Bild: Epa/Yoan Valat
Was denken junge Menschen in Calais über die Räumung?

Die Räumung des Flüchtlingslagers in der französischen Hafenstadt Calais geht weiter. Am Montag hatten Einsatzkräfte angefangen, Teile des Lagers abzureißen. Helfer und Flüchtlinge hatten sich gegen die Räumung gewehrt. Anders als am Montag sind die Räumungen am Dienstag ohne Zwischenfälle abgelaufen. Um die zwanzig Mitarbeiter der Firma Sogéa in orangenen Warnwesten rissen weitere Hütten ab. (Le Monde)

Im Camp herrschte am Montagabend schnell Chaos. Tränengas kam zum Einsatz, eine Gasflasche explodierte, Steine flogen und Hütten fingen Feuer. Insgesamt sollen hundert improvisierte Hütten abgerissen worden sein, mindestens zwölf fingen Feuer. Die Räumung begann am Montag. (Le Monde, SPIEGEL ONLINE)

Am vergangenen Donnerstag hatte ein französisches Gericht angeordnet, dass die Hütten im südlichen Teil des Camps bis auf gemeinschaftlich genutzte Flächen demoliert werden. Das will die Regierung erreichen:

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Französische Freiwilligenorganisationen kritisieren den Umgang im Lager. Bulldozer seien keine Lösung, sagt die französische Organisation La Cimade. "Man täuscht vor, sich mit den echten Gründen des Problems zu beschäftigen. Aber in Wirklichkeit (...) verschlimmert und verlagert die Politik diese Probleme. Dies ist keine richtige Lösung". (La Cimade)

Die BBC-Reporterin vor Ort, Anna Holligan, berichtet, dass auch in der Nacht zu Dienstag Flüchtlinge versucht haben, auf Lastwagen Richtung England zu gelangen. (BBC)

Was denken junge Menschen in Calais über die Räumung?
Philli (31):

"Das Lager zu räumen ist an sich gut. Denn es ist kein menschenwürdiger Ort. Aber wie die Räumung gemacht wurde, war nicht gut. Die Leute hatten keine Zeit, ihre Sachen zu packen, sie wurden überrascht. Auch dass die Räumung mitten im Winter passiert ist, finde ich nicht gut.

Die französische Regierung hätte mit den Organisationen vor Ort zusammenarbeiten sollen. So hätte man die Flüchtlinge vor Ort besser informieren können. Viele sind in Panik geraten, sie kommen aus Kriegsgebieten.

Diese Leute brauchen Schutz und Betreuung. Ich selbst helfe seit fünf Monaten im Flüchtlingscamp. Ich komme aus England und wollte nicht zuschauen, wie die Menschen hier leben. Der Grund, warum die Menschen nicht weiterkommen, ist schließlich die englische Regierung."

(Philli engagiert sich seit fünf Monaten als Freiwillige im Flüchtlingscamp von Calais. Sie kommt aus London und arbeitet dort sonst als Unternehmerin.)

(Bild: Jean Baptiste Vendeville)
Jean Baptiste Vendeville, (24):

"Ich denke, dass die Räumung nur Augenwischerei ist. Die nächsten Wahlen stehen an. Die französische Regierung will den Einwohnern in Calais zeigen, dass sie sich um ihre Probleme kümmert. Indem sie die Flüchtlinge von 6000 auf 2000 in Calais verringern wollen, verlagern sie nur das Problem. Die Flüchtlinge werden auf ganz Frankreich verteilt. Aber nach einigen Monaten werden sie zurück nach Calais kommen, um weiter Richtung England zu gelangen. Meiner Meinung nach sollten die Flüchtlinge zurück in ihre Heimatländer geschickt werden.

Ich selbst wohne eine Viertel Stunde von Calais entfernt und bin schon oft im Camp gewesen. Es ist hier wirklich wie in einem Dschungel. Ich bin generell dagegen, dass diese Leute in Frankreich sind. Aber die Bedingungen im Lager sind wirklich katastrophal.

Ich habe Angst, dass die Situation explodiert. Dass es ein Drama gibt – das entweder die illegalen Einwanderer Leute angreifen oder die Menschen in Calais sich gewalttätig verteidigen. Vor ein paar Jahren wollte ich mir noch ein Haus in Calais kaufen, jetzt warte ich damit. Man weiß nie, wie sich die Situation entwickelt."

(Jean Baptiste Vendeville ist Mitglied der Front National de la Jeunesse, der Jugendorganisation des Front National.)