Bild: Bild:Woitas/dpa, Montage: bento

Die Chemnitzer Innenstadt wirkt wie leergefegt ein paar Tage vor dem Jahrestag der Ausschreitungen. Stolze Gründerzeitbauten stehen leer und verfallen. In den Fenstern hängen hilflose Plakate mit Handynummern: Zu vermieten! Gewerberaum, günstig! Bitte anrufen!  Die Stadt ist zu groß für ihre über 240.000 Einwohnerinnen und Einwohner. In der Ferne raucht der knallbunte Schlot vom Heizkraftwerk, auf den die Chemnitzer stolz sind. Das Kraftwerk verfeuert Braunkohle.

(Bild: Thembi Wolf/bento)

Ich treffe drei Menschen, die in Chemnitz leben und sich engagieren. Ich lasse mir von ihnen ihre Stadt zeigen – und spreche darüber, was sich im vergangenen Jahr für sie geändert hat. 

Ilja Kogan, 35, ist Paläontologe und Vorstand des jüdischen Vereins "Schalom".

Ilja will sich am "Tietz" treffen, einem ehemaligen jüdischen Kaufhaus. Er ist eine kuriose Erscheinung, das sagt er selbst so. Er trägt eine selbsttönende Sonnenbrille, Socken in Sandalen und ein Hemd, mit dem er auch in den Fünfzigern nicht aufgefallen wäre. Um seinen Hals baumelt ein kleiner Davidsstern. 

(Bild: Thembi Wolf/bento)

Ilja kam mit 12 aus Sibirien nach Chemnitz. Wenn er in der Schule Tafeldienst hatte, verstopften andere Kinder den Wasserhahn, in den Pausen bewarfen sie ihn mit Kondomen, erzählt er. Weil er Jude war? Wegen des Akzents, den er noch immer hat? Oder doch wegen der Krawatte, die er als Kind trug? Ilja weiß es nicht.

Er ist trotzdem glücklich geworden in Chemnitz.

Ilja führt mich durch die Innenstadt. Im Vorbeigehen deutet er auf Gebäude, zählt jüdische Architekten auf. In Sibirien unterdrückte der kommnistische Staat die jüdische Kultur. In Chemnitz darf Ilja Jude sein. Donnerstags werden Matzen gebacken, Freitags geht es in die Synagoge. Es gibt heute über 1.000 Jüdinnen und Juden in Chemnitz.

Am Tag der Ausschreitungen wollte er ins jüdische Restaurant Schalom. "Es lag eine bleierne Stimmung in der Luft." Am Bahnhof hatten alle Geschäfte zugemacht. Über allem kreiste vernehmlich ein Hubschrauber. Auf den Straßen waren Vermummte unterwegs. Damals sprach ihn eine Reporterin an: Was er von all dem halte?

"Ich habe gesagt, dass ich die Rechten nicht mag und die Linken nicht und fast noch nie ein Problem hatte mit meiner Kippa."

Einige Stunden später fliegen Pflastersteine auf das "Schalom". Ilja ist da schon wieder zu Hause, seine Mutter ist noch dort. Ihr passiert nichts. Der Besitzer des Restaurants bekommt einen Stein ab, wird an der Schulter verletzt.

Ilja ist nicht religiös. Eine Kippa steckt trotzdem in seiner Tasche. Er trägt sie zur Synagoge und auf dem jüdischen Friedhof. Kommentare gebe es ab und zu. 'Man hätte mehr von euch vergasen sollen' und solche Sätze. 

Das Gute sei: Man sei mittlerweile bereit, sich mit den Problemen in Chemnitz auseinanderzusetzen. Das Schlechte: "Vieles ist aufgesetzt, nur Aktionismus." Ilja hält nichts davon, sich den Rechten auf der anderen Straßenseite entgegenzustellen, lauter und schriller zu sein. Stattdessen brauche es eine starke Mitte, die sich ihrer intellektuellen Überlegenheit bewusst sei. Klassische Konzerte, statt linke Demos.

René Bzdok, 29, ist Soziologiestudent und Stadtteilmanager im "Nazikiez".

