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Die Kapitänin Carola Rackete steht in Italien unter Hausarrest, weil sie mit dem Seenotrettungsschiff "Sea-Watch 3" und 40 Geflüchteten an Bord im italienischen Hafen von Lampedusa anlegte. 

Dass sie Menschenleben gerettet hat, macht Carola Rackete für die einen zur Heldin, andere sehen sie als Verbrecherin und verbreiten nun wilde Verschwörungstheorien über sie im Netz. 

Wir haben uns diese mal genauer angesehen.

Wird sie von der Rüstungsindustrie finanziert?

Die "Sea-Watch 3" war noch nicht in den Hafen von Lampedusa eingelaufen, da ließ sich der italienische Innenminister Matteo Salvini bereits über die Kapitänin Carola Rackete aus: Eine "kleine Angeberin" nannte er sie in einem Livestream auf Facebook. Sie mache Politik auf dem Buckel von Migranten und werde dafür von "wem auch immer" bezahlt, so Salvini. (SPIEGEL ONLINE)

Für einige rechte italienische Medien war schnell klar, woher das Geld der Seenotretterin stammen soll: Von Racketes angeblich wohlhabenden Vater, der in der Rüstungsindustrie reich geworden sei. Auf einem mittlerweile gelöschten Linkedin-Profil von Ekkehard Rackete war angegeben, er sei Berater bei dem Rüstungskonzern "Mehler Engineered Defense". 

Diese Meldungen verbreiteten sich auch auf deutschen Webseiten und Blogs. Auf "Watergate.tv", einem Portal für rechte Verschwörungstheoretiker, wird der Vater kurzerhand zum "Waffenhändler" erklärt und behauptet, die Militärindustrie profitiere von "illegaler Migration". 

Fakt ist: Ekkehard Rackete ist ehemaliger Oberstleutnant der Bundeswehr – und "Mehler Engineered Defense" kein Waffenexporteur. Das Unternehmen stellt laut eigener Beschreibung lediglich Schutzsysteme für den militärischen und zivilen Bereich her. 

Die österreichische Webseite "unzensuriert.at" stellt außerdem die Vermutung auf, dass Carola Racketes Tätigkeit in der Seenotrettung "maßgeblich vom Vater mitfinanziert" werde. Die Seite beruft sich dabei auf ein Interview der italienischen Zeitung "Corriere della Sera" mit Ekkehard Rackete. Im gleichen Interview sagte der Vater jedoch auch, dass seine Tochter selbst genug verdient habe, um ihre Freiwilligenarbeit zu finanzieren.

Hätte "Sea-Watch" die Geretteten nach Nordafrika zurückbringen müssen?

"Watergate.tv" schreibt, die "Sea-Watch 3" habe die 40 Geflüchteten "unmittelbar vor der Küste Libyens" aufgenommen, und suggeriert damit, sie hätten sich noch in libyschen Hoheitsgewässern befunden. Nach Angaben von "Sea-Watch" wurden die Migranten jedoch etwa 87 Kilometer vor der Küste aus dem Wasser gerettet, also in internationalen Gewässern. (stern.de)

Von verschiedenen rechten Medien kommt die Forderung, gerettete Migranten einfach in den nächsten Hafen zu bringen – also nach Libyen oder Tunesien. 

Rettungsorganisationen wie "Sea-Watch" weigern sich, diese Häfen anzufahren, und berufen sich dabei auf das Seerecht. Gemäß dem "Internationalen Übereinkommen von 1974 zum Schutz des menschlichen Lebens auf See" (IMO) müssen Gerettete zu einem "sicheren Ort" gebracht werden. 

In Libyen herrscht Bürgerkrieg, Geflüchtete werden in Gefangenenlager gesteckt, wo ihnen Folter und Vergewaltigung droht (SPIEGEL ONLINE). Die Geretteten hierhin zurückzubringen wäre sogar rechtswidrig. Und auch in Tunesien sind laut NGOs Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung, noch immer hat Deutschland Tunesien nicht als sicheres Herkunftsland eingestuft. 

Aus Sicht von "Sea-Watch" war der etwa 200 Kilometer entfernte Hafen von Lampedusa deshalb der nächste sichere Ort, an den man die geretteten Migranten bringen konnte. Nach der 16-tägigen Odysee im Mittelmeer, währenddessen sich kein Land dazu bereiterklärte, das Schiff an Land zu lassen, erklärte Carola Rackete schließlich den Seenotfall, setzte sich über die Anweisungen der italienischen Küstenwache hinweg und fuhr den Hafen von Lampedusa an.

