Es scheint, als hätte die Union die junge Generation endgültig verloren. Erst mit den Diskussionen um Artikel 13, dann beim Kleinreden der Klimaproteste, schließlich mit den verheerenden Reaktionen auf das Rezo-Video – immer wieder gibt es Konfliktpotenzial, immer wieder versagen CDU und CSU in der Kommunikation mit den Jungen. Bei der Europawahl stimmten gerade einmal elf Prozent der Erstwählerinnen und Erstwähler für die Union (bento).

Doch anstatt die Probleme ernst zu nehmen, entfernt sich die Parteispitze nur immer weiter von der Lebenswelt der Jüngeren. In einer internen Wahlanalyse wird die Schuld am desaströsen Ergebnis zum Teil der eigenen Parteijugend zugeschrieben (Welt), anschließend irritiert die Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer mit Aussagen zu "Regeln im digitalen Bereich" (SPIEGEL ONLINE). Das klingt, als wolle sie die Meinungsäußerung im Internet einschränken, weil mehr als 80 YouTuber dazu aufgerufen haben, nicht die CDU zu wählen. 

Wir haben mit jungen CDU-Mitgliedern gesprochen und sie gefragt, wie sie die letzten Wochen erlebt und welche Meinung sie zu den Äußerungen von Annegret Kramp-Karrenbauer haben.

Lukas, 33, CDU-Abgeordneter des Landtages Schleswig-Holstein:

(Bild: Privat)

"Das Rezo-Video an sich hat mich überrascht. Aber Überraschungen gehören im Wahlkampf dazu. Erschrocken hat mich die 'Nicht-Reaktion' der Partei. Wir sind in ein tagelanges Stolpern geraten, bis wir schließlich hingefallen sind.

Man hat da einen Generationen-Konflikt gespürt: Die einen haben gesagt, das seien nur ein paar Leute im Internet. Jüngeren wurde schnell klar, dass mehrere Millionen Klicks eine gewaltige Welle sind. Dann wurde diskutiert ob und wie man reagiert. Und genau das kann man kritisieren: Man kann nicht nach Tagen mit einer elfseitigen Hausarbeit im PDF-Format reagieren.

„Glaubwürdigkeit in der Politik gewinnt man dadurch, dass man auch mal Schwächen eingesteht.“

Wir haben alle denkbar möglichen Fehler gemacht: Es wurde eine Antwort angekündigt, die nicht kam. Es wurde viel zu spät reagiert. Es wurde beleidigt. Es gab eine 'Von-oben-herab'-Kommunikation, die sich selbst jetzt noch fortsetzt.

Die Ansichten von Annegret Kramp-Karrenbauer zur Meinungsmache von YouTubern vor Wahlen teile ich nicht. Die CDU muss erst einmal erkennen, dass es berechtigte Kritik an der CDU gibt.

YouTuber sind keine Ober-Journalisten, die ein Medium herausgeben. Sie sind Digital-Prominente, die eine Wahlempfehlung gegeben haben. Da hilft es nicht, sich jammernd in die Ecke zu verziehen und zu sagen, das sei alles unfair. Man muss die Kritik aushalten und sich damit auseinandersetzen.

Wir müssen eine digitale Strategie entwerfen, damit die Partei nicht bei jedem Tweet oder Video in Panik ausbricht. Wir brauchen eine gewisse Gelassenheit.

Die CDU muss sich in vielen Bereichen modernisieren, um weiter attraktiv zu sein. Wir haben nicht das Ende der CDU erreicht, aber wir müssen uns eingestehen, dass wir im vergangenen Dreivierteljahr junge Menschen unfassbar verprellt haben. 

Wir haben viele kluge Menschen in der Partei, die diesen Warnschuss ernst nehmen. Die Jungen in der CDU müssen lauter werden, um deutlich zu machen: Das darf so nicht noch einmal passieren."

Antonia, 28, Vorsitzende der Jungen Union Hamburg

(Bild: Christian Ströder)

"Was mich am Rezo-Video überrascht und nachdenklich gemacht hat, war, dass so viele Leute ohne Überprüfung der Fakten einem Video einfach glauben. Bisher war ich sicher, dass man solchen Informationen erst einmal skeptisch gegenübersteht. Hier wurde die Emotionalität der Nutzer ausgenutzt. 

Es ging bei diesem und auch dem folgenden Video der mehr als 80 YouTuber nicht um die Umwelt, sondern wohl um einen Denkzettel.

„Wie dann meine Partei darauf reagiert hat, ist für mich schlichtweg katastrophal.“

Wir in der Jungen Union haben uns stark gegen Artikel 13 eingesetzt. Aber viele Funktionsträger waren beratungsresistent und haben mit Arroganz auf uns herabgeschaut.

Es ist für mich als JUlerin ein Schlag ins Gesicht, dass uns nun die Schuld am Wahldebakel in die Schuhe geschoben wurde. Da merkt man, dass diese Wahlanalyse aus der sprichwörtlichen Berliner Blase kommt. 

