Bild: Harry Haertel/dpa
Wer gegen Rechts ist, muss das auch sagen.

Wenn es um politische Auseinandersetzungen geht, spielt der Chemnitzer FC schon heute in der ersten Bundesliga. Wie kaum ein anderer Verein sorgte der sächsische Viertligist mit seinen Fans in den vergangenen Monaten für Schlagzeilen.

Im März hagelte es bundesweit Kritik, weil tausende Fans, aber auch Spieler, im Chemnitzer Stadion um den verstorbenen Neonazi Thomas Haller trauerten, der dem CFC jahrelang nahestand. Seitdem ist der Klub für viele zum Sinnbild für den verfehlten Umgang mit rechten Hooligans im Fußball geworden. Jetzt will er aus der Defensive kommen.

Nach dem Sieg im Sachsenpokal-Halbfinale am Mittwoch träumen die Fans vom Aufstieg. Das Image des ostdeutschen Nazi-Klubs würden viele gleich ebenfalls gerne hinter sich lassen.

Dabei helfen sollen Trikots mit neuem Aufdruck. Sie sollen zeigen, dass der Chemnitzer FC künftig "mit klarer Botschaft" auf den Platz tritt, schreibt der Verein in der Pressemitteilung. 

In dieser Woche wurden sie in Chemnitz vorgestellt.

Das Problem: Der neue Trikotslogan ist maximal beliebig – das genaue Gegenteil einer klaren Botschaft: "Farbe bekennen, Himmelblau jetzt".

Das man den Trikotspruch auf Demonstrationen gegen Rechtsextremismus noch nicht gesehen oder gehört hat, ist kein Wunder: Er spielt auf die Vereinsfarbe an, nicht auf die Vielfalt in der Gesellschaft oder die ernsthafte Auseinandersetzung mit Rassismus. Selbst das Wort "Bunt" scheint den Verantwortlichen zu provokant für ein Statement gewesen zu sein.

Mit dem Spruch könnte der Verein auch seinen Aufstieg in die dritte Liga, das nächste Spiel oder einfach den Sommer herbeijubeln. Nur eines ist er sicher nicht: ein klares Statement gegen Menschenverachtung und Rassismus.

Vereins-Geschäftsführer Thomas Sobotzik erklärt zu den neuen Trikots: "Der Chemnitzer FC und seine Partner stehen für die Werte unseres Grundgesetzes und Weltoffenheit. Und: "Die Brust des Trikots ist der wertvollste Ort für eine Botschaft".

Das wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet. Ist das Grundgesetz jetzt schon eine Haltung? Und ist diese Haltung in Chemnitz etwa neu?

Leider auch himmelblau: Trauerkranz für den verstorbenen Neonazi Thomas Haller.

Die Frage um die Haltung des kleinen Viertliga-Vereins ist keine Bagatelle.

Chemnitz hat ein Nazi-Problem und der Chemnitzer FC ganz besonders.

Rechtsextreme sind seit langem in der sächsischen Stadt zu Hause und fühlen sich offenbar auch im Stadion gut geschützt. Der im März dort eindrucksvoll verabschiedete Hooligan Thomas Haller steht sinnbildlich dafür. Als Gründer der rechtsextremen Hooligan-Gruppe HooNaRa ("Hooligans, Nazis, Rassisten") war er zentrale Figur einer Szene, aus der auch mehrere NSU-Unterstützer kamen. (taz)

Diese Verstrickungen wurden jahrelang ignoriert. Erst nachdem der Chemnitzer FC im Zuge des Eklats um die Trauerfeier nacheinander seinen Geschäftsführer, die Fan-Beauftragte und den Hauptsponsoren verloren hatte, beschloss der Verein, das offensichtliche Problem anzugehen.

Doch anstatt das Nazi-Problem beim Namen zu nennen, sprach man lieber vieldeutig von "Extremismus".

Weder Grau noch Braun – aber wofür genau steht das "Himmelblau"?

Doch selbst das war vielen Fans offenbar schon zu viel Haltung gegen Rechts. Beim ersten Heimspiel nach dem Eklat blieben demonstrativ zahlreiche Plätze im Stadio leer (SPIEGEL). Offensichtlich will der Verein es sich nicht noch einmal mit diesen Fans verderben – und geht mit den sinnfreien T-Shirts den Weg des geringsten Widerstands. Aber: 

Wer sich nicht mehr klar gegen Nazis positioniert, macht ihnen schon Platz.

Der neue Slogan, der den Rechten im eigenen Stadion nichts zumutet, ist deshalb in Wahrheit ein Friedensangebot: Macht uns bitte keinen Stress und wir belassen es bei Symbolpolitik. Dieses Konzept wird das Nazi-Problem in Chemnitz nicht lösen.

Auch Nazis, die man im Stadion ruhig hält, sind Nazis. 

Rechtsextreme Einstellungen sind eine Bedrohung für die Gesellschaft – und keine Meinung, die man am Spieltag einfach ausblenden kann. Im Gegenteil: Gerade im Hooligan-Milieu des Chemnitzer FC zeigt sich seit Jahren, wie konkret die Gewalt von Rechts oft sein kann. Wer nicht mit Rechten zusammen jubeln will, muss das klar sagen.

Der Verein hat angekündigt, die neuen Trikots nach der Saison für einen guten Zweck zu versteigern zu wollen. Man darf gespannt sein, an wen das Geld geht.


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