Bild: Christian Stroeder/Tobias Koch/Montage: bento
Warum junge Frauen in der CDU zu den größten Kritikerinnen einer Quote gehören

Elf Stunden lang saßen sie zusammen, zwischen Plexiglaswänden und zugeschaltet per Webcam. Am Ende gab es kurz nach ein Uhr in der Nacht ein Ergebnis: Die CDU soll schrittweise eine Frauenquote bekommen. So schlägt es die "Satzungs- und Strukturkommission" vor, im Dezember soll ein Parteitag entscheiden, ob die Quote wirklich kommt.

Es ist ein Kompromiss, der Wiebke Winter nicht überzeugt. Die 24-jährige Promotionsstudentin ist Mitglied der Kommission und leitet den Bundesarbeitskreis "Frauen" der Jungen Union. Statt auf eine Quote setzt sie darauf, dass freiwillig mehr weibliche Mitglieder für politische Ämter kandidieren. Dabei helfen sollen Mentoring-Programme und beispielsweise "hybride Sitzungen", an denen auch per Webcam teilgenommen werden kann. In der WhatsApp-Gruppe ihres Arbeitskreises sind inzwischen mehr als 100 junge Frauen vernetzt, auf Parteitagen werben sie mit dem Hashtag #mehrmädels für ihre Position.

"Die Junge Union war immer gegen die Quote"

"Ich bin davon überzeugt, dass Vorstände und Mandate nach Fähigkeiten und nicht nach einer Quote besetzt werden müssen", sagt Wiebke Winter. In der CDU-Kommission stimmten am Ende der Diskussion 34 Mitglieder für den Kompromiss, Wiebke und sechs weitere stimmten dagegen. "Alles andere hätte meinen Idealen widersprochen." So wie sie denken viele junge Mitglieder in der CDU, auch Vereinigungen wie die Mittelstands- und Wirtschaftsunion sehen den Kompromissvorschlag skeptisch.

"Ich bin davon überzeugt, dass Vorstände und Mandate nach Fähigkeiten und nicht nach einer Quote besetzt werden müssen", sagt Wiebke Winter. "Ich möchte der Partei zeigen, dass es auch andere Modelle gibt, um Frauen zu fördern."

(Bild: Christian Stroeder)

Die geplante Quote gilt vielen in der Jungen Union als Abschiedsgeschenk für die scheidende CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer. Nicht alle sind überzeugt, dass sie es bekommen sollte. In den kommenden Monaten dürfte in der Partei darüber noch intensiv diskutiert werden. "Die Junge Union war immer gegen die Quote", sagt Wiebke Winter. "Ich möchte der Partei zeigen, dass es auch andere Modelle gibt, um Frauen zu fördern."

Sollte es am Ende auf dem Parteitag zur Entscheidung kommen, könnte es gut sein, dass die 1001 Delegierten mehrheitlich dem Parteinachwuchs folgen – und eine verbindliche Frauenquote ablehnen. In Bayern war genau das der CSU im vergangenen Herbst passiert, nachdem die 22-jährige Studentin Hannah Lotze in einer vielbeachteten Rede gegen die Quote gewettert und dafür mehr Applaus als die Parteispitze bekommen hatte. Am Ende stimmte die CSU für eine weiche Soll-Regelung (SPIEGEL).

Ob Wiebke Winter im Dezember ebenfalls gegen die Quote auf die Bühne gehen wird, ist nach eigener Aussage noch nicht entschieden. "Das besprechen wir jetzt erstmal." 

Der Streit ist groß, der Frauenmangel auch

Nach Atomkraft, Mindestlohn, Wehrpflicht und gleichgeschlechtlicher Ehe gehört die Gleichstellung von Frauen zu den letzten großen Streitthemen in der Union. Seit mehr als 20 Jahren wird die CDU von Frauen geführt – doch unterhalb der Spitze sieht es immer noch mau aus. Im Bundesvorstand beträgt der Frauenanteil derzeit 36 Prozent, in der Bundestagsfraktion mit der CSU 21 Prozent. In vielen Landesparlamenten ist er noch geringer. In Sachsen-Anhalt, Thüringen, Hamburg und Berlin sind nur 10 Prozent der CDU-Abgeordneten weiblich – oder weniger. In der Fläche ist die Partei immer noch ein ziemlicher Boys Club. 

Dabei ist der CDU schon lange bewusst, dass es ein Problem gibt. Bereits 1985 setzte sich die Partei das Ziel, die Gleichberechtigung von Männern und Frauen im Alltag zu verwirklichen (SPIEGEL). Seit 1996 gibt es ein Quorum von einem Drittel für Frauen. Doch seitdem hat sich wenig verändert. Innerhalb von 21 Jahren stieg der Frauenanteil gerade einmal um ein Prozent auf 26, heißt es im Gleichstellungsbericht der Partei (PDF). In den ostdeutschen Bundesländern sank er sogar. 

