Bild: Sio Motion
Wir haben den Extremismusexperten Matthias Quent gefragt: Gibt es einen NSU 2.0?

Rechte Gewalt ist in Deutschland weit verbreitet. Und wurde trotzdem über Jahre hinweg verharmlost. Mindestens 169 Menschen haben in Deutschland seit 1990 nach einer "Tagesspiegel"-Recherche die Angriffe von Neonazis und anderen Rechten nicht überlebt. In der Öffentlichkeit wurde aber Islamismus als größere Gefahr wahrgenommen.

Auch die Enttarnung des rechtsextremen NSU-Trios änderte daran zunächst nur wenig. In einer jahrelangen Terrorserie hatten drei Rechtsextremisten acht türkisch- und einen griechischstämmigen Zuwanderer sowie eine deutsche Polizstin ermordet (SPIEGEL ONLINE). 

Nun, zwölf Jahre später, nach dem Mord an Walter Lübcke, wird wieder diskutiert, wie vernetzt die Szene wirklich ist. 

Der Verfassungsschutz geht in seinem aktuellen Bericht von 24.100 rechtsextremen Personen aus, die Hälfte davon soll gewaltbereit sein. Ob Terroristen des NSU, der mutmaßliche Lübcke-Mörder oder der Angreifer in Hessen, der aus dem Auto einen 26-Jährigen Eritreer niedergeschossen haben soll, sie alle teilen eine Gemeinsamkeit: Sie sind Akteure jenseits der 40. Ihr menschenfeindliches Weltbild haben sie in den Neunzigern kultiviert, als in Rostock-Lichtenhagen und Solingen die Asylunterkünfte und türkischen Wohnhäuser brannten. 

Geht die größte Gefahr in der rechten Szene von Männern mittleren Alters aus? Oder werden bereits jüngere Nachfolger rekrutiert? Und wenn ja, wie? 

Antworten auf diese Fragen kennt Matthias Quent, 33 Jahre, aus Thüringen. Der Soziologe forscht am Jenaer Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft zu rechtsextremen Strukturen in Deutschland. Sein neues Buch "Deutschland rechts außen" befasst sich mit dem Machtzuwachs der rechten Szene – und zeigt auf, wie die Rechtsextremen die Demokratie unter Druck setzen.

(Bild: Sio Motion)

Die NSU-Terroristin Beate Zschäpe ist Mitte 40, der mutmaßliche Mörder von Walter Lübcke ebenfalls. Auch andere Akteure der rechtsextremen Szene sind alles andere als jung. Herr Quent, gibt es überhaupt einen rechtsextremen Nachwuchs?

"Ja, den gibt es. Aber er ist längst nicht so groß wie früher. Die neonazistische Szene wird heute von denen bestimmt, die in den Neunzigern jung waren – also mittlerweile zwischen 35 und 60 sind. Von einer rechten Jugendbewegung kann man also nicht sprechen – der Rechtsruck ist eher eine Revolte der Älteren."

Wenn es junge rechte Akteure trotzdem gibt: Wo sind sie und von wie vielen reden wir?

"In Zahlen lässt sich nicht sicher sagen, ich kann mich nur annähern. Dazu vielleicht zwei Beispiele: Es gibt einerseits die klassische Neonaziszene, also auch jene, die sich über Rechtsrockkonzerte vernetzen. Wenn man die Altersstruktur der Teilnehmer dieser Konzerte in Themar unter die Lupe nimmt..."

...der Ort in Thüringen, der sich in den vergangenen Jahren zu einem der Hotspots für Rechtsrockkonzerte etabliert hat?

"Genau. Dort waren nur wenige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer unter 18 Jahren, die meisten deutlich über 40. Ein zweites Beispiel sind die Identitären, die sich ja gerne als Jugendbewegung inszenieren. Hier geht der Verfassungsschutz für ganz Deutschland von nur etwa 600 Mitgliedern aus. Das halte ich auch für realistisch."

