Bild: bento/Yannick von Eisenhart Rothe
Früher war alles besser?

Für ihre letzte Regionalkonferenz hat sich die CDU einen Ort ausgesucht, der eigentlich gar nicht zu ihr passt. Sonnenallee, Berlin Neukölln, Sinnbild für Multikulti, von einigen CDUlern gerne mal als "No-Go-Area" verschrien.

Daher fallen sie auch auf, die sechs Frauen mittleren Alters, die ihre Rollkoffer hektisch durch den Berliner Novemberregen ziehen. Sie führen einen direkt zu den Christdemokraten.

(Bild: bento/Yannick von Eisenhart Rothe)

Im Hotel Estrel, mit 1125 Zimmern das größte Hotel Deutschlands, stellen sich die Kandidaten und die Kandidatin für den CDU-Parteivorsitz den Mitgliedern, zum letzten Mal vor dem entscheidenden Parteitag in Hamburg am 7. Dezember.

Dort trifft man erst einmal auf viel graues Haar, viel Käsekuchen und Milchkaffee. Und irgendwo dazwischen auch: diese jungen Leute.

Auch sie wollen sich heute ein Bild von Jens Spahn, Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz machen.

(Bild: bento/Yannick von Eisenhart Rothe)

In den Umfragen unter Parteimitgliedern führt Kramp-Karrenbauer deutlich. Bei den bisherigen Regionalkonferenzen konnte jedoch Friedrich Merz am meisten punkten. Besonders bei der Parteijugend ist er offenbar beliebt, die Schülerunion hat sich klar für Merz ausgesprochen, auch viele in der Jungen Union wünschen sich den Mann, der nach fast zehnjähriger Politikpause und einigen verdienten Millionen plötzlich wieder da war.

Warum ausgerechnet er, der eigentlich für Vergangenheit steht?

"Können wir uns ernsthaft vorstellen, ohne unsere europäischen Freunde, Partner, Nachbarn in das 21. Jahrhundert zu gehen?" Das hat Merz nicht 1999 gesagt, sondern auf der Regionalkonferenz in Bremen, einen Tag vor Berlin.

(Bild: bento/Yannick von Eisenhart Rothe)

Obwohl er der älteste Kandidat ist, obwohl er bereits Macht in der CDU hatte, bevor viele von ihnen überhaupt geboren waren, trauen junge CDUlerinnen und CDUler ihm die Erneuerung der Partei zu. Sie werfen ihm seine Karriere in der Wirtschaft nicht vor, sie bewundern ihn für seinen wirtschaftlichen Erfolg.

1997 stimmte er noch gegen die Anerkennung von Vergewaltigung in der Ehe als Verbrechen, heute wollen junge Frauen ihn als Parteivorsitzenden.

Am treffendsten fasst Ferdinand, 25, die Hoffnung der jungen Merz-Unterstützer zusammen:

Merz steht zwar nicht unbedingt für Erneuerung, aber für ein Zurück zu dem, was die CDU einmal war.
Ferdinand Rehder, 25

Es ist die Sehnsucht nach der alten CDU, nach der 40 Prozent plus-Partei, die Merz zum Shooting Star werden ließ. Als Merz damals ging, war die Welt noch in Ordnung – zumindest aus Sicht der jungen CDUler von heute. 

Aber ob sich das heute wiederherstellen lässt? Fraglich.

So erklären junge CDUlerinnen und CDUler, warum sie wen unterstützen:

Chiara Rubera, 19, Jura-Studentin

(Bild: bento/Yannick von Eisenhart Rothe)

Mein Favorit ist Friedrich Merz. Ich denke, dass er ziemlich "down to earth" ist, auch wenn es aufgrund seiner Aussage zur oberen Mittelschicht Negativschlagzeilen über ihn gab. Man kann ja nicht sagen: "Ich bin Oberschicht." Er hat sich halt diplomatisch ausgedrückt. Er hat Erfahrung und gute Kontakte in die Wirtschaft. Das ist wichtig für die Zukunft, Politik und Wirtschaft gehen Hand in Hand.

Ich habe ihn zweimal persönlich getroffen und er hat sich Zeit für mich genommen, obwohl er das eigentlich nicht nötig hat. Ich denke auch nicht, dass man ihm seine Politik-Pause vorwerfen kann. Durch seine Betrachtung von außen hat er neue Perspektiven gewonnen, die wertvoll sind. Vorstandsposten sind letztlich auch nur ein Beruf und jeder darf sich seinen Beruf selbst aussuchen.