"Wir brauchen mehr Frauen, mehr junge Leute"

CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak, 34, bemüht sich deshalb seit Monaten, die Partei neu aufzustellen: "Wir brauchen mehr Frauen, wir brauchen mehr junge Leute", sagte er erst vor wenigen Tagen in einem Interview (n-tv). Doch gerade die jungen Mitglieder sind skeptisch, ob die Frauenquote dafür geeignet ist. 

Lilli Fischer ist eine der jungen Frauen, die in der CDU aktiv sind, ein Mandat innehaben und dennoch an der Quote zweifeln. Mit 19 Jahren zog sie im vergangenen Sommer in den Stadtrat von Erfurt ein. Seitdem ist sie eine von zwei Frauen in der zehnköpfigen CDU-Fraktion. "Es bringt nichts, wenn wir überall Frauen aufstellen, die dann keiner kennt und wählt", sagt sie. "Die CDU lebt von der Verankerung vor Ort, die meisten Mandate werden direkt gewonnen. Wir müssen junge Frauen ermutigen, sich mehr zuzutrauen und besser für sich zu werben."

Die Quote ist in der CDU auch eine Altersfrage

Die Quote ist in der Partei längst nicht mehr nur eine Geschlechter-, sondern auch eine Altersfrage. Während junge Frauen wie Lilli Fischer verbindliche Regelungen kritisch sehen, sind ältere oft dafür. Die Frauen Union, die den Aufstieg Annegret Kramp-Karrenbauers lange begleitete, fordert sie seit Jahren. "Ich habe in meiner Karriere gelernt, dass es nicht mehr ohne Quote geht", sagt beispielsweise Elisabeth Motschmann, Bundestagsabgeordnete aus Bremen und ehemalige Spitzenkandidatin bei der Bürgerschaftswahl. Sie ist klar für die Quote: "Ich will nicht länger zuschauen, wie Frauen ihr Platz verwehrt wird."

"Ich habe in meiner Karriere gelernt, dass es nicht mehr ohne Quote geht", sagt Elisabeth Motschmann. 

(Bild: Ingo Wagner/dpa)

Wie Wiebke Winter ist sie in der Satzungskommission. Und stimmte am Ende für den Quotenkompromiss. "Wenn die Regelung jetzt wieder gekippt werden sollte, waren alle Diskussionen umsonst. Das können wir uns nicht erlauben", warnt sie. Bei der Jungen Union fühlen sich manche junge Frauen dagegen von den älteren Parteifreundinnen immer wieder belehrt. "Wir fühlen uns von ihnen nicht vertreten", sagt eine, die namentlich nicht zitiert werden möchte. "Die Frauen Union hat bei uns keinen guten Ruf."

Nur noch elf Prozent der Erstwähler stimmten bei der Europawahl für die Union

Der Umgang mit dem Thema ist längst auch eine Zukunftsfrage. Bei der Europawahl im vergangenen Jahr stimmten nur noch elf Prozent der Erstwählerinnen und Erstwähler für die Union – die Grünen kamen auf mehr als 36 Prozent, mehr als dreimal so viel (bento). Solange Babyboomer und Senioren die Mehrheit stellen, mögen solche Ergebnisse für die CDU kaum ins Gewicht fallen. Doch wie lange kann eine Partei, die wie keine zweite für sich in Anspruch nimmt, die Mitte der Gesellschaft zu vertreten, auf die Jugend verzichten?

"Es bringt nichts, wenn wir überall Frauen aufstellen, die dann keiner kennt und wählt", sagt Lilli Fischer. "Wir müssen junge Frauen ermutigen, sich mehr zuzutrauen und besser für sich zu werben."

(Bild: Tobias Koch)

"Bei meinen Kommilitonen gilt die CDU als Altherrenverein, der die Klimakrise nicht ernstgenommen hat", erzählt Lilli Fischer. Statt über Quoten will sie lieber über inhaltliche Kampagnen reden. "Die JU muss deutlicher zeigen, dass sie für die Themen junger Menschen einsteht. Wir waren gegen die Tampon-Steuer und haben vor den Folgen der Grundrente für junge Menschen gewarnt – aber wer hat das mitbekommen?" 

