Bild: Lassana Bathily
Lassana Bathily rettete bei den Anschlägen in Paris vor einem Jahr vielen Menschen das Leben, Frankreich feierte ihn dafür. Heute sagt er: "Ich möchte weiterleben so wie alle anderen."

Am 9. Januar 2015 um 13 Uhr verändert sich das Leben von Lassana Bathily. Bis dahin ist der 24-Jährige nur einer von 10.000 malischen Migranten in Frankreich. Aufgewachsen im Dorf Samba Dramané ist er als Jugendlicher zum Arbeiten nach Paris gekommen. Für etwa 1000 Euro im Monat jobbt Bathily im "Hyper Cacher", einem jüdischen Supermarkt im Osten von Paris.

Um 13 Uhr betritt Amedy Coulibaly diesen Supermarkt. Er stammt auch aus Mali, nur 15 Kilometer vom Heimatdorf Bathilys entfernt. Die beiden kennen sich nicht. Coulibaly schießt um sich, tötet vier Menschen. Andere flüchten sich in den Keller des Ladens. Sie treffen dort auf Bathily. Er stellt die Kühlkammer aus und versteckt sich mit ihnen. Bathily flieht und zeichnet der Polizei einen Plan des Ladens. Wenig später stürmen die Polizisten den Supermarkt und töten Coulibaly. Später stellte sich heraus, dass Amedy Coulibaly die Brüder Saïd und Chérif Kouachi kannte, zwei Tage zuvor hatten sie einen Anschlag auf die Satirezeitung "Charlie Hebdo" verübt und dabei elf Menschen getötet.

Ein Jahr nach dem Attentat arbeitet Bathily im Rathaus von Paris, nimmt an Sprachkursen Teil und versucht, sich in seinem neuen Leben zurechtzufinden.

Ein Gespräch über Helden, Mut und Rassismus in Frankreich.

Du sagst, du fühlst dich nicht als Held. Was macht einen Helden aus?

Ein Held kämpft für ein Ziel, das größer ist als er selbst. Wie Nelson Mandela: Er hat im Gefängnis seinen Hass überwunden und bis zu seinem Tod gegen Diskriminierung gekämpft. Er hat alles getan, damit sein Volk in Frieden leben kann.

Du hast während des Terroranschlags Menschen versteckt und wirst dafür in Frankreich als Held gefeiert. Warum siehst du dich selbst nicht als einer?

Ich konnte nicht anders handeln. Diese Leute zu verstecken, war für mich normal, ich habe nicht viel über mein Handeln nachgedacht. Für mich hat das nichts Heldenhaftes.

Als der Attentäter Amedy Coulibaly den Supermarkt stürmte, warst du im Keller. Wie hast du den Angriff erlebt?

Zuerst dachte ich, die lauten Geräusche kämen von einem geplatzten Reifen auf der Straße. Erst als die Leute die Treppe runtergestürzt sind, wusste ich, dass etwas nicht stimmt. Ich musste sofort an die Worte meiner Mutter denken: auch in brenzligen Situationen ruhig zu bleiben. Ich habe versucht, die anderen zu schützen, damit wir alle lebendig aus der Situation herauskommen.

(Bild: Lassana Bathily)
Wie denkst du heute, ein Jahr danach, über das Attentat?

Im Supermarkt waren wir eine große Familie. Araber, Juden und Christen. Heute arbeitet jeder woanders, ich vermisse die Gemeinschaft. Ich habe regelmäßig Albträume. Ich erlebe im Traum immer wieder, was im Januar passiert ist. Am Jahrestag werde ich für die Opfer beten und an der Trauerfeier teilnehmen.

Die Karikaturisten des Satiremagazins "Charlie Hebdo“ wurden wenige Tage vor dem Anschlag auf den Supermarkt von islamistisch motivierten Terroristen getötet. Was denkst du über die Anschläge?

Karikaturen zu zeichnen, ist für mich ein Ausdruck von Meinungsfreiheit. Diese Freiheit gilt auch, wenn diese Bilder den Propheten Mohammed zeigen. Ich verstehe, wenn man als gläubiger Muslim dagegen demonstrieren möchte. Aber deshalb muss man nicht Leute erschießen. In den sogenannten Dschihad zu ziehen, ist falsch.

Du lebst seit 2006 in Frankreich. Kurz nach den Attentaten hast du einen französischen Pass bekommen – im Schnellverfahren. Wie wichtig war das für dich?

Ich habe mich schon immer französisch gefühlt, lange bevor ich den Pass in den Händen hielt. Frankreich ist für mich das Land der Freiheit und Menschenrechte.

(Bild: Lassana Bathily)
Als im Pariser Konzertsaal Bataclan am 13. November Attentäter um sich schossen, warst du ganz in der Nähe. Fühlst du dich von der Gewalt verfolgt?

Ich lebe seit drei Monaten in dem Viertel, in dem auch das Bataclan liegt. An dem Abend war ich mit Freunden zum Essen verabredet. Auf dem Rückweg zur Wohnung habe ich die rennenden Menschen gesehen. Ja, ich habe das Gefühl, dass die Attentate mich verfolgen, aber vielleicht ist das mein Schicksal. Mittlerweile denke ich aber auch: Wenn der Tod kommt, dann kommt er.

Hast du Angst?

Ich hatte lange Zeit Angst. Irgendwann habe ich mir gesagt, dass mein Leben nicht von dieser Angst bestimmt werden darf. Ich möchte weiterleben so wie alle anderen.

Frankreich scheint ein zerrissenes Land zu sein, Konflikte zwischen Religionen flammen auf. Wie bewertest du die aktuelle Lage in Frankreich?

Gerade fühlt es sich so an, als würde häufig mit dem Finger auf uns Muslime gezeigt. Ein großes Problem ist, dass in der Diskussion zum Thema Islam häufig verallgemeinert wird. Ich denke, die Terroristen haben versucht, Frankreich zu zerreißen. Ich spüre diese Spannungen.

(Bild: Lassana Bathily)
Nach den Attentaten hast du eine Stiftung gegründet. Welche Ziele verfolgt die?

Zweierlei: Ich möchte in Mali Schulen aufbauen. In Frankreich plane ich einen Ort der Begegnung, in dem sich Menschen unterschiedlicher Religionen treffen können. Denn ich denke, dass es ein Kommunikationsproblem gibt: Muslime, Christen und Juden wissen zu wenig voneinander. Um sich zu respektieren, muss man sich kennen.

Einigen Personen wurde nach den Attentaten die "Légion d'honneur" verliehen, eine der höchsten französischen Auszeichnungen. Du bist nicht unter den Trägern. Bist du enttäuscht?

Nein, das ist allein die Entscheidung Frankreichs. Wenn mir das Land nicht die "Légion d'honneur" verleihen möchte, respektiere ich das.

Braucht Frankreich mehr Mut?

Ich denke schon. Es gibt einen Unterschied zwischen Kindern, die hier aufwachsen, und Leuten, die aus Afrika kommen. Französische Kinder haben jede erdenkliche Möglichkeit, ihnen wird viel geholfen. Eine Reise nach Europa hingegen erfordert sehr viel Mut. Als Migrant muss man sich jeden Tag neu beweisen, das Leben ist ein ständiger Kampf.

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