Andreas von Reppert, 26, angehende Lehrkraft bei der Polizeiakademie Berlin

(Bild: bento/Yannick von Eisenhart Rothe)

Ich denke, dass Annegret Kramp-Karrenbauer aufgrund ihrer Erfahrung die beste Kandidatin ist. Für mich verkörpert sie kein "Weiter so". Sie ist zwar auf Wunsch von Merkel nach Berlin gekommen, setzt aber ihre eigenen Akzente. Zum Beispiel beim Thema Migration ist da ein klarer Kontrast zu erkennen. Bei ihrer Einstellung zur Ehe für alle hat sie meiner Meinung nach aber noch nachzuarbeiten, da stimmen wir nicht überein. In einer Volkspartei muss man aber eben ein breites Spektrum bedienen.

Friedrich Merz kommt für mich überhaupt nicht in Frage, da sage ich ganz klar Nein. Er kommt nach mehr als einem Jahrzehnt aus der Wirtschaft wieder zurück in die Politik und hat damit jetzt auf jeden Fall einen Interessenskonflikt. Jemand, der sich der oberen Mittelschicht zuordnet, obwohl er Millionär ist, ist für mich ein No Go. 

Ferdinand Rehder, 25, studiert Europastudien in Maastricht

(Bild: bento/Yannick von Eisenhart Rothe)

Ich finde Merz ganz gut. Ich schwanke zwar zwischen ihm und Kramp-Karrenbauer, denke aber, dass er das in den Vordergrund rückt, was unter Merkel ein bisschen verloren gegangen ist. Die CDU ist unter Merkel immer mehr in die Mitte und dann weiter nach links gerutscht. Ich glaube, Merz steht für eine konservativere CDU. 

Das Gute an der CDU ist, dass sie so viel ineinander vereinen kann, das betont Merz ja auch immer wieder. Liberale Standpunkte und konservative Standpunkte. 

Merkel hat in den letzten Jahren zu viele Kompromisse gemacht, wir brauchen wieder jemanden, der die Dinge ein bisschen härter angeht. Kompromisse braucht man zwar immer, die CDU ist aber zu profillos geworden. Merz steht zwar nicht unbedingt für Erneuerung, aber für ein Zurück zu dem, was die CDU einmal war.

Josephin Bretschneider, 19, Studentin der Politikwissenschaft

(Bild: bento/Yannick von Eisenhart Rothe)

Ich hab noch keinen Favoriten. Ich habe Annegret Kramp-Karrenbauer schon auf einer relativ kleinen Konferenz kennengelernt, die beiden anderen kenne ich nur aus den Medien, deshalb bin ich heute hier.

Man könnte mich heute überzeugen, indem man mir etwas Neues anbietet. Ich bin glückliches Mitglied der CDU, aber trotzdem gibt es viele Punkte, die an die heutige Zeit angepasst werden müssen, um vom aktuellen Stillstand wegzukommen. Zum Beispiel wünsche ich mir mehr Weiblichkeit in der CDU. Dafür müssen mehr Anreize geschaffen werden.

Philipp Dillmann, 20, BWL-Student, Kreisvorsitzender Charlottenburg-Wilmersdorf der Jungen Union

Ich wünsche mir Friedrich Merz als Parteivorsitzenden. Vor allem, weil ich glaube, dass er am glaubhaftesten eine Erneuerung der Partei verkaufen kann.

Viele junge Leute in der CDU sind Merz-Fans, weil sie sich nach einem wortgewandten, charismatischen Vorgesetzten sehnen. Außerdem sind junge Menschen in den meisten Parteien ja etwas extremer als der Rest. Die Junge Union ist konservativer als die CDU, da ist Friedrich Merz der passende Kandidat. Seine klare Haltung zur Migrationspolitik der Vergangenheit und seine wirtschaftliche Kompetenz zeichnen ihn aus.

Seinen Rückzug aus der Politik kann man Merz nicht vorwerfen. Jeder hat das Recht dazu, mit einer Sache aufzuhören und andere Erfahrungen zu sammeln. Was seinen finanziellen Erfolg angeht: Der darf doch kein Hindernis für ein politisches Mandat sein. Dass er in verschiedenen Aufsichtsräten gearbeitet hat, spricht doch nicht gegen ihn. Das ist in meinen Augen kein schlechterer Job als jeder andere. 


Gerechtigkeit

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Wer soll nach Angela Merkel die CDU weiterführen? Wen wünschen sich junge CDUler und CDUlerinnen an ihrer Parteispitze? Wir haben bei der letzten Regionalkonferenz vor dem Parteitag am 7. Dezember nachgefragt.

Chiara Rubera, 19, Jura-Studentin