftler Marcel Mansour

Für die osteuropäischen Angestellten ist es schwer, Betriebsräte zu gründen. Gewerkschaften wie die NGG würden sich bemühen, die Vertragsarbeiter mit Kampagnen und Dolmetschern aufzuklären. "Aber alle Versuche Einzelner, sich zu organisieren, werden von den Firmen plattgemacht", sagt Marcel Mansouri. Arbeitende würden kurzfristig anderen Bundesländern zugeschoben, Subunternehmen aufgelöst und rasch unter anderem Namen neu gegründet. 

Der Gewerkschafter kennt Geschichten von katastrophalen Unterbringungen und von Arbeitszeiten, die nur mit Bleistift aufgeschrieben werden. "In der Fleischbranche ist Schummeln eher Regel als Ausnahme." Meist werde den Vertragsarbeitenden nur der Mindestlohn gezahlt, oft dieser sogar noch gedrückt. "Die Angestellten sollen Quoten erfüllen, die gar nicht realisierbar sind", sagt Marcel Mansouri. "Schaffen sie es nicht, müssen sie unentgeltlich Überstunden machen."

Auch Antonio, der junge Rumäne in Bad Bramstedt, berichtet von diesem System. Er müsse nachmittags so lange arbeiten, bis seine Tagesaufgaben geschafft sind, ohne zusätzlichen Lohn. Als Problem sehe er das jedoch nicht. Man müsse sich an Regeln halten. Die Kollegen, die ständig über die Arbeitsbedingungen meckern würden, die seien "dieser bestimmte Typ Mensch, der faul ist und immer von heute auf morgen Urlaub will."

Vion bestreitet die Praxis: Jede gearbeitete Stunde am Standort Bad Bramstedt werde gezahlt, heißt es in einer Stellungnahme gegenüber bento.

Billiges Fleisch aus komplexer Arbeit

Antonio hingegen möchte etwas anderes kritisieren: den sehr billigen Fleischpreis in Deutschland. "Unsere Arbeit hier ist sehr komplex", sagt Antonio. "Warum der Preis dann so gedrückt werden muss, verstehe ich nicht." Die Deutschen sollten versuchen, zu würdigen, was seine Kollegen und er machen, und nicht mehr so billig einkaufen. 


Gerechtigkeit

Es fehlt nicht an Schwarzen, die sprechen, sondern an Weißen, die zuhören
Ein Gastbeitrag von Aminata Touré, der Vizepräsidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtages.

"Schwester, wie gehts dir?", fragt der Schwarze Koch im Restaurant als ich meine Rechnung bei seinem Kollegen bezahlen möchte. 

Es ist an dem Tag, an dem die ganze Welt über den Tod von George Floyd spricht. Er nennt mich aber nicht in deshalb "Schwester", sondern weil wir das oft tun, uns "Bruder" und "Schwester" nennen. Genau wie wir uns oft auf der Straße zunicken oder zulächeln, ohne uns vorher je gesehen zu haben. Weiße Menschen, die mich begleiten, fragen dann gern: "Kanntest du den?" Oft sage ich: "Nein." 

Warum wir das tun? Weil wir eine Geschichte teilen. Die Geschichte Schwarzer Menschen weltweit, die unser Leben bis ins Heute prägt.