Wir haben australische Klimaaktivistinnen über den Kampf gegen die Kohle-Lobby gesprochen

Seit Wochen brennt es in Australien. Buschfeuer sind in dem Land an sich nichts Ungewöhliches, in den heißen Sommermonaten gibt es sie jährlich – doch die aktuellen Brände sind in ihrem Ausmaß beispiellos. 

Im wärmsten australischen Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen ist bislang eine Fläche so groß wie die Schweiz betroffen, mindestens 24 Menschen starben. Forscher der Universität Sydney schätzen zudem, dass etwa 480 Millionen Tiere allein im Bundesstaat New South Wales den Flammen zum Opfer fielen – eine "konservative Schätzung". (SPIEGEL, RND, BBC)

Zehntausende Anwohner mussten sich vor den außer Kontrolle geratenen Bränden in Sicherheit bringen und ihre Heimatorte verlassen (SPIEGEL). Sie sind jetzt Flüchtlinge im eigenen Land. Für Klimaaktivstinnen und -aktivisten sind die verheerenden Feuer ein deutliches Warnsignal dafür, was mit der sich zuspitzenden Klimakrise Alltag werden könnte. 

Ein Löschhubschrauber fliegt über ein Buschfeuer in der Nähe von Bairnsdale in der Region East Gippsland Shire im Bundesstaat Victoria

(Bild: STATE GOVERNMENT OF VICTORIA / AAP / dpa)

Der australische Premierminister Scott Morrison will die Verbindung zwischen Bränden und Klimaerwärmung aber nicht sehen. 

Im Dezember wies er Forderungen nach klimafreundlicherer Politik auf Kosten der Wirtschaft zurück. Die Feuer brannten da schon seit Wochen. (SPIEGEL+, €)

"Er will nicht zugeben, wie schlimm es wirklich ist, weil das gegen alles stehen würde, was er im vergangenen Jahr von sich gegeben hat", sagt die 19-jährige Aktivistin Fatima Kidwai, die 2019 Hunderttausende Menschen in Melbourne auf die Straße brachte. "Immer wieder hat er uns streikende Schülerinnen und Schüler kleingeredet und geleugnet, dass es die Klimakrise überhaupt gibt", sagt Fatima.

„Sein jetziges Verhalten ist unfassbar peinlich, empathielos – und macht mich einfach nur wütend.“
Fatima

Zu Beginn der Feuersaison war Premier Morrison in den Urlaub nach Hawaii geflogen. Diese Woche besuchte er das erste Mal die von den Bränden betroffenen Gebiete – und wurde ausgebuht. Kurz darauf aktivierte er zum ersten Mal in Friedenszeiten 3000 Reservisten zum Kampf gegen die Flammen, die größte Mobilmachung seit dem Zweiten Weltkrieg. (SPIEGEL)

Fatima lebt in Melbourne und organisiert dort Demos für die "School strike for the climate"-Bewegung

Mia Partridge, eine 19-jährige Aktivistin aus Tasmanien, ist sich sicher: Selbst diese späte Reaktion des Premiers wäre ausgeblieben, wäre da nicht der wachsene Druck aus der Bevölkerung. "Er hat das ganze Land gegen sich aufgebracht", sagt sie. Im Vorjahr war ihr eigener Wohnort von den Flammen bedroht, zwei Wochen wartete sie mit gepackten Koffern und sah den Rauch und Feuer näher kommen. Bis der Wind drehte. "Man fühlt sich hilflos", sagt Mia.  

Auch Fatima geht es jetzt so: "Ich wohne 300 Kilometer vom nächsten Brandherd entfernt, und trotzdem ist meine ganze Stadt voller Rauch. Es ist so traurig, nun zu sehen, wovor wir die ganze Zeit gewarnt haben."

Nach allen Schreckensmeldungen der vergangenen Wochen machen der Premierminister und seine anhaltende Ablehnung aller Klimaschutzbestrebungen Fatima wütend. Aber immerhin würden durch die Buschbrände mehr und mehr Menschen begreifen, was der Klimwandel wirklich bedeutet – und sich ebenfalls gegen Morisson stellen.

Mia Partridge setzt sich auch für den Schutz der indigenen Bevölkerung Australiens ein, deren Heimat aktuell von Fracking-Projekten bedroht wird

Mia glaubt, dass der Premierminister mittelfristig über seine wirtschaftsfreundliche Politik stolpern wird. "Er gräbt sich selbst ein Loch", sagt sie. 

Eine Metapher, die passender nicht sein könnte. 

Australien exportiert pro Jahr Kohle im Wert von 41 Milliarden Euro. Obwohl nur etwa 0,3 Prozent der Erdbevölkerung in dem Land leben, verursacht Australien durch seine Kohleexporte, je nach Rechnung, fünf bis sieben Prozent der weltweiten Emissionen (Handelsblatt). 