„Die heutige Jugend ist bei 'Fridays for Future' oder bei 'Wir sind mehr', und weniger bei den Rechten.“

Auch wenn man sich anschaut, wer auf Demonstrationen mitläuft, dann sind das alte NPD-Kader, Pegida-Anhänger und der Dunstkreis der AfD. Junge Menschen sind da die Minderheit."

Auch wenn es nur wenige sind, wie viel Einfluss haben die Identitären dennoch?

"Die Identitären muss man als junges Aushängeschild der sogenannten Neuen Rechten begreifen. Deren Akteure sind eher alt, entsprechend wichtig ist ihnen, junge Aktive um sich zu präsentieren. Der Anspruch lautet: Wir sprechen für eine ganze, junge Generation. In Frankreich nennen sich die Identitären zum Beispiel 'Génération Identitaire'." Aber das ist eine Inszenierung.

Wenn wir hier von einer aktuellen Generation reden, dann heißt die aber eher "Generation Greta"?

"Ja, das wissen die Rechten auch. Sie geben sich einen sehr hippen, pseudointellektuellen Anstrich. Aber der verfängt bei den allermeisten Jugendlichen nicht. Für ungefährlich halte ich die wenigen Identitären trotzdem nicht – denn sie haben eine hohe symbolische Bedeutung und leisten Gewalt Vorschub. 

Auf ihren YouTube-Videos und Instagram-Profilen verbreiten die Akteure eine permanente rassistische Untergangsstimmung, ihre Hauptangst ist eine angebliche Umvolkung, die Deutschland bevorstünde. Und sie tun so, als seien sie jetzt die letzte Generation, die eine angebliche Katastrophe verhindern kann. Das erzeugt einen enormen Handlungsdruck und kann Einzelne motivieren, zur Tat zu schreiten."

Wer sind die Identitären?

Die "Identitäre Bewegung" sind vom Verfassungsschutz beobachtete Rechtsextreme, die seit 2012 in Deutschland aktiv sind. Der Verfassungschutz geht von etwa 600 Aktiven aus (Tagesschau). Flüchtlinge und Zuwanderer islamischen Glaubens werden von den "Identitären" diffamiert. Ihre Ablehnung umschreiben sie als "Ethnopluralismus", was sich mit "Ausländer raus" übersetzen lässt. Führende Mitglieder stammen aus rechtsextremen Organisationen oder der Kameradschaftsszene (bento).

Hier beleuchten wir das Netzwerke der Identitären genauer – und hier haben wir zwei führende Vertreter getroffen.

Dass jemand zur Tat schreitet, passiert leider immer wieder. Gerade erst hat in Hessen ein Mann auf einen 26-jährigen Eritreer geschossen. Wie wichtig ist das Netz für die Mobilisierung von Rechten?

"Da gibt es verschiedene Typen, die man in den Blick nehmen muss. 

Zum einen gibt es eine menschenverachtende Subkultur im Netz, die sich weltweit vernetzt hat. Der Christchurch-Attentäter, der im März 51 Muslime tötete, gehört dazu, der Täter, der 2016 bei einem rassistischen Anschlag in München gezielt neun nichtweiße Menschen erschoss, auch. Das können allein handelnde Terroristen sein, die aber als Teil einer Gesinnungsgemeinschaft zu begreifen sind.

Außerdem nutzen natürlich auch Rechte, die sich im realen Leben treffen soziale Netzwerke und Chatportale wie Telegram, um sich vernetzen und aufzustacheln." 

Und da agieren dann nur noch alte Männer?

"Diese Chats sind nach meinem Empfinden sehr divers, auch wenn man bei all den anonymen Namen nie genau wissen kann, wer wirklich schreibt. Zumindest bei dem, was ich so mitlese, wirkt es, als kämen da verschiedene Generationen zusammen. Bei einer Diskussion war zum Beispiel einer, der in jugendlichem Aktivismus sofort losschlagen wollte – und von Älteren erst mal gebremst wurde: Er solle doch bitte erst die Ideologie verinnerlichen."

