One Million Rising

Der Krieg in Libyen war für viele Flüchtlinge der Auslöser, über das Mittelmeer zu fliehen. Für Italiens rechtsnationalen Innenminister Matteo Salvini ist es dagegen ein "Kriegsakt", sie ans rettende italienische Ufer zu bringen. Die Frau, die das getan hat: die 31-jährige Deutsche Carola Rackete. Die italienischen Behörden nahmen sie noch an Bord der "Seawatch 3" fest. Seitdem diskutiert Europa über die Bedeutung des Falls.

Und nicht nur das: Innerhalb weniger Stunden spendeten Zehntausende Menschen Geld für die Verteidigung von Carola Rackete. 

Die Spendenseite auf Facebook zeigt Menschen aus halb Europa: Deutschland, Österreich, Italien, Großbritannien oder Frankreich. Bis Montagmorgen kamen mehr als eine Million Euro zusammen. Die Hilfsbereitschaft zeigt, dass viele Menschen verstanden haben, dass es um mehr geht als um das Schicksal einer Kapitänin: Carola Rackete wurde offensichtlich auch festgenommen, um ein Exempel zu statuieren.

(Bild: Screenshot/bento)

Denn die Abschottungspolitik, auf deren Grundlage die Kapitänin verfolgt und bedroht wird, betrifft auch viele andere Menschen. Auch in Deutschland. Vor nicht einmal einem Monat wurde dafür ein eigenes "Migrationspaket" verabschiedet. Die Folge: Freiwillige Helferinnen, Kirchen- und Behördenmitarbeiter müssen künftig mit Strafen rechnen, wenn sie Informationen über den Ablauf geplanter Abschiebungen bekanntmachen. Es ist eine unverhohlene Drohung: Schweigt lieber, sonst kommt auch ihr in Schwierigkeiten.

Es ist eine Politik, die vor wenigen Jahren kaum vorstellbar schien. Die wochenlange Irrfahrt der "Seawatch 3" ist ein Symbol für diese Abschreckungspolitik, die Europas Grundwerte aushöhlt und nicht funktioniert: Allein seit Jahresbeginn verloren im Mittelmeer knapp 600 Menschen ihr Leben (IOM).

Die zahlreichen Spenden für die Verteidigung von Carola Rackete zeigen aber auch, dass es immer noch ein anderes Europa gibt.

Von Fernsehkoch Frank Rosin über die italienische Antifa, deutsche Bischöfe bis hin zum ehemaligen CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz haben innerhalb weniger Stunden Menschen gespendet und zur Unterstützung aufgerufen. Ein Blick auf die Kampagnenseite von Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf zeigt, dass der größte Teil der Spenden aber nicht von Prominenten, sondern durch Kleinspenden zusammenkam: hier zehn Euro, dort 20, manchmal auch mehr.

Die Spendenbereitschaft beweist, dass es trotz der Abschreckungspolitik immer noch einen breiten Konsens in Europa gibt, den viele Menschen teilen: Über Menschenrechte kann man nicht verhandeln. Es gibt keinen Kompromiss zwischen Retten und Ertrinken lassen. Menschen in Not ist zu helfen. Immer und überall.

(Bild: Selene Magnolia/Sea Watch/dpa)

Dass in den vergangenen Monaten jedoch mehr über die Motive privater Seenotretter als über die EU-Zusammenarbeit mit libyschen Folterbanden und Milizen diskutiert wurde, zeigt, dass dieser Konsens nicht mehr selbstverständlich ist. Heute müssen sich diejenigen rechtfertigen, die wie Rackete ihre Freiheit riskieren und immer noch retten – und nicht diejenigen Politiker, die verantwortlich wären und Hilfe unterbinden.

Quer durch Europa wollen konservative bis rechtspopulistische Politikerinnen und Politiker diese Logik zementieren. Der italienische Innenminister Salvini tut so, als wäre es legitim, Menschen in Seenot im Stich zu lassen – und illegitim, ihnen zu helfen. Doch auch die schlimmsten Asylrechtsverschärfungen eines rechtsradikalen Ministers können nicht aufheben, was in den Menschenrechten verankert hat.

Das Europa, von dem Salvini und seine Fans träumen, gibt es erst, wenn wir aufgeben und nicht mehr glauben, dass es auch anders geht. Die Spenden für Carola Rackete zeigen, dass dieser Tag noch nicht gekommen ist.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hieß es, das Migrationspaket wirke sich auch auf Journalistinnen und Journalisten aus. Diese Angabe haben wir korrigiert.


Gerechtigkeit

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