Bild: dpa
Fünf Fragen und Antworten zur ersten Demo nach #wirsindmehr.

"Wir sind mehr" – das zeigten 65.000 Menschen beim großen Gratis-Konzert gegen Rechts am Montag in Chemnitz. Aber reicht das? Wenige Tage später zieht wieder eine Demonstration der rechten Gruppe "Pro Chemnitz" durch die Stadt. Auch eine Gegendemonstration ist angemeldet, doch die Massen sind nun nicht mehr da. Gibt es trotzdem nennenswerten Protest? Und wie geht es weiter in Chemnitz? Wir haben uns die Lage angesehen.

Wer kam am Freitag zu den Demos?

Zum Gegendemonstration von "Chemnitz nazifrei" nahe des Johannisparks in der Chemnitzer Innenstadt erschienen laut Polizeischätzung etwa 1000 Menschen. Das war schon mehr als erwartet: Die Veranstalter hatten mit etwa 500 Menschen gerechnet. Viele der Teilnehmenden kamen extra aus Leipzig und Dresden. "Danke an alle, die uns hier in Chemnitz zur Seite stehen", rief Gabi Engelhardt vom Bündnis "Aufstehen gegen Rassismus" ins Mikro und freute sich über die vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Mehr Menschen kamen allerdings zur Demo von "Pro Chemnitz", die sich kurze Zeit später unweit des Johannisparks am Karl-Marx-Kopf versammelte. Laut Schätzungen waren etwa 2300 Personen dabei. Es war zuvor nur mir etwa 1000 gerechnet worden. Nach einer kurzen Kundgebung setzte sich der Zug in Bewegung und lief eine Runde durch die Chemnitzer Innenstadt, bis er wieder am Ausgangspunkt ankam.

(Bild: dpa)

Die größte Menschenmenge kam allerdings auf dem Theaterplatz zusammen. Dort erschienen rund 4500 Zuschauer zum Klassik-Open-Air, für das sich Hunderte Künstler und mehr als 40 Theater aus ganz Deutschland zuammengetan hatten, um ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit zu setzen. Gemeinsam spielten sie Beethovens Neunte Sinfonie. 

Wie sahen die Demonstrationen aus?

Bei "Pro Chemnitz" war es am Anfang fast unheimlich ruhig, später ertönten die üblichen Sprechchöre wie "Merkel muss weg" und "Lügenpresse". Zu Beginn des Demozuges hatten die Organisatoren Deutschlandflaggen verteilt. Zuvor waren nur wenige Fahnen oder Schilder zu sehen. Ein großes Plakat trug die Aufschrift: "Nur noch ein Funke macht aus Deutschland einen Flächenbrand. Wollt ihr das? Dann schmeißt die Merkel und Konsorten endlich aus den Parlamenten." Es bleibt unklar, wie der Leser die rhetorische Frage für sich beantworten soll.

Zur Gegenveranstaltung kamen größtenteils junge Menschen. Hier war es lauter, da ein kleiner Lautsprecherwagen die Teilnehmer mit Musik versorgte. Viele Schilder waren spielerisch und kreativ, eine junge Frau trug eine kleine Tafel herum, auf der Teilnehmer der Demo etwas zeichnen konnten. 

(Bild: Konstantin Nowotny)

Hin und wieder gab es auch ernstere Plakate, die nach dauerhaften Lösungen verlangten. Die Transparente in der ersten Reihe erklärten sich zudem solidarisch mit anderen Protesten, wie dem im Hambacher Forst.

Gab es Kontakt zwischen den Gruppen?

Beide Demos waren – anders als an den meisten Demotagen in Chemnitz zuvor – in unmittelbarer Sicht- und Hörweite voneinander, wenngleich streng von der Polizei getrennt. Während ein Redner bei "Pro Chemnitz" sprach, riefen die Protestierenden von der anderen Seite: "Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda."

Das war bei "Pro Chemnitz" offenbar deutlich zu hören. Die rechte Seite antwortete durchs Mikrofon: "Ihr habt Recht. Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda. Deswegen dürft ihr hier nicht sprechen. Kein Faschismus, egal von welcher Seite!" Solche Wortwechsel wurden jeweils von Applaus oder Buhrufen begleitet. 

Zwischen den Fronten beobachteten einige Schaulustige die Demonstrationen. Viele Chemnitzer sind von den tagelangen Protesten mit vielen Sperrungen in der gesamten Stadt mittlerweile ziemlich genervt. Eine Passantin sagte über die beiden Demos: "Das ist wie im Affenkäfig. Die einen schauen rein, die anderen schauen raus."

Wie war die Stimmung?

Insgesamt war es an diesem Tag in Chemnitz ruhiger als sonst. Das dürfte auch daran gelegen haben, dass trotz der deutlich kleineren Demonstrationen etwa 1300 Polizisten vor Ort waren. Berührungspunkte zwischen den beiden Demonstrationen gab es so gut wie keine. An- und Abreisen verliefen ohne Zwischenfälle. Außerdem ereilte die Stadt kurz vor Ende der beiden Demonstrationen ein Regenschauer, weswegen sich die Versammlungen deutlich schneller auflösten.

Trotz der überschaubaren Demonstrationen waren viele Journalisten vor Ort, auch die internationale Presse berichtete. Eine besonders aggressive Haltung gegenüber den Medien, wie sie in den vergangenen Tagen oft berichtet wurde, gab es diesmal nicht. Am Ende des Demotages vermeldete die Polizei keine Verletzten und lediglich sechs angezeigte Straftaten: Verstöße gegen das Vermummungsverbot und verbotene Gegenstände.

Wie geht es jetzt weiter?

"Pro Chemnitz" sah sich durch die leicht höhere Teilnehmerzahl im Vergleich zur Gegendemonstration bestätigt. Es wurde häufig gehässig "Wir sind mehr" gerufen. Ein Sprecher sagte zu seinen Zuhörinnen und Zuhörern: "Ihr seid hier, weil ihr wisst, dass ihr hier seid. Nicht, weil es eine kostenlose Party gab." Weitere Veranstaltungen sind geplant. Noch am selben Abend wurde die nächste Demo am kommenden Freitag angekündigt.

Das "Bündnis Chemnitz nazifrei" äußerte die Angst, dass sich Chemnitz bald zum zweiten Dresden entwickeln könnte, wo die wöchentlichen Montagsspaziergänge von "Pegida" fast schon zum Stadtbild gehören. Die Beteiligten hoffen, dass weiterhin Menschen zu Protestveranstaltungen nach Chemnitz kommen, auch wenn keine Großveranstaltungen angekündigt sind. 


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