Um das zu ändern, schlägt Lilli Petitionen und projektbezogene Mitgliedschaften vor. Für junge Eltern fordert sie bei Veranstaltungen eine zuverlässige Kinderbetreuung. Sollte es am Ende auf dem Parteitag zum Showdown um die Quote kommen, erwartet sie einen offenen Konflikt zwischen jüngeren und älteren Frauen, zwischen Gegnern und Befürwortern der Quote. "Das wird verdammt knapp." 


Uni und Arbeit

Susanne Menzel-Riedl ist die jüngste Unipräsidentin Deutschlands: "Ich habe meinen Karriereweg nicht geplant"
Ihren Job machen in Deutschland vor allem Männer. Wie hat sie sich durchgesetzt – und was rät sie jungen Frauen, die Karriere machen wollen?

Es fällt schwer, von Susanne Menzel-Riedls Lebenslauf nicht beeindruckt zu sein. Allein, weil an ihr dieser Superlativ haftet: Sie ist mit 44 Jahren die jüngste Unipräsidentin Deutschlands, an der Universität Osnabrück außerdem die erste Frau auf diesem Posten. 

Mit bento hat sie im Videointerview darüber gesprochen, wie sie es so jung an die Spitze einer Universität geschafft hat, ob in ihrem Job noch Zeit für Netflix bleibt – und warum Frauen härter für den Erfolg kämpfen müssen als Männer.

bento: Wer in Deutschland eine Universität leitet, ist im Schnitt 59 Jahre alt und in der Mehrheit männlich (CHE). Beides trifft auf Sie nicht zu. Wie haben Sie das geschafft? 

Susanne Menzel: Ich habe meinen Karriereweg nicht geplant. Es war eigentlich immer so, dass gerade eine Position frei war oder eine Person gesucht wurde – zum Beispiel damals eine Vizepräsidentin hier an meiner Uni in Osnabrück. Ich kam gerade aus der zweiten Elternzeit zurück und dachte eigentlich, ich starte jetzt in der Professur wieder durch. 

bento: Drei Jahre waren Sie Vizepräsidentin, 2018 wurden Sie dann zur Unipräsidentin gewählt, 2019 sind Sie das Amt angetreten. War auch dieser Karriereschritt Zufall?

Susanne Menzel: Ich glaube, der gehört immer dazu – auch für die älteren Herren, auf die Sie eben Bezug genommen haben. Aber das ist nicht alles: Ich war immer sehr engagiert, innerhalb der Universität, über Forschung und Lehre hinaus. Das hat sicherlich auch dazu geführt, dass ich gefragt wurde, mich als Vizepräsidentin zu engagieren.

bento: Je weiter oben im Wissenschaftsbetrieb man sucht, desto weniger Frauen findet man: Während noch 45 Prozent aller Promovierenden weiblich sind, sind es bei den Habilitierenden nur noch 28 Prozent (BMBF). Der Grund: Sobald es an die Familiengründung geht, stecken Frauen beruflich eher zurück als Männer (Academics). Bei Ihnen war das nicht so. Warum?

Susanne Menzel: Ein Grund war sicher, dass ich früh Karrieresicherheit hatte. Ich bekam nach der Promotion schnell eine Juniorprofessur mit Tenure Track – also eine Stelle, bei der klar war, dass ich nach einer Bewährungszeit eine unbefristete Dauerprofessur antreten konnte. Ich wusste mit 31, dass ich diese Perspektive hatte. Sonst hätte ich in der Familiengründungsphase danach vielleicht andere Sachen attraktiver gefunden. Ich bin bis zum 1. Staatsexamen ausgebildete Lehrerin, ich glaube, das hätte mich gelockt, weil es kalkulierbarer gewesen wäre.

bento: Ich habe selbst an der Uni Osnabrück studiert und hätte mich damals über Sie als Unipräsidentin gefreut. Dass sie sich als junge Frau in einem männlich geprägten Berufsumfeld bis an die Spitze durchgesetzt haben, hätte mir Mut gemacht. Aber wollen Sie das sein – ein Vorbild? 

Susanne Menzel: Ich werde das zwangsläufig und bin es gerne. Als Professorin nahm ich mein Kind einmal im Tragetuch mit in die Vorlesung. Nicht, um etwas vorzuführen – ich hatte ein Betreuungsproblem an dem Tag. Dieses Bild hat sich bei vielen eingeprägt, ich wurde noch Jahre später darauf angesprochen. Ich habe eine Verantwortung, das merke ich in solchen Momenten. Und zwar ohne dass ich meinen Weg anderen Frauen aufdrängen will. Ich schaue auf niemanden herab, der keine Karriere machen will. Aber wenn ich im Portfolio der Möglichkeiten für junge Frauen ein Beispiel mehr sein kann, dann bin ich das sehr gerne.