Meinen ersten Burkini zog ich 2008 in der Türkei an, beim Strandurlaub mit meiner Familie. Damals war ich 14 Jahre alt und trug das Kopftuch noch nicht lange, deswegen besaß ich nur gewöhnliche Badeanzüge.

In der Hotelanlage gab es einen Shop für Badekleidung, neben all den Bikinis, Badeshorts und Strandtüchern, gab es einige wenige Burkinis. Ich kaufte mir einen mit einer pinkfarbener Leggings und einem passenden kurzen Kleid, meine Haare verdeckte ich mit einer pinkfarbenen Schwimmhaube.

Hatice Kahraman

Wie jeder andere Strandurlauber auch, ging ich ins Wasser und lag am Strand. Der Burkini ist seitdem vor allem eins für mich: ein weiterer Badeanzug in meinem Kleiderschrank.

Eigentlich müsste ich den Text jetzt hier beenden, da ich nicht mehr zu einem Kleidungsstück sagen kann. Ich frage mich: Warum diskutieren wir überhaupt über einen Badeanzug?

In der Burkini-Fotostrecke: Worüber diskutieren wir eigentlich?

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Der Burkini ist ein langer Badeanzug. Mehr nicht. Ein Burkini ist kein religiöses Symbol und auch keine aufgezwungene Kleiderordnung. Das Prinzip des Burkinis ist nämlich ganz einfach: Frau zieht es an und verbringt einen schönen Tag am Strand oder im Schwimmbad. (Was sie ohne Burkini wahrscheinlich nicht getan hätte.)

Frankreich hat den Burkini an mehreren Stränden per Gesetz verboten. Nach den Anschlägen von Nizza und Paris könne der Burkini die öffentliche Ordnung stören, so die Bürgermeister. Was sie dabei nicht bedacht haben: Um die Ordnung zu hüten, müssen Frauen sich nun am Strand vor Polizisten ausziehen oder sie müssen sich vom Strand zurückziehen. Statt Probleme zu lösen, schafft das Verbot nur weitere Probleme.

In der Slideshow: Was für Kopftücher gibt es eigentlich?

Und wer trägt sonst noch so Kopftuch?
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Deswegen ist die Diskussion für mich vor allem eins: unnötig. Es geht dabei nicht um die Frau. Es geht nicht um ihr Recht auf Selbstbestimmung oder um demokratische Werte. Es geht um die westliche Gesellschaft, die sich langsam verändert.

Denn wenn wir ehrlich sind, wurden muslimische Frauen mit Kopftuch bis jetzt nur geduldet. Solange sie als Putzfrauen gearbeitet haben oder zu Hause blieben, war alles in Ordnung.

Über die muslimische Frau, über ihr Kopftuch, Niqab oder Burkini diskutieren wir erst, seitdem sie studiert, in Ämtern und Universitäten arbeitet und wie jede andere Frau ihr Leben genießt. Um es kurz auszudrücken: Seitdem sich die muslimische Frau integriert hat.

Wäre da nicht ein Stück Stoff auf dem Kopf, das jede Diskussion bestimmt.

Denn das Kopftuch passt nicht in das Bild des Westens. Die Strände, in denen sonst nur Bikinis, Badeanzüge und Shorts zu sehen waren, verändern sich. Vereinzelt sitzt dazwischen eine Frau mit einem langen Badeanzug. Das passt für einige Menschen nicht ins Weltbild. Deswegen wird es verboten.

Das Verbot und die absurde Diskussion führt – wieder einmal – zu Ausgrenzung oder Assimilation. Die muslimische Frau wird sich nämlich eher wieder aus der Gesellschaft zurückziehen. Integration sieht anders aus.

Warum meinen so viele Menschen, Frauen vorschreiben zu müssen, was sie anziehen oder sagen oder wie sie sich benehmen sollen?

Was keiner dabei bedenkt: Muslimische Frauen sind keine Außerirdischen. Sie sind keine Sklavinnen muslimischer Männer, sie symbolisieren auch nicht die Unterdrückung. Keiner muss sie befreien – und ihr dabei neue Verbote aufdrücken, die ihr alltägliches Leben einschränken.

Muslimische Frauen sind normale Frauen mit eigener Persönlichkeit. Sie haben Hobbys, Berufe, Träume und Wünsche. Aber um das zu verstehen, muss man sie zu Wort kommen lassen, sich mit ihnen auseinandersetzen. Vor allem: Sie müssen am alltäglichen Leben teilhaben. Auch im langen Badeanzug am Strand.

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