Wie wichtig ist die faschistische Ideologie in der Szene überhaupt noch?

"Den Älteren, ich nenne sie mal 'Generation NSU', war das oft noch sehr wichtig. Die Verklärung der NS-Zeit und das Zeigen von Nazi-Insignien sind fest verankert. Die Neue Rechte und mit ihnen die Identitären hingegen wollen sich vordergründig von NS-Zeit distanzieren, um anschlussfähig zu werden. Sie beziehen sich auf andere antidemokratische Traditionslinien, die in der Geschichtsforschung als „Präfaschismus“ bezeichnet werden, angelehnt an rechtsradikale Organisationen und Stimmungen zur Zeit der Weimarer Republik.

Das macht sie schwieriger zu erkennen und einzuordnen und letztlich politisch sogar gefährlicher als die Neonazis. 

„Aber wie auch die Neonazis wird die sogenannte Neue Rechte durch den Glauben getragen, dass Deutschland demnächst einen reaktionären Umsturz braucht.“

Dieses Fantasieren vom Umsturz gießen Rechte oft in den Begriff "Tag X", das sei der Tag, an dem alle deutschlandweit losschlagen. Ist das nur verschwörerisches Gerede – oder glauben die das wirklich?

"Die Rechtsextremen sind nicht so viele, als dass sie tatsächlich einen Umsturz herbeiführen könnten. Im Gegenteil, die große Mehrheit steht auf der anderen Seite. Und das Ohnmachtsgefühl spüren die Rechten auch. Wenn in Dresden 20 oder auch 20000 Rechtsextreme auf die Straße gehen und sagen: 'So, jetzt ist Umsturz!', dann passiert in diese Richtung: nix. Das ständige Beschwören eines 'Tag X' funktioniert daher wie eine Selbstberuhigung: 'Ich habe Bock, endlich loszuschlagen, aber ich tue es nicht, weil ich ja noch auf den geeigneten Zeitpunkt warte.'"

Nach außen wirkt das trotzdem bedrohlich.

"Klar, und das ist ja auch eine Form von Terror – beim anderen gezielt Angst erzeugen. Gefährlich ist, dass in den letzten Jahren immer wieder Rechtsextreme aus diesem Milieu Anschläge begangenen haben. Sie werden ungeduldig und wollen nicht mehr auf den Tag X warten – sondern ihn herbeiführen. Das sind tickende Zeitbomben – nicht für einen kollektiven Aufstand, aber für terroristische Anschläge. 

Selbst wenn ein 'Tag X' des völkischen Umsturzes absurd ist, sind Bürgerinnen und Bürger verunsichert. Und in der rechten Propaganda werden kritische Ereignisse, wie im vergangenen Jahr in Chemnitz, als Fanal dargestellt nach dem Motto: Jetzt geht es los! Mit diesem Selbstbewusstsein gehen sie dann auf die Straßen – und einige radikalisieren sich noch weiter."

Und die Neue Rechte? Da reden doch die Identitären immerzu davon, dass alles bald zu spät ist?

"Ja, aber auch da wissen die Vordenker, dass sie aus einer krassen Minderheitsposition heraus arbeiten und für einen tatsächlichen 'Tag X' keine Mehrheit haben. Es reicht, permanente Krisenstimmungen zu erzeugen und in Kauf zu nehmen, das einige aus den Worten Taten folgen lassen."

Zum Beispiel?

"Zum Beispiel Chemnitz. Es genügt ein kritischer Fall – wie eben der Geflüchtete, der einen Deutschen erstochen haben soll – um Stimmung zu erzeugen und so rechtsextreme Positionen salonfähig zu machen. Am Ende standen Hooligans und Neonazis neben Pegida, Identitären und AfD-Politikern. Und da die „Neue Rechte“ sowieso eng mit der AfD verbunden ist, brauchen die auch gar keinen 'Tag X' – die sind vom bisherigen Erstarken der AfD derart beflügelt, dass sie ihre Macht in Ruhe weiter ausbauen und in die Gesellschaft einsickern wollen."