"Wir sind eines der reichsten Länder, durch die Kohleexporte nehmen wir überproportional viel ein", sagt der 18-jährige Klimaaktivist Toby Thorpe, "es wäre also ein Leichtes, damit Programme zur kompletten Energiewende und zur Umschulung von Kohle-Bergleuten zu finanzieren."

Doch Australien hat andere Pläne. In Kürze soll für den indischen Milliardär Gautam Adani eine der größten Kohleminen der Welt im Land eröffnet werden. Im nordöstlich gelegenen Carmichael soll die Adani-Mine für 60 Jahre Kohle fördern. Premier Morrisson, der in seiner Zeit als Abgeordneter auch mal ein Stück Kohle bei einer Parlamentsrede hochhielt, habe das "australische Volk verraten und im Stich gelassen", findet Toby. Dann schiebt er nach: "Aber die Macht der Bürger wächst jeden Tag."

Toby Thorpe organisiert Klimaschutzdemonstrationen

(Bild: FRESANDHANNAH)

Er und viele andere arbeiteten auf globaler Ebene daran, eine patreiübergreifende Bewegung zu werden, erklärt der 18-Jährige. Beim Klima gehe es nicht mehr um Politik oder Wirtschaft, sondern um Ethik und die Rechte der Menschen. "Immer mehr Australier merken: Die Industrie wird nichts für sie tun, wenn es brennt oder ihre Heimat zerstört wird", sagt Toby. Und nicht nur in Australien gehe es vielen Menschen so: Beim Weltklimagipfel in Madrid habe er Hunderte junge Leute getroffen, die voller Hoffnung seien. 

„Wir kommen zusammen, wir arbeiten gemeinsam am selben Ziel und wir werden gewinnen.“
Toby

Trotz der ökonomischen Übermacht der Kohlemagnaten hat es sich für die jungen Klimaschützerinnen und -schützer bisher gelohnt, zu kämpfen. Im vergangenen Jahr schafften sie es, das Ingenieurbüro GHD und mehrere Großbanken davon zu überzeugen, Zusagen und Pläne für Investments in die Carmichael-Mine zurückzunehmen. 

Ein Unternehmen, das noch nicht final entschieden hat, ob es seine Pläne in Australien absagen soll, ist der deutsche Konzern Siemens – der sich selbst eigentlich bis 2030 Klimaneutralität auf die Fahnen geschrieben hat. Wie das gigantische Kohleprojekt Carmichael in diese Pläne hineinpassen soll, bleibt unklar.


Gerechtigkeit

Selfies vor Kriegstrümmern: Influencer entdecken Syrien – und finden vieles schön
Was an ihren Reiseberichten gut ist – und was immer noch problematisch.

Xavier sitzt auf der Rückbank eines Autos und spricht in die Kamera: "Der Grenzübergang war überraschend einfach." Hinter ihm stapeln sich Plastiktüten im offenen Kofferraum des Wagens, die Sonne scheint ihm vom Seitenfenster ins Gesicht, weitere Stimmen sind auf Arabisch aus dem Fahrzeug zu hören.

Xavier ist 19 Jahre alt und führt einen Reiseblog auf YouTube. Die Szene zeigt seine ersten Minuten im Bürgerkriegsland Syrien. Mit einem Sammeltaxi ist er aus dem benachbarten Libanon die kurze Strecke in Syriens Hauptstadt Damaskus gefahren, hinein in einen mittlerweile knapp neun Jahre andauernden Konflikt. Wenig später wird er von Damaskus als "eine der magischsten Städte" schwärmen, die er je besucht hat.

Immer mehr Influencer und Blogger entdecken Syrien. Sie zeigen gefüllte Märkte und ausschweifende Partys – während im Hintergrund noch immer Bombeneinschläge zu hören sind.

Ist es ethisch vertretbar, ein Bürgerkriegsland zu besuchen? Stärkt so eine Reise die Zivilbevölkerung – oder nur das Regime?

Der syrische Präsident Baschar al-Assad ist ein Schlächter, ließ Giftgasanschläge gegen das eigene Volk fliegen und Tausende brutal foltern. Wer das Land bereist, stärkt Assads Regime und sieht nur einen Teil der Wahrheit: Jenen, den Assad über den Konflikt erzählen will.

Andererseits gibt es Regionen in Syrien, die vom Krieg fast unberührt blieben. Die entweder nie umkämpft waren oder schon seit einiger Zeit wieder aufgebaut werden. Dort leben Menschen, die nach neun Jahren Tod und Zerstörung versuchen, zur Normalität zurückzukehren. Wer das Land bereist, hat die Chance, auch ihre Wahrheiten zu hören.

Der YouTuber Xavier sagt, das seien genau die Menschen, die er kennenlernen und in seinen Videos zeigen will. Problematisch ist es trotzdem: In den vergangenen Monaten luden mehrere internationale Influencer Fotos und Videos auf Instagram und YouTube hoch. Die meisten Videos unterscheiden sich mit ihrer quirligen Hintergrundmusik und ihren Selfie-Perspektiven kaum von anderen Influencer-Berichten aus Thailand oder Griechenland.