Bringen Seenotretter wie Carola Rackete Menschen überhaupt erst dazu, die gefährliche Reise über das Mittelmeer zu wagen?

Auch diese These ist auf rechten Blogs weit verbreitet, doch erwiesen ist sie keineswegs. 

In diesem Jahr gab es Zeiten, zu denen so gut wie keine Schiffe von privaten Seenotrettern auf dem Mittelmeer unterwegs waren – aufgrund des starken politischen Drucks durch die italienische Regierung, die auch mehrfach Schiffe beschlagnahmte. Mehr als 29.000 Menschen wagten in diesem Jahr dennoch die Überfahrt. Knapp 600 von ihnen überlebten sie nicht. (IOM)



Gerechtigkeit

Macht ein Kreuzchen im Wutkalender: Die Burkinidebatte ist wieder da!
Was die islamophobe Erregungskultur über unser Land verrät.

Es gab Zeiten, da waren die dramatischsten Themen während des Sommerlochs entflogene Papageien, die Wasserqualität von Badeseen oder auch mal ein einsamer Braunbär. Seit einigen Jahren wird das Sommerloch jedoch verlässlich mit einem ganz anderen Thema befüllt: dem Burkini.

Ein Burkini ist eigentlich nichts anderes als ein Neoprenanzug. Gläubige Muslima tragen ihn, um damit auch verhüllt schwimmen zu können. Islamophobe sehen darin den Untergang des Abendlandes, die rechtspopulistische AfD druckt gar Bikinifotos auf ihre Wahlplakate, um für das vermeintlich richtige Maß an Nacktheit zu werben.

Auch in diesem Sommer glüht die Burkini-Debatte wieder – mit Vorfällen von Baden-Württemberg bis Sachsen.

Im "Aquadrom" in Hockenheim soll eine junge Burkiniträgerin des Beckens verwiesen worden sein, weil von ihrem Reißverschluss eine "Verletzungsgefahr" ausgehe. So schildert sie es in einem wütenden Rant auf Instagram. "Eine blonde Lisa darf mit Bikini ins Wasser", aber sie nicht – obwohl sie nicht weniger deutsch sei. Einen ähnlichen Vorfall gab es schon im vergangenen Jahr im gleichen Bad.

Im sächsichen Reichenbach hingegen wurde ein Mädchen des Beckens verwiesen, weil es ein kurzärmeliges Badeshirt trug. Die Stadtverwaltung verweist gegenüber der "Bild" auf Schutz vor Keimen. Die AfD nutzt das Thema in Facebook-Posts zum Wutausbruch: Deutsche Mädchen dürften nicht im Shirt schwimmen, aber Muslima in Ganzkörperanzügen!

Tatsächlich hatte das Oberverwaltungsgericht Koblenz gerade Burkini-Verboten eine Absage erteilt. Die Teile sind also ausdrücklich erlaubt.

  • Das Problem: Der Streit um Verbot und Erlaubnis des Burkinis ist nicht neu. Wie auch der um Weihnachtsmärkte, Schokoosterhasen, geschächtetes Fleisch und Baby-Vornamen.

Es wirkt, als hätten Rechtspopulisten und Islamhasser ihren eigenen "Wutkalender" – je nach Saison gibt es  einen Aufreger, der zuverlässig hervorgekramt wird.

Diese Aufreger gelten dann als untrüglicher Beweis, dass in Deutschland eine Islamisierung stattfinde – und die Behörden und Firmen davor kuschen würden. Manche rechte Blogs bezeichnen das angebliche Phänomen gar "Creeping Sharia".

Wer sich mit Themen wie dem Islam oder Rechtspopulismus in Deutschland beschäftigt, den können diese Themen nicht mehr überraschen. Der inoffizielle islamophobe Wutkalender lässt sich grob in sieben Phasen unterteilen:

1 Das Wutjahr beginnt mit Ostern

Die Supermärkte stocken ihre Süßigkeiten auf, irgendwem fällt dann auf, dass der Schoko-Osterhase auf Kassenzetteln "Traditionshase" genannt wird. Der Vorwurf: Aus Rücksicht auf Muslime und ihre religiösen Gefühle würden die Supermärkte die Osterhasen umbenennen. Dem ist allerdings nicht so: