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Es war eine Eskalation mit Ansage. Nachdem in Chemnitz am Wochenende ein 35-Jähriger ums Leben gekommen war, nutzten rechte Kreise innerhalb von wenigen Stunden den Vorfall, um ihn für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Bereits am Sonntagabend zogen zahlreiche Hooligans und Neonazis durch die Innenstadt der drittgrößten Stadt Sachsens. Auf Videos war zu sehen, wie Menschen gejagt wurden. Die Polizei war überrumpelt.

Am Montag wiederholten sich die Ereignisse. Erneut hatten Rechte zu Protesten aufgefordert – angeblich, um der Toten zu gedenken. Doch schnell zeigte sich, dass die tausenden Demonstranten (bentowenig Interesse an Trauer hatten. Schon kurz nach Beginn der Kundgebung wurden Böller geworfen, immer wieder versuchten rechte Gruppen, Teilnehmer einer Gegendemonstration anzugreifen. Auch linke Demonstranten sollen laut Polizei Gegenstände geworfen haben. Rechte zeigten immer wieder den Hitlergruß, ohne dass die Polizei erkennbar einschritt.

Journalisten berichteten anschließend von Jagdszenen auf Berichterstattende und Andersdenkende. Wie war die Situation vor Ort? Und wie erlebten Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gegendemonstration die Arbeit der Polizei?

Hier berichten zwei von ihnen. 

Steff, 27

Ich war bereits am Sonntag vor Ort, als das Stadtfest abgebrochen wurde (bento). Schon da fiel mir auf, wie viele Hooligans und Neonazis in der Innenstadt zu sehen waren. An der Kleidung konnte man sie gut erkennen. Viele trugen Jacken mit Aufdrucken wie "national, revolutionär, sozialistisch" und wirkten bereits zu diesem Zeitpunkt sehr aggressiv. Ich bin dann mit meinem Patenkind schnell nach Hause.

Als klar wurde, dass am nächsten Tag wieder eine rechte Demonstration geplant war, wollte ich nicht zu Hause in der WG sitzen. Viele Freunde waren wegen der Semesterferien ohnehin in der Stadt und sind auch gekommen. Bei der Gegendemo waren auch viele jüngere Leute. Manche kannte ich noch von ganz früher, aus meiner Kindheit. Die Stimmung war friedlich. 

Die Rechten wirkten dagegen noch aggressiver als am Sonntag. Als die ersten Feuerwerkskörper auf uns geschossen wurden, hatte ich Angst. Es waren nur wenige Polizisten da.

Wir fragten uns alle, wie man die Rechten aufhalten könnte, wenn sie uns richtig angriffen. Uns war klar, dass die Polizei uns nicht schützen kann. Wir redeten die ganze Zeit davon, wie man sicher nach Hause kommt. Viele wollten in größeren Gruppen zurück und lange zusammenbleiben, damit möglichst wenig passiert. Es gab viel Unsicherheit, wir hatten überhaupt kein Vertrauen in die Polizei.

Zu Flüchtlingen und Migranten wurde gesagt, dass sie besser früher gehen sollten, damit ihnen nichts passiert.

Die Rechten waren, bei ihrer eigenen Demonstration, breit aufgestellt. Hooligans, Neonazis, Anwohner.

Ich habe bei den Rechten mindestens zwei gesehen, die ich aus meiner Nachbarschaft kenne.

In der ersten Reihe standen viele Männer, die besonders aggressiv wirkten. Ich spürte, dass sie Lust hatten, uns zu verprügeln. Sie riefen uns zu, dass sie eins gegen eins kämpfen wollten. Weiter hinten wurde mitgejubelt. 

Ich war nach der Demonstration wütend und traurig. Wenn man in den Neunzigern in Chemnitz aufgewachsen ist, hat man immer wieder Angriffe von Rechten erlebt. Alles, was auch nur im Entferntesten als links galt, war hier verdächtig. In bürgerlichen Kreisen wurden die Neonazis als Chaoten verharmlost. Ich habe immer wieder gehört, dass es doch gut sei, wenn sich Linke und Rechte gegenseitig die Köpfe einschlügen.

