Bild: dpa
Seit mehr als vier Monaten lebt der 22-jährige Johannes in einer Eiche im Ruhrgebiet, damit sie nicht für ein Neubaugebiet gefällt wird.

Eine Eiche steht in Castrop-Rauxel, seit 250 Jahren. Kein Sturm, kein Krieg, kein Klimawandel konnte ihr etwas anhaben. Sie wuchs in die Höhe, 30 Meter, vielleicht 40, die Äste und Zweige ähnelten immer mehr den Nervenbahnen eines Gehirns. Nun lebt Johannes in dem Baum. Ohne ihn wäre die Eiche längst fort. Ohne ihn wären auch die Menschen längst fort, die seit Monaten vor der Eiche wachen. 

Ohne Johannes würden die Bürgerinnen und Bürger in Castrop-Rauxel nicht so sehr darüber diskutieren, was eigentlich wichtiger ist: Neue Häuser oder Umweltschutz? Investor- oder Bürgerinteressen? 

Johannes ist 22. Nach dem Abitur verlässt er seine Heimat, eine Kleinstadt bei Krefeld, und fliegt nach Neuseeland. Dort schläft er zwei Jahre im Auto oder im Zelt, macht kleine Jobs. Nach seiner Rückkehr schließt er sich dem Protest um den Hambacher Forst an. Wie andere Bewohner auch legt er sich einen zweiten Namen zu. HambiPotter nennt er sich fortan, trägt einen Mantel mit dem Gryffindor-Wappen und einer spitzen Kapuze. Im September 2019 hört er von der alten Eiche in Castrop-Rauxel. 

Wie Johannes in der Eiche lebt

Castrop-Rauxel hat 75.000 Einwohnern und liegt nordwestlich von Dortmund. Auf fast 40 000 vor sich hinwildernden Quadratmetern will ein Investor 70 Häuser bauen. Im April 2019 hat der Stadtrat den Bebauungsplan mit 37 zu 12 Stimmen genehmigt. SPD, CDU und FDP sind dafür, Grüne, Linke und "Freie Wähler Initiative" (FWI) sind dagegen. Für das Projekt will der Investor auch den Baum fällen, der mittlerweile nur noch "die alte Eiche" genannt wird. Alle Versuche, das zu verhindern, sind gescheitert. Ein Bürgerbegehren mit 6000 Unterschriften lässt die Stadt nicht zu. Dem Verein "Rettet die alte Eiche" läuft die Zeit davon. Ab 1. Oktober 2019 darf der Investor Dreigrund aus Herne den Baum fällen. Doch vorher kommt Johannes.

 Am Vorabend, kurz vor Mitternacht, klettert er auf den Baum, befestigt seine Hängematte in zehn Metern Höhe und legt sich hinein mit seinem Schlafsack. Noch in der Nacht steht die Polizei unter der Eiche und fordert ihn auf, wieder herunterzukommen, berichtet er. Doch Johannes bleibt. Morgens rückt der Baumfälltrupp an, sieht Johannes im Baum und zieht wieder ab.

Johannes und die Rentner

Mehr als vier Monate später steht die Eiche noch immer, Johannes ist noch immer da oben, mit Regenplane über der Hängematte. "Ich weiche nicht von dieser Eiche und werde mich auch weiterhin dafür einsetzen, dass Natur nicht platt gemacht wird", sagt er. Langeweile habe er nicht. Er hat das Grundgesetz dort oben, das Strafgesetzbuch und die Bibel, er liest Artengutachten und Bebauungspläne, er hält die Social-Media-Kanäle der alten Eiche aktuell. 

(Bild: Fabian Strauch/dpa)

Ohne Verbündete hätte er längst aufgeben müssen. Die Mitglieder von "Rettet die alte Eiche" haben in den ersten Wochen der Besetzung eine Mahnwache vor dem Baum abgehalten, im Schichtdienst, Tag und Nacht, weil es nur dann als Mahnwache gilt. Von dort aus versorgten sie Johannes mit Essen und Trinken. Dann aber drohte der Investor mit Anzeigen wegen Hausfriedensbruch.