Ein paar Schritte vom "Schalom" entfernt führt eine düstere Unterführung in eines von Chemnitz' Problemvierteln: Der "Sonnenberg" ist berüchtigt, nicht nur in der Stadt. Seit Ultrarechte sich auf dem zentralen Platz versammelten, ist er der "Nazikiez". (SPEGEL ONLINE

René Bzdok will sich am Stadtrand des Viertels treffen. Seit zehn Jahren lebt er hier, und seit etwas über einem Jahr ist er der Stadtteilmanager, eine Art Vermittler zwischen Bürgern, Politik und Verwaltung. René organisiert Stadtfeste, verteilt Projektgelder und beschwert sich beim Ordnungsamt, wenn wieder jemand seinen Müll unrechtmäßig ablädt.

(Bild: Thembi Wolf/bento)

Hohe Arbeitslosigkeit, viele Hartz-IV-Empfänger und seit einigen Jahren auch viele Migranten prägen den Sonnenberg. Ein paar Wettbüros, syrische Restaurants und arabische Gemüseläden sind erst in den letzten Monaten dazugekommen. 

Nur die Rechten waren schon immer da.

René weiß, wie man mit ihnen umgeht. In dem kleinen Ort, aus dem er kommt, war man Nazi – oder Punk. René hält sich raus und spielt trotz der Hooligans 20 Jahre im Fußballverein. Das müsse man weiter können, findet er: Miteinander feiern, fußballspielen und reden.

Es klingt manchmal zu einfach, um wahr zu sein, wenn René erzählt, wie er den Rechten begegnet. Als die Nazigruppierung III. Weg Kleider an Bedürftige verteilen will, organisiert er am selben Platz ein großes, interkulturelles Picknick. Die wenigen Rechten seien schnell wieder abgezogen. Zuvor hätten aber Einige engagierte Bürger und Lokalpolitiker das Gespräch mit ihnen gesucht. Das miteinander Reden ist René wichtig.

Bei  Veranstaltungen lädt er auch die Rechten ein. Seit er einem ultrarechten Politiker die Hand gab, hasst ihn die Antifa, das findet er schade. Aber René will keine Gräben schaffen. Deshalb nennt  er die Rechten auch nicht Rassisten. Das sei "dehumanisierend". "Selbst der Rechte kann liebevoller Familienvater sein. Die 20 Prozent Rassimus in seinem Weltbild sind natürlich nicht tolerierbar und müssen bekämpft werden, aber nicht indem man sagt: 'Du bist Rassist, mit dir rede ich nicht.'"

Die sind mittlerweile quer durch alle Familien verankert, die kann man nicht mehr ausschließen.
René Bzdok

Während René durch das Viertel läuft, grüßt er links und rechts. Lobt die Alkoholiker dafür, dass sie die Müllbeutel weggeräumt haben. Er zeigt stolz integrierte Garten-Fischzucht-und-Sozialprojekte, Gemeinschaftsgärten und Kulturzentren, den neuen, schicken österreichischen Imbiss und den veganen Unverpackt-Laden. 

Sogar die für ihre harte rechte Linie bekannten CFC-Ultras hat er in seinem neuen Sportprojekt integriert. Nur, ob es hilft? Auch auf dem Sonnenberg hatte die AfD zuletzt große Erfolge. Sie erzielte über 23 Prozent bei den Kommunalwahlen.

In Renés Stadtteilzentrum ist heute "Erzählcafé". Die alten Damen und ein paar Herren vom Sonnenberg trinken Kaffee, essen Kuchen und tratschen über das anstehende Stadtteilfest.

  • "Steht alles für morgen?" fragt René.
  • "Was ist morgen?" neckt ihn eine der alten Damen.
  • "Unser Fest! Und wir strippen!" ruft eine andere.
  • "Ja, wir machen Muschepupu mit Rotlicht!" gackert die erste.

René lacht und dreht sich zum Gehen, gerade als das Gespräch umschlägt – es geht um "die Ausländer", die Nachts wieder zu laut waren. René entgegnet im Gehen etwas, dann beschließt er, das Gespräch ein andernmal zu führen. Miteinander zu reden kann mühselig sein.

Sarah Schalling, 27, ist Politikstudentin und macht als CDU-Politikerin Wahlkampf.

