Bild: Harald Tittel/dpa
100.000 Mitglieder – 100.000 Meinungen?

Annegret Kramp-Karrenbauer schmeißt hin. Am Montag kündigte sie auf einer CDU-Präsidiumssitzung ihren Verzicht auf eine Kanzlerkandidatur und gleichzeitig den Rücktritt vom CDU-Vorsitz an (SPIEGEL). Der Rücktritt kommt als Nachwehe der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen – dort hatten CDU-Mitglieder gemeinsam mit AfD-Politikern für einen FDP-Kandidaten gestimmt (bento). 

Zum Sommer will Annegret Kramp-Karrenbauer den Prozess der Kanzlerkandidatur organisieren und dann den Vorsitz abgeben. Die Konservativen stehen damit vor einem ähnlichen Problem wie jüngst noch ihre Koalitionspartner: Die SPD hatte nach einer 152 Tage dauernden Castingtour eine neue Doppelspitze gewählt. Für die Sieger hatten maßgeblich die Jusos getrommelt, Juso-Chef Kevin Kühnert wurde als Strippenzieher gefeiert (bento). 

Kann die Junge Union ein ähnlicher Königsmacher sein? Und wenn ja: Wen favorisiert der CDU-Nachwuchs?

Mit mehr als 100.000 Mitgliedern ist die Junge Union der größte politische Jugendverband in Deutschland. Auf diese Größe bildet sich die Partei viel ein. Wann immer man CDU-Politiker zu "Fridays for Future" befragt, verweisen sie darauf, dass die Junge Union mehr Mitglieder als die gesamten Grünen habe. 

Doch steckt hinter der schieren Größe auch eine reale Wirkmacht?

Wer in den vergangenen Monaten JU-Veranstaltungen besucht hat, kam an einem Namen nicht vorbei: Friedrich Merz. Der Ex-Fraktionsvorsitzende unterlag 2018 bei der Wahl zum Parteivorsitz und gilt als Erzrivale von Annegret Kramp-Karrenbauer. Auf JU-Veranstaltungen schenken sie ihm Standing Ovations und "Kanzler"-Sprechchöre, bei vielen Jungen gilt ausgerechnet der 64-Jährige als große Hoffnung.

Fragt man jedoch führende JU-Mitglieder, sieht die Sache anders aus, plötzlich werden auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet oder Gesundheitsminister Jens Spahn genannt. 

Das Einzige, was die Junge Union in der Frage um den CDU-Parteivorsitz eint: Uneinigkeit.

"Natürlich hat Friedrich Merz gute Chancen, genauso wie Jens Spahn, der ist der JU sehr nah. Aber Armin Laschet hat einen guten Rückhalt von der Jungen Union in Nordrhein-Westfalen", fasst es Fridericke Jähnichen von der JU Baden-Würrtemberg zusammen. Zahlreiche führende Mitglieder ihres Landesverbands hatten im Herbst 2018 ihre Unterstützung für Merz bekundet – diese hätte er wohl auch weiterhin.

Wiebke Winter, Vorsitzende der JU Bremen, bezeichnet sich hingegen als Gegnerin von Merz. "Mich als junge Frau spricht er nicht an", sagte die 23-Jährige zu bento. Dass nach Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer erneut eine Frau den Parteivorsitz übernehmen könnte, scheint allerdings ausgeschlossen. Momentan sehe sie keine Frau, die den Posten übernehmen könne. Ein Problem, sagt sie, das aber auch nicht so schnell zu ändern sei.

Aus dem Bundesvorstand wollte sich am Montag auf bento-Nachfrage niemand zum CDU-Personaltableau äußern. Die Ereignisse seien noch zu frisch. Das ist vielleicht der entscheidende Unterschied zwischen den Parteijungen: 

Während bei der Jungen Union noch über eine gemeinsame Strategie gegrübelt wird, hätte Juso-Chef Kevin Kühnert schon drei Tweets rausgehauen. 

Hinter dieser unterschiedlichen Herangehensweise steht die Frage, wie Politik im Deutschland des 21. Jahrhunderts aussehen soll: parteistrategisch, auf den maximalen Konsens hin ausbalanciert – oder individualistisch, auch mal mit der Gefahr auf Krawall. Bei den Jusos fährt man mit Krawall traditionell gut, Gerhard Schröder hat es vom Vorstand bis zum Kanzler geschafft. Bei der Jungen Union hingegen kommt man offenbar mit leisen Tönen weiter: Paul Ziemiak fiel als JU-Chef kaum auf, ist heute aber Generalsekretär der CDU.

Ziemiaks Nachfolger Tilman Kuban scheint das verinnerlicht zu haben – und fährt einen Schlingerkurs. Der 32-Jährige attestierte Spahn in einem "Zeit"-Interview, dass der "das Zeug" zum Kanzler habe, an anderer Stelle lobte er Merz und wünscht sich für ihn mindestens einen Posten in der aktuellen Regierung, später rügte er Merz für dessen Regierungskritik. Auf die Frage, wer bei CDU und CSU Führungsformat habe, zählte Kuban schließlich dem Sender n-tv gleich fünf Namen auf: Spahn, Merz, Söder, Laschet oder auch Annegret Kramp-Karrenbauer, "die Liste ist sicherlich verlängerbar".