Seitdem sitzen sie tagsüber mit Funkgerät ein paar Meter weiter in der Gartenlaube eines Anwohners. An den Wänden der Laube hängen Bundesliga-Stecktabellen und ein Glück-auf-Schal von Schalke 04. Trotz Elektroheizung fangen die Füße nach einer Weile an zu frieren. Es sind Senioren wie Dieter, der vom Protest in der Zeitung las und aus dem benachbarten Waltrop mit dem Fahrrad aufbrach. Oder Ursula, die am anderen Ende der Stadt wohnt und im April die erste Ratssitzung ihres Lebens besuchte, als der Bebauungsplan genehmigt wurde. Sie ist schockiert, wie wenig die Stadt den Bürgerwillen berücksichtigt. Viele Mitglieder des Vereins haben sich vorher nicht politisch engagiert. 

Genaugenommen müsste Johannes gerade nicht im Baum sitzen. Gleich am ersten Oktober reichte der "Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland" (BUND) Klage beim Verwaltungsgericht Gelsenkirchen gegen die Fällgenehmigung der Stadt ein. Bis das entschieden hat, darf der Baum bleiben. Aber Johannes ist niemand, der Investoren traut. Nur gelegentlich seilt er sich ab und klettert über den Bauzaun, der mittlerweile das gesamte Gelände umgibt. Manchmal besucht er Freunde in anderen Städten.

Der Baum prägt die Lokalpolitik

Johannes' großer Vorteil ist, dass seine Position viele Sympathien weckt. Ein 250 Jahre alter Baum, der für ein Neubaugebiet fallen soll, und dann klettert noch jemand in den Baum, um ihn zu retten – zumal sich Castrop-Rauxel auch noch "Europastadt im Grünen" nennt. Selbst der Bürgermeister, Rajko Kravanja (SPD), dem sehr am Bauprojekt gelegen ist, spricht von Johannes' "bürgerschaftlichem Engagement."

Die Gegenseite, also der Investor, hat es da schwerer. Klar, neuer Wohnraum ist immer gut, aber Castrop-Rauxel ist nicht Kreuzberg, die Einwohnerzahl sinkt leicht. Vielleicht ist das der Grund, warum er sich in der Öffentlichkeit kaum äußert. Auf eine Interviewanfrage reagierte er nicht. 

Vor einigen Monaten hat er sich immerhin geäußert. Ende Oktober meldete sich der Bürgermeister in einem offenen Brief zu Wort. Vertreter von "Rettet die alte Eiche" und des BUND seien bereit, den Grundstückseigentümern die notwendigen Flächen zum Erhalt der Eiche abzukaufen. "Im Rahmen eines  persönlichen Gesprächs wurde ich gebeten, dieses ernsthafte Anliegen zu übermitteln." Der Investor reagierte darauf mit einem Brief an den Bürgermeister. "Dies scheint uns mehr Kommunalwahlkampf als ein ernst gemeinter Vermittlungsversuch zu sein." Ein Verkauf der Fläche würde eine Entwässerung und Erschließung des gesamten Plangebiets unmöglich machen, behauptet er – was die Baumretter bestreiten. Johannes' Aktion nannte er eine "illegale Besetzung des in unserem Eigentum stehenden Geländes".

Ab März dürfte die Eiche nicht gefällt werden

Damit er loslegen kann, hat der Investor vor wenigen Tagen beim Verwaltungsgericht Gelsenkirchen einen Eilantrag eingereicht. Kommt er damit durch, darf er die Eiche sofort entfernen. Das allerdings nur bis Ende Februar, denn von März bis Ende September dürfen Bäume wegen des Tierschutzes nicht gefällt werden. "Die Investoren wollen das jetzt noch mit aller Macht durchboxen", sagt Johannes. Doch bevor der Investor im Oktober wieder an den Baum randürfte, sind Kommunalwahlen. "Der Baum wird eine mächtige Rolle spielen, erhalten oder gefällt", sagt Annette Korte, Fraktionsvorsitzende der FWI Castrop-Rauxel.

Bert Wagener, Fraktionsvorsitzender der Grünen, kündigt an, Bürgerbeteiligung zu einem Wahlkampfthema zu machen. Das ist für ihn die große Frage, die hinter dem Baum steht: Was zählt Bürgerinteresse? Johannes sagt, den Bürgern werde klar, welchen Einfluss sie haben, wenn sie wollen. Bürgermeister Kravanja sagt: "Ich halte einen Konsens für erstrebenswert, bei dem die Eiche stehenbleibt." 