Ich denke, es geht erst einmal darum Vertrauen wieder aufzubauen in der Bevölkerung. Denn dass Deutschland in so einer guten Lage ist, das ist zu großen Teilen der CDU zu verdanken. Damit möchte ich aber nicht sagen, dass wir ein Dankschön erwarten. 

Nach dem Rezo-Video hätte ich mir eine viel schnellere Reaktion gewünscht. Eine Gegenüberstellung mit Fakten durch jemanden von uns, am besten ein junges sympathisches Mitglied aus der Mitte der Partei. Außerdem hätte man sofort eine persönliche Kommunikation mit Rezo aufnehmen müssen und ihn nicht erst Tage später einladen sollen. 

Mit ihren jetzigen Aussagen über Meinungsäußerungen liegt Annegret Kramp-Karrenbauer meines Erachtens nach falsch – und ich finde es sehr bedauerlich, dass wir direkt die nächsten Negativschlagzeilen produzieren. Ich empfinde das als Belastung für die Partei. Beim Krisenmanagement im Konrad-Adenauer-Haus ist der Wurm drin."

Marc, 29, ist CDU-Mitglied in Frankfurt:

(Bild: Privat)

"Mein 25-jähriger Kollege hat mir das Video von Rezo vergangene Woche mitten in der Nacht geschickt. Das ginge voll ab, sagte er, ich hatte noch nichts davon mitbekommen. In der Mittagspause am nächsten Tag haben wir dann darüber diskutiert. Er sagte mir, es seien genau die Themen, die ihn bewegten – in einer lockeren Jugendsprache rübergebracht.

Dann habe ich mich als CDU-Mitglied geoutet. Ich finde das Video nicht schlecht, es regt zu Diskussionen an. Auch wenn ich nicht nachvollziehen kann, warum sich Rezo auf die CDU einschießt und Parteien wie Grüne, Linke und die FDP gar nicht erwähnt.

„Die CDU ist nicht alleine schuld an unserem zerstörten Klima.“

Mein Kollege argumentierte, dass skandinavische Länder viel fortschrittlicher seien. Darauf entgegnete ich: Weißt du eigentlich, dass Norwegen seinen Wohlstand auch der Erdöl-Produktion zu verdanken hat? Über die Reaktion zu dem Video aus der Partei kann ich nur mit dem Kopf schütteln.

Die CDU reagiert mit einem altmodischen, elfseitigen Papier auf das Video und Annegret Kramp-Karrenbauer will Rezo den Mund verbieten. Wie kann man so schlecht beraten sein? Ich habe das Gefühl, sie verstehen YouTube überhaupt nicht.

Zwar hat Annegret Kramp-Karrenbauer den 33-jährigen Paul Ziemiak zum Generalsekretär gemacht, aber trotzdem schafft sie es nicht, junge Themen aufzugreifen – zum Beispiel die Klimapolitik. Ja, bestimmt ist die CDU verstaubter und konservativer, aber es gibt genügend junge Leute in der Partei, denen man einfach mal zuhören müsste – damit meine ich nicht Philipp Amthor.

Ich bin in die CDU eingetreten, weil ich kommunalpolitisch von der Partei überzeugt war. Ich komme aus einem Ort in Ostwestfalen, in dem die CDU es geschafft hat, die Wirtschaft zu stärken und keine Schulden zu machen. Bundespolitisch bin ich gerade eher enttäuscht."


Gerechtigkeit

Junge Wählerinnen und Wähler erklären den Hype um Die Partei: "Ich nehme ihnen ab, dass sie das ehrlich meinen"

Neun Prozent aller Erstwähler haben laut einer ARD-Umfrage bei der Europawahl eine Satirepartei gewählt: Die Partei ist bei ihnen stärker als die SPD. Insgesamt konnte Die Partei mit Martin Sonneborn und Nico Semsrott ihren Stimmenanteil auf mehr als 2,4 Prozent verdreifachen – und sitzt künftig mit den beiden Satirikern im Europaparlament. Einen weiteren Sitz verpasste die Partei nur knapp.

Doch wofür steht die Partei wirklich? Und was erhoffen sich so viele junge Menschen von ihr?

Viele Menschen fragen sich das nach der Europawahl. Nicht nur die fehlende Nominierung von Frauen (bento) auf einem der vorderen beiden Plätzen sorgt für Kritik. Auch dass Parteichef Martin Sonneborn in den vergangenen fünf Jahren abwechselnd mit Ja und Nein stimmte, findet nicht jeder lustig, auch wenn Sonneborn verteidigend auf seine Rolle bei wichtigen Entscheidungen hinweist. Ist Satire in einem Parlament ein Privileg, das man sich nur leisten kann, wenn man Probleme nicht ernst nimmt? Oder garantiert Die Partei Aufmerksamkeit für Themen, die es sonst schwer hätten – gerade weil sie von Satirikern geführt wird?

Wir haben mit drei jungen Menschen gesprochen, die sagen, dass sie Die Partei gewählt haben – und sie dabei auch mit der Kritik an der Partei konfrontiert. Das haben sie geantwortet:

Sören, 28, angehender Lehrer