5 Chemnitzerinnen und Chemnitzer berichten, wie sich die Stadt verändert hat

Fast ein Jahr ist seit den Krawallen von Chemnitz vergangen (SPIEGEL ONLINE). Nach den Aufmärschen von Rechten im Stadtzentrum setzten im September 2018 Musikerinnen und Aktivisten ein Zeichen gegen Rechts: mit dem Gratiskonzert und der Demo #wirsindmehr. Es sollte eine Antwort auf Rassismus und Gewalt sein, mehr als 65.000 Menschen kamen (bento). Jetzt soll erneut ein Zeichen gesetzt werden:

Diesmal unter dem Motto #wirbleibenmehr.

Zum Stadtfest und Konzert "Kosmos Chemnitz" das sich auch als Fortsetzung von #wirsindmehr versteht, erwarten die Veranstalter  am Donnerstag 20.000 Menschen. Herbert Grönemeyer, Grossstadtgeflüster und Zugezogen Maskulin treten auf. Dazu gibt es ein Kulturprogramm.

bento hat fünf junge Menschen in Chemnitz gefragt, was sie von #wirbleibenmehr halten – und was sich seit letztem Jahr verändert hat.

René, 31: "Der Ton ist seit dem letzten Sommer rauer geworden"

René, arbeitet seit zehn Jahren in Chemnitz als Barkeeper, wir haben ihn an der Bar getroffen

"Ich arbeite hier in einer Bar, und jede Woche muss ich Leuten erklären, warum ich Aufkleber mit 'Refugees Welcome' oder 'Rassismus? Nein, danke!' an der Türe kleben habe. Sie fragen, warum ich so einen Schwachsinn verbreiten würde. Das war aber vor und nach den Demonstrationen so. Nur der Ton ist seit dem letzten Sommer rauer geworden, das hat den Riss zwischen den Chemnitzern vergrößert.

Die einen, die in einer bunten vielfältigen Gesellschaft leben. Und die anderen, die ihre Ruhe haben und ihr langweiliges Spießerleben weiterführen wollen. Hier gibt’s viele Probleme – ob mit Rechten oder mit der Infrastruktur. #wirsindmehr hat daran gar nichts geändert. Aber eines haben wir definitiv nicht: ein Problem mit Ausländern.

Musik ist der richtige Weg, der Leute dazu bewegt, einen Diskurs anzuschieben. Ich glaube allerdings nicht, dass mit dem Stadtfest die angesprochen werden, die sich von der Gesellschaft abgehängt fühlen."

Defu, 26: "Gibt es eine Alternative zu #wirbleibenmehr?"

Defu lebt und studiert seit vier Jahren in Chemnitz, hier war er gerade auf dem Weg zum Abendessen in die Mensa

"Letztes Jahr waren alle Augen auf Chemnitz gerichtet. Da wollten natürlich alle bei #wirsindmehr mitmachen – das war total der Hype. Seitdem werden Leute vermehrt aktiv. Das muss nicht gleich Antifa heißen, aber dass hier mehr Initiativen entstehen. #wirbleibenmehr am Donnerstag ist nicht nur ein Konzert mit großen Namen wie Alligatoah oder Herbert Grönemeyer. An vielen Orten in der Stadt finden Diskussionsrunden statt, oder es werden Filme und Kunst gezeigt. Das wird ein Riesending für Chemnitz.

Die Frage für mich aber ist: Gibt es eine Alternative zu #wirbleibenmehr? Das ist alles keine Lösung gegen die AfD. Ich sehe besorgt auf die Landtagswahlen."

Isabell, 21: "Die Angst, dass Linke und Rechte aufeinandertreffen könnten, ist groß"

Isabell, in Chemnitz geboren, angehende Erzieherin, erwischen wir gerade in der Mittagspause

"Nach den Krawallen im letzten Jahr dachten alle, dass das hier eine rechte Stadt ist. Überall waren Medien mit ihren Kameras unterwegs, was für ziemliches Unwohlsein gesorgt hat. Ich hatte das Gefühl, dass alle darauf warten, dass etwas passiert. Die Aufhetzerei fand ich schlimm. Ich nehme auch mehr Polizisten in der Stadt wahr.

Blumen oder Gedenksachen an dem Ort, wo Daniel H. gestorben ist, werden gleich wieder geräumt. Die Angst, dass Linke und Rechte aufeinandertreffen könnten, ist groß. Erst in den letzten Monaten hat sich das wieder beruhigt. Mal sehen, wie es nach dem Stadtfest am Donnerstag ist. Trotzdem finde ich es gut, dass so etwas wie #wirbleibenmehr in Chemnitz stattfindet. Ich werde, genauso wie im letzten Jahr, hingehen."

Max, 25: "Das ist mir alles zu radikal, zu linksorientiert"

"Die Stimmung in Chemnitz ist ein bisschen angespannt. Von einigen Freunden und Verwandten weiß ich, dass sie aufgrund der Ausschreitungen im letzten Jahr abends nichts mehr alleine in die Stadt wollen. Als fast zwei Meter großer Mann fühle ich mich da nicht eingeschüchtert. Für mich hat sich also nichts verändert. Außerdem hatte die Stadt schon vorher Probleme.

Ich gehe am Donnerstag nicht zum Konzert. Nicht weil mir die Musik nicht gefällt, sondern weil ich das in der Form nicht unterstützen möchte. Das ist mir alles zu radikal, zu linksorientiert. Das führt in dieselbe falsche Richtung wie Rechtsradikalismus. Das hat dann nichts mehr mit Musik zu tun, sondern damit, eine politische Meinung etablieren zu wollen. Ein Fest sollte in erster Linie Spaß machen – wie bei anderen Festivals wie Tomorrowland oder SonneMondSterne."

Sylvia, 21: "Wenn ich in die Gesichter der Menschen hier schaue, dann sehe ich oft drei Tage Regenwetter"

Sylvia, ist in Chemnitz geboren und in Elternzeit, mit ihrem Freund Steve ist sie auf dem Weg in die Stadt, als wir sie ansprechen

"Das Konzert im vorigen Jahr hat alle wachgerüttelt. Vor allem die Jüngeren sind aufmerksamer geworden – vorher scheint sie das Thema Rechtsradikalismus nur sporadisch interessiert zu haben. Nach den Demonstrationen konnte es niemand mehr ignorieren. Trotzdem weiß ich von einigen, dass sie nur wegen der Bands am Donnerstag auf das Konzert gehen.

Sie denken nicht daran, was das für eine Bedeutung hat, dass es ein Zeichen gegen Rechts ist – nicht irgendein x-beliebiges Konzert! Wenn ich in die Gesichter der Menschen hier schaue, dann sehe ich oft 'drei Tage Regenwetter'. Das liegt aber eher an einer allgemeinen Unzufriedenheit als an den Ausschreitungen vom letzten Jahr. Ich bin hier mit dem Verständnis groß geworden, dass alle Menschen gleich sind. Daran hat sich seit dem letzten Jahr nichts geändert."

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