Die Leute vom Eichenrettungsverein wollen auch weitermachen, wenn das Thema Eiche durch ist. Sich einbringen, wo es um Bürgerbeteiligung geht. Johannes weiß noch nicht, ob er gleich am ersten März wieder vom Baum klettern und was er dann machen wird. Die Stadt verlassen jedenfalls nicht. Eine Ausbildung zum Baumpfleger und zum Rettungssanitäter möchte er absolvieren, ist aber auch für evangelische Theologie eingeschrieben. Von seiner Eiche aus kann er Datteln 4 sehen, das umstrittene Steinkohlekraftwerk, das im Sommer in Betrieb gehen soll. Bei Protesten war er schon inkognito dort.


Gerechtigkeit

Ey, was redet der?
Trendforscher glauben, Millennials und Boomer hätten keine gemeinsamen Werte und Worte mehr. Was heißt das für eine Gesellschaft?

Sprache ist immer im Wandel. Und immer ein Spiegel der Generationen: Was einst knorke war, war kurze Zeit später urst, dann cool. Heute ist es nice. Und immer haben sich Generationen mit ihren Jugendworten von den Alten abgegrenzt.

Das Problem ist: Heute ist längst nicht mehr alles cool zwischen jenen, die "nice" und "urst" sagen. 

Die Generation der Babyboomer, jene von Mitte der Vierziger- bis etwa Mitte der Sechzigerjahre Geborenen – jene, die noch "urst" sagten – haben sich in Wohlstand und Luxus eingerichtet. Sie hielten ihre Kinder und Enkel lange für unpolitisch und ich-bezogen. Die Kinder und Enkel, das sind die Millennials, geboren zwischen 1980 und 1997, und die noch jüngere Generation Z. Und statt nur sich selbst, wollen sie nicht weniger als die Welt retten.

Millennials und Boomer haben keine gemeinsame Sprache mehr

Um wirklich etwas zu verändern, brauchen die Jungen jedoch die Alten, allein sind sie zu wenige (Statistisches Bundesamt). Was aber tun, wenn man sich nicht mehr versteht? Das meint zumindest eine neue Erhebung zu erkennen – anhand von ausgewerteten Debatten im Netz. 

Der Werte-Index 2020 untersucht, wie traditionelle Wertebegriffe in Postings und Kommentaren an Bedeutung gewinnen oder verlieren – und wie einzelne Nutzerinnen und Nutzer die Werte für sich definieren. Das Ziel: ein Versuch der Generationenlese. Es geht also nicht darum, ob jemand "nice" oder "urst" sagt, sondern darum, was er oder sie unter Begriffen wie "Familie" und "Natur" versteht. Es geht um Werte, über die wir uns gefühlt alle einig sind – und die doch ganz anders mit Bedeutung aufgeladen werden können. Der Werte-Index 2020 wird am Dienstag offiziell vorgestellt, bento konnte das Ergebnis vorab einsehen.

Insgesamt haben die Herausgeber des Werte-Index 3000 Netzadressen herangezogen, Instagram, Facebook und Twitter sind dabei, aber auch Blogs und Newsseiten wie der SPIEGEL. Die Kommentare auf den Seiten wurden nach bestimmten Wertebegriffen wie "Familie" oder "Sicherheit" gescannt – aus den Millionen gesammelten Posts analysierten die Forscher eine zufällig generierte Auswahl. Sprich: Sie mussten sich jeden der ausgewählten Kommentar durchlesen und interpretieren. 

Was steht im Werte-Index 2020?

Generationenübergreifend ist allen Deutschen "Gesundheit" der wichtigste Wert, gefolgt von "Familie" und "Erfolg". Stark abgesackt ist der Wert "Natur" – der noch vor zwei Jahren die Spitzenposition innehatte und nun auf Platz 7 im Ranking landete. Besonders überraschend: Vermeintliche "Trendwerte" wie "Gerechtigkeit" und "Nachhaltigkeit" liegen auf Platz 9 und 10.