Wer ist die Neue Rechte?

Der Begriff ist in den vergangenen Jahren entstanden und beschreibt eine Generation von Rechtsextremen, die sich von der Neonazi-Szene der Neunziger abheben will. Die Akteure tragen Anzug statt Bomberjacke, geben sich bürgerlich und volksnah.

In einem Netzwerk aus Verlagen, Denkfabriken und Stiftungen unterstützt sich die Neue Rechte gegenseitig. Als Jugendarm gelten die Identitären, Crowdfunding wird über die Plattform "Ein Prozent" betrieben, als politischer Arm gilt die AfD. (bento)

Die wichtigsten Gesichter der Neuen Rechten sind Jürgen Elsässer, Herausgeber des Hetzmagazins "Compact", und Götz Kubitschek, der Kopf hinter dem "Institut für Staatspolitik" in Sachsen-Anhalt. Dort treffen sich AfDler und Neurechte regelmäßig zu Schulungen und Vorträgen. (bpb)

Wer beeinflusst wen mehr: Die AfD die Neue Rechte oder umgekehrt?

"Die Neue Rechte hat die AfD klar im Griff. Die Rechtsradikalen in der Partei, allen voran Björn Höcke, sind im Netzwerk von neurechten Akteuren wie Götz Kubitschek fest verankert. Nun wird die AfD-Vorsitzende Alice Weidel erstmals in dessen 'Institut für Staatspolitik' in Schnellroda einen Vortrag halten. Das zeigt meiner Meinung nach, dass sich die Partei dem präfaschistischen Kurs ergeben hat."

Wie kann man als junger Mensch diesen Strukturen begegnen? Wie kann man sich schützen?

"Die Rechten immer wieder zurückdrängen, sich vernetzen und eine Gegenöffentlichkeit schaffen! Es gibt Gemeinden, in denen der einzige Jugendtreff im Ort fest in Hand von Neonazis ist. Da bleibt denjenigen, die nicht mit machen wollen oder können, dann erst mal nicht viel mehr als Ausweichen. Aber es ist viel erreicht, wenn sich junge, nichtrechte Menschen dann eigene Orte erobern und von dort aus Alternativen und die Probleme aufzeigen. So können sie es langsam schaffen, die Kräfteverhältnisse wieder zu verschieben."


Fühlen

Als Frau auf Festivals im Stehen pinkeln: "Wenn ich sie auspacke, gucken viele erstmal blöd"

Auf dem Festival zwischen zwei Acts nochmal schnell aufs Klo verschwinden? Für viele Frauen ein Riesenproblem. Lange Schlangen vor den oft verdreckten und stinkenden Toiletten machen die Pinkelpausen zu einer nervigen Geduldsprobe. Während für Männer Pinkelrinnen, -inseln und sogar -zäune bereit stehen, müssen Frauen meist um eine handvoll abschließbarer Chemietoiletten kämpfen. 

Eine aktuelle Umfrage ergab: Für 57 Prozent der Festivalgängerinnen ist die Toilettensituation eines der Hauptprobleme auf Festivals (YouGov/Klarna). Und das, obwohl ergonomisch an Frauen angepasste Stehklos keine technische Herausforderung mehr darstellen – eine sportliche Herausforderung oft aber schon. In Berlin wurde 2017 vom Senat gefordert, auch Frauen die Möglichkeit zum Stehpinkeln zu geben (BZ). Und in Österreich wurden schon Ende der Neunzigerjahre Toiletten für die Nutzung ohne Körperkontakt installiert, von Frauen aber schlecht bis gar nicht angenommen. (ORF