Diese Haltung überträgt sich auf die gesamte Junge Union. Michael Beneke, 19, ist Landesvorsitzender der Schüler Union in Sachsen-Anhalt, für die Junge Union in der Altmark aktiv – und Fan von Jens Spahn. Hört man ihm zu, kommt er aus dem Schwärmen gar nicht mehr raus, egal, ob es um die Gesetze geht, die er als Gesundheitsminister voranbringe, die Debatten, die er anstoße oder die "jungen Ideen", die er in den CDU-Vorstand trage.

Doch fragt man Michael nach seiner Meinung zu Friedrich Merz, dann findet er genauso lobende Worte. Auch Merz bringe frische Ideen mit, er sei ein Visionär, wie für Spahn gebe es auch für ihn große Sympathien in der Jungen Union. Entschieden ist Michael vor allem in der Frage nach dem Wie: 

„Wir dürfen uns nicht so einen Kampf wie die SPD leisten, die Stärke der Union war immer ihre Geschlossenheit.“
Michael Beneke

Das Problem: Wenn sich alle immer einig sind, entsteht keine Debatte, entsteht auch kein Ringen um die besten Ideen. 

Glaubt Michael, dass die Junge Union in den kommenden Monaten ein Bekenntnis zu einem möglichen Kandidaten ausspricht? Eher nicht, dafür habe die JU zu viele unabhängige Köpfe. Sollte es doch eine Empfehlung von Seiten der Parteijugend geben, "dann wird das lange und klug durchdacht." 

Selbst Wiebke Winter, die JU-Vorsitzende aus Bremen und erklärte Gegnerin von Friedrich Merz, will sich dem JU-Vorstand nicht in den Weg stellen, sollte es hart auf hart kommen: "Wenn wir uns für einen Kandidaten aussprechen, werde ich diesen auch im Namen der Jungen Union vertreten. Dafür sind wir eine Partei."

Doch egal, mit wem man in der Jungen Union spricht, nach kurzer Zeit fällt immer noch ein weiterer Name: Markus Söder.

Der CSU-Chef kann zwar nicht CDU-Vorsitzender werden. Als Kanzlerkandidaten können ihn sich jedoch einige Mitglieder der Jungen Union vorstellen. "Söder hat in Bayern gezeigt, dass er Klimaschutz und Umweltschutz kann", sagt Michael von der Schüler Union, "er ist ein Mann mit Zukunftsthemen".

Und auch Wiebke hält den Bayern nicht für die schlechteste Wahl, schon allein, damit ihre eigene Partei erst mal zur Ruhe kommt:

„Ich kann mir auch vorstellen, dass die CDU momentan erst einmal ein Backup gebrauchen könnte.“
Wiebke Winter

Mit Söder als gemeinsamem Kanzlerkandidaten fiele Druck von der Position des künftigen Parteivorsitzenden. Wer auch immer neuer Vorsitzender wird, könnte sich dann erst mal auf die wohl wichtigste Aufgabe innerhalb der CDU konzentrieren: den Laden zusammenzuhalten.


Uni und Arbeit

Mein Dozent belästigt mich – was tun?
Wie du reagieren kannst und wo du an der Uni Hilfe findest

Studierende sind von ihren Professorinnen und Dozenten abhängig – von ihrer Benotung, ihrer Gunst (SPIEGEL).

Doch was, wenn eine Lehrperson eine Studentin oder einen Studenten belästigt?

Egal, ob es nur um eine vermeintlich harmlose Anmache geht oder dir jemand körperlich zu nahe kommt: Wenn du es nicht willst, ist es unangenehm und falsch.

"Von sexueller Belästigung sind alle Geschlechter betroffen, also sowohl weibliche als auch männliche und trans*- sowie intergeschlechtliche Menschen", heißt es in einem Gutachten zu sexueller Belästigung im Hochschulkontext der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Die meisten Betroffenen sind Frauen, da sind sich Expertinnen und Forscher einig. Doch gerade bei Männern wird eine hohe Dunkelziffer vermutet.

Genaue Zahlen sind schwer zu erheben: Viele Studierende melden die Situation nicht, sondern weichen dem Problem aus, indem sie das Seminar oder gar die Uni wechseln.

Aber was, wenn ein Wechsel nicht möglich ist? Wenn das Seminar zum Beispiel verpflichtend ist und nur dieser Dozent es anbietet? Und überhaupt: Warum muss denn die Betroffene oder der Betroffene die Person sein, die Konsequenzen zieht?

Wie kann ich reagieren, wenn mich der Dozent an der Uni belästigt?