Vom Sonnenberg aus sind es nur fünf Minuten bis in die Innenstadt. Dort, an der Karl-Marx-Büste wartet  Sarah Schalling, 27. Sie hat nur eine halbe Stunde, schließlich ist Wahlkampf, am ersten September sind Wahlen. Und Sarah zieht gleich noch von Haus zu Haus, um den Menschen Flyer des CDU-Direktkandidaten in die Hand zu drücken. Dieser Wahlkampf ist besonders hart. "Wir haben extrem viel mit heruntergerissenen und beschmierten Plakaten zu tun." 

Außerdem komme man nicht mehr so leicht mit den Menschen ins Gespräch, sagt Sarah. "Was letztes Jahr passiert ist, hat alle polarisiert."

Sara kommt aus Drebach, einem  Dorf im Erzgebirge, und hat gerade in Chemnitz ihren Master in Politik gemacht. Seit zwei Jahren arbeitet sie für die CDU. Und muss den Sachsen erklären, warum sie noch einmal für die Partei stimmen sollen, die seit der Wende regiert. Die Partei, deren Vorsitzende die Flüchtlinge ins Land gelassen hat, die sich in Chemnitz dann Messerstechereien liefern  – so sehen es viele Chemnitzer.  Sarah ist wegen Angela Merkels Flüchtlingspolitik in der CDU. Sie fand sie mutig, menschlich und "völlig richtig, auch wenn einige in der Partei das anders sehen."

Am Tag der Ausschreitungen ist überall Polizei. 

Sarah geht trotzdem ganz normal von ihrer Arbeit nach Hause. Erst viel später muss sie sich in ihrem Alltag mit dem auseinander setzten, was geschehen ist: Im Büro eines CDU-Bundestagsabgeordneten beantwortet sie jeden Tag Bürgerfragen am Telefon, um die Rente und das Arbeitslosengeld ging es schon immer. Aber plötzlich, erzählt sie, riefen Leute an, nur um ihren Frust abzulassen. Sie waren wütend, wurden am Telefon persönlich und ausfällig. Die Einen wollten, dass die CDU die Ehre der Stadt verteidigt, die Anderen endlich alle Ausländer abschieben.

Der Umgangston ist rauer geworden.
Sarah

Sarah ist noch immer überrascht, von allem. "Ein Jahr später kommen immernoch Journalisten deswegen nach Chemnitz. Das ist so surreal."

Dass Chemnitz im Rampenlicht steht und die Kleinstadtpolitiker bitte eine Lösung für den Rechtsruck zur Hand haben sollen, überfordert viele. Auch Sara weiß nicht recht, was getan werden kann. Müsste man nicht auch etwas gegen Linksextremisten tun? Nützen Demos etwas? Was, wenn die AfD die Wahl gewinnt? "Ich habe davor sehr große Angst", sagt Sarah. 

Dann muss sie los, eilt zum Wahlkampf, vorbei an der Plakette die an den Tod von Dennis H. erinnert. Eine einzelne welke Blume liegt darauf. In Dresden fällt da gerade das Urteil über einen der Verdächtigen im Fall des Totschlags von Daniel Hillig Alaa S. wird zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt –  aber darum geht es in Chemnitz schon lange nicht mehr.

Hinweis: Das jüdische Kaufhaus heißt "Tietz", nicht "Hertz". Die AfD hatte bei den Gemeinderatswahlen im Sonnenberg nicht 24, sondern 23,25 Prozent. Wir haben das korrigiert und  Einwohnerzahl von Chemnitz präzisiert.


Future

Hilfe von der WG-Therapeutin: "Mein Mitbewohner verletzt meine Privatsphäre"

Thomas* schreibt:

"Seit Ende letzten Jahres wohne ich mit jemandem zusammen, den ich zuvor nicht persönlich kannte. Anfangs lief es gut, wir haben uns in unserer WG-Küche immer nett unterhalten. Leider begann er dann, häufiger meine Lebensmittel mitzubenutzen. Es störte mich zwar, aber ich sah darüber hinweg.

Als es häufiger passierte, stellte ich ihn zur Rede. Er versicherte mir, damit aufhören zu wollen. Doch statt am Kühlschrank bediente er sich nun an meinem Kleiderschrank – Socken, Hosen, T-Shirts und sogar Unterwäsche verschwanden. Bis ich sie später in seiner Wäsche wiederfand. Sein begehbarer Kleiderschrank ist gleichzeitig unsere Abstellkammer.