Die Stimmung hier ist seit Langem angespannt. Es gibt im ganzen Osten eine große Verbitterung. Die Jüngeren gehen meist in die großen Städte wie Berlin oder Leipzig. Dadurch ist viel kreatives Potential verloren gegangen. Bei den Älteren ist es noch schlimmer. Der Arbeitsmarkt hat ihnen nicht geboten, was sie sich erhofft hatten. Jobs wurden abgebaut. Es gibt immer noch Lohnungleichheit. Doch darüber wird kaum geredet. Der Hass auf Migranten und Schwächere scheint ein Ventil zu sein, das von vielen akzeptiert wird. 

Es ärgert mich, dass von der Landesregierung auch jetzt, nach den Ereignissen in Chemnitz, überhaupt keine Selbstkritik kommt. Man versucht, das Problem kleinzureden. 

Ich mache mir große Sorgen, wie es weitergeht. 

Die Mitte rückt nach rechts.

Die Parteien links davon schaffen es einfach nicht mehr, ihre Wähler zu mobilisieren. Inzwischen reden wir darüber, wie es wäre, wenn Chemnitz bei der nächsten Wahl einen AfD-Bürgermeister bekommt.

Friedemann, 27 

Friedemann möchte sein Gesicht lieber nicht im Zusammenhang mit dem Thema zeigen. Das Bild zeigt einen "Kraftklub"-Auftritt gegen Nazis am 1. Mai in Chemnitz.(Bild: imago)

Ich war noch nie auf einer politischen Demonstration. Bis jetzt. Meine Freundin hat mich überredet mitzukommen. Ich war überrascht, wie viele Leute vor Ort waren. Vor allem bei den Rechten. Es war laut, voll und manchmal hitzig. Die Eskalation lag von Anfang an spürbar in der Luft. 

Einer der Böller, die von den Rechten auf uns geworfen wurden, landete knapp neben mir.

Wir mussten lange warten, weil die Polizei die Lage kaum im Griff hatte.

Ich gehe ab und zu zum Fußball. Da gibt es auch Eskalation. Aber geordnet. Die Polizei weiß, was sie zu tun hat und greift durch. Das war gestern nicht der Fall. Man hat gemerkt, dass die Beamten überfordert waren. Wahrscheinlich deshalb mussten sie die Rechten gewähren lassen. 

Auf der Demonstration war das typische Pegida-Klientel: viele ältere, eher normal aussehende Leute. Aber auch immer vermischt mit rechten Hooligans und Neonazis. Man konnte nicht übersehen, dass es eine Demonstration mit Rechtsradikalen war. Ich habe mehrere Hitlergrüße gesehen. Manche trugen "Division Sachsen"-Pullover. Ich hatte das Gefühl, dass auch viele Rechte von weiter weg gekommen waren, um die Stimmung anzuheizen. 

Von einer Gedenkveranstaltung war nichts zu spüren. Es gab ein sehr hohes Gewaltpotenzial und keine wirkliche Absperrung, kaum eine Trennung. Ich, als Demo-unerfahrener Mensch, wusste nicht, wie ich mich im Notfall verhalten soll. 

Auf dem Rückweg wurde es richtig brenzlig. Immer wieder wurden Menschen von Hooligan-Gruppen angegriffen. 

Die Rechten lauerten in Seitenstraßen auf ihre Gegner und griffen sie dann gezielt an. Mitten in der Innenstadt.

Ich verstehe nicht, weshalb die Polizei ihre Wasserwerfer nicht eingesetzt hat. Meiner Meinung nach hätte man härter gegen die rechte Gewalt vorgehen können und vielleicht auch müssen. Beim Fußball kommt schneller Wasser, hier passierte einfach nichts.

Sachsen ist meine Heimat. Es ist eigentlich eine schöne Region. Doch inzwischen hat sich hier eine massive Fremdenfeindlichkeit kultiviert. Ich habe Angst, dass es immer weitergeht. 

Die Sachsen-CDU ist Teil des Problems.

Wenn es so weitergeht, ist bei der Landtagswahl im kommenden Jahr nur eine Koalition mit der AfD möglich. Manchen gefällt dieser Gedanke. Mich macht er traurig.


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Der Geschichtsunterricht kann ganz schön nervig sein, insbesondere in der Oberstufe. Wann geht es denn mal nicht um die beiden Weltkriege? Klar, die sind wichtig – aber daneben hat die Menschheitsgeschichte doch noch viel mehr zu bieten, immerhin gibt es uns schon seit etwa 300.000 Jahren.