Bild: dpa/Wolfgang Kumm
Menschen erzählen von Alltagsrassismus – so reagiert der FDP-Chef.

Nach dem Rücktritt von Mesut Özil aus der Nationalmannschaft haben unter dem Hashtag #MeTwo sehr viele Menschen ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus in Deutschland gesammelt. FDP-Chef Christian Lindner hat sich nun dazu geäußert. Er spricht ihnen diese Erfahrungen nicht ab, findet die Debatte aber einseitig. Das sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe. 

Ihm zufolge gehöre neben der Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund noch ein zweiter Aspekt zur Diskussion. Das bermerkenswerteste Zitat:

"In der türkeistämmigen Gemeinschaft gibt es eine Geringschätzung freiheitlicher Werte. Bemühungen, sich zu integrieren, werden vernachlässigt."

Lindner wirft damit Deutschen mit türkischen Vorfahren pauschal vor, freiheitliche Werte nicht zu schätzen und sich nicht richtig zu integrieren. Ob er damit alle Deutschen mit türkischem Migrationshintergrund meint, wird nicht ganz klar.

Was folgert Christian Lindner daraus?

Für ihn stünden für zwei Aspekte im Vordergrund der Debatte:

  1. Die deutsche Gesellschaft sei einerseits nicht "so offen, tolerant und liberal, wie wir das selber immer von uns sagen und glauben." Es gebe seit langer Zeit eine "Alltagsdiskriminierung von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, vor allem aus der Türkei".
  2. Andererseits müsse man offensiv zu freiheitlichen Werten stehen. "Wir sind genauso stark wie Erdogan. Auch wir kämpfen für unsere Werte – aber es sind andere Werte", sagte Linder. "Auf unsere Toleranz kann man sich nicht berufen, wenn man sie von Innen aushöhlen will."

Erst im Mai hatte Christian Lindner sich zum Thema Migration und Fremdenangst geäußert: In der Bäckerei-Schlange wisse man nicht, wenn eine Person in gebrochenem Deutsch Brötchen bestelle, "ob das der hochqualifizierte Entwickler künstlicher Intelligenz aus Indien ist oder eigentlich ein sich bei uns illegal aufhaltender, höchstens geduldeter Ausländer". Für das Gleichnis wurde er stark kritisiert. (Mehr dazu bei bento)

Worum geht es bei #MeTwo?

Unter dem Hashtag teilen Menschen mit Migrationshintergrund, wie sie im Alltag Diskriminierung und Rassismus erleben. Es sind kurze Tweets, die zeigen, dass Mesut Özil mit seinem Gefühl, in Deutschland von vielen nicht akzeptiert zu werden, nicht allein ist. Initiiert wurde der Hashtag von Aktivist und Buchautor Ali Can. Er sagte zu bento:

Ich wünsche mir mehr Menschen des öffentlichen Lebens, die jetzt sagen: Ihr gehört dazu, ihr seid Teil von Deutschland.
Ali Can

Haben sich noch mehr Politiker zur Debatte geäußert?

Ja, zum Beispiel Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). Deutschland als Land sei zwar nicht rassistisch, sagte er in Interviews mit dem "Tagesspiegel am Sonntag" und der "Welt am Sonntag", aber:

Deutschland hat ein Rassismus-Problem, das lässt sich nicht leugnen.
Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD)

Eine Überforderung des Staates in der Flüchtlingskrise habe viele Menschen verunsichert und es "rechtspopulistischen Brandstiftern letztlich leicht gemacht, aufzuhetzen und die Gesellschaft zu spalten".

Auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet hält die #MeTwo-Debatte für hilfreich. Die geschilderten Erfahrungen seien "nur ein Bruchteil dessen, was wirklich geschieht", sagte der CDU-Politiker der "Bild am Sonntag".

"Deutschland als Ganzes ist kein rassistisches Land." Aber die #MeTwo-Debatte auf Twitter zeige, "dass wir im Zusammenleben respektvoller miteinander umgehen müssen," sagte Laschet.

Mit Material von dpa


Gerechtigkeit

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