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Die Geschichte hinter dem Kinofilm mit Emma Watson und Daniel Brühl

Was Lena (Emma Watson) und Daniel (Daniel Brühl) im Film "Colonia Dignidad" zustößt, wirkt surreal: Die beiden geraten in die gleichnamige Sekte im Zentrum Chiles. Die Bewohner dort leben nach Geschlechtern getrennt unter unwürdigen Bedingungen, sie arbeiten im Namen Gottes auf verdorrten Feldern, für ihre – nicht verbrochenen – Sünden werden sie im Gemeinschaftssaal bestraft.

Die Geschichte der kleinen deutschen Diktatur mitten in Chile ist wirklich passiert, der Film beruht auf wahren Gegebenheiten. Nachdem man ihn gesehen hat, ist da dieses ungute Gefühl. Man möchte wissen, was genau damals geschah.

Wer hat sich den Mist eigentlich ausgedacht?

Paul Schäfer, von den Mitgliedern der Sekte "Pius" genannt. Er wurde 1921 in Bonn geboren und errichtete am Rande der chilenischen Anden eine religiöse Gemeinschaft, in der er jahrzehntelang seinen pädophilen und sadistischen Neigungen nachging. Jungen im Alter von sieben bis zwölf Jahren wurden regelmäßig Opfer von Schäfers Missbrauch. Außerdem wurden politische Häftlinge des Pinochet-Regimes in der Colonia gefangen gehalten und gefoltert.

(Bild: Reuters / Santiago Pandolfi)
Wieso ausgerechnet in Chile?

Schäfer wurde schon in Deutschland wegen sexuellen Missbrauchs an Kindern per Haftbefehl gesucht, bevor er 1961 untertauchte und nach Chile floh. Vom Rhein in die Abgeschiedenheit eines anderen Kontinents – um dort seine eigene Siedlung für Deutsche zu gründen, die Colonia Dignidad, auf Deutsch "Kolonie der Würde".

Wo war die Colonia?

Sie lag etwa 400 Kilometer südlich der chilenischen Hauptstadt Santiago und war über 15.000 Hektar groß (größer als Kassel, kleiner als Magdeburg).

Woher kamen Schäfers Anhänger?

Hauptsächlich aus Hamburg, Siegburg und Gronau. Schäfer lockte die Menschen mit der Aussicht eines urchristlichen Lebens "im gelobten Land". So konnte er 500 Auswanderer gewinnen, die sich den Vorstellungen seines Lebens anpassten. Schäfer gelang es, seine Anhänger zu überzeugen, dass nur er alleine den Weg zu Gott weisen könne.

Wie wurde die Arbeit in der Colonia entlohnt?

Schäfer verlangte von den eigenen Anhängern unentgeltliche Arbeit. 44 Jahre lang.

(Bild: Reuters / Staff )
Wie realistisch ist der Film?

Alles, was im Film vorkommt, ist tatsächlich passiert. Allerdings nicht unbedingt den Figuren im Film. Für das Drehbuch wurden einige Ereignisse und Personen zusammengelegt, die beiden Hauptfiguren sind erfunden.

Wie hing die Colonia Dignidad mit Diktator Pinochet zusammen?

Nach dem Militärputsch 1973 stellte Paul Schäfer die Colonia Dignidad in den Dienst der Diktatur: Pinochets Geheimdienst nutzte sie als Folterzentrum und lieferte dort politische Gefangene ab. Nach Angaben von Zeugen wurden sie dort zu Tode gefoltert. Erst nach dem Ende der Diktatur 1990 nahm die chilenische Justiz zögerlich Ermittlungen auf.

(Bild: Reuters / Staff )
Was wussten die deutschen Behörden?

Immer wieder besuchten deutsche Botschafter und andere Politiker die Colonia Dignidad; sie unterstützten die Kolonie und feierten sie als deutsche Mustersiedlung in Chile. Wenn Mitgliedern die Flucht aus der Colonia gelang und sie in der Deutschen Botschaft in Santiago Schutz suchten, wurden sie dort von der Sektenführung eingesammelt und zurück in die Kolonie gebracht.

Wie flog die Sache auf?

Die Eltern missbrauchter Kinder hatten Schäfer angezeigt. In der Regel waren das Bauern aus dem Umland, das Krankenhaus und die Schule der Colonia durften nämlich von armen Familien kostenlos in Anspruch genommen werden.

Was passierte mit den Hinterbliebenen?

Die Vergangenheit der Colonia ist für die meisten nicht leicht zu bewältigen, da Schäfer seine Anhänger jahrelang missbrauchte und nach seinem Glauben ausrichtete. Ohne ihren Guru brach für viele der Sektenangehörigen eine Welt zusammen. Einige kehrten in ihr Heimatland zurück, heute leben rund 120 ehemalige Bewohner wieder in Deutschland.

(Bild: Reuters / Staff )
Wurde Schäfer verurteilt?

Ja. Er wurde nicht nur für den Missbrauch von 25 Kindern schuldig gesprochen, sondern musste auch umgerechnet 1,22 Millionen Euro an elf der Kinder zahlen, deren Familien per Zivilklage gegen ihn vorgegangen waren. Im Jahre 2006 verurteilte ein chilenisches Gericht den damals 84-Jährigen wegen Kindesmissbrauchs zu 20 Jahren Gefängnis. Urteile zu Folter, Mord und anderen Verbrechen folgten.

Lebt Paul Schäfer noch?

Nein, er ist im Mai 2010 gestorben, nach fünf Jahren im Gefängnis.

Beschäftigen sich auch deutsche Gerichte mit der Colonia Dignidad?

Einige ehemalige Mitglieder, die inzwischen in Deutschland leben, erstatteten Strafanzeige gegen den einstigen Sektenarzt Hartmut Hopp. Es geht um Körperverletzung, Medikamentenmissbrauch, Beihilfe zum schweren sexuellen Missbrauch von Kindern und Beihilfe zum Mord. In Chile wurde Hopp bereits verurteilt, bevor die Strafe vollgestreckt werden konnte, floh er allerdings nach Deutschland. Weil Hopp deutscher Staatsbürger ist, kann er nicht ausgeliefert werden. Nun wird geprüft, ob seine Strafe auch in Deutschland vollstreckt werden kann.

(Bild: Reuters / Staff )
Gibt es die Colonia heute noch?

Als Schäfer 1996 untertauchte und dann nach Argentinien floh, ließ er mehr als 250 schwer traumatisierte und verängstigte Menschen zurück, viele über 60 Jahre alt. Die meisten sind deutsche Staatsangehörige und beherrschen nur wenige Brocken der Landessprache Spanisch. Diejenigen, die in Chile geblieben sind, haben aus der Kolonie eine Touristenattraktion gemacht, inklusive Schweinshaxen, Strudel und einem Oktoberfest im November. Der neue Name: Villa Baviera.

SPIEGEL TV hat die wahre Geschichte der Colonia Dignität